Leibhaftige Gegenwart

2. Juni 2024. Mit den Klassikern, die am Beginn des bürgerlichen Zeitalters mit feudalen Machtverhältnissen aufräumten, lässt sich immer noch viel über die Verhältnisse der Gegenwart erzählen. Mit Lessings brutalem Trauerspiel "Emilia Galotti" zum Beispiel, dem Anne Lenk jetzt allerdings zu einer Art Happy End verhilft.

Von Andreas Schnell

"Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing am Thalia Theater Hamburg © Krafft Angerer

2. Juni 2024. Das waren Zeiten, als der Adel nach Lust und Laune Zugriff auf seine Untertanen hatte. Als junge Frauen nicht nur Schande über sich, sondern auch über die ganze Familie brachten, wenn sie keine tugendhaften Ehefrauen wurden. Bis das Bürgertum die Nase voll hatte und die Privilegien des Adels per Revolution abschaffte. Was zwar ein bisschen dauerte, aber letztlich die Gesellschaftsform hervorbrachte, in der bis heute weite Teile unserer Welt verfasst sind.

Vergangenheit, die nicht wirklich vergangen ist

Das ist jetzt schon ein paar hundert Jahre her, die Kunst jener revolutionären Zeit am Beginnn des bürgerllchen Zeitalters jedoch erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, zumindest in der Hochkultur. Mit Vorliebe widmet sich auch die Regisseurin Anne Lenk immer wieder klassischen Werken, um darüber nachzudenken, wie die darin aufgehobenen Vorstellungen bis heute weiter wirkmächtig sind. 

"Emilia Galotti“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einen Grafen heiraten soll. Prinz Hettore Gonzaga aber, der sich bis vor Kurzem noch mit der Gräfin Orsina vergnügte, hat sich nun selbst ein Verhältnis mit Emilia in den Kopf gesetzt. Um zum Ziel zu kommen, schreckt er auch nicht davor zurück, die Ermordung ihres Verlobten zu planen – den sein Kammerherr Marinelli beiseite schaffen soll, der Emilia schließlich entführt. Am Ende ersticht der Vater Emilia auf deren eigenen Wunsch, weil sie keine andere Möglichkeit sieht, den Avancen des Prinzen zu entkommen. Bei Anne Lenk allerdings geht die Sache überraschend anders aus.

Garstig schöne Kostüme, raffiniertes Bühnenbild

Bis zu seinem überraschenden Ende ist der Abend ein angenehm straffer, leicht gelifteter Lessing, dem man gern folgt, weil er von einem sehr gut aufgelegten Ensemble mit Witz und garstig schönen Kostümen (Sibylle Wallum) gegeben wird. Der Schilderung der feudalen Machtverhältnisse bis zu ihrer tendenziellen Auflösung in den letzten Szenen hat Bühnenbildnerin Judith Oswald in einem Guckkasten ein formal schlichtes, technisch allerdings reichlich raffiniertes Bild gegeben

Gegenwart überblendet Vergangenheit:  Jirka Zett als Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla, und Maja Schöne als Emilia © Krafft Angerer

Die hart geschnittenen Szenen spielen in und vor Mauerwerk, Türen scheint es darin nicht zu geben. Auf wundersame Weise findet sich das Personal in immer neuen Konstellationen wieder. Erst als es richtig dramatisch wird, gerät auch Bewegung in die Wände. Sogar die zunächst in scheußlich schönen Farben gehaltenen, barocken Kostüme wirken auf einmal ganz heutig, als es zum Showdown kommt.

Vergangenheit wird Gegenwart

Mit einer überraschenden Pointe nämlich wird der Stoff in die Gegenwart transportiert: Die vom Prinzen abgelegte Geliebte Orsina stellt sich als neue Emilia vor. Eine Wendung, die sich schon darin andeutet, dass Maja Schöne beide Rollen, Orsina und Emilia, spielt. Und auch die Doppelung einzelner Szenen wie die Auseinandersetzung zwischen Emilia und ihrem Vater in einer patinösen Videoprojektion signalisiert, dass sich hier nun leibhaftige Gegenwart von einer vergilbenden Vergangenheit löst: Im leibhaftigen Spiel auf der Bühne ringen die Figuren schon um die neuen Verhältnisse zwischen den Geschlechtern; in der Projektion ist das Alte konserviert, so ließe sich das lesen.

Denn wenn auch die Feudalgesellschaft bis auf ein paar repräsentative Überreste überwunden ist, darf ja durchaus festgehalten werden, dass Macht in der bürgerlichen Gesellschaft erstens in der Regel immer noch Männersache ist, während zweitens die Bedrohung dieser Machtverhältnisse zu beträchtlichen Beißreflexen führt.

Emilia1 1200 KrafftAngererMarode Kämpfer für die alte Männermacht: Jirka Zett als Prinz und Cathérine Seifert als sein Mann fürs Grobe, Marinelli © Krafft Angerer

Männlichkeit allerdings scheint, jedenfalls wie Anne Lenk sie hier präsentiert, fragiler zu sein, als es ihren Inhabern lieb ist. Jirka Zett als eitler Prinz Gonzaga bietet dafür wunderbares Anschauungsmaterial. Für die Drecksarbeit hat er seinen Marinelli (Cathérine Seifert mit muskulös aufgepumptem Oberkörper), während er selbst sich seinen Launen hingibt und auf alle Abweichungen vom Plan panisch reagiert. Ihm und den anderen Männern dieser "Emilia Galotti“ stehen komplexe Frauenfiguren gegenüber, die sich auf jeweils eigene Weise in dieser Männergesellschaft behaupten können. 

Neue Zeiten brauchen neue Rollenbilder

Das ist bei Lessing natürlich schon angelegt, dessen Sympathien eindeutig bei der Bürgertochter Emilia liegen. Lenk allerdings will sich nicht damit zufrieden geben, dass diese Emilia ein recht stummes, passives Wesen bleibt und keinen anderen Ausweg als den eigenen Tod aus der Misere sieht. Indem Lenk sie mit der eher tatkräftigen und smarten Orsina verschmilzt, schlägt sie ein Rollenmodell vor, das deutlich aktueller ist. So überzeugt der Abend, der seine Ideen behutsam aber mit hohem Schauwert aus dem alten Stoff herausdestilliert, mit Witz und formaler Eleganz.

Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Camill Jammal, Vide: Jonas Link, Licht: Jan Haas, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Maja Schöne, Bernd Grawert, Sandra Flubacher, Jirka Zett, Cathérine Seifert, Merlin Sandmeyer.
Premiere am 1. Juni 2024
Dauer: ca. 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

"Die Regisseurin Anne Lenk nimmt sich immer wieder Klassiker vor, um sie neu zu erfinden. Das gelingt oft fabelhaft, diesmal leider nicht", schreibt Peter Helling vom NDR (2.6.2024). "Dieser Abend will Lessings Drama erzählen und wieder nicht. Unentschlossen bleibt er eine eher kalte Analyse von Machtstrukturen – und weiblichen Rollenbildern." Immerhin serviere Anne Lenk aber "beste Sprachregie", das Ensemble brilliere. Besonders hervorzuheben seien Cathérine Seifert und Maja Schöne.

Im Bühnenbild von Judith Oswald werde das bürgerliche Trauerspiel "eher zu einem Las-Vegas-tauglichen Dekorationsballett", spöttelt Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (3.6.2024), der auch sonst Zweifel am Konzept der Inszenierung hat. "Wenn die Dandys den Abend rocken und die Ladys darüber in Verzückung verfallen, dann ist das Patriarchat eine Romcom, deren Plot inhaltlich vom Barbie-Film weit überholt wird. Lessing, der Erfinder der Dramaturgie, hätte dazu vermutlich nicht geschwiegen."

Maike Schiller vom Hamburger Abendblatt (3.6.2024) hingegen lobt das Bühnenbild. "Wie knallige Schlaglichter wirken die Szenen in den sich permanent verschiebenden, einengenden Modulen. Das erinnert an das Tetris-Spielprinzip und ergibt einen tollen Kontrast zu den detailreichen Gewändern." Die Kritikerin freut sich darüber, dass sie "in anderthalb rasenden Stunden" eine weibliche Lesart dieses Stücks präsentiert bekommt.

Anne Lenk illustriere den stark gekürzten Text bunt und schrill und schnell, "mit harten Lichtwechseln, ein bisschen Video und reichlich kleisterhafter Musik zwischen Verdi und 'Vertigo'", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (4.6.2024). Die Kritikerin sah "bizarre Karikaturen, die einander lässig ihren Text um die Ohren hauen, weil ohnedies keiner daran glaubt" . Irgendwie kriege man die Story schon mit, aber bestenfalls in groben Zügen und mit besserwisserisch aufgepinselten Oberflächenreizen. "Was dahintersteckt und uns über die Jahrhunderte hinweg etwas angehen könnte, wird nur als banale Aktualisierung gestreift."

Kommentare  
Emilia Galotti, Hamburg: Langweilig
Moin,
Als ich den Originaltext las, konnte ich vor lauter darin erzeugter Spannung kaum aufhören. Die Regisseurin Anne Lenk hat leider daraus ein äußerst langweiliges Stück gemacht..Mir hat es nicht gefallen. Angelika
Emilia Galotti, Hamburg: Fassungslos
Das ist leider wirklich die schlechteste Emila Galotti Inszenierung die ich je gesehen habe.
Warum das Stück und wenn schon das Stück, warum dann so?
Das ständige Reproduzieren von patriarchalen Strukturen?
Wo bitte ist die weibliche Perspektive von der die Abendblatt Kollegin spricht??
Fassungslos!
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