Schlachten auf hoher See

6. Juli 2024. Nur echt mit Meeressäuger! Malte C. Lachmann inszeniert Herman Melvilles Walfangepos "Moby Dick" in Lübeck als wildes und wässriges Open-Air-Spektakel.

Von Falk Schreiber

"Moby Dick" in der Regie von Malte C. Lachmann in Lübeck © Isabel Machado Rios

6. Juli 2024. Nördlich des Lübecker Domhofs erheben sich die Türme der romanischen Domkirche aus dem 13. Jahrhundert 115 Meter über die Altstadtinsel. Und südlich hat das Museum für Natur und Umwelt das Gerippe eines Pottwals in eine Vitrine gestellt, 14 Meter lang, 1,8 Tonnen schwer, 145 Einzelknochen.

Wenn das Theater Lübeck also hier, zwischen Gott und Wal, Herman Melvilles 1851 erschienenem Sinnsucher-Roman "Moby Dick" als Sommertheater unter freiem Himmel zeigt, dann wurde jedenfalls der optimale Aufführungsort gefunden. Zumindest symbolisch.

Abenteuerfahrt und Sinnsuche

Bühnenpraktisch leidet Malte C. Lachmanns Inszenierung nämlich unter den Problemen, die Open-Air-Theater oft hat: Man muss gegen die Widrigkeiten der Umgebung anspielen, für leise Zwischentöne bleibt kaum Raum. Was bei "Moby Dick" besonders fatal ist, weil Melvilles Vorlage ihren Reiz praktisch ausschließlich aus Zwischentönen zieht.

Die Abenteuergeschichte, die dem Roman vordergründig zugrunde liegt – der junge Ismael will die Welt kennenlernen und heuert auf dem heruntergekommenen Walfangschiff "Pequod" an, mit dem der alte Kapitän Ahab zunehmend fanatisch einen sagenumwobenen weißen Wal erlegen möchte – ist nämlich kaum der Rede wert, die wurde schon origineller erzählt.

Was "Moby Dick" aber zur Weltliteratur macht, ist das, was zwischen den Zeilen steht, nicht der Kampf zwischen Mensch und Wal, sondern die Gegensätze zwischen Rationalität und Metaphysik, zwischen (frühem) Kapitalismus und Mythos. Das kann Lachmann hier aber nicht erzählen, also versucht er es auch gar nicht.

MobyDick1 1200 IsabelMachadoRiosBereit zum Walfang-Abenteuer: Luisa Böse (Junger Ismael), Henning Sembritzki (Queequeg), Sven Simon (Fedallah), Heiner Kock (Stubb), Lilly Gropper (Flesk) © Isabel Machado Rios

Was er kann: Literaturtheater so arrangieren, dass man vergisst, dass dramatisierte Prosa auf die Bühne gezwungen wird. Das achtköpfige Ensemble steht also an der Rampe von Ramona Rauchbachs raffiniert gebauter Bühne und spricht Melville-Text ins Publikum, atemlos, begeisternd, ein Haufen Schwätzer in der Hafenkneipe, die übertrieben dramatisch ihre Dönekens rauslabern.

Als durchrhythmisiertes Seemannsgarn funktioniert dieser Einstieg, was auch daran liegt, dass Lautstärke in dieser Phase stückimmanent ist. Und auch, weil die Darsteller:innen zwar sehr wohl auf Figuren aufgeteilt sind, diese aber immer wieder verlassen, um zu einem kollektiven Erzähler zu werden. Und die Band um Willy Daum am Bandoneon spielt eine windschiefe Alkoholmelodie dazu.

Wo die Schlager-Shantys trecken an den Strand

Dass Daums Band zwischen den Szenen immer wieder echte Songs einflicht, ist dann aber ein Minuspunkt der Inszenierung: Das Ensemble muss dann unmotiviert Schlager-Shantys im Santiano-Stil singen, die keine weitere Ebene aufmachen, sondern die Handlung nur aufs Einfachste illustrieren. Da gibt sich Lachmann den Konventionen des Open-Air-Theaters ein bisschen zu sehr hin, indem er das Publikum mit etwas abholt, das der Abend gar nicht nötig hätte: Mitklatschanimation.

Denn indem er sich auf Lautstärke und Bühnenwirksamkeit konzentriert, verpasst der Regisseur zwar die Essenz von Melvilles Roman, bringt aber eine hübsch choreografierte Waljagd in die Lübecker Nacht. Die zwischenmenschlichen Szenen in den Kajüten und Kneipen etwa arrangiert er als wüstes Gekabbel zwischen Schweiß und Alkohol. Darin erinnert der Lübecker "Moby Dick" an Antú Romero Nunes legendäre 2013er-Inszenierung im Hamburger Thalia Theater, auch wenn ihm die testosterondampfende Stimmung aus Nunes' rein männlichem Ensemble fehlt – Lachmann arbeitet mit einer gemischtgeschlechtlichen Besetzung um Luisa Böse als Ismael und Astrid Färber als Ahab.

MobyDick4 1200 IsabelMachadoRiosSie trotzen dem Nass: Andreas Hutzel (Matrose), Lilly Gropper (Flask), Heiner Kock (Stubb), Johannes Merz (Starbuck), Astrid Färber (Kapitän Ahab), Luisa Böse (Junger Ismael) © Isabel Machado Rios

Vor allem aber funktionieren die Actionsequenzen, die Jagd auf den Wal. Die Darsteller:innen stürzen sich da tatsächlich in die Fluten, in ein Wasserbecken, das Rauchbach vor die eigentliche Bühne gebaut hat, und auch wenn das Auftauchen des Meeressäugers ein Quäntchen Mummenschanz zu viel ist, ergibt das ein fröhliches Gespritze, Gekeuche und Geschlachte (und weil just bei der ersten Actionszene ein Regenschauer über der Spielstätte niedergeht, hat sogar das Publikum was davon).

Rettung im Wassergetümmel

Nach gut eineinhalb Stunden ist die "Pequod" versenkt, hat sich Böses Ismael auf einen im Meer treibenden Sarg gerettet, um die Geschichte erzählen zu können, hat Färber im Wassergetümmel ihr Mikroport verloren und dem Ensemble so Gelegenheit zu einer hübschen Improvisationseinlage gegeben, geht das Publikum angeregt, verfroren und durchnässt nach Hause. Weswegen Lachmann diesen Stoff als Open-Air-Theater auf die Bühne bringen musste, ist den Zuschauer:innen nicht so ganz klar, aber eine in ihrer knackigen Konzentration aufs Abenteuer und ihrer handwerklichen Versiertheit unterhaltsame Inszenierung haben sie dennoch erlebt.

 

Moby Dick
nach dem Roman von Herman Melville
In einer Übersetzung und Fassung von Malte C. Lachmann
Regie: Malte C. Lachmann, Musik, Komposition und musikalische Leitung: Willy Daum, Bühne: Ramona Rauchbach, Kostüme: Tanja Liebermann, Kampfchoreografie: Heiner Kock, Licht: Daniel Thulke, Ton: Torben Schlicht, Projektleitung Domhof: Dario Brinkmann, Dramaturgie: Cornelia von Schwerin.
Mit: Luisa Böse, Henning Sembritzki, Astrid Färber, Andreas Hutzel, Johannes Merz, Heiner Kock, Lilly Gropper, Sven Simon, Band: Willy Daum, Urs Benterbusch, Jonathan Göring, Edgar Herzog, Peter Imig, Nicolai Kebernik.
Premiere am 6. Juli 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterluebeck.de

 

Mehr zum Thema:

Kritikenrundschau

"Malte C. Lachmann ist eine überzeugende Umsetzung des Melville-Romans in ein Bühnenstück gelungen", urteilt Jürgen Feldhoff in den Lübecker Nachrichten (7.7.2024). "Regisseur Lachmann führt sein Personal auf dieser Bühne geschickt. Es ist immer Aktion auf dieser Spielfläche, Waljagd und Schiffsalltag lässt Lachmann sich in einprägsamen Bildern entfalten." Fazit: "Dieser 'Moby Dick' ist sehenswert."

"Die Regie hat ein Händchen für die Gag- und Action-reiche Abenteuergeschichte, aber nicht für die Auseinandersetzung mit den von Melville durchaus philosophisch, politisch, religiös, psychologisch und naturwissenschaftlich ausgeloteten Untiefen des Menschlichen, dem Mehrdeutigen, Zweifelhaften und Geheimnisvollen", urteilt Jens Fischer in der taz (10.7.2024). "Die wenigen Versuche, Diskurse mit kurzen Monologen anzudeuten, verlieren sich im fidelen Aufführungsgestus – wie auch die sechs Musiker im dunklen Bühnenhintergrund, wo sie biederen Mitschunkel-Shantypop zum eher folk-punkig ächzenden Plot intonieren."

Kommentar schreiben