Let's Dance

8. Juni 2024. In "Killology" erzählt Gary Owen von Männer-Gewalt in Ballerspielen und der Gesellschaft. In Frankfurt hat Helena Jackson das Drama mit drei Schauspielern auf einer Art Spielplatz inszeniert.

Von Leopold Lippert

"Killology" am Schauspiel Frankfurt © Felix Grünschloß

8. Juni 2024. Einer spricht, zwei andere stehen auf der Bühne rum. Abwechselnd. Das ist die dramatische Grundkonstellation in "Killology", einem 2017 entstandenen Drei-Männer-Stück von Gary Owen, das in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt seine deutschsprachige Uraufführung erfährt. Der Waliser Owen entlehnt den Titel seines Stücks dem US-Autor Dave Grossman, der psychologische Aspekte des Tötens untersuchte und dabei die These von der schleichenden Desensibilisierung durch Egoshooter-Videospiele aufstellte.

Viel Raum für Figurenzeichnung

Eine Geschichte von Videospiel-Nachahmergewalt will "Killology" auch erzählen, und außerdem noch eine von dysfunktionalen Vater-Sohn-Beziehungen, die sich sowohl durch patriarchale Gewalt als auch durch zärtlichste Care-Arbeit auszeichnen. Und schließlich möchte Owen auch noch dramaturgisch auftrumpfen, indem er das komplexe Beziehungsgeflecht seiner drei Figuren erst nach und nach enthüllt. Was genau real ist in dieser Geschichte ist auch nicht immer ganz klar – dafür gibt es am Ende große Milchstraßenphilosophie.

Owen hat sich inhaltlich zu viel vorgenommen, und so läuft es dramatisch eben auf kaum mehr als eine Abfolge von Erzählmonologen hinaus. Leider versucht Regisseurin Helena Jackson erst gar nicht, irgendwie Bewegung in die Sache zu bringen. Ihre sehr reduzierte Inszenierung gibt den drei Schauspielern immerhin viel Raum für Figurenzeichnung: Auf der stilisierten Kinderspielplatzbühne aus bunten Kletterstangen (Bühne: Katharina Oleksinska) spielt Arash Nayebbandi seinen Paul als aufbrausenden Gaming-Entrepreneur, der seine Selbstsicherheit immer ein wenig zu selbstsicher performt.

Im Traum weint sein totes Kind

Seine ausgestellte Selbstsicherheit wird zur Hilflosigkeit, wenn er mit all seinem Geld seinen sterbenden dementen Vater künstlich am Leben halten will, und die Hilflosigkeit wird zur Farce, wenn er selbst einen Sohn adoptiert, weil er glaubt, etwas zu brauchen, das größer ist als er selbst – nur um ihn bei nächster Gelegenheit wieder loszuwerden, weil das Vatersein dann doch zu anstrengend ist. Nayebbandi muss das ja alles monologisch erzählen, und er tut das wunderbar effekthaschend, als ob es nette kleine Anekdoten wären, gefällig gemacht für die Zuhörer:innenschaft.

Killology 2 C FelixGruenschloss uAkt der Fürsorge statt der Gewalt: Mitja Over, Uwe Zerwer © Felix Grünschloß

Uwe Zerwer legt seinen Alan als kratzbürstigen Vater an, der immer einen Arschloch-Spruch parat hat, damit ihm bloß keiner zu nahe kommt. Doch dann flüstert er auf einmal, weil er im Traum sein totes Kind weinen hört. Am Ende verwandelt sich Zerwer von der anfangs mächtigen Gestalt zu einem zerbrechlichen Häufchen Krankheit. Kraftlos steht er unter der improvisierten Bühnendusche, während sein Sohn Davey versucht, ihn zu waschen. Zerwer baut einen beeindruckenden Bogen von der bulligen Überpräsenz zur verschwindenden Nichtpräsenz des sterbenden Alan.

Chiffre fürs Zuschlagen

Und Mitja Over ist Davey, der elfenhaft über die Bühne tänzelt, aber dabei von rauer Straßengewalt berichtet. Er erzählt aus der Perspektive des Siebenjährigen, des Zwölfjährigen, des Fünfzehnjährigen, und zeichnet dabei gar nicht kindhaft nach, wie alltägliche Gewalterfahrungen ihn selbst zum Täter machen, ganz beiläufig. Dann entwirft er mit großen Augen das fantastische Szenario, in dem ihn eine Krankenhauserfahrung inspiriert, Pfleger zu werden, sein altes Leben voller Aggression und Gewalt hinter sich zu lassen und sich stattdessen nur mehr um Menschen zu kümmern.

Auch wenn die Figurenerschließung meist stimmig ist: Die vielen Monologe laufen sich formal ohne theatralen Mitteleinsatz einfach tot, sodass man die klimaktische Konfrontation zwischen Paul und Alan beinahe herbeisehnt: Dialog! Alan ist in Pauls Wohnung eingebrochen, um den Gaming-Millionär für eine Videospiel-Nachahmungstat verantwortlich zu machen, in der Sohn Davey das Opfer war. Alan will sich rächen, doch zuvor will er noch die Grossman-These vorbringen, wonach Videospiele Menschen desensibilisieren und ihnen die Hemmschwelle zum Töten nehmen. Der gefesselte Paul antwortet, wer Fiktion von Wirklichkeit nicht unterscheiden kann, sei wahnsinnig, und in so einem Fall seien Videospiele das geringste Problem. So weit, so Neunziger, und wirklich komplexer wird es auch nicht in der Argumentation.

Killology 4 C FelixGruenschloss uLet's Dance: Mitja Over, Uwe Zerwer, Arash Nayebbandi © Felix Grünschloß

Wirklich gewalttätiger auch nicht, denn physische Gewalt wird in Jacksons Inszenierung nie sichtbar gemacht, nur durch einen wummernden Bassbeat (Sounddesign: Nicola T. Chang) angedeutet – und durch "Let’s dance". Auch wenn die David-Bowie-Nummer hier eine Chiffre fürs Zuschlagen ist: Ein bisschen mehr dance hätte man dieser Inszenierung trotzdem gewünscht.

 

Killology
von Gary Owen, deutsch von Peter Torber
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Helena Jackson, Bühne: Katharina Oleksinska, Kostüme: Antonia Mahr, Sounddesign: Nicola T. Chang, Dramaturgie: Katja Herlemann, Licht: Tobias Lauber.
Mit: Arash Nayebbandi, Mitja Over, Uwe Zerwer.
Premiere am 7. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause.

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Regisseurin Helena Jackson habe sich "fürs große Erzählen, Erinnern und Ermorden eine arglose Umgebung ausgedacht", so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (10.6.2024): "Die bunten Stangengerüste lassen an einen Spielplatz denken, auch die keineswegs spielenden Erwachsenen finden sich darauf zurecht." Dabei trage vor allem Uwe Zerwer als Vater dazu bei, "dass der Abend nicht doch an irgendeiner Stelle ins Jugendstücksegment rutscht". Auch Arash Nayebbandi mache aus dem Text des Spieleentwicklers Paul "ein Kabinettstück über Trotz, Leichtfertigkeit und die letztlich subtilste und dadurch auch interessanteste Aggressivität des 100-Minüters", so die insgesamt offenbar zufriedene Kritikerin.

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