Dies ist ihr Leib

31. Mai 2024. Florentina Holzinger goes Musiktheater: Mit Paul Hindemiths Kurzoper "Sancta Susanna", die eine Horrorstory weiblicher Lustunterdrückung erzählt, feiern Holzinger und ihre Mitstreiterinnen eine wilde weibliche Messe. Premiere hatte die große Koproduktion am Mecklenburgischen Staatstheater.

Von Georg Kasch

"Sancta" von Florentina Holzinger in Schwerin © Nicole Marianna Wytyczak

31. Mai 2024. Das ist dann doch eine Überraschung: Als nach zweieinhalb pausenlosen Stunden "SANCTA" endet, Florentina Holzingers neues Werk, da spendet das Publikum von Anfang an stehende Ovationen. Gut, es war ohnehin schon auf den Beinen im Taumel einer großen Versöhnung, während derer die auf der Bühne und die im Parkett gemeinsam "Don’t dream it, be it" sangen. Aber dieser aufrichtige Jubel, dieses Nicht-gehen-Wollen kam dann eben nicht nur von den angereisten Holzinger-Fans, sondern auch vom lokalen Publikum.

Lokal, das heißt in diesem Fall Schwerin. Das Mecklenburgische Staatstheater ist Initiator von Holzingers erstem Musiktheaterwerk, das bald zu den Wiener Festwochen weiterzieht, später an die Staatsoper Stuttgart und die Berliner Volksbühne. Deshalb findet hier auch die Premiere statt, unter maximalem Medienecho; selbst die New York Times berichtete im Vorfeld.

Weibliche Lustunterdrückung

In "SANCTA" feiert Holzinger eine wilde, weibliche Messe: Vom Kyrie bis zum Gloria dekliniert sie die Liturgie durch und zertrümmert zugleich die Religion als männliches Narrativ und die Kirche als männliches Machtzentrum. Ausgangspunkt ist Paul Hindemiths 25-minütige Kurzoper "Sancta Susanna", die bei ihrer Uraufführung 1922 ein Blasphemieskandal war: Die junge Nonne Susanna entdeckt vor dem Kreuz ihre Lust, als ihr ihre Ordensschwester Clementia davon erzählt, dass vor vielen Jahren Schwester Beata wegen ihrer Sexualität (inklusive Selbstbefriedigung am Kruzifix) lebendig eingemauert wurde. Hindemith kontrastiert die schwüle Atmosphäre, die er selbst impressionistisch aufschäumt, mit herber Sachlichkeit und einem orgiastischen Klangcrescendo.

Skatende Nonnen: Sara Lancerio, Netti Nüganen © Nicole Marianna Wytyczak

Dieser Horrorstory weiblicher Lustunterdrückung setzt Holzinger jetzt Kraft, Verausgabung und große Bilder entgegen: Da rauscht eine Glocke aus dem Bühnenhimmel, in der eine Performerin zum Klöppel wird. Da zerhämmern Kletterinnen jene berühmte Abbildung in der Sixtinischen Kapelle, in der Gott Adam Leben verleiht. Da rasen Frauen auf Rollschuhen die Halfpipe auf und ab. Da donnern zwei Frauen an Haken, die ihnen durch den Rücken getrieben wurden, gegen riesige Bleche. Alles nackt, klar.

Gemarterte Körper

Dazu orgeln die Klänge, das Licht, der Bühnenregen, während sich Holzingers Performerinnen-Truppe mit Messern, Haken, Schwertern abrackert, etwa Fibi Eyewalker, Paige A. Flash und Netti Nüganen. Einmal kommt Saioa Alvarez Ruiz als Papst auf die Bühne und lässt sich dann vom Roboterarm durch die Luft wirbeln, der vorher schon Kerze, Kreuz und Kelch hielt. Dazwischen kehren regelmäßig die Chornonnen wieder, auch die "Sancta Susanna"-Solistinnen Cornelia Zink (mit strahlenden Sopran-Höhen), Andrea Baker und Emma Rothmann, die sich locker einfügen. 

Kuss vorm Kruzifix: Cornelia Zink, Andrea Baker, Netti Nüganen, Jasko Fide © Nicole Marianna Wytyczak

Schön ist, dass die körperlichen Krassheiten, die man aus anderen Holzinger-Arbeiten kennt, hier mit Bezug auf Bibel, Liturgie und Heiligengeschichten eine neue Dringlichkeit bekommen. Wenn sich eine Performerin erst ein (winziges) Stück Fleisch aus der Seite schneidet und eine andere hineingreifen lässt (den ungläubigen Thomas), später dieses Stück Fleisch brät und einer anderen Performerin mit den Worten "Dies ist mein Leib" zu essen gibt, dann spielt das natürlich auf die Transsubstantiation des katholischen Abendmahls an, erinnert aber auch an die Geschichten von Märtyrer*innen.

Feier der Gemeinschaft

Nicht alle Einfälle besitzen diese Kraft. Ein wenig wohlfeil und auch langatmig wirken jene Episoden, in denen Jesus als Outsider-Schluffi die Bühne entert und auf Englisch, Österreichisch und Schweizerdeutsch auf das Establishment und die Kirche schimpft. Oder die Momente, in denen jede Performerin erklärt, warum sie selbst eine Heilige sein sollte. 

Cornelia Zink (Susanna) und der göttliche Roboterarm © Nicole Marianna Wytyczak

Diese Durchhänger unterscheiden "SANCTA" auch von den Holzinger-Triumphen Tanz und Ophelia's Got Talent. Aber immer, wenn sich der Abend völlig zu verlieren droht, rettet ihn die Musik. Dirigentin Marit Strindlund lässt mit der Staatskapelle nicht nur den Hindemith ekstatisch flirren, sondern verleiht jeder Nummer, vom Kyrie aus Johann Sebastian Bachs h-moll-Messe bis zu Cole Porters "Blow, Gabriel, blow" und Johanna Doderers Neukompositionen, einen sehr eigenen Ausdruck. Sie hält auch Kontakt zu den Musikerinnen auf der Bühne, wo sich Black Metal, Pop, Rap in den großen Klangreigen einfügen. 

Holzinger hat sich ja noch nie um Genregrenzen geschert, immer schon mit Musik, auch klassischer, gearbeitet. Insofern erscheint dieser Schritt zum Musiktheater mit großem Orchester und professionellen Sängerinnen nur folgerichtig. Aber es bleibt doch – je länger, desto stärker – ein typischer Holzinger-Abend zwischen Provokationsgesten und Empowerment, dröhnenden Bildern und fiebrigem Rausch. Am Ende aber wirkt diese Feier der Gemeinschaft (Botschaft: "Share your love") in Zeiten, in denen alles so kompliziert scheint, geradezu tröstend. Diese diverse Truppe, alles Menschen, denen weder in der Gesellschaft noch in den Kirchen ein zentraler Platz zukam (oder überhaupt ein Ort), erfindet jetzt ihre eigene Kirche. Man kann den Abend als blasphemisch empfinden.  Man kann ihn aber ebenso gut als radikales Weiterdenken feministischer Theologinnen wie Uta Ranke-Heinemann begreifen.

SANCTA
Opernperformance von Florentina Holzinger mit Paul Hindemiths Oper Sancta Susanna, geistlichen Werken und Neukompositionen von Johanna Doderer, Born in Flamez, Stefan Schneider und anderen
Regie, Choreografie und Performance: Florentina Holzinger, Musikalische Leitung: Marit Strindlund, Komposition und Arrangement: Johanna Doderer, Komposition und Supervision Bühnenmusik: Born in Flamez, Komposition und Sound Design: Stefan Schneider, 
Komponistin und Produzentin: Nadine Neven Raihani, Komposition und Arrangement: Gibrana Cervantes, Josephinex Ashley Hansis, Karl-Johan Ankarblom, Odette T. Waller, otay:onii, Bühnenmusik: Blathin Eckhardt, Gibrana Cervantes, otay:onii, Paige A. Flash, Born in Flamez, Bühne und Kostüm: Nikola Knežević, Chordirektor: Aki Schmitt, Dramaturgie: Felix Ritter, Fernando Belfiore, Judith Lebiez (Schwerin), Michele Rizzo, Miron Hakenbeck (Stuttgart), Philipp Amelungsen, Renée Copraij, Sara Ostertag.
Mit: Andrea Baker (Klementia), Annina Machaz, Blathin Eckhardt, Born in Flamez, Cornelia Zink (Susanna), Emma Rothmann (Alte Nonne), Evilyn Frantic, Fibi Eyewalker, Florentina Holzinger, Gibrana Cervantes, Jasko Fide, Fleshpiece, Luz De Luna Duran, Malin Nilsson, Netti Nüganen, otay:onii, Paige A. Flash, Renée Copraij, Saioa Alvarez Ruiz, Sara Lancerio, Sophie Duncan, Veronica Thompson, Xana Novais.
Premiere am 30. Mai 2024 in Schwerin
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de


Kritikenrundschau

Anfänglich inszeniere Holzinger erstaunlich genau entlang der Partitur von Hindemith, ihr Interesse gelte dann aber doch der folgenden Performance-Messe, schreibt Reinhard Karger in der FAZ (14.6.2024). "Der Abend ist eine Abrechnung mit all den Grausamkeiten, die die katholische Kirche im Namen des Herrn begeht." Und angesichts der Hexenverbrennungen durch die Inquisition seien auch Holzingers Mittel drastisch. "Dies zieht die begeisterten Zuseher offenbar so stark in den Bann, dass sie weder die fehlende Dramaturgie dieses losen Bilderbogens bemerken noch den krassen Abfall der musikalischen Qualität."

"Florentina Holzinger sorgt für eine Orgie der heiligen Verzückung", so Helmut Ploebst im Standard (12.6.2024) angesichts der Premiere von "Sancta" bei den Wiener Festwochen. Eine "höllisch harte, aber auch selig satirische Party", bei die Heldinnen ihre inneren Stürme nach außen tragen, "sie kopulieren auf dem Kreuz und einer Kletterwand und reißen die Sixtinische Kapelle ein". 

Der Spielgestus wechselt von Comedy zu Dokumentartheater, von der fröhlichen Rollschuhdisco bis zum heiligen Ernst einer Messe, der Soundtrack bedient sich bei Metal, Musical und geistlichen Evergreens", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (1.6.2024). "Doch trotz Kannibalismus, Verfluchungen und Selbstverwundung übertritt dieses Theater nicht die Schwelle zur Blasphemie, sondern befreit für einen Moment das Wunder des Diesseits aus der Knechtschaft und Gewalt von Gottes Männerfaust."

"Der fast schon erwartete Skandal blieb in Schwerin aus. Vielleicht auch deshalb, weil die Inszenierung zwar mit katholischen Symbolen spielt, diese Oberfläche aber nicht weiter durchbricht. So muss sich niemand wirklich betroffen fühlen", sagt Karin Erichsen auf NDR Kultur (31.5.2024). "Hierin liegt allerdings auch die Schwäche der Produktion. Denn womöglich wird sie aus genau diesem Grund als opulentes und kurioses Spektakel vorüberziehen."

"Eine müde Kritik an der Brüderschaft von Katholizismus und Patriarchat wird geübt, die so neu nicht ist, vor allem aber schon auf weitaus höherem Niveau geäußert worden ist", schreibt Erik Zielke im nd (1.6.2024). "Abgesehen von den mit einer Live-Kamera eingefangenen Verwundungen, die sich die Performerinnen auf der Bühne bereitwillig zufügen, tut der Abend niemandem weh und zeigt sich als ein kalkulierter Skandal, bei dem der Schock doch ausbleibt."

"Was sie (Holzinger) da am Mecklenburgischen Staatstheater in zweieinhalb pausenlosen Stunden mal inhaltlich öde ruckelnd, mal gut geschmiert spektakelnd ablaufen lässt, könnte fast jugendfrei auch bei jedem Kirchentag als christlich-feministisches Musical zelebriert werden. Denn schließlich haben alle einander lieb am Ende", lästert Manuel Brug in der Welt (1.6.2024). Das "Operchen" von Paul Hindemith werde brav an der Rampe weginszeniert. Das "Holzinger-Ritual" danach kratze niemanden mehr, so Brug. "Florentina Holzinger holzingert halt, nur diesmal in XXL, mit willig-polystilistisch klangauftrumpfendem Orchester und Damenchor unter der nimmermüden Leitung der eisern das lustvolle Durcheinander zusammenhaltenden Marin Strindlund."

"Florentina Holzinger führt zum ersten Mal Regie im Musiktheater, und das Ergebnis ist so klug, so witzig, so ungemein gut zusammengebaut, dass man wirklich verdutzt ist", schwärmt hingegen Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (1.6.2024). "In Schwerin traf Holzingers Truppe aus superprofessionellen (Körper-)Expertinnen auf einen Staatstheaterbetrieb. Da hätte es knallen können, stattdessen verliebten sich alle ineinander." Der ganze Abend sei "ein extrem gut austariertes Wogen von einer Überraschung zur nächsten", so Tholl: "Jahrhundertelang hat die katholische Kirche die Grausamkeiten, die zu ihr wesenhaft gehörten, auf Fresken und Altären dokumentiert. Holzinger und ihre Frauen wischen das neugierig und belustigt weg. Nicht in jeder Sekunde stilsicher, aber der Abend ist eine fast vollkommene, immer notwendige, oft sehr lustige Erlösung."

"Was also macht das Holzinger-Theater so besonders?", fragt ein sichtlich begeisterter Georg Diez in der Zeit (online am 1.6.24) rhetorisch, um zu antworten: "Es ist die Intensität des Erlebens, die Verblüffung als Überrumpelungsstrategie, die Gemeinschaft ermöglicht; es ist dieses Staunen über Körper, die wie selbstverständlich getragen werden und in ihrer Direktheit fast abstrakt erscheinen; es ist eine feministische Weltsicht, die Wut und Zartheit verbindet; es ist eine Dichte der theatralen Mittel, die fast bruchlos funktionieren und auf dem Fluss dessen, was zu sehen ist, je eigene Momente der Reflexion ermöglichen, zwanglos, klar, auf eigene Weise politisch."

Kommentare  
SANCTA, Schwerin: Gratulation
Bei der Beschreibung dieser Inszenierung könnte „mensch“ in Dramaturgen-Prosa verfallen, aber es geht auch einfacher: Alles was Holzingers „Tanz“ ausmacht, fast jedes einzelne Element kommt hier wieder vor, ergänzt jedoch mit einem Orchester und dem Frauenchor des Staatstheaters. Und dass da nicht zwei „Company‘s“ nebeneinander agieren, sondern gemeinsam dem männlich geprägten Genesis- und Kreuzigungsgeschichte etwas (nämlich ihren Körper als Zeichen, dass die Welt nicht männlich vordefiniert ist) entgegen setzen … Sancta Susanna von Hindemith am Beginn (ohne Unterbrechung von zwei wunderbaren Sängerinnen gesungen und gespielt) steht im Einaktertrilogie meistens als merkwürdiger Teil ohne Kontext, als Sandwich, hier ist das der Anfangspunkt, der Rest fügt sich zusammen, die musikalischen Nummern strukturieren den Abend und Leerläufe sind sehr reduziert (bei Musik denkt sowieso keiner daran) …

Es geht alles gut, die Musik und deren emotionelle (manipulative) Überwältigung tut das ihre und alle sind am Ende gerne begeistert. Mit Recht, Traurigkeit und sehr gerne. Gratulation an beide Company’s und den technischen Abteilungen aus Schwerin und Stuttgart!
SANCTA, Schwerin: Die Grauzonen schwinden
... wenn kanibalismus jetzt unter kunstkritik läuft, was wird beim nächsten eventle auch noch salonfähig werden und positiv besprochen?

... liebe menschen beim feuilleton, bitte seid etwas vorsichtiges alles mit kunstanspruch rechtfertigen zu können / müssen / wollen - die gräben können tiefer werden, die pole dehnen sich aus, die grauzonen schwinden
SANCTA, Schwerin: Nachgerade absurd
Die Print-Kritiker, (ja, mit Absicht männliche Form gewählt), die glauben, es ginge um einen Skandal, sind auch Gefangene ihrer Klischees. Sie sehen gar nicht, worum es geht und daß Nacktheit und Sex inhaltlich gedacht sind . Ich finde, das ist ein extrem spießiger Blick, der da kenntlich wird. Die Kritiker sind die Einzigen, die einen Skandal wollen und nun nicht kriegen, weil das gar nicht die Intention dieser Arbeit ist. Das dann der Arbeit gleichwohl vorzuwerfen, ist nachgerade absurd!
Sancta, Schwerin: Kunst!
gestern atemlos aus der letzten Vorstellung in Schwerin gekommen und was soll man sagen, außer sie und ihr Team haben erneut die Kunst zurück in Stadttheater gebracht. Florentina Holzinger ist eine Künstlerin durch und durch. Radikale Subjektivität verbindet sich mit noch radikalerer Gemeinschaft, die gemeinsame Beichte, das Abendmahl, die Kreuzigung und die Erlösung haben mich sowas von umgehauen. Wer macht etwas Vergleichbares? Wer schafft solche Bilder, wer fordert auf so verletzliche wie auch selbstbewusste Art und Weise Freiheit auf der Bühne und im Leben ein. Wie frei können Menschen sein? Wie kann man einerseits schonungslos die Kirche und die Heilsgeschichte als patriarchale Geschichte entlarven, um sie aber dann doch final zu realisieren, Erlösung doch denkbar und wahr zu machen. Danke für alles! Ich muss erst noch um die richtigen Worte für den gestrigen Abend ringen.
Sancta, Schwerin/Wien: Selbstverletzung
Mit Apollon Mussagete hat sich Florentina Holzinger erstmals entschieden frische Fäkalien und Selbstverletzung in ihren Stücken auf die Bühne zu bringen. Sorry, ich kann damit nichts Erhellendes verbinden. Im Gegenteil, ich lehne im Besonderen die Selbstverletzung ab, gegenüber Ihren Darstellerinnen ist hier eine Verantwortungsgrenze klar überschritten.
Kommentar schreiben