Metaphernparty auf großer Fahrt

12. Mai 2024. Das rettende Boot ist in "Archetopia" Programm. Auf eine Schiffsfahrt schickt Regisseur Simon Solberg fünf Feierwütige, lässt sie Visionen für die Zukunft entwickeln - und legt einen staunenswerten weltphilosophischen Rundumschlag vor.

Von Dorothea Marcus

Simon Solbergs "Archetopia" am Schauspiel Bonn © Bettina Stöß

12. Mai 2024. Treffen sich fünf Feiernde auf einem Schiff. Wo auch sonst, als auf dieser Super-Metapher der ignorierten Apokalypse, ob Arche Noah, Titanic oder Triangle of Sadness. Vor getäfelt-gediegener Holzwand mit Ölgemälden und Kronleuchter in glitzernder Abendgarderobe, tanzen sie immer wilder, zum Medley aus "Let's get love" bis zu "I like to move it", bis die Hosen rutschen und die Glitzer-Suits reißen, ganz karnevaleske Welt-Abgewandtheit, bis, Rumms, das Schiff stehenbleibt. "Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt ein Schiff ist", ruft einer. "Das ist eine Metapher!“, warnt der andere.

Und tatsächlich löst sich die Schiffs-Kulisse von Regisseur Simon Solberg zusehens auf, fällt ein Gemälde von der Wand und offenbart dahinter ein dampfendes Nichts. Ein Nichts? "Wir kommen nicht voran, weil wir uns nicht vorstellen können, wie die Welt besser werden kann!", rufen sie. Doch stimmt denn das? Schließlich war der Mensch schon immer ein Meister darin, sich alle möglichen Utopien, übersetzt aus dem Altgriechischen: Gut-Orte auszudenken.

Etwas anderes Partyboot

Auf einer Leiter klettern die fünf Schauspieler*innen schließlich durch das Loch in die "Zukunft", Nebel dampft, Licht taucht alles in Grün, und los geht es mit einem rasanten Ritt durch die Utopie-Ideen der Menschheit, unterlegt mit viel Musik und Tanz. Da kommt Karl Marx mit Senkrecht-Bart und tanzt den russischen Jablotschko, doch die Idee vom vergesellschafteten Privateigentum ist gründlich schiefgegangen. Auch die attische Super-Demokratie mit Los-Verfahren für alle politischen Ämter löste sich sofort auf, als Sparta Athen überfiel, ohnehin hatten Frauen, Sklaven und Migranten darin keine Stimme – auf der Bühne fallen alle rhythmisch zuckend getroffen um.

Archetopia3 1200 Bettina Stoess uDurch Gemälde in die Zukunft: Simon Solberg "Archetopia" © Bettina Stöß

Wenn sie von Bürgerhaushalten in Venezuela erzählen, schwenken sie, tanzend im Kreis, Seidentücher zu "Diamonds in the sky", tanzen die Solarpunk-Bewegung nach, die sich in Sexismus und Greenwashing auflöst, oder die Sonnenstadt-Idee von Tommasso Campanella. An den Bühnenseiten werden Bilder und Namen der Welt-Visionäre aus Jahrhunderten eingeblendet, eine hoffnungsvoller und gescheiterter als die nächste.

Zukunft qua Vorstellungskraft

Simon Solberg findet in nimmermüder Fantasie prächtig bunte Bilder dafür: Bei Silvia Federicis Idee eines gemeinschaftlichen Staats, in der Alte und Kinder empathisch gemeinsam gepflegt werden, reichen die Zuschauer einen riesigen Plastikschwan durch den Saal. Der war eben noch ein künstlicher, auf internationalen Gewässern schwimmende unabhängige Algen-Insel des Paypal-Gründers und Trump-Anhängers Peter Thiel. Riccardo Ferreira spielt ihn mit weißem Anzug und Sonnenbrille als blasierten, steuerhinterziehenden Superreichen.

Immer schneller prasseln die Konzepte, gut erklärt und launig wird der philosophische Schnelldurchlauf performt von energetischen Schauspielern. Von Charles Darwin, Jean-Jacques Rousseau zu Elon Musks Mars-Fantasien geht es, rot glüht ein Neonkreis im Bühnenhintergrund. Warum ist der Mensch so veränderungsresistent? Verhält sich wie der erstickende Frosch im Wasser, oder wie die Wikinger, die untergingen, weil sie mehr vom Gleichen machten, ihre Lebensgrundlage Wald zerstörten, um mehr Fleisch zu jagen – dabei hätten sie nur Fisch essen müssen.

Archetopia4 1200 Bettina Stoess uTanz durch die Geschichte: "Archetopia" am Schauspiel Bonn © Bettina Stöß

Rettungslos gefangen ist der Mensch im Fetisch der Arbeit, der durch die Kirche in uns eingepflanzt wurde – Julia Kathinka Philippi bricht als peitschen schwingende Benediktiner-Nonne durch die Schiffswand. Als absolut schädlich hat sich auch das Narrativ von Thomas Hobbes herausgestellt: wenn alle gegen alle Krieg führen und nur durch autoritäre Staaten im Zaum gehalten werden können, ist die Welt per se verloren. Dabei sind sie, laut Rutger Bregmann, doch eigentlich von Grund auf gut, wie der niederländisch plaudernde Jacob Z. Eckstein in weißem Kittel und sympathischem Strohhut erläutert.

Die Utopie sind wir

Wir brauchen positive Narrative – und sind in der Aufklärung falsch abgebogen, als die Weisheit der Indigenen nicht genutzt wurde, die dem Westen hätte Wege weisen können zu hierarchiearmen Gleichheitsgesellschaften – stattdessen wurden sie brutal kolonisiert.

Immer weiter löst sich das Bühnenbild auf, prasseln Konzepte des menschlichen Scheiterns auf uns nieder. Simon Solberg bebildert entlegenste Gedankengebäude mit prachtvoller Bombastik, Lichtshow, Tanz- und Gesangseinlagen. Erzählt von der russischen Biologin Lyudmilla Trut, die mit sibirischen Silberfüchsen die Selbstdomestizierung des Menschen bewies – die Schauspieler tragen lustige Silberohren. Oder von David Wengrow, der erforscht, warum die Menschheit in Ungleichheit steckenblieb, dazu trippeln die Fünf ein Schwanenballett, aus dem ein schwarzer Schwan heraussticht.

Der Engel der Geschichte

Auf den Trümmern des Schiffs erhebt sich irgendwann ein schwarzer Endzeit-Engel. Doch das richtige Ende ist dann doch hoffnungsvoll: Aus dem starren Schiff ist ein flexibles, verbundenes Floß aus nackten Bühnentürmen geworden, darin die Ölgemälde aufgehängt als historische Mahnung. "Die Utopie sind wir", rufen die Schauspieler, während dazu "A real hero" von College and Electric Youth läuft.

Letztlich ist es menschliche Verbundenheit, die uns schon irgendwie retten wird. Wenn KI nicht jeden Rest davon zerstört. Und so ist "Archetopia" eine gründliche und spannende Recherche geworden, ein weltphilosophischer Rundumschlag in gut verdaulichen Bissen. Das ist viel Stoff, vielleicht zu viel, und doch macht der Abend in Form und Inhalt selbst das Einzige, was uns wohl noch retten kann: eine gute Geschichte zu erzählen.  


Archetopia
von Simon Solberg
Uraufführung
Regie und Bühne: Simon Solberg, Kostüme: Ines Burisch, Live-Musik: Jan Günther, Philipp Mancarella, Samuel Reissen.
Mit: Jacob Z. Eckstein, Riccardo Ferreira, Juia Kathinka Philippi, Imke Siebert, Max Wagner.
Premiere am 11. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Solbergs Abend sei "ein energiegeladener Sprint durch Zeiträume und Ideengebäude: ein von Livemusik begleitetes Best-of visionärer Entwürfe aus zwei Jahrtausenden", berichtet Dietmar Kanthak in der Kölnischen Rundschau (12.5.2024). "Das szenische Geschehen spiegelte die atemberaubende Themenvielfalt (eine Einladung für aufgeschlossene und neugierige Schulklassen)." Einwand: "Die Agenda der Theatermacher war klar; sie speiste sich aus tiefrot-grünen Positionen. Für sie ist die Welt einst an der falschen Stelle abgebogen, und jetzt müssen wir, so die Botschaft, mit Konsequenzen wie Ungleichheit und Klimakrise leben. Eine bewegende Geschichte entsteht aus diesem Befund nicht."

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