"Allen eine gute Jagd"

1. Juni 2024. Ein Erzieher wird fälschlich des Missbrauchs an einer Minderjährigen bezichtigt – und die Hatz beginnt. Daniela Löffner adaptiert Thomas Vinterbergs preisgekrönten Film fürs Theater. Herausgekommen ist ein Abend im Laub, der eine von ihrer Anschuldigung besessene Gemeinde zeigt.

Von Vincent Koch

"Die Jagd" von Daniela Löffner nach Thomas Vinterbergs gleichnamigem Film am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe

1. Juni 2024. Der Elternabend endet im Wahnsinn. Zunächst recken die Eltern noch munter ihre Hände in die Höhe, um zu zeigen, dass sie noch Fragen haben. Aber dann beginnen ihre Gelenke plötzlich zu zucken und das Chaos bricht aus. Der eine schiebt manisch Bierbänke von A nach B, eine andere wiederholt wahnwitzige Bewegungen im Hula-Hoop-Reifen, wieder jemand anderes verteilt feixend Lollis. Die Eltern bringen ein Pendel zum Schwingen, ziehen sich aus, fallen teilweise übereinander her. Und das in dichtem Nebel, kahlem Licht und zu unheilvollen, geloopten Klängen, die in Techno-Beats münden. Die Gestalten wirken wie besessen. Jede*r auf seine Art und doch in der Gruppe verbunden. Als hätte sich die Elterngemeinschaft plötzlich in eine Sekte verwandelt.

Eskalierende Hetze

Was diese Szene aber vor allem ist: ein bemerkenswert schöner Bruch mit dem naturalistischen Stil, der an dem Theaterabend sonst vorherrscht. Daniela Löffner hat sich im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden "Die Jagd" nach dem Film von Thomas Vinterberg (2012) vorgenommen. Der Erzieher Lucas wird darin des sexuellen Übergriffs an Clara, einer Minderjährigen, bezichtigt. Von Anfang an ist klar, dass es sich dabei um ein Hirngespinst des Kindes handelt und Lucas unschuldig ist. Die Mädchen haben auf einem Handy ein Pornovideo entdeckt, das Clara nacherzählt und dabei auf Lucas Bezug nimmt, denn der hatte zuvor Claras Geschenk, eine Herzchenkarte und einen Herzlolli, nicht annehmen wollen. Aber als Hilde, die Leiterin der Einrichtung, von den Vorwürfen Wind bekommt, zieht sie sofort pflichtbewusst die Behörden hinzu und suspendiert den Erzieher. Im Handumdrehen machen die Vorwürfe im Dorf die Runde und bringen die so vertraute Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht. Von einem Tag auf den anderen entfesselt sich im Dorf eine Hetzjagd gegen Lucas, die immer weiter eskaliert.

Wie schon in Löffners Inszenierung von "Sylvia und Sibylle" (die bedauerlicherweise gerade abgesetzt wurde) hat Fabian Wendling dafür eine geniale Arena-Situation geschaffen, in der das Publikum das Geschehen von vier Seiten verfolgen kann. Mehrfach adressiert Kita-Leiterin Hilde die Zuschauenden direkt und macht nochmal klar: Das hier passiert in unserer Mitte und geht alle an. Auf der Bühne liegt ein riesiger Laubhaufen, unter dem sich ein Podest aus Holzplatten verbirgt; später errichten die Darstellenden darauf noch das Gerüst eines Hauses. Wie man es von Daniela Löffner kennt, setzt sie ansonsten vollends auf ihr Ensemble und psychologischen Realismus. An diesem Abend legt sie den Fokus darauf, Gruppendynamiken in einer Ausnahmesituation zu erkunden.

Emotional bis ans Äußerste

Lucas darf sich zunächst mit einem Erntedankfest inklusive buntem Bastelpapier, Apfelsaft und einer Herbstballett-Nummer mit den Kindern dramaturgisch ein paar Sympathiepunkte abholen, bevor sich allmählich die Gerüchte über das angebliche Vorkommnis verbreiten. Beim gemeinsamen Baden im Hot Pot flüstern dann schon die ersten. Und eine Szene später ist die gesellschaftliche Ächtung in vollem Gange. Löffner arbeitet die schnellen Reaktionsketten und Übersprungshandlungen präzise heraus. Wie Raubtiere stürmen und stapfen die Figuren quer durch die Laubblätter aufeinander los und hetzen sich einander auch gegenseitig auf den Hals. Raiko Küster spielt den gejagten Erzieher mit beeindruckender Klarheit und schleppt sich beharrlich und bis zur Erschöpfung über die Bühne, um die Leute von seiner Unschuld zu überzeugen.

Die Jagd 2 CSebastianHoppe uDer Erzieher und das Mädchen oder: Täter und Opfer? Raiko Küster, Theresa Schütte © Sebastian Hoppe

Küster harmoniert dabei im Zusammenspiel mit den außergewöhnlich tollen Kinderdarsteller*innen sehr gut. Und auch das restliche Ensemble geht emotional bis ans Äußerste. Wie viel in den Szenen mit dem ganzen Dorf ohne Worte und nur mit feindseligen Blicken, kleinen Gesten oder Handlungen transportiert wird, ist besonders genau gearbeitet. Als Lucas gegenüber Claras Vater und seinem besten Freund Theo in den Raum wirft, dass seine Tochter vielleicht lügen könnte, kippt das Gespräch schlagartig in bloße Konfrontation. Durch die Nähe zu den Darstellenden sieht man jedes Muskelzucken. Und spürt, wie in einem Menschen nach einem spitzen Satz das Bedürfnis aufsteigt, jemanden blutig zu schlagen – obwohl sie vorher beste Freunde waren.

Toxische Beziehungen

Theos Frau schmettert Lucas direkt entgegen: "Ich schneide dir den Schwanz ab, wenn du meiner Tochter was getan hast, du Schwein", bevor sie selbst an der Aussage ihrer Tochter zweifelt. Natürlich verteidigen die Eltern ihr Schutzbefohlenes um jeden Preis. Das Verhältnis der beiden erzählt nebenbei auch von ihrer toxischen Beziehung und Theos Misogynie – und wie all dies in Extremsituationen besonders zutage tritt. Hier schafft es die Inszenierung auch, Gründe aufzuzeigen, warum Clara Falsches behauptet: weil sie sich zuhause nicht geborgen zu fühlen scheint.

Die Jagd 3 CSebastianHoppe uVormals beste Freunde: Raiko Küster, Sven Hönig, Karina Plachetka © Sebastian Hoppe

Nicht alle Bühnen-Begegnungen erzählen so viel. Manche gehen, sicherlich auch aufgrund der Vielzahl an Figuren, ein wenig unter. Statt beispielsweise Kita-Leiterin Hilde mehrfach ihre Verachtung für Lucas ausdrücken zu lassen, was sich inhaltlich erschöpft, hätte Lucas' Affäre mit seiner Kollegin noch tiefer erzählt werden können. Und so sehr ein Hund ein wichtiger Beschützer sein kann – warum er an diesem Abend unsichtbar bleibt und nur in Form einer kläffenden und hechelnden Bluetooth-Box auftritt, die Lucas mit sich trägt, erschließt sich nicht so richtig. Dafür hat Lucas ja seinen Sohn und, anders als im Film, Freund Gunner, die nahezu durchgängig auf seiner Seite stehen.

Daniela Löffner ist mit "Die Jagd" ein starker Abend gelungen, der knapp zweieinhalb Stunden in emotionale Abgründe steigt und ein ambivalentes Bild davon zeichnet, was es heißt, wenn sich in einer vertrauten Gemeinde ein Verdacht ausbreitet. Und welche gesellschaftlichen und persönlichen Ursachen dazu führen, dass ein unschuldiger Mensch plötzlich isoliert wird. Das Laub lässt sich wegblasen – Lucas' Stigma nicht.

Die Jagd
nach dem Film Jagten von Thomas Vinterberg und Tobias Lindholm, für die Bühne adaptiert von David Farr, Deutsch von Frank Heibert
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Fabian Wendling, Kostüme: Katja Strohschneider, Musik und Sounddesign: Matthias Erhard, Lichtdesign: Olivia Walter, Dramaturgie: Uta Girod.
Mit: Raiko Küster, Fanny Staffa, Karina Plachetka, Sven Hönig, Nihan Kirmanoğlu, Hans-Werner Leupelt, Willy Sellmann, Philipp Lux sowie Theresa Schütte, Vanessa Kokel, Gerda Beutler.
Premiere am 31. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Gut zwei Stunden dichtes Theater, verdichtetes Leben" hat Torsten Klaus von den Dresdner Neuesten Nachrichten (3.6.24, €) erlebt. Dass das Publikum von allen vier Seiten auf die zentral gebaute Bühne schaue, verdichte sich zu einer "extrem voyeuristischen Situation", die gut "die Erbarmungslosigkeit" spiegele, "mit der die Gemeinschaft dem vermeintlichen Kinderschänder zu Leibe rückt". Vor allem die Frauen gäben hier "starke Figuren" ab, Regisseurin Daniela Löffner habe gute "Kniffe" parat, und am Ende ertöne "berechtigter Jubel". 

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