Wolfgang will kein Heiliger sein

24. Mai 2024. Zu seinem 1100. Geburtstag bekommt der Heilige Wolfgang eine eigene Freilichtbühne und eine Neudichtung seiner Lebensgeschichte von Franzobel. Das "Mystical" wartet auf mit Pomp-Rock, aber auch mit bösen Brechungen.

von Wolfgang Reitzammer

"Wolf. Das Mystical" von Franzobel am Wolfgangsee © Franz Neumayr

24. Mai 2024. Wenn man sich den steilen Pilgerweg von St. Gilgen auf den Falkenstein hinaufschleppt – vielleicht noch zwecks Sündenerlass mit ein paar Steinen beschwert –, kommt man schwitzend an eine fulminante Aussichtsstelle, wo dereinst der Heilige Wolfgang eine Axt in Richtung Abersee (so hieß der See früher!) geworfen haben soll. Er verband dies mit dem Versprechen, am Ort der Landung eine Kirche bauen zu lassen. Nun hat der Tourismusverband unweit davon eine imposante Seebühne errichten lassen, um darauf zu Ehren des 1100. Geburtstags des See- und Orts-Namenspatrons ein Musical aufzuführen, das als "Mystical" tituliert wird.

Wolfgang gegen Teufel

Den Text hat der unweit vom Wolfgangsee aufgewachsene Schriftsteller Franzobel (vulgo: Franz Stefan Griebl) verfasst. Er verfolgt das Leben des Steppen-Wolferls als eine Mischung aus Heiligen-Epos und Dekonstruktion der Legende ("Ich will kein Held, kein Heiliger sein"). Das Stationen-Drama lebt vom Kontrast zwischen dem gläubigen, aber auch suchenden, zweifelnden Gut-Menschen und den Einflüsterungen des Teufels, also einer frühmittelalterlichen Variation des Faust-Motivs. So steht es auch auf einer Bildtafel am Falkenstein: "Den heiligen Wolfgang zu vernichten, schüttelt der Teufel Felswände / Doch betend verwehrt er den Sturz durch seine Hände."

Wolf 05 1200 Franz Neumayr uDie ganze Bühne mit Hauptdarsteller (Konstantin Zander) und dem See dahinter © Franz Neumayr

In szenischen Rückblicken beleuchtet das Stück Wolfgangs Weg vom schwäbischen Kaff Pfullingen zur Domschule am Bodensee, vom Ausflug nach Rom, das als Red Light District und Sündenpfuhl charakterisiert wird, zum Bischofsamt in Regensburg. Dort entzieht sich Wolfgang den Ränkespielen zwischen geistlicher und weltlicher Macht, er flüchtet in die Eremiten-Kartause im Salzkammergut. Doch bald entscheidet er sich wieder zu einer spektakulären Metamorphose und verwandelt sich in St. Wolfgang Superstar, der wie Elvis in Las Vegas seine Fan-Gemeinde mit einem Kirchen-Bau befriedigt. Dazu braucht es allerdings einen Deal mit dem Teufel, der schon in seinem ersten Song programmatisch vorgetragen hat: "Ich will eure Seelen!" 

Zynische Gegenwart

In den Hauptrollen überzeugen Konstantin Zander als Wolfgang, der alle Formen der Liebe (zu Frauen, zu Männern und zu Gott) ausprobiert und Kaj Lucke, der den Teufel als zynischen Black Rider mit Gothic-Outfit und Meat-Loaf-Röhre interpretiert. Am Ende ergeht es ihm aber wie Goethes Mephisto: durch einen bloßen Zufall geht ihm die Seele Wolfgangs flöten. Für relativierende Kommentare aus der Perspektive der Gegenwart sorgen die drei weisen Frauen: kostümiert wie Mode-Püppchen der 50er Jahre, gesanglich wie die Andrew-Sisters und inhaltlich zwischen Sarkasmus und Belanglosigkeit pendelnd. 

Wolf 04 1200 Franz Neumayr uDie drei weisen Frauen © Franz Neumayr

Eduard Neversal hat die puristische See-Bühne mit einem Fassungsvermögen für 800 Zuschauer konstruiert; sie lebt letztlich von dem echten Wolfgangsee als Infinity-Pool im Hintergrund, der am Premierenabend sturm- und regenfrei bleibt. Von Jerôme Knols stammen äußerst originelle Choreografien, sei es eine Tera-Band-Gymnastik von Aussätzigen, ein Schwertkampf-Ballett beim Krieg gegen die Ungarn oder ein Engels-Chor auf der Musik-Empore. Dort sitzt auch – leicht verborgen – die 18-köpfige Band unter der Leitung von Christoph Huber, die Gerd Hermann Ortlers Kompositionen mit knackigem Sound abspielt. Stilistisch eröffnet sich eine unterhaltsame Bandbreite von anrührenden Musical-Balladen und konzertantem Pomp-Rock.

Rustical, Klerical, Mystical

Man sieht also erfreut, dass die Verantwortlichen kein rein touristisches Kultur-Programm abgeliefert haben, sondern das Publikum immer wieder mit bösen Brechungen auf die Probe stellen. Felix Austria: du hast mit dem "Watzmann" ein legendäres Rustical, mit dem Salzburger "Jedermann" ein sang- und klangloses Klerical und nun auch mit dem Wolf am Wolfgangsee ein sehenswertes Mystical. Die zehn Abende zwischen dem 23. Mai und dem 22. Juni sind auch schon weitgehend ausverkauft.

Wolf. Das Mystical
Libretto: Franzobel, Musik: Gerd Hermann Ortler
Regie und Dramaturgie: Viktoria Schubert, Musikalische Leitung: Christoph Huber, Choreografie: Jerôme Knols, Bühne: Eduard Neversal und Andreas Haselgruber, Kostüme: Julia Klug, Licht: Stefanie Erb, Ton: Christoph Hall.
Mit: Konstantin Zander, Kaj Lucke, Bianca Basler, James Park, Katja Berg, Martin Bermoser, Arthur Büscher, Rita Sebeh, Rebecca Soumagné, Dennis Kozeluh, Martin Berger, Jennifer Pöll, Matthias Trattner.
Premiere am 23. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.wolfmystical.at

Kritikenrundschau

"Franzobels bekannte Freude am Blödeln" hat Thomas Kramar für die Presse ( 25.5.2024) am Wolfgangsee erlebt. "Komponist Gerd Hermann Ortler versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden stilistischen Mitteln – und das sind viele –, seinem Kompagnon an humorigen Eklektizismus nicht nachzustehen." Fazit: "Dieses ist, wenn auch ästhetisch durchwachsen, als Unternehmen gut geglückt" und "wenn das Treiben auf der Bühne zu grell und schrill wird, dann tröstet und beruhigt stets ein Blick in den Himmel über dem Wolfgangsee."

Das "Libretto Franzobels erweist sich als tragfähig", urteilt Wolfgang Huber-Lang für die apa, abgedruckt auf diversen Portalen unter anderem bei plus24.at (25.5.2024). "Mit Musik und Regie wird man dagegen nicht glücklich", denn sie klinge laut und "beliebig". Und die Regie sei "unentschlossen", ob es sich bei der Unternehmung "um ein Musical" handele oder "nicht doch eher um die Parodie eines solchen handelt". Fazit: "Was wird bleiben von diesem Abend? Die nicht neuen Erkenntnisse, dass das Kulturland Österreich auch über die denkbar schönsten Kulissen verfügt und dass Musical ein verdammt schwieriges Genre ist."

"In schrägem Schmäh und einer Groteske um Heiligenverehrung erinnert 'Wolf' an Monty Pythons 'Leben des Brian'," schreibt Berhard Flieher in den Salzburger Nachrichten (25.6.2024). "In manch schmissigem Hit und der schmelzend gesungenen Hingabe in Liebesfragen kommt einem 'Jesus Christ Superstar' in den Sinn. Dazu taugt aber dieser Wolfgang nicht, weil er in ewigem Zweifel vorgestellt wird. Wer da, wie das die Macher gerne hätten, über 'die Zerrissenheit des Menschen zwischen Hedonismus und Kontemplation' nachdenken mag, wird an ein paar Stellen gut bedient, ohne dass das gleich zu philosophisch würde."