Unter Besessenen

8. Juli 2024. Der Weltuntergang? Kommt hier erst später. Die Festspiele in Reichenau verstehen sich als "Theater auf Sommerfrische". Wer hier anreist, sucht keine Aktualisierungen. Aber mit Nestroy, Schnitzler und Bernhard ist man in diesem Jahr zu Gast bei Retro-Anarchisten.

Von Gabi Hift

"Der Ignorant und der Wahnsinnig" bei den Festspielen Reichenau © Lalo Jodlbauer

8. Juli 2024. Die Theatersaison ist zu Ende, jetzt raus aus der Hitze der Stadt und hinauf in die kühlen Berge. Ein Theater der Sommerfrische, in dem Körper und Geist durchatmen können, das ist das Versprechen der Festspiele Reichenau, und das meint wohl auch: Urlaub vom politischen Theater. Aber darf man sich das überhaupt erlauben? "Die Welt steht auf kein Fall mehr lang lang lang lang, die Welt steht auf kein Fall mehr lang" – so singt's der vagabundierende Schuster Knieriem in Nestroys Kometenlied. Der Witz liegt im Widerspruch zwischen dem Text und der heiteren Melodie. Der, der da singt, scheint sich vom unmittelbar bevorstehenden Untergang der Welt nicht die Laune verderben zu lassen. Wie kann dieser Mann so sorglos sein? 

Kommt da ein Komet geflogen?

Die Nestroyrolle, den untergangsgläubigen, schwurbelnden Säufer Knieriem spielt Robert Meyer, der auch Regie führt. Im Vorjahr hat er mit "Einen Jux will er sich machen" einen geradezu perfekten Nestroy inszeniert, und seine Mitstreiter vom Vorjahr, Bühnenbildner Christof Cremer und Musiker Helmut Stippich, diesmal als Trio mit Frau und Sohn, sind auch heuer wieder dabei – never change a winning team. Die Erwartungen sind dementsprechend groß.

Es geht gleich lustig los: auf einer Brettlbühne geben Feen und Geister in wallenden Zaubermänteln in tiefstem Wienerisch eine Parodie auf Goethes "Vorspiel im Himmel" aus Faust: der böse Geist Lumpazivagabundus – Sebastian Wendelin, g'spuckt genauso hergerichtet wie der Gründgens'sche Mephisto – ist angeklagt, weil er allüberall die Menschen zur Liederlichkeit verführt. Die Fee Fortuna bietet dem Chefzauberer an, die heruntergekommenen Subjekte wieder zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Lumpazi, wettet, dass ihr das nicht gelingt. Sie suchen sich unten auf der Erde drei verarmte Versuchskaninchen aus, gelingt es Fortuna, mindestens zwei der drei zu bekehren kann, hat sie gewonnen und Lumpazi wird aus dem Feenreich verbannt. Schafft sie es nicht, kann er bleiben.

"Lumpazivagabundus"-Ensemble: C.C. Weinberger (Mystifax), Sebastian Wendelin (Lumpazivagabundus), Brigitte Kren (Fortuna), Johannes Deckenbach (Fludribus), Julius Dörner (Hilaris) © Lalo Jodlbauer

Und auch wenn zwischendrin über den bevorstehenden Weltuntergang schwadroniert wird (1830 befand sich immerhin der Halley’sche Komet im Anflug): Vor beunruhigenden Parallelen zur Gegenwart sollte das Reichenauer Publikum wohl verschont werden. Man sieht keine schäbige Kaschemme, sondern ein reizendes, stilisiertes Büdchen und Menschen in lustigen rot-gelb-schwarzen Jumpern und Hosen.

Cristof Cremer hat für die Bühne das Baukastensystem vom Vorjahr noch perfektioniert: mit Scharnieren verbundene, liebevoll bedruckte Stellwände lassen sich zu Hintergrundpanoramen, Zimmern, Treppen oder Bartresen auf und zuklappen. Die Umbauten werden unter den rot behandschuhten Händen des mephistophelisch wendigen Sebastian Wendelin zu kleinen Glanznummern. Die Bühne ist zwar eine Augenweide, aber der skandalösen "Lebensnähe", die Nestroy hier erstmals gewagt hat, nimmt sie den Nipf.

Keine Besserung in Sicht

Die liederlichen Drei, die Fortuna für die Wette ausgesucht hat, sind der ehemalige Schuster Knieriem (Robert Meyer), ein leidenschaftlicher Hobbyastronom und notorischer Säufer; der Schneidergeselle Zwirn (Florian Carove), aus seiner Stellung rausgeflogen, weil er sich beim Poussieren mit der Ehefrau seines Meisters hat erwischen lassen, und der Tischlergeselle Leim (Thomas Frank), der sich einfach aus dem Staub gemacht hat, als er dachte, dass sein Meister die Tochter, in die er heimlich verliebt war, an einen reichen Nachbarn verheiraten wollte. Fortuna lässt diesem liederlichen Kleeblatt im Traum die Nummer eines Lotterieloses erscheinen und schanzt ihnen ein riesiges Vermögen zu – das Knieriem und Zwirn ebenso schnell wieder durchbringen. Leim muss ihnen unter die Arme greifen, damit sie den rechten Umgang mit Geld lernen.

Und jetzt kommt die unerhörte Volte, mit der Nestroy das ganze Genre der Zauber-Besserungsstücke von den Bühnen gewischt und sich selbst als neuen Star in der Theaterwelt etabliert hat: Knieriem und Zwirn lassen sich nicht bessern. Sie probieren es zwar kurz, merken aber, dass es nichts für sie ist. Als sie sich nach einer Zeit wieder treffen, erzählen sie einander, dass sie jetzt vom Betteln leben und tauschen Techniken aus, wie man am besten damit durchkommt.

Lumpazivagabundus11 1200 LaloJodlbauerFlorian Carove (Zwirn), Julius Dörner (Bedienter) © Lalo Jodlbauer

Diese überraschend antiklimaktische Wendung entzieht sich auch heute noch jeder Einordnung. Hier wird nichts gebessert, weder die Menschen noch die Gesellschaft. Bei dieser Entwicklung bleibt einem sozusagen der moralische Mund offenstehen. Robert Meyer siedelt seinen Knieriem im Bereich dieses anarchisch stillen Trotzes gegen alles Geordnete an. Er spielt eine wunderbar verschrobene Person, hinter deren Stirn es unaufhörlich arbeitet und seine Augen leuchten bei der Vorfreude auf den nächsten Rausch auf, als würde er geradewegs ins Elysium schauen. Aber was Robert Meyer als Schauspieler schafft, das gelingt ihm als Regisseur diesmal nicht. Man kann sich mit den anderen Figuren nicht so mitfreuen wie mit Knieriem. Die wahllosen Grabschereien eines Schürzenjägers, die zu Nestroys Zeiten wohl als völlig harmlos gegolten haben, finden wir heutzutage abstoßend. Wenn sich der neureiche Zwirn in seinem wallenden Biedermeier-Versace-Schlafrock (die Kostüme in dieser Szene sind fabelhaft lustig!) an zwei Schwestern heranmacht, erinnert er fatal an Harvey Weinstein. Das ganze Stück zerfällt zu einer Ansammlung aus vielen guten und lustigen Szenen, aber es lässt einen trotzdem ein bisschen unbefriedigt zurück.  

Eine Art Epiphanie

Umso bereitwilliger lässt man sich auf die Begegnung mit der nächsten Figur aus dem Reigen der faszinierenden österreichischen Egomanen ein: Schnitzlers Anatol. Der ist sozusagen Stammgast in Reichenau, so wie es auch Schnitzler selbst seinerzeit war. Genau wie sein Autor ist Anatol rastlos auf der Jagd nach immer neuen Liebesaffären. Aber anders als der Schneider Zwirn ist Anatol nicht auf der Suche nach Vergnügen. Im Gegenteil, die Wiederholung der immer gleichen Muster langweilt und quält ihn. Er sucht nach diesem einen, flüchtigen Augenblick, in dem etwas geschieht, was er nur schwer beschreiben kann, er weiß nur, dass es ihm heilig ist – eine Epiphanie.

Michael Gampe inszeniert geradlinig und ruhig vom Blatt, so können die scheinbar simplen Schnitzlerschen Dialoge ihre nach all den Jahren immer noch betörende Magie entfalten. Es beginnt und endet mit Leonhard Cohens Ballade "Take This Waltz", die eine sehnsüchtige Stimmung vorgibt, die genau zu Schnitzler passt (und deren Text von Lorca ist). Am Anfang spielt Anna Starzinger sie auf dem Cello, am Ende kommen alle Frauen, mit denen Anatol etwas gehabt hat, auf die Bühne wie die Geister und singen sie mehrstimmig. Anton Widauer spielt Anatol, er ist genauso alt wie Schnitzler es war, als er die Szenenfolge schrieb, in der er mit seinem Alter Ego nicht gerade zimperlich umgeht. In den meisten Szenen steht Anatol dumm da, weil er seine Wirkung auf die Frauen überschätzt hat. Man kann diesen Anatol pathologisieren, ihn als Narzissten sehen oder als hoffnungslos unreifen Neurotiker. Schnitzler selbst tut das auch.

Anton Widauer spielt ihn sehr selbstbezogen, mit einem heiligen Ernst sich selbst gegenüber, der ihn sehr jung wirken lässt und wenig reflektiert. Aber hätte Anton Widauer Anatol etwas mehr Selbstironie zugetraut, dann hätte er auch mehr Bitterkeit über sich selbst zeigen können. Und es wäre vielleicht auch der Kontrast zu jenen Stellen stärker gewesen, an denen er über diese gewissen Momente spricht, mit denen es ihm nun wirklich tödlich ernst ist, und denen hinterherzujagen er vielleicht bis zu seinem Tod nicht aufgeben wird.

Wahnsinnig netter Kerl

Als letzter aus der Reihe des großen Egomanen aus der Feder der sprachmächtigsten österreichischen Dichter betritt der Doktor aus Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" die Bühne. Zwei Männer sitzen in der Garderobe einer Opernsängerin, die gleich in der Zauberflöte die Königin der Nacht singen soll: ihr fast blinder Vater und ein Arzt, ihr Bewunderer und ständiger Begleiter. Dieser Arzt spricht ununterbrochen, eine Bernhard'sche Tirade aus seiner Frühphase. Monomanisch schimpft er über den Kulturbetrieb und schraubt sich in immer steilere Thesen über die Perfektion in der Kunst hinein, dann geht er scheinbar zusammenhang- und übergangslos zur minuziösen Beschreibung des Sezierens eines menschlichen Leichnams über. Stefan Jürgens versucht es völlig anders als alle berühmten, auf ihre Weise hochartifiziellen Bernhardschauspieler vor ihm.

Ignorant31 1200 LaloJodlbauerStefan Jürgens (Doktor), Julia Stemberger (Königin der Nacht), Therese Affolter (Frau Vargo), Martin Schwab (Vater) in "Der Ignorant und der Wahnsinnige" © Lalo Jodlbauer

Er legt den Doktor in einem logorrhoischen Plauderton an, lacht fast bei jedem Wort, als wolle er sich ständig für das, was er sagt, entschuldigen – und wirkt dadurch, wie schon im Vorjahr als Tartuffe, einfach wie das, was er wahrscheinlich ist: ein netter Kerl. Warum dieser charmante Publikumsliebling in Reichenau Jahr für Jahr monströs zerrissene, undurchsichtige Machtmenschen spielen muss (oder will?), die seinem schauspielerischen Temperament so gar nicht entsprechen, bleibt ein Rätsel. Sein Doktor ist zwar eine glaubwürdige Figur, aber besessen ist er nicht. Da ist sein Gegenpart, Martin Schwab, um vieles rätselhafter. Er macht aus dem fast blinden Vater der Sängerin, der jeden Abend in ihrer Garderobe eine Schnapsflasche leert, die eigentliche Hauptrolle. Wie er einzelne Worte aus der Suada des Doktors mit Aplomb wiederholt, hat genau jene schneidende Künstlichkeit und Perfektion, von der der Doktor sagt, sie sei das Einzige, worauf es ankommt. Auch Terese Affolter brilliert in der Rolle der Garderobenfrau, einer skurrilen Person, die sich als heimliche Herrscherin über die  Garderobe, und eigentlich über die ganze Oper zu sehen scheint.

In die Arme geworfen

Das alles funktioniert letztlich doch so halbwegs, wie ein sehr langgezogener, düsterer Sketch. Die Beschimpfung der Kunstwelt ("ein Misthaufen"), der Zeitungen ("Organe der Niedertracht") und des Publikums ("Gemeinheit der Zuschauer") sorgt für Gelächter. Die Bernhard’sche Sprache kann immer noch in ihren Bann ziehen, die besessene, rücksichtslose Jagd nach dem Absoluten in der Kunst besitzt eine kalte Faszination.

So wird man in Reichenau an drei Abenden von drei verschiedenen Besessenen in ihre Welt gezogen. Fühlt sich verlockt, es ihnen nachzutun, sich angesichts des bevorstehenden Weltuntergangs stillschweigend zu Tode zu saufen. Oder in immer neuen, immer schaler werdenden Verliebtheiten nach der nächsten Epiphanie zu suchen. Oder sich so lange über die Ignoranz und Dummheit der Welt in Rage zu reden, bis man vor lauter Galle und Verachtung das eigene scheußliche Ego mitauskotzt. Ein Theater, das einen so weit hinein in die Welt einzelner, selbstbesessener Menschen lockt, ist wohl tatsächlich das Gegenteil eines politischen Theater. Aber für eine kurze Weile darf man sich solche Fantasien wohl erlauben, darf sich dem bösen Geist Lumpazivagabundus in die Arme werfen – hier, in der retro-anarchischen Reichenauer Sommerfrische.  

Der böse Geist des Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt
von Johann Nepomuk Nestroy
Regie: Robert Meyer, Bühne & Kostüme: Christof Cremer, Licht: Friedrich Rom, Musik: Helmut Thomas Stippich.
Mit: Thomas Frank, Florian Carove, Robert Meyer, Sebastian Wendelin, Franz Xaver Zach, Brigitte Kren, Elisabeth Schwarz, Veronika Glatzner, C.C. Weinberger, Julius Dörner, Johannes Deckenbach.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Anatol
von Arthur Schnitzler
Regie: Michael Gampe, Bühne: Alexandra Burgstaller, Kostüme: Erika Navas, Licht: Lukas Kaltenbäck, Musik/Violoncello: Anna Starzinger.
Mit: Anton Widauer, Claudius von Stolzmann, Naomi Kneip, Johanna Arrouas, Paula Nocker, Anna Starzinger, Miriam Fussenegger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Der Ignorant und der Wahnsinnige
von Thomas Bernhard
Regie: Hermann Beil, Bühne & Kostüme: Christof Cremer, Licht: Marcus Loran.
Mit: Julia Stemberger, Martin Schwab, Stefan Jürgens, Therese Affolter, Dirk Nocker
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.festspiele-reichenau.at

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller berichtet im Standard (6.7.2024) über die Festivaleröffnung mit "Lumpazivagabundus" von Nestroy: "Manche Witze gerieten zu lahm oder waren einfach talkert. Ganz zu schweigen vom vielen Busserlgeben und Popschiklopfen, mit dem hier ein antiquiertes Geschlechterverhältnis – nicht einmal kritisch gemeint – aufgetischt wird. Das Reichenauer Publikum war insgesamt aber angetan und spendete der Zauberposse reichlich Applaus. Alle Sommertheater-Ansprüche erfüllt: Knallbunte Schauwerte, Lebendigkeit im Spiel, Operettenmelodien (Livetrio unter der Leitung von Helmut Thomas Stippich), Unterhaltung – und die Welt bleibt ganz."

Dass die Reichenauer Festspiele "gegen alle Erwartungen mit einem Nestroy enttäuschen", vermeldet Thomas Kramer in der Presse (€ | 6.7.2024) nach der Eröffnung. Die Probleme lägen an der "groben, oft klamaukhaften Rollengestaltung" der Kompagnons des Knieriem, womit "zwei der drei Hauptfiguren keine Charaktere, sondern bestenfalls Typen sind".

Zur Festivaleröffnung schreibt Christian Ude in der Kleinen Zeitung (7.7.2024): "In seiner Funktion als Nestroy-Regisseur gelingt Meyer zwar kein großer Wurf, aber eine unterhaltsame, temporeiche Inszenierung ohne angestrengt modernen Quatsch und ohne lächerliche Zauberei im Feenreich." Über den "Anatol" sagt der Kritiker: "In Reichenau bleibt man allerdings Betrachter, hineingezogen oder emotional erreicht wird man kaum. Es knistert nicht; für elegantes, sehenswertes Theater reicht es allemal."

"Insgesamt macht die Aufführung, typisch Reichenau, keine Experimente", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (10.7.2024) über "Der Ignorant und der Wahnsinnige" und hat für den Hauptdarsteller etwas vergiftetes Lob parat: "Jürgens schlägt sich wacker, ist mit dem Text aber letztlich überfordert".

"Man versteht das Problem dieses Anatol nicht so recht. Er nimmt nur dann Kontur an, wenn es um simple Regungen wie pure Eifersucht im wahrlich zünftig gespielten Einakter Abschiedssouper geht", berichtet Margarete Affenzeller im Standard (9.7.2024).

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