Ohne Verwandlung

7. Juni 2024. Die brasilianische Theatergruppe MEXA stellt Leonardo da Vincis berühmtes Fresko "Das letzte Abendmahl" nach – und nutzt es, um die eigenen Geschichten zu erzählen. Ein nahrhafter Theaterabend, im übertragenen und im wörtlichen Sinn.

Von Leonard Haverkamp

"The Last Supper" von MEXA © Werner Strouven

7. Juni 2024. Da warten sie schon, an der langen Tafel aus aneinander gereihten Bierbänken. Nicht ganz 13, und der Sohn Gottes ist auch nicht auszumachen. Dennoch erkennt man es wieder, das berühmte Bild vom letzten Abendmahl. Im Hintergrund wird da Vincis Wandgemälde auf einer Leinwand variiert: die Simpsons, Game of Thrones, das Super-Mario-Universum – als hätte man die Bibelpassage einmal durch die Popgeschichte gepromptet. 

Tafel voller Betrogener

Ein letztes Abendmahl, erklärt Aivan in rotem Abendkleid. Danach werde sich die Gruppe auflösen. Zurück ins eigentliche Leben. Einige seien schon froh, keinen Text mehr lernen zu müssen. Der Stoff passt in mehrerer Hinsicht. Betrogene seien sie ohnehin alle. Wie das zu verstehen ist, dürfte klar sein: Vor dem Einlass hatte der künstlerische Leiter Tobias Brenk im Foyer der Kaserne Basel den Hintergrund des brasilianischen Theaterkollektivs erläutert: Die Gruppe sei inklusiv, einige Personen seien trans, andere hätten auf der Straße gelebt.

Manche von ihnen sind gläubig, andere nicht. Aber alle haben sie einen persönlichen Bezug zum Bild von jenem Abend, an dem Jesus Brot und Wein zu Körper und Blut erklärt ("Dies ist mein Leib!"). Einer mochte es schon, bevor die Oma von Jesus erzählte. Eine Mutter zerstörte es, weil die Nachbarin sagte, dass dahinter Dämonen wohnten. Abwechselnd nehmen sich die Performer*innen die Bühne, um ihre Geschichten zu erzählen. Patrícia (Borges) widmet dem Gemälde, das sie gegen Parfüm, Extensions und Nagellack ertauscht hat, beispielsweise eine Lip-sync-Performance. Trotz Tanz, Gesangseinlagen und gestenreichen Ansprachen wirkt die Tischgesellschaft locker wie ein Abendessen unter Freund*innen.

Niemand will Jesus, alle wollen Judas sein

Doch geht es keineswegs nur harmonisch zu. Die Kollektivarbeit führt auch zu Dissens, wie Videos des Probenprozesses zeigen. Eingebrachte Ideen werden von den Mitspielenden übergangen oder veralbert. Aivan bietet an, die Regie zu übernehmen – aber nein, "das machst du doch ständig". Immer wieder verliert sich die Tischgesellschaft in einem Stimmengewirr, in dem die Übertitel verstummen, die das brasilianische Portugiesisch übersetzen. Mal muss sogar das Publikum helfen und per Applaus abstimmen, wer denn nun Judas sein darf. 

LastSupper 2 C Werner StrouvenWer darf der Verräter sein? © Werner Strouven

Trotz der Neckereien und der ironischen Grundhaltung blitzt in den Streits der Ernst aus den spielenden Existenzen hervor. Für eine Person war MEXA ein Neuanfang, als sie in der Unterkunft für wohnungslose Personen zur Gruppe fand, über die sich das Kollektiv 2015 nach queer- und frauenfeindlichen Gewaltausbrüchen gründete. Vorher habe sie auf der Straße gearbeitet, dann gelebt. Eine andere Person habe MEXA vor dem Sterben bewahrt. 

Aber auch das Gruppenselbstverständnis sorgt für Streit. Eigentlich sollte die Geschichte einer Gruppe, die vor der Auflösung steht, reine Fiktion sein. Plötzlich scheint daraus doch Ernst zu werden.

Zeitgemäßes Bühnen-Gemälde

Tatiane (Arcanjo) ist verzweifelt. Trotz Ausbildung im Konfliktmanagement kann sie den Streit nicht schlichten. So bröckelt der Abend, der alle zusammenbringen sollte, dahin. Doch während die Tische von der Bühne getragen werden, stellen ihre Mitperformer*innen Stühle um die frei stehende Bühne herum. Gedeck, Blumen und Obstschalen lassen sie zur gigantischen Tafel werden. Das Publikum strömt sofort zu den frei gewordenen Plätzen. Von der Bühne duften Hähnchen, Ofenkartoffeln und andere Leckereien. Besteck klackert, Gläser klimpern.

LastSupper mitPublikum LeoHaverkampDas Basler Publikum an der Bühnentafel © Leonard Haverkamp

In der Mitte der Tischbühne wird weiter performt. Dieses Bild sollte in den Museen hängen! Denn so selbstverständlich wie 13 weiße Männer an einer Tafel auf einem Renaissancegemälde sitzen, so selbstverständlich mischen sich die queeren Körper unter das Basler Publikum. Passend dazu findet Aivan: "Ich muss mich in nichts verwandeln. Das ist mein Leib."

Der Abend findet dann noch so einige Enden (alle bekommen ihres). Zum Schluss wird ein bühnenlanger Kuchen hereingetragen, von dem natürlich alle ein Stück abhaben dürfen. Ob sich MEXA nun auflöst oder nicht, Braunschweig und Berlin, gehet und schauet!

Last Supper
von MEXA
Regie, Dramaturgie: João Turchi, Videoperformer, Video-Kreation, technische Leitung: Laysa Elias, Regie, Bewegungsassistenz: Lucas Heymanns, Lichtdesign: Iara Izidoro, Produktion, künstlerische Leitung: Lu Mugayar, Tonspur, Sounddesign: Podeserdesligado, Executive Producer: Francesca Tedeschi, Kostüm: Anuro Anuro, Cacau Francisco, Szenografie: Vão, Stimmliche Leitung: Dourado, Dramaturgische Mitarbeit: Olivia Ardui, Forschung, künstlerische Beratung: Guilherme Giufrida.Performance, Ko-Kreation: Aivan, Alê Tradução, Anita Silvia, Daniela Pinheiro, Dourado, Laysa Elias, Lucas Heymanns, Patrícia Borges, Podeserdesligado, Suzy Muniz, Tatiane Arcanjo.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Premiere im deutschsprachigen Raum am 6. Juni 2024 

www.kaserne-basel.ch 

Kommentar schreiben