Hinter 1000 Türen eine Welt?

2. Juni 2024. Hermann Hesses "Steppenwolf" hat ganze Generationen zu drogenschwangeren Selbstfindungstrips inspiriert. In Basel, wo der Roman großenteils entstand, hat Lies Pauwels nun kurzen Prozess mit dessen Personal gemacht, öffnet dafür aber die Pforten zu Hesses Magischem Theater.

Von Valeria Heintges

"Der Steppenwolf" in der Regie von Lies Pauwels am Theater Basel © Ingo Höhn

2. Juni 2024. Freundlich wird das Publikum aufgefordert, seine Persönlichkeit an der Garderobe abzugeben. Aber keine Angst: Am Ende der Vorstellung von Hermann Hesses "Steppenwolf" am Theater Basel kommen alle Persönlichkeiten zu ihren Besitzern zurück. Jan Bluthardt steht da mit vergrößerten Garderobenmarken um den Hals und ruft alle neuen, reinen Identitäten einzeln aus. Dazwischen gibt es zwei Stunden lang Hesses "Steppenwolf" in der Regie von Lies Pauwels.

Zwischen Mensch und Wolf

Darin ist Harry Haller selbst verfünffacht, manchmal vierfach. Aber sonst treten in dieser Bearbeitung von Joachim Lux keine benannten Figuren mehr auf: nicht die Prostituierten Hermine und Maria, nicht Freund Pablo. Es gibt nur den Steppenwolf, wie sich Harry Haller immer nennt, mit seinem Leiden am Leben, an den Menschen, den Umständen und der Sehnsucht nach dem Tod. Mal im weißen Anzug, mal im schwarzen, mal im brombeerfarbenen; mal mit Jacke, mal ohne und mal ganz in Unterwäsche.

Doch auch wenn die Personen weggestrichen wurden, so sind doch die Hesse’schen Motive alle da: die Lust am Selbstmord und das Leid am Leben, an der Welt, am Krieg. Denn dieser Steppenwolf ist eine zerrissene Persönlichkeit zwischen Mensch und Wolf. Er will Ruhe, Zufriedenheit und Bürgerlichkeit und sehnt sich dann wieder nach Außenseitertum und Andersartigkeit, nach Exzess, Rausch und Künstlerdasein. Die beiden Seiten können nur auf zwei Weisen miteinander versöhnt werden: im Selbstmord. Oder im Humor. (Dass die Jugend den Roman, den Hesse weitgehend in Basel schrieb, so lange missverstand als Aufruf zu Drogenkonsum und Selbstmord und den Humor gar nicht sehen konnte, quälte den Autor sehr.)

Verheißungsvolle Türen im Magischen Theater

In Basel nun, so die Erklärung, soll der Humor zu seinem Recht kommen. Aber er hat es schwer im "Magischen Theater", wie ja im Roman jener Ort heißt, an dem sich Hallers Persönlichkeit erneuern soll. Zwei Conférenciers versuchen, für Unterhaltung zu sorgen. Etwa mit Spielchen in der Preisklasse von "Ich packe in meinen Koffer", "Reise nach Jerusalem" oder "Hangman". Doch selbst diese harmlosen Kindergeburtstags-Hits verlieren ihre Leichtigkeit, wenn der Koffer gepackt wird für die Reise in den Tod, wenn mitgenommen werden sollen Schwermut, Schmerzen, die Sehnsucht nach Tod und Ewigkeit. Oder wenn von "Hangman" nur noch haufenweise Galgen übrigbleiben. Da hilft es auch nicht, dass Jan Bluthardt gekonnt-ungekonnt eine Slapsticknummer einbaut oder die depressiven Männer rote Nasen und wilde Clownsperücken tragen, wenn sie von den Folgen des Krieges sprechen.

Mit Goethe oder mit Bordellbesuch? Andrea Bettini © Ingo Höhn

Es ist selbst ein Zwitter, dieses Magische Theater. "Willkommen! Du bist in der Hölle!" heißt es. Aber auch: "Das ist die Schule des Humors." Im Bühnenbild von Johanna Trudzinski öffnen sich hinter einem blauschillernd-grau-gestreiften Steinboden auf geschwungener Bühne elf verheißungsvolle Türen. Die könnten zu einzelnen Vorstellungsräumen führen – oder zu den Zimmern der Prostituierten. Denn dieses Theater, es wird auch ein Bordell sein. Die Voraussetzungen für eine gute Zeit werden also ständig unterlaufen, auch mit lauter Musik (Bart Demey, Tania Gallagher) – aber oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Das Ensemble ist Trumpf

Doch hat nicht nur der Steppenwolf Mühe, zufrieden zu sein. Denn das Spiel mit Illusionen, mit Motiven und Gemütszuständen ist allzu überladen und textlastig. Gerade zu Beginn wären ein paar Striche und genaueres Erarbeiten nötig gewesen, um die Situation auch für Nicht-Kenner des Werks verständlicher zu machen. Doch steigert sich das Geschehen später zu einer stimmigen Nummernrevue im Theater-Bordell.

Ein Trumpf ist das Ensemblespiel; zudem berichtet Sven Schelker wunderbar blasiert-verdruckst von seinem Halbguten-Tag. Und Jan Bluthardt lässt zum Report vom Mann, der nicht gelernt hat, zufrieden zu sein, immer wieder wölfisches Zähnefletschen durchblitzen.

Und gerade als sich der Gedanke nicht mehr verdrängen lässt, dass Miriam Joya Strübel als einzige Frau von den vier männlichen Spielern doch ganz schön an die Wand gedrängt und zum Schweigen gebracht wird, nimmt sie Platz auf einem Stühlchen, dreht sich den Stoff ihres Spitzenrocks an eindeutiger Stelle zu eindeutiger Form zusammen – und masturbiert in aller Seelenruhe. Während die Herren, eben noch im Anzug, plötzlich in Damenkleidern dastehen und sich lasziv auf dem Boden wälzen. Und wer ist jetzt wer und was? Sind wir nicht alle ein bisschen Steppenwolf?

Der Steppenwolf
von Hermann Hesse, Fassung: Joachim Lux
Inszenierung: Lies Pauwels, Bühne und Kostüme: Johanna Trudzinski, Komposition: Bart Demey, Tania Gallagher, Lichtdesign: Mario Bubic, Dramaturgie: Timon Jansen.
Mit: Miriam Joya Strübel (alternierend: Nairi Haidodo), Sven Schelker, Fabian Dämmich, Andrea Bettini, Jan Bluthardt, Statisterie Theater Basel.
Premiere am 1. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

Die Fokussierung auf den Kernteil des "magischen Theaters", dieses bordellartigen Zauberraums, wo Harry Haller mit den tausend Facetten seines Ichs konfrontiert wird, leuchte ebenso ein wie die Reduktion des Romans auf 33 Seiten, so Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (3.6.2024). Die Idee mit den Kinderspielen, verliere sich im Unverbindlichen, wirke unbeholfen. "Was bleibt hängen von diesem 'magischen Theater'? Etwas Schwulst, viel Selbstmitleid, ein depressiver Hedonismus - und die 'Schule des Humors' als Drohung."

"Es bleiben der Konflikt zwischen Kultur und dem Wölfischen, sehr viel Ennui und Zeitanalysen. Und trotz starker Kürzungen sehr viel Text", so Annette Hoffmann in der Badischen Zeitung (4.6.2024). In den besseren Momenten sei diese Inszenierung eine Reflexion über den aktuellen kriegerischen Zustand der Welt. "Doch auf zwei Stunden gesehen, fehlt es ihr an Struktur."

Im Regiekonzept bleibe die Interaktion auf der Strecke, schreibt Stefan Strittmatter in der Aargauer Zeitung (3.6.2024). "Die Akteure reagieren nicht aufeinander, zu beschäftigt sind sie mit der Selbstzerpflückung." Zu fest steckten sie auch "im Korsett aus Hesses Wortflut, die sie transportieren müssen".

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