Nur noch die Hälfte übrig

6. Juni 2024. Nach der Pandemie hatten die Theater Angst, dass ihr Publikum nicht wiederkommen würde. Mittlerweile hat sich die Lage vielerorts normalisiert. Trotzdem gibt es einen Publikumsschwund, sagt der Kulturmanager Rainer Glaap, der Theaterstatistiken von siebzig Jahren ausgewertet und seine Erkenntnisse jetzt als Buch veröffentlicht hat.

Interview von Sophie Diesselhorst

Bevölkerungswachstum und Publikumsschwund © Rainer Glaap

Der Publikumsschwund, der auch Ihrem jüngst erschienenen Buch den Titel gibt – nach der Pandemie als Gespenst an die Wand gemalt, wird dieser Tage sein Rückgang beschworen. Wo liegt die Wahrheit?

Rainer Glaap: In der Mitte. Das Problem ist, dass wir momentan viel anekdotische Evidenz haben. Ich gucke mir gerne Saalpläne in Webshops an, da sehe ich sehr unterschiedliche Situationen. Generell gilt: Es gibt zu wenige Zahlen und sie kommen zu spät. Der Bühnenverein ist zwei Jahre hinterher mit der Veörffentlichung seiner Statistik. Deshalb habe ich für mein Buch auch nur die Statistiken bis zur Spielzeit 2018/19 ausgewertet, weil die letzten veröffentlichen Statistiken noch viel zu sehr von den Ausfällen der Pandemie geprägt sind. Welche Einschnitte die Pandemie wirklich bedeutet hat, werden wir erst in frühestens zwei Jahren sehen.

Welche Statistiken haben Sie für Ihr Buch ausgewertet?

Vor allem natürlich die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins, die seit Mitte der 1960er Jahre jährlich erscheint. Die ersten Jahrzehnte musste ich abfotografieren beziehungsweise abtippen, um sie in Excel-Dateien vergleichbar zu machen. Mittlerweile gibt es die Statistik immerhin als PDF. Aber ganz ideal ist das immer noch nicht für eine vergleichende Auswertung. Auch inhaltlich habe ich Kritikpunkte: Die Statistik täuscht eine Genauigkeit vor, die sie de facto nicht bietet, denn es fehlen jedes Jahr etliche Häuser, die sich nicht mit ihren Zahlen zurückgemeldet haben. Im Fluss der großen Zahlen lassen sich über 70 Jahre dann aber doch einige Erkenntnisse ablesen.

Mit welchen konkreten Fragen und Thesen sind Sie an die Auswertung der Statistik herangegangen?

Meine Arbeitshypothese war, dass die Pandemie ein Brandbeschleuniger war für Tendenzen, die es schon vorher gab, die aber so ein bisschen im Toten Winkel lagen. Denn über den Niedergang spricht niemand gerne. Mein erster Befund war dann überraschenderweise, dass das eigentlich nicht stimmt oder der Niedergang zumindest nicht so drastisch war. Aber ich hatte einen Denkfehler gemacht: Ich hatte die Wiedervereinigung nicht eingerechnet und die vielen, vielen potentiellen Zuschauer, die dadurch eigentlich hätten dazukommen müssen. Ich habe also die Theaterstatistiken aus der DDR noch dazugenommen, aus denen sich ergab, dass der Theaterbesuch in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung drastisch eingebrochen ist. Im Endeffekt ist der Publikumsschwund also doch sehr viel realer als ich zunächst dachte, und beträgt seit dem Höhepunkt der Zuschauer*innenzahlen 1965 bis 2018/19 mehr als 50 Prozent.

Welche Theater-Sparte ist in diesem miserablen Szenario noch die zukunftsträchtigste? 

Das Kinder- und Jugendtheater ist seit 15-20 Jahren stabil auf einem Niveau, die klassische Musik auch, wobei das Konzertpublikum natürlich im Durchschnitt ziemlich alt ist. 

Wie schneidet das Schauspiel im Vergleich zu anderen Theatersparten ab? 

Die Zuschauerzahlen im Schauspiel sind seit dem Höhepunkt Mitte der 1960er Jahre abgeschmolzen auf etwa die Hälte. Es scheint für viele Gesellschaftsschichten nicht mehr zum guten Ton zu gehören, ins Theater zu gehen. Allerdings umfasst die Theaterstatistik des Bühnenvereins natürlich auch nur die staatlichen Häuser. Sowohl die Gastspiel-Theater als auch die Freie Szene sind darin nicht vertreten. Ich selber bin in der Provinz mit Gastspiel-Theater aufgewachsen und wäre vielleicht sonst gar nicht zum Theater gekommen. Deshalb ist mein vielleicht wichtigstes Desiderat auch eine umfassendere Kulturstatistik, die der Vielfalt der Kulturlandschaft Rechnung trägt und eher beim BKM angesiedelt sein sollte als beim Deutschen Bühnenverein: Eine Kulturstatistik, die auch in andere Bereiche der Gesellschaft guckt. Entschlackt und methodisch geupdatet, damit die Theater auch für ihr Marketing gezielter damit arbeiten können.

Welche Perspektiven auf die Zukunft der Theaterlandschaft in Deutschland ergeben sich aus Ihrer Auswertung? 

Ich wollte kein Buch über Kulturpolitik schreiben. Aber die Zahlen haben natürlich eine gewisse Brisanz. Ich denke: In einer Situation, in der wir uns sowohl stärker auf Kulturkampf von rechts als auch auf Verteilungskämpfe um Geld einstellen müssen, bringt es nichts, sich in die Tasche zu lügen. Die Theater haben ein Relevanzproblem. Viele Menschen werden nicht mehr erreicht. Gleichzeitig hat sich der Betriebszuschuss seit den 1950er Jahren fast verzehnfacht. Natürlich sind das alles immer noch Peanuts im Vergleich zu dem Geld, das zum Beispiel das Öffentlich-rechtliche Fernsehen bekommt. Aber ich finde, viele Positionen, die bereits 2012 das Buch “Kulturinfarkt” aufgeworfen hat, sind heute mehr denn je diskussionswürdig. Es muss der Gesellschaft begründet werden, warum eine Oper für Abermillionen saniert werden muss, in die nur ein Bruchteil der Stadtgesellschaft geht. Oder die Oper muss sich der Stadt eben stärker öffnen – ich hoffe, dass das der Weg sein wird. Denn die Kultur soll ja nicht abgeschafft werden.

Rainer Glaap hat Germanistik und Theaterwissenschaften in Köln und Houston/Texas studiert. Bei Theater der Welt 1981 hat er seine ersten Erfahrungen am Theater gesammelt. Dann folgten 20 Jahre in der IT-Industrie. 2002 gründete er www.theaterportal.de, eine Datenbank mit einem Veranstaltungskalender aller Aufführungen im deutschsprachigen Raum. Von 2005 bis 2019 war er Product Marketing Manager für EVENTIM.Inhouse und verantwortete zusätzlich die Bereiche Dokumentation und Lokalisierung. Sein Buch “Publikumsschwund? Ein Blick in die Theaterstatistik seit 1949" erscheint dieser Tage im Springer Wissenschaftsverlag.  Foto: Wendy Alkire

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Kommentare  
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Die wichtigste Frage ist doch: gibt es Gegenbeispiele? Theater oder Opern, die kein Problem haben? Häuser, die sich "der Stadt geöffnet" haben? Was für Maßnahmen, Konzepte, Ideen wurden umgesetzt? Gab es Versuche, die nicht funktioniert haben? Auch aus denen können andere Häuser lernen.
Interview Publikumsschwund: Logik
"Es muss der Gesellschaft begründet werden, warum eine Oper für Abermillionen saniert werden muss, in die nur ein Bruchteil der Stadtgesellschaft geht."

Entweder ist das nicht erst gemeint, oder nicht zu Ende gedacht oder man muss schlichtweg rufen: "Auweia, Argument!"

Gesetzt, das wäre so gemeint, wie es da steht, fielen mir noch eine Menge anderer Ausgaben, die "begründet werden" müssten, wenn man der aufgestellten Logik folgte. Beispielsweise Fußballspiele, die sehr kostenintensiv von der Polizei begleitet werden müssen, weil "nur ein Bruchteil" der Fans gewaltbereit ist. Beispielsweise Spitzenforschung, wo "nur ein Bruchteil" der Lehrstuhlinhaber die Gelder verteilt. Beispielsweise öffentlicher Hochwasserschutz, für Gebiete, in denen "nur ein Bruchteil" der Bevölkerung wohnt. Beispielsweise bestimmte Fähr- und Zugverbindungen an entlegenen Orten, die "nur ein Bruchteil" der Passagiere nutzt. Beispielsweise GEZ-finanzierte Öffentlich-Rechtliche, von deren Programm für die meisten oft "nur ein Bruchteil" interessant ist. Beispielsweise Barrierefreiheitsinvestitionen, die "nur ein Bruchteil" der Menschen benötigt. Beispielsweise kostspielige Medizin für seltene Erkrankungen, an denen "nur ein Bruchteil" der Patienten leitet. Beispielsweise Denkmalschutzförderung, wovon "nur ein Bruchteil" der Gebäude und Eigentümer profitiert.

Andersherum: Was für ein Menschen-, ja Gesellschaftsbild steht hinter der Logik, überproportionale Ausgaben für Teilgruppen ohne Berücksichtigung des gesellschaftlichen Zusammenhalts infragezustellen? - Das Hinterfragen von Ausgaben an sich ist richtig. Verschwendung ist zu vermeiden. Inkompetentes Controlling und blauäugige oder gar vetternwirtschaftliche Vergabe muss eingehegt und beseitigt werden. (Die Grenzen sind fließend.) Wenn man es für nötig hält, soll man auch fleißig generierte Sekundäreinnahmen (Hotelübernachtungen, etc.) aufaddieren. Das wird der Sachlage aber im Kern nicht gerecht.

Denn.

Gesellschaft hat Werte. Gesellschaft funktioniert nur Zusammen. Stichwort: Solidarität. Stichwort: Teilhabe. Hier eine Sparte, Ausgabe, Nutzergruppe gegen die andere auszuspielen, ist mindestens fahrlässig.

Opernkarten gibt es schon ab 3 Euro. Das Modell "Caffé sospeso" sollte ruhig auch für Theater üblich werden. - Insofern: Einerseits muss es gar kein Problem sein, das "nur ein Bruchteil" der Stadtbevölkerung (was ist eigentlich mit der vom Land?) in die Oper geht bzw. bestimmte Investitionen vorrangig nutzt (zudem: es stünde ja allen offen). Und wenn man das für ein Problem hält, dann kommen wir zur eigentlichen Frage zurück: Warum es denn eben nur ein Bruchteil ist. Das kann man ja ändern, und wird ja auch von vielen Häusern sehr aktiv und produktiv angegangen. Der Friedrichstadtpalast ist da ein schönes Gegenbeispiel (auch wenn der ebenfalls nur von einem Bruchteil der steuerzahlenden Bevölkerung besucht wird; womit nebenbei noch darauf hingewiesen sein darf, dass vermutlich der opernbesuchende Bruchteil der Bevölkerung der ist, der mehrheitlich zum Steueraufkommen beiträgt).

Letztes Argument: Mit einer geschickten Regulatorik fließen die "Abermillionen" nicht in die Taschen von Unternehmensberatern, sondern von lokalen Handwerksunternehmen. Die sind es am Ende, die eine Oper sanieren. Und mir fallen viele schlechtere Baustellen ein, als eine Oper zu sanieren. - Dass Handwerkstraditionen wie Blattgoldbelegung, Glasschliff und die Stuckateurskunst weiterleben, gepflegt und an die folgende Generation weitergegeben werden, hat etwas mit Geschichte, mit Werten, mit Beieinander, mit Staunen, mit Könnerschaft, mit Lebenswegen und -kreuzungen tu tun. All das ist mir Abermilliarden wert.
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