S wie Solidarität

11. Mai 2024. Seit die Konferenz zum ersten Mal stattfand, 2018 initiiert am Theater Bonn von Nicola Bramkamp, damals dort Schauspieldirektorin, hat sie Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit als Themen mit Wirkmacht in der Kulturlandschaft platziert. Im Rahmen des Theatertreffens fand nun die 6. Ausgabe statt. Ein Halbzeitbericht.

Von Katrin Ullmann

Burning Issues meets Theatertreffen in den Berliner Sophiensälen © Katrin Ullmann

11. Mai 2024. "Ich möchte den Blitz!", "Wir müssen das R tauschen", und "Das G muss noch gedreht werden". Da muss jetzt mal ein bisschen Ordnung rein in die goldenen Burning-Issues-Signature-Ballons. Fürs Gruppenfoto. Bevor es losgeht zum gemeinsamen Gang rüber zum Haus der Berliner Festspiele. "Sieben Kilometer sind das" sagt Luca Sonnen – sie hat gemeinsam mit Nicola Bramkamp die künstlerische Leitung von Burning Issues inne – und ermuntert "Das ist irgendwie weit, aber es ist auch irgendwie warm".

Nur gut ein Dutzend Menschen setzen sich am Ende des Vormittagsprogramms, das in den Sophiensälen stattfindet, dann in Bewegung. Schnellen Schrittes und immer der gelben Fahne nach. Schätzungsweise 150 waren gekommen, um den Impulsvorträgen und Keynotes zuzuhören.

Jedes Jahr Zittern

Mit "Solidarität mit unserer Gegenwart" ist diese, inzwischen sechste Burning-Issues-Ausgabe überschrieben. Die Konferenz ist ein wichtiger, nicht mehr wegzudenkender Branchentreff für die (freie) Theaterszene, einst in Bonn initiiert von Nicola Bramkamp und Lisa Jopt. Der Name ist Programm, die brennenden Themen sollen verhandelt werden oder zumindest mal laut ausgesprochen werden. Umso erschreckender hallt dann eine Anmerkung aus Nicola Bramkamps Eröffnungsrede nach, dass die Finanzierung der Veranstaltung jedes Jahr aufs Neue mit einem "Zittern und Bibbern" verbunden sei. Aber es hat noch mal geklappt und mit einer halben Stunde Verspätung – Gründe sind nicht etwa Bäume auf den Gleisen, sondern ein Hang-Over (von der gestrigen SoliDare Party im DT) und ein technisches Problem – startet die Veranstaltung.

Die Signaturballons sortieren: in den Zuschauerrängen des Festsaals der Sophiensäle © Katrin Ullmann

Dieses Jahr also zum Thema Solidarität. Ein schönes, ein großes Wort und auch ein Reizwort in einer Branche, in der die Ressourcen knapp sind. Und zwar nicht nur die finanziellen Ressourcen, sondern auch die Ressourcen an Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Zwei Begrüßungsansprachen später – per Video von Claudia Roth (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien) und live von Andrea Niederbuchner, Co-Leiterin der Sophiensäle und Gastgeberin – folgen dann die Impulsvorträge. Alle Beiträge werden übrigens live in Deutsche Gebärdensprache übersetzt – und im Netz auch Englisch untertitelt. Zudem gibt es gemütliche Sitzkissen und Ansprechpartner*innen für Menschen mit Beeinträchtigung.

Schwebende Wortwolken

Die Keynotes sind eine Mischung aus Bestandsaufnahmen und Forderungen, sind ein Austarieren zwischen Realität und Utopie. Sichtbar gemacht wird absolut wertvolle Arbeit, aber anregende Impulse oder Reibungsflächen bieten die Vorträge nicht. Der Szenografie-Bund präsentiert sein 2. Reform-Paket ("Faire Arbeit!, Faire Honorare! Innovatives Theater!") und Luise Würth von FAIRSTAGE beschreibt Theater ernüchtert als "oft anti-demokratischen Raum", wo doch "Demokratie von Beteiligung lebt". Ihr anschließender Versuch einer Publikumsbeteiligung mit dem Umfragetool Mentimeter muss allerdings verschoben werden. "Something went wrong!" meldet das auf eine Leinwand projizierte Display.

Als die Publikumsumfrage schließlich stattfinden kann – dann eben nach der Präsentation der Forschungsergebnisse mit Handlungsempfehlungen von Cilgia Gadola (Projektleitung Systemcheck, Bundesverband Freie Darstellende Künste) – beugen sich die Teilnehmer*innen einige Minuten lang still über ihre Smartphones, bis auf der Projektionsfläche ein paar unkommentierte, wenig erhellende Balkendiagramme auftauchen und einige bunt schwebende Wortwolken zum Thema "Solidarität". Für den einen bedeutet das Wort "Mitmachen", für die andere "Vertrauen". für eine dritte wiederum "Beteiligung". Mmh.

Podium: Thea Hoffmann-Axthelm, Cilgia Carla Gadola, Azeret Koua, Lisa Mangold, Mable Preach und Samuel Koch © Katrin Ullmann

Die Analyse von Lisa Mangold, Gewerkschaftssekretärin und Leitung des Bereichs Kunst und Kultur, ver.di, immerhin benennt explizit den Widerspruch zwischen "künstlerischem Arbeiten als ein zutiefst individuelles Anliegen" und der prekären "Arbeitssituation als eine kollektive". Ihr rechnerisches Experiment, die Honorarempfehlungen für Selbstständige an der Entgelttabelle des Öffentlichen Diensts zu orientieren, ergibt am Ende 211 Arbeitstage im Jahr und einen Stundensatz von 48,– €. Nachzurechnen auf www.basishonorare.de. Ein surreales Auflachen bricht aus den etwa 150 Teilnehmer*innen.

Die Reihen sind offenbar voll besetzt mit vereinigter – solidarischer? – Selbstausbeutung. Es ist auch Lisa Mangold klar, dass freie Kreative in den Darstellenden Künsten tatsächlich nur einen Bruchteil dessen verdienen und "dabei noch auf die Steuerbegünstigung einer Spende verzichten" und so appelliert sie abschließend an ein kollektives Auf-die-Straße-gehen.

Community-Arbeit, Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit

In der Pause gibts Kaffee, Tee und vegane Croissants, Gespräche, Infomaterial und eine Schlange vorm Klo. Das anschließende Panel ist mit Mable Preach (Regisseurin, Performerin und Choreografin), Samuel Koch (Schauspieler), Azeret Koua (Regisseurin, Teil des künstlerischen Leitungsteams des Theaterhaus Jena ab der Spielzeit 2024/2025), Lisa Mangold und Cilgia Gadola hoch interessant und divers besetzt. Doch so richtig in Gang kommt das Gespräch nicht, was zum einen womöglich am fehlenden Fokus, zum anderen auch daran liegen mag, dass die Moderatorin Thea Hoffmann-Axthelm immer mal wieder vergisst, ihren Gesprächspartner*innen konkrete Fragen zu stellen. Um Solidarität geht es bei dem Panel dabei auch nicht mehr oder vielleicht doch?

Vielmehr führt die Diskussionsrunde mit dem recht kryptischen Titel "Entschuldigung, wo ist hier noch mal der Ausgang? Wegbeschreibungen von Theorien hin zur Praxis" in alle möglichen, spannenden Richtungen, streift Themen wie Community-Arbeit, Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit, kollektives Arbeiten, Hoffnung auf Veränderung, Geld, Kommunikation, Transparenz und vor allem von Samuel Koch so erschütternde wie feinsinnig-humorvoll vorgebrachte Erfahrungsberichte.

Eilende Zeit

Allein: Für Konferenz-Teilnehmer*innen wird die Gesprächsrunde leider nicht geöffnet. Wo ist sie denn plötzlich hin, die Solidarität? Doch die Zeit eilt. Sieben Kilometer sind es schließlich bis zum Festspielhaus. Also werden heiter die Ballons verteilt und die Teilnehmer*innen fürs Gruppenfoto arrangiert. Ich nähme das "S" für Solidarität. Davon gibt es im "Burning Issues"-Schriftzug immerhin drei.

Burning Issues meets Theatertreffen 2024
Künstlerische Leitung: Nicola Bramkamp und Luca Sonnen

Kuration: Nicola Bramkamp, Nora Hertlein-Hull, Thea Hoffmann-Axthelm, Teresa Monfared und Luca Sonnen, Produktionsleitung (Organisation und Koordination): Ann-Kristin Meivers, Produktionsleitung (Finanzmanagement): Franziska Bald, Konzeption und Text: Martin Bien, Organisatorische Mitarbeit: Anne Eigner und Anna Tenti, Grafik-Design und Social Media Management: Denise Neuen

burning-issues.de

Kritikenrundschau

Die Konferenz informiere "über alle möglichen Missstände", so Barbara Behrendt im Deutschlandfunk Kultur (12.5.2024), lege "unzählige Fakten offen" und übe "den breiten Schulterschluss". Dabei bleibe sie allerdings hinsichtlich der Hierarchieebenen "brav unter sich". Es fehlten die Kulturpolitiker*innen und Intendant*innen auf den Podien. Die "einst renitente Veranstaltung" sei zu einem "allzu kuscheligen, internen Branchentreff" geworden, so Behrendt.

Kommentare  
Bericht Burning Issues: U wie Unverschämtheit
Leider fehlt es diesem Bericht, wie so oft bei nachtkritik, an Solidarität mit den Theaterschaffenden. Obwohl der Szenografiebund ihnen hat große Hilfe zukommen lassen während der Pandemie, können sie hingegen noch nicht einmal alle Vortragenden namentlich nennen. Es ist eine Unverschämtheit sich in dieser süffisanten Art über die Bemühungen Theaterschaffender zu erheben, die in jahrelanger, ehrenamtlicher Arbeit versuchen, die Umstände im Bereich der Darstellenden Kunst zu verbessern.
Es bleibt zu wünschen, dass ein solches Medium wie das ihre, in Zukunft wieder von einem vernünftigen Feuilleton abgelöst wird, das neutralen, ernsthaften Journalismus betreibt, Namen nennen kann, nicht tendenziös und geschmäcklerisch ist und nicht mehr auf die Solidarität derer angewiesen ist, über die man sich dann herablassend und verhöhnend äußert. Ich nehme das S, wie Schande und sage: Pfui!

+++
(Anm. Red.
Lieber Oliver Knick,
Ihr Ärger ist uns etwas unverständlich. Jeder journalistische Bericht muss doch eine Auswahl treffen, um seinen Gegenstand abzubilden. Und dabei fällt dann vieles weg, zumal wenn der Gegenstand wie diese Konferenz eine längere Historie hat, mehrere Schwerpunkte und entsprechend eine ganze Anzahl an Akteur*innen.
Mit der Bitte um Verständnis für die eigene Arbeit und freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
Bericht Burning Issues: R wie Respekt
Lieber Oliver Knick,

ich würde Sie gerne dazu einladen, die eingeforderte Solidarität und den von mir noch gratis dazu gewünschten Respekt, auch gegenüber den journalistisch tätigen Kolleg:innen auszuüben.

Wenn man keine kritische und befragende Berichterstattung über eine Konferenz mehr aushält, weil die Teilnehmenden jahrelange, ehrenamtliche Arbeit hinter sich haben und die Themen so wichtig sind, dann setzt man meiner Ansicht nach den Wert und die Bedeutung der Konferenz herab.
Dann sollten wir auch vor jeder Premiere verlesen, wie lange die Proben nicht möglich waren, weil jemand erkrankt oder weil die Dispo nicht perfekt war. Vielleicht sollten wir alle einfach aufhören Theater zu machen, weil es einfach viel zu anstrengend ist und alle viel zu unfreundlich zu uns sind.
Wenn Sie Kritik fordern, die keine Spur vom schreibenden Subjekt mehr in sich trägt, müssen Sie eventuell eine K.I. entwickeln lassen, die Ihnen das liefern kann. Eventuell trägt diese dann trotzdem noch Spuren des Entwicklers in sich - aber die wird man nicht mehr so gut nachweisen können.
Und, zuletzt: Ich habe großartige Erfahrungen damit gemacht, Nachtkritik die nicht aufgeführten Beteiligten noch nachzuliefern und habe sie jedes Mal kurz darauf im Infokasten wiedergefunden.

Mit respektvollen Grüßen
Bericht Burning Issues: Gegenwarts-Analyse 3000
Das Lustige an dem Beitrag von Oliver Knick ist ja, dass er glaubt, er wisse ganz genau Bescheid, wie es nun wirklich wirklich bei ihm (auf der von ihm organisierten Veranstaltung) sei. Dass der Hausbesitzer stets und immer viel besser Bescheid wisse über alle Dinge in seinem Haus, als wenn ein aufmerksamer Gast mit kritischer Distanz ihn besucht. Als ob wir wüssten, wie wir riechen. Als ob wir wüssten, ob unsere Frisur oder unsere Hose sitzt. Als ob wir wissen könnten, wie unsere Stimme klingt. Spassige Ansichten 120 Jahren nach Sigmund Freud.

Besonders spannend: nie waren mehr Menschen in Therapien und dringend angewiesen auf therapeutische Unterstützung, Hilfe und Feedback von außen als heute im Jahr 2024. Mit unserer freud'schen Haus-Metapher: Noch nie waren so viele Gäste im eigenen Haus als heute, und doch waren wir noch nie so sicher, dass einzig und einzigstens nur wir als Hausbesitzer akkurat darüber Auskunft geben können, wie es um unser Heim bestellt ist. Vielleicht ist die Dackel-Kacke von Herrn Goecke ein Symptom für einen Pilz-Komplex im Wurzelboden, der einiges tiefer reicht, als dies auf den ersten Moment ausschaut. Und wenn man jetzt "Narzissmus" sagt, dann klebt man ja auch nur wieder ein vermeintlich klares Etikett auf etwas, das den Blick wohl eher verstellt, als ihn schärft. Vielleicht so: Jede*r darf im Jahr 2024 nur noch für sich selbst sprechen – und doch rennen alle täglich zu ihrem very personal Bauchredner:in. Vielleicht rennen wir die ganze Zeit zu unserem Bauchredner, WEIL wir nur noch für uns selbst sprechen? Und wir haben da eine Mitte verloren?

Wenn ich Theaterkritiker:in wäre, würde ich darüber mal nachdenken. Weil es die Theaterkritiker:innen ja direkt betrifft. Und vielleicht hängt ja auch der Umstand, dass im Theater grad Solos besonders glücken, oder wir (oder die Kritiker:innen) dies so empfinden, damit zusammen? Und vielleicht hängt auch folgende Beobachtung damit zusammen: In autofiktionalen Romanen bestehen die ersten 120 Buchseiten oft aus einem krassen Übermass an Ich-Bezogenheit. Liest man weiter, mehren sich dann plötzlich die Zitat-Sammlungen. Erst dreht sich alles viel zu stark ums Eigene (Textsorte: Tagebuch), dann schwingt das Pendel auf die andere Seite und wir lesen ein Susan-Sontag- oder Laurie-Penny-Zitat nach dem anderen (Textsorte: Zitat-Kommentar in einer Bachelor-Arbeit in Kulturwissenschaft). Fiktive Romane waren ja mal so was wie die erfolgreiche Vermittlung dieser beiden Extreme. Da ist ein Bruch entstanden. Da ist eine Schere auseinandergegangen. Eine Drift zweier Kontinentalplatten, wie in Island. Zwei Prinzipien fliehen sich. Und natürlich kann man das eine Prinzip "Echo" nennen, und das andere "Narziss" (Ovid: Metamorphosen). Das eine "Olimpia" und das andere "Nathanael" (E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann). Können wir noch, was Martin Buber in "Ich und Du" fordert? Uns wirklich als Ich auf ein Du einlassen? In die Begegnung gehen? Wollen wir es noch? Können wir es noch?

Natürlich nerven die Theaterkritiker:innen manchmal ganz gewaltig. Vor allem dann, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht machen. Wenn sie diese aber gemacht haben, und sie halten den Finger in die Wunde, dann sind sie schlicht: pures Gold. Mein Vorschlag wäre: Wir flinken und schönen Gazellen sollten diese Papiertiger wieder mehr aushalten. :)
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