"Ich rieche Menschenfleisch"

12. Mai 2024. Was für ein Arschloch, dieser Platonow, und trotzdem beten ihn alle an. Jette Steckels Münchner Inszenierung erkundet mit einem star-studded Ensemble die Widersprüchlichkeiten des menschlichen Wesens. Und zog auch das Berliner Publikum in ihren Bann.

Von Christian Rakow

"Die Vaterlosen" © Armin Smailovic

12. Mai 2024. Wir waren fürs Schauspielerfest gekommen. Und wir haben das Schauspielerfest gekriegt. Und allen war klar, dass es so und nicht anders sein musste.

Der Sonnenkönig im Mummenschanz

Denn tatsächlich erzählt diese Tschechow-Inszenierung ja selbst vom Appeal des Schauspielers oder vielmehr von der großen Schmierenkomödie der spätfeudalen russischen Besitzklasse, wo alle andauernd füreinander Theater geben. Und so für uns. Von den ersten Minuten an, wenn Wiebke Puls als verarmte Generalswitwe kästenweise Bier herbeischafft und Champagner schlürft, oder wenn Edmund Telgenkämper als Gutsherr und Martin Weigel als Arzt mit zotigen Sprüchen das Publikum ancharmieren. Und man durch die Saalreihen irrwischt, damit alle im Aufstehen und Hinsetzen und Aufstehen auf Betriebstemperatur kommen.

Und dann natürlich, wenn Platonow hereinschneit, der diesem Drama mitunter seinen Namen leiht (wenn es nicht gerade wie an diesem Abend unter dem Titel "Die Vaterlosen" aufgeführt wird). Platonow also, Joachim Meyerhoff, schnüffelt das Publikum an „Ich rieche Menschenfleisch“, haut dann in Serie Unverfrorenes raus, gegen alle und jeden, ohne Scheu vor Blessuren. Und dann kriecht er auch noch divenhaft in sich selbst zurück: "Nur die Geschichte geht gut aus, in der ich nicht vorkomme." Sagt's, und der Saal lacht, weil: Der ist das Vorkommen selbst, der Sonnenkönig im großen Mummenschanz. Platonow-Meyerhoff.

Was ist der Mensch?

Jette Steckel führt das Ensemble mit erstklassigem Timing aus komischen Höhen langsam den Abhang hinunter. Eine gute Stunde vertreiben sich alle vor dem Eisernen Vorhang die Zeit mit herrlichen Kabinettstücken. Dann geht es in den Wald aus Slalomstangen (bestechende Bühne: Florian Lösche), wo die zentralen Frauengeschichten des Stückes mit leichter Hand modelliert werden. Reihum verfallen die Damen dem glanzvollen Misanthropen Platonow: Wiebke Puls (Anna) umschlängelt kurios den schweigend Reservierten; Katharina Bach (als Jugendliebe Sofja) fällt gierig über den für sie Entflammten her. Und Edith Saldanha als Platonows Frau Sascha möchte unter den breiten Schwingen ihres untreuen Ehemanns schier unsichtbar werden, scheint's. Keine der drei kriegt ihn ganz zu packen.

Was ist der Mensch? Fragt das Stück andauernd. Und es scheint ihn in der Nebenfigur des desolaten, viehischen Pferdediebs Ossip gefunden zu haben, der sich in Person von Thomas Schmauser als einziger dem sarkastischen Maskenspiel entzieht. "Wir sind lausige Kreaturen. Ossip ist ein Mensch", sagt Platonow.

Es lebe die Freiheit

Die Gegenthese dazu liefert Mastermind Carl Hegemann in seiner eingelassenen Talkshow mit dem Ethnologen Thomas Hauschild (eine ulkige, aber höchst sinnfällige Zutat von Steckels Inszenierung): Der Mensch ist gerade nicht das mit sich selbst identische Wesen, lehren die beiden Kommentatoren (die den frotzelnden Meyerhoff an die Muppet Show Opas Waldorf und Stater erinnern). Der Mensch ist Mensch, insofern er von sich selbst getrennt ist. Er ist per se ein Rollenspieler. Und das Theater ist der Ort, an dem er seine Konflikte friedlich ausagieren kann. Kein Krieg mehr nötig.

So hält Steckels Inszenierung bei aller Düsternis des Verlaufs (Meyerhoff wird im Finale wie der Heilige Sebastian von Stangen gelöchert erscheinen) das aufklärerische Moment von Freiheit hoch. Mag Platonow noch so bösartig originell, so hochfahrend, so zerstörerisch, so rücksichtslos, so misogyn, so ganz Enfant terrible, so durch und durch ein Untergeher sein. Es ist doch schön, ihn auf der Bühne zu haben. Ein Mensch, weil er spielt.

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Die Vaterlosen, Theatertreffen 2024: Stinkstiefel vs. Rumpelstilzchen
Joachim Meyerhoff gibt den Platonow als widerlichen Stinkstiefel, dem dennoch alle Frauen zu Füßen liegen. Der Star unter all den Promis, die dieser Abend auffährt, legt natürlich einen bemerkenswerten Rampensau-Auftritt hin. Er macht alle und jeden um ihn herum zur Schnecke, von der vor der Pleite stehenden Generalswitwe (Wiebke Puls) bis zu den beiden älteren Herren, die über den Krieg plaudern. Volksbühnen-Dramaturgie-Legende Carl Hegemann lädt zu jeder Vorstellung einen anderen Gast, diesmal seinen Kollegen Wolfgang Storch.

Meyerhoff sorgt für viele Lacher und holt das gutsituierte Wilmersdorfer Festspiel-Publikum offenkundig ab. Nach einigen Ausgaben, bei denen sich die Juror*innen in ihre persönlichen Vorlieben eingruben und manche Inszenierungen in die 10er Auswahl zerrten, die die Zuschauer kalt ließen, gibt es diesmal auffallend viele Schauspiel-Feste mit großen Namen, wie sie nur die ganz großen Tanker unter den Staats- und Stadtheatern stemmen können. Morgen folgt auf Meyerhoff gleich schon Lina Beckmann mit ihrem Hamburger „Laios“-Solo.

Der Star legt aber auch den Finger in eine Wunde des Abends. Nach einer Stunde witzelt er zum Publikum, dass ja nun schon viel Zeit vergangen sei, aber hier vorne vor dem Eisernen Vorhang nur Banalitäten ausgetauscht worden seien. Treffer, versenkt. Genau so fühlt sich der Ennui der Tschechow-Figuren an, die Jette Steckel hier auf die Bühne bringt.

Nach diesem kurzen, selbstironischen Einwurf dauert es aber noch anderthalb Stunden, bis das Publikum in der Pause durchatmen kann. Bis dahin bekommen die Figuren von alt (Walter Hess als Oberst im Ruhestand) bis jung (Abel Haffner als Sohn des Gutsbesitzers) ihr Fett weg, am liebsten stänkert Meyerhoff gegen die „Muppet-Opas“, wie er sie abkanzelt, die in unregelmäßigen Abständen zur nächsten „Dad Men Talking“-Runde reingeschoben werden. Auf die Dauer wirken diese virtuosen Rumpelstilzchen-Nummern aber ziemlich redundant. Es fehlt die Fallhöhe. Bei einer der ersten Münchner Vorstellungen war der für sein gewaltiges Selbstbewusstsein bekannte Promi-Anwalt und Mäzen Peter Raue in Hegemanns Sessel zu Gast. Was wäre das für ein Sparringspartner für Meyerhoffs Frotzeleien gewesen! So laufen die knapp vier Stunden aber zu oft leer, werden nur Locken auf der Glatze des Hauptdarstellers gedreht.

Das liegt auch daran, dass die Entwicklung der Frauen-Figuren nicht einleuchtend gezeichnet ist. Was fasziniert die Anna Petrowna Wojnizewa (Wiebke Puls) oder die Sofja Jegorowna (Katharina Bach) so sehr, dass sie sich an den toxischen Dorfschullehrer Platonow (Meyerhoff) ranschmeißen. Bach ist in der Rolle besetzt, die sie an den Münchner Kammerspielen fast immer spielt: die vor Wut ausrastende Frau. Warum merken die beiden erst viel zu spät, mit was für einem seltsamen Typen sie es hier zu tun haben, bis Puls ihn nach dem letzten Wutausbruch endlich abknallt? Dieses Frauenbild aus dem späten 19. Jahrhundert ist deutlich aus der Zeit gefallen, wie "Emma Schwarzer" hier an anderer Stelle schon schrieb. Als Fremdtext-Einschub gibt es nach der Pause deshalb einen plakativen feministischen Monolog der Schweizer Dramatikerin Katja Brunner.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/05/13/die-vaterlosen-muenchner-kammerspiele-kritik/
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