Wiederkehr des Gedrängten

19. Mai 2024. Ein virtuoses Trio stemmt in Johan Simons Inszenierung alle Rollen dieses Mordsstücks von William Shakespeare. Könnte so aussehen, was wir auf einem Speichermedium ins All jagen, um Aliens die Darstellende Kunst zu erklären?

Von Elena Philipp

"Macbeth" vom Schauspielhaus Bochum © Armin Smailovic

19. Mai 2024. Welch wundersamer Wiedergänger, dieser "Macbeth". Und doch, wie eigen. Assoziationen und ästhetische Anspielungen flackern hier auf, man möchte dem mit Muße nachgehen. Strauchelt Macbeth unter dem monströsen Beidhänder, den dieses Mörder-Würstchen nicht alleine heben kann, dann treffen sich Charlie Chaplin und das absurde Theater auf dem Seziertisch der Surrealisten.

Jede Szene, jeder Satz beschwört den Geist großer Vorgänger, ohne dass direkt zitiert würde. Wäre auch viel zu grob, so zusammengeschüttet und angerührt wie die seltsamen Substanzen, die Stefan Hunstein in den Sektkühler kippt, quetscht und streut, den er nach dem grotesk an Macbeths Gewissens-Flashbacks gescheiterten Königsfest kurzerhand zum Hexenkessel umwidmet. (Hunsteins grandioses Hexensolo übrigens lebt vom Spirit des damals so genannten "Ekeltheaters" von Jürgen Gosch, dessen Hexen sich 2006 beim Theatertreffen hier auf genau der gleichen Bühne fröhlich mit (Kunst-)Blut und -Scheiße beschmierten – eine weitere Wiederkehr).

Virtuos auf karger Bühne

Vielmehr als nur angehäuft wirkt all das, was im Theater schon einmal war, in die körperliche Erfahrung dieser drei Ausnahme-Spieler*innen eingegangen, die auf karger Bühne so virtuos die Rollen wechseln wie ihre befleckten Smokings. In steter Fühlung miteinander stürzen sie sich in die Shakespeare-Szenen – und es ist (fast) egal, ob ihnen dabei jemand zuschaut. Der Baum, dessen Stamm im Background-Video so beeindruckend preziös gespalten wird, macht ja auch dann beim Umfallen ein Geräusch, wenn kein Mensch gegenwärtig ist. Generisches "Theater" ist der "Macbeth" – so könnte aussehen, was wir auf einem Speichermedium ins All jagen, um den Aliens "Darstellende Kunst" zu erklären.

Spaß macht dieses "Schauspielfest" allerdings nur bedingt. Zäh zuzusehen, wie Marina Galic, Jens Harzer und Stefan Hunstein, ganz unter sich hinter einer verstörend halboffenen Vierten Wand, wieder und wieder ansetzen, um die nächste szenische Lösung für ein Shakespeare-Problem zu finden. Gebremster Slapstick kommt allzu oft dabei heraus: Nach dem Motto "schrecklich ist lustig und lustig ist schrecklich", ist's weder das eine noch das andere. Antiquiert trotz heutiger Spielweise, so der Eindruck.

Applaus? Bestenfalls freundlich

Extrem fühlbar wird schon bald das begrenzt bequeme Sitzmobiliar in den Berliner Festspielen mit seinem für Theater eigentlich nicht geeigneten Parkett, in dem man einander stets die Sicht versperrt. So bleibt es bisweilen bei der Audiofassung und dem Gedanken: Vielleicht den "Macbeth" in der 3sat-Mediathek ansehen, mit einem Snack und in kleinen Etappen? Die Dame neben mir checkt alle zehn Minuten ihr Handy, nach der Pause ist sie verschwunden, so wie viele andere. Man rückt zusammen.

Läutete ein beherztes "Buh" die Pause ein, ist der Applaus nach der Vorstellung bestenfalls freundlich. Standing Ovations wie zuvor bei der "Hundekot-Attacke" oder kürzlich für Lina Beckmann in "Laios" gibt es nicht. Konsens könnte sein, was ein Kollege angenervt und augenrollend ausstößt: "Diese Kunstgewerbler".

 

Kommentare  
Macbeth, Theatertreffen: Voll und ganz missglückt
Am Ende stehen wir wieder am Anfang: Drei Darsteller*innen im schwarzen Smoking und Fliege stehe auf der Bühne und begutachten das Terrain. Kurz zuvor haben riesige Videobilder die Natur in Form von Käfern, Raupen und Pflanzen bei der Arbeit gezeigt. Der Kreislauf der Natur steht hier dem der menschlichen Gewalt gegenüber, alles klar. Das dockt durchaus be Shakespeare an und ist doch so offensichtlich und platt oberflächlich, dass es diesen voll und ganz missglückten Abend nicht retten kann. Eher im Gegenteil. Zumal die Wiederholung des Immergleichen so etwas wie ein Leitmotiv ist. Szenen, Textabschnitte, Choreografien: Hier kommt alles wieder. Am deutlichsten wird das in den im Halbdunkel absolvierten Wasch- und Reinigungsritualen, die nach jeder Bluttat vollzogen werden, auch nach dem blutigen Ende des titelgebenden Tyrannen. In Johan Simons Lesart macht dieser Mord keinen Unterschied zu den vorangegangen. Es ist Teil des ewig gleichen Kreislauf von Gewalt und Machtrausch.

(...)

Hier ist alles durchkomponiert und jede Szene ihre eigener Metakommentar. Und doch zerfällt dieses Konstrukt zusehends, weil es nichts hat, was es zusammenhält. Ernst tragischer Gestus, schrille Überzeichnung und leichtfüßige Albernheit stehen nebeneinander – nicht im Kontrast, nicht als Spannungsfeld, sondern als hätten sie miteinander nichts zu tun. Da wird zunehmend egal, wer da gerade agiert, welche Szene wie gespielt wird – letztlich macht es keinen Unterschied. Wenn alles ein Kreislauf der Gewalt ist, ohne Ziel, ohne Anfang und Ende, ist auch das blutigste Schlachten ohne jede Relevanz. Wenn gegen Ende der Kopf des Macbeth verspeist wird, ist auch das purer Effekt, sorgt für Erheiterung und sagt überhaupt nichts aus. Gerade erst war mit Karin Beiers und Roland Schmimmelpfennigs Laios ein Abend in Berlin zu sehen, der sich mit diesem Kreislauf ebenfalls befasste. Doch um wie vieles weniger zynisch, kalt, wie viel komplexer, anregender, empathischer, menschlicher- Und zielführender: Laios denkt über die Entrinnbarkeit aus dem (un)menschlichen Teufelskreis nach – dieser Macbeth dagegen hat das Denken bereits an der Garderobe abgegeben.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2024/05/19/kreislaufprobleme/
Macbeth, Theatertreffen: Inhaltsleer
Vielen Dank an Elena Philipp und Sascha Krieger … vor einem Jahr in Bochum waren alle so begeistert (alle kannten den Shakespeare Text und wussten gleich, was sie sahen) und davon haben sich wohl einige Jurymitglieder anstecken lassen … nun der Begriff Ausnahmespielerin oder Ausnahmespieler im Plural ist hier übertrieben (wenn überhaupt: er trifft einem zu, das auch manchmal, wenn der Sprech-Manierismus überwunden wird) … wie bei „Macbeth“ stellte sich auch bei den letzten Simons Produktionen in Bochum „Der Würgeengel“ und „Die kahle Sängerin“ die Frage: warum dieses inhaltleere, quälend sich hinziehende Theater? [Lustiges: Oliver Möller hat für sein (laut Ankündigung vor der Aufführung) spontanes Einspringen bei „Sängerin“ am 05. Mai Extra-Beifall bekommen; hat jemand gemerkt, dass er bei den Proben nicht dabei war?] … Die „Sängerin“ war mittelmäßig besucht, obwohl das Spielplanangebot sehr reduziert ist … gut, das ist ein anderes Thema …
Macbeth, Theatertreffen: Altmeisterlich-museal
Die 3 Stunden sind darauf zugeschnitten, die Virtuosität des Trios wie in einer Vitrine auszustellen. In raschem Wechsel tauscht das Ensemble auf der kargen Bühne die Rollen, wechselt den Ton zwischen Tragödie (in der Übersetzung von Angela Schanelec/Jürgen Gosch) und Slapstick, in dem sich vor allem Harzer austobt. Mit viel Grimassieren und Unmengen Kunstblut wird die Textfassung gespielt, die Dramaturg Koen Tachelet aus dem Klassiker kondensierte.

Der Abend reiht Kabinettstückchen aneinander, hat aber doch ziemliche Längen. Das Publikum im Festspielhaus rutschte zunehmend ungeduldig auf den Polsterstühlen hin und her, von Buhs zur Pause wurde berichtet. Da war es wohl die bessere Wahl, diese altmeisterlich-museale Inszenierung von vornherein gleich komplett hinter der vierten Wand wie ein erlesenes Ausstellungs-Stück zu sehen.

Catharina Kleber bewies schon im vergangenen Jahr ihr Geschick, Bühneninszenierungen für 3sat aufzubereiten. Die heranzoomenden Großaufnahmen auf die Gesichter der drei traurigen Clowns in ihren zunehmend verschmierten Anzügen unterstreichen das Regie-Konzept einer Star-Riege, die ihre Kunststücke stolz präsentiert.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/05/20/macbeth-schauspielhaus-bochum-theater-kritik/
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