Wir besseren Menschen

20. Mai 2024. Letztes Jahr debütierte Rieke Süßkow mit einer luziden Handke-Uraufführung beim Theatertreffen, dieses Jahr ist sie mit einem "Fäkaliendrama" von Werner Schwab dabei. Und findet eine szenische Lösung, die auch das Berliner Publikum in die Enge treibt – im allerklügsten Sinne.

Von Sophie Diesselhorst

"Übergewicht, unwichtig: Unform" vom Staatstheater Nürnberg beim Theatertreffen © Konrad Fersterer

20. Mai 2024. Was für Sätze dieses "Fäkaliendrama" von Werner Schwab enthält! Sie sind wirklich nicht auf den Mund gefallen, diese Kneipenstammgäste, die Rieke Süßkow in ihrer Nürnberger Inszenierung als Spielautomatenfiguren im Sexpuppenoutfit antanzen lässt.

Der Mund, hinter dem es schon beim Einlass eklig schmatzt, öffnet sich als strenger Rahmen für ein Kneipenszenario, in dem jede und jeder ihren Platz hat und diesen Platz trotzdem auch immer wieder beredt und mit immer lockerer sitzender Faust behaupten muss.

Wo sie sich denn hinsetzen, das überlegt nur "das schöne Paar", das dieses Etablissement mit Stückbeginn betritt – als Fremde, natürlich bald als Zuschauer*innen des illustren Stammtischgeschehens und damit als Stellvertreter*innen des Publikums.

Wenn ihnen nach dem ersten Teil (Spoiler Alert!) der Garaus gemacht wird, kann man das noch als Eskalation der mit steigendem Pegel sich befreienden Gewaltbereitschaft der Stammtischler*innen mit einiger Distanz fasziniert über sich ergehen lassen. Für diese, die ihre aufgeblasenen Gliedmaßen danach erstaunlich harmonisch auf einem Kuschelhaufen zusammentun, war der Gewaltakt, die völlige Auslöschung des "schönen Paares", ein Befreiungsschlag, der es ihnen überhaupt erst ermöglicht, von einem anderen Leben zu träumen.

Genussgeräusche im Kneipensoundtrack 

Ihre eigentliche Kraft entfaltet die wunderbar konzentrierte Inszenierung aber erst im kürzeren zweiten Teil, in dem das Stück noch einmal anzufangen scheint. Vorher verzehrte "das schöne Paar" auf seiner eigenen oberen Ebene einen Obstkorb und ließ seinen Genuss von zwei ASMR-Mikros direkt übertragen, deren Sound sich dezent in die Ekelgeräusche des Kneipensoundtracks hineinmischte. Jetzt seilen die beiden Zivilisierten im Pailettenkostüm sich zu den anderen ab, und die Zerstörung nimmt diesmal einen anderen Lauf, von dem sie nicht betroffen sein werden.

Und gerade deshalb wird's auch im Zuschauerraum irgendwie eng, innerlich gesprochen. Denn so unsympathisch und überheblich man diese beiden "besseren Menschen" finden mag, so kann man doch nicht umhin, sich aus der privilegierten Zuschauerperspektive, in der man sich nunmal im Theatersaal befindet, dabei zu ertappen, wie einen die Eskalation des Konflikts zwischen den Stammgästen natürlich genauso zunehmend abstößt und man irgendwann das Weite suchen möchte. Wenn man gehen will, muss man sich aber dem "schönen Paar" anschließen. Man wird also zur Identifikation förmlich gezwungen. Nicht schön. Aber richtig gut.

 

Hier die Nachtkritik der Premiere von "Übergewicht, unwichtig: Unform" im Oktober 2023 am Staatstheater Nürnberg.

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Kommentare  
Übergewicht ..., Theatertreffen: Groteskes Vorführen
Da stehen sie, in einer Mischung auf silberlippigem Mund, Rotlichtfenster und Varietébühne (Bühne: Mirjam Stängl): sieben Aufziehpuppen in fleischfarbenen Ganzkörper-Gummimasken mit allerlei Genitalbrimborium, das mechanisierte Präkariat, aufgereiht wie in einer Horrorrevue. Rieke Süßkow hat gar nicht den Versuch gemacht, das sperrige Frühwerk des – nach eigenem Bekunden – Fäkaldramatikers Werner Schwab in irgendeine Form von realistischer Theatersprache zu übersetzen. Stattdessen ist hier alles Ausstellung, eingeleitet von einer Conferencier-Stimme, die von Schwabs Sprache spricht, die „unreiner Dreck“ sein, Klarheit bringen aber keine Einsicht bringen, die Grenzen zwischen Sprechender*m und Angesprochener*m verwischen soll. Und voilà, schon bekommen wir sie vorgeführt, mutiert die zunächst gesittete Debatte über die Vernunft als Quelle des Glücks zu einer Parade aus Beleidigungen, Gewalt und Obszönitäten. Die Ästhetik ist grelle Comic-Überdrehung mit heruntergelassenen Wurst-, Münzen- und Bierkrugattrappen, schrillen Kleidungsfragmente (Kostüme: Sabine Bosshard) und einer Soundlandschaft zwischen Plätschern, Schmatzen, Mechanikrasseln und Spielautomatklingeln (Sound und Musik: Philipp C. Mayer) – ein groteskes Vorführen völlig überzeichneter Präkariats-Klischees geboren aus dem Geist automatisiert-entmenschlichter Stereotypen-Fließbandproduktion. Hier wird das mediale Räderwerk und seine Bildmaschinerie von der vermeintlichen „Unterschicht“ ausgestellt in all ihrer plakativen Erbärmlichkeit.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2024/05/20/bis-zur-kenntlichkeit-entstellt/
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