Ohne Schamgrenzen

von Birgit Walter

Berlin, 8. Januar 2015. "Jämmerlich!", maulte der Online-Redakteur der Berliner Zeitung, als im Kulturteil die 1762 Likes eines Facebook-Portals Erwähnung fanden. 1762, das sei doch keine Zahl! "Das ist nichts!", urteilte er streng. Ja ja, vielleicht. Aber die Seite "buehnengagen" war damals, im Februar 2013, gerade erst drei Tage alt und schon vollgeschrieben – jeder Eintrag ein Erlebnis. Die Seite gibt Künstlern die Chance öffentlich zu erzählen, wie der Kulturbetrieb sie behandelt. Unanständig, fies und gemein natürlich, sonst würden sich Künstler nicht darüber aufregen. Die meisten mussten sich in ihrem Berufsleben längst Genügsamkeit und finanzielle Anspruchslosigkeit antrainieren. Die Seite www.facebook.com/Kuenstlergagen über die traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen wuchs eilig und dramatisch.

Manche Einträge ("Als Gage bieten wir die Teilnahme am anschließenden Sektempfang.") will man gar nicht für wahr halten, sie ziehen ihre Glaubwürdigkeit aus der schieren Masse der Erzählungen. Denn es gibt keinen Grund, generelle Einkommens-Klagen anzuzweifeln, man muss nur einfach die Statistik der Künstlersozialkasse bemühen – danach verdienen die Freiberufler unter den Künstlern – also die Mehrzahl – im Durchschnitt der letzten Jahre etwa 12.000 Euro. Es gibt Bundestagsabgeordnete, die das Problem nicht erkennen wollten, bevor sie bemerkten, dass mitnichten die Monatseinkommen gemeint waren, sondern Jahreseinnahmen. Die wenigsten Künstler können von ihren Gagen leben. Normalerweise reden sie nicht darüber. Künstler beschweren sich nicht, sind flexibel, spielwütig und optimistisch.

facebookseiteartbutfair 560 screenshot uKnapp zwei Jahre nach ihrem Start hat die Seite 17.229 Likes. Screenshot vom 8.1.2015

Einen Künstler zu finden, der über die Zustände aus eigener Anschauung berichtet, bleibt mühsam. Ein Berliner Kontrabassist erzählte für einen Zeitungsartikel mit Klarnamen, welche Hunger-Gagen er nach der Abwicklung seines A-Orchesters annehmen muss. Wie er sein Arbeitslosengeld für jeden Auftrag neu an- und abmeldet, dass er zur Wahrung der Form selbstverständlich täglich mehrere Stunden übt. Dass ein Musiker über 35 nicht mehr zum Vorspielen für eine Orchesterstelle eingeladen wird – zu alt. Der Musiker versucht, seine begabten Kinder von einer musikalischen Laufbahn abzubringen und erwägt nach 25 Berufsjahren eine Arbeit als Koch. Als der Text erscheint, bekommt er monatelang kein einziges Engagement mehr. Der Kulturbetrieb nimmt übel.

johannes-maria-schatz 280 johannesmariaschatz uJohannes Maria Schatz
© J. M. Schatz

Revolution der Künstler

Das Übelnehmen beherrscht er gut, und öffentliche Kritik nimmt er wahr. Aber die Zustände beginnen sich zu ändern, sehr vorsichtig. Aus der Facebook-Plattform "buehnengagen", die der Musical-Produzent Johannes Maria Schatz 2013 geschaffen hat, ging im selben Jahr ein Verein hervor: art but fair. Er hat heute fast 100 Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz und entwickelt Regeln für Anstand im Umgang mit Künstlern aus dem Bereich der darstellenden Kunst und Musik, entwarf Selbstverpflichtungen für Arbeitgeber, Agenten, Lehrer und Künstler. Dass der Verein sich ziemlich schnell Gehör verschaffen konnte und zwar überregional, verdankt er einem Namen aus der High Society des Kulturbetriebs: Die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman empörte sich über Zustände bei den Salzburger Festspielen. Mehr noch, sie rief zur Revolution der Künstler auf.

Allein die Wortmeldung gleicht einer Revolution. Elisabeth Kulman kritisierte den Festspiel-Intendanten Alexander Pereira dafür, dass er Probengelder bei mehrwöchigen Opernproduktionen strich, alles mit einer Abendgage abdeckte und das Ausfall-Risiko allein auf die Künstler abwälzte. Sie beklagte zu enge Termine für Sänger, Inkompetenz und Korruption bei den Entscheidungsträgern. Und das in Österreich – da opponiert jemand mit sehr großem Standing.

Solidarität der Stars

Das setzte eine Bewegung in Gang, wenn man so will von oben und unten gleichzeitig. Der Vereinsvorsitzende in Deutschland, Johannes Maria Schatz, erlebt, was seiner Frau als Musical-Darstellerin zugemutet werden soll: 300 Vorstellungen am Stück für 1200 Euro brutto monatlich. Er weiß, dass Auditions, also Vorspieltermine, kurzfristig abgesagt oder nur als luftiger Testballon für die Sondierung des Marktes gestartet werden. Dafür reisen Darsteller auf eigene Kosten bis ans andere Ende der Republik. Die neueste Frechheit besteht darin, dem Künstler Gebühren für Raumnutzung und Korrepetition bei der Audition aufzunötigen. Für das demütigende Procedere des Aussortiertwerdens soll er auch noch zahlen. Ein Veranstalter verpflichtet für sein Musical Orchester-Musiker aus Weißrussland, die für einen Bruchteil der Gage unterbezahlter deutscher Kollegen spielen, schlechter reisen und wohnen – in billigen Mehrbettzimmern – als der Rest des Ensembles. Nach unten gibt es keine Schamgrenzen. Das erlebte man auch über Jahre bei der Vergabe von Projektmitteln für freie Künstler in Berlin, wo Gagen in den Anträgen so zusammengestrichen wurden, dass drei bis fünf Euro pro Stunde übrig blieben, behördlich sanktioniert.

elisabethkulman 280 elisabethkulman.com uDie österreichische Star-Mezzosopranistin
Elisabeth Kulman  © elisabethkulman.com

Mit Elisabeth Kulman solidarisieren sich Stars wie Edita Gruberova, Jonas Kaufmann, Thomas Moser, Marlis Petersen, Markus Brück. Aber natürlich kämpft die Sopranistin auf einem anderen, luxuriösen Niveau. Ihre Sorgen nähmen fast alle ihrer Kollegen mit Begeisterung auf sich. Auch Misstrauen keimte auf – sollen die Star-Gagen in Salzburg weiter wachsen? Elisabeth Kulman, die für Transparenz eintritt, redet auch nicht über die Höhe ihrer Abendgage, von der sie die wochenlange Probenzeit samt Hotel in Salzburg zahlen sollte. Wahrscheinlich fällt sie sehr üppig aus, im Bereich eines durchschnittlichen Künstler-Jahreseinkommens. Aber warum nicht? Warum sollen sich ausgerechnet Spitzenleute in der Kunst mit ihrem begrenzten und fragilen Limit an Lebensarbeitszeit bescheiden, während sich Banker und Manager ungenierte Wettbewerbe liefern um höchste Boni für missratene Arbeit?

Auseinanderdriftendes Gefüge

Es gibt Gründe, warum Künstler sich zurückhalten. Hohe Gagen sind in der Regel subventioniert, was die Idee einer halbwegs gerechten Verteilung nahelegt. Tatsächlich sollte da klug abgewägt werden. Überdies stehen Künstler grundsätzlich im Verdacht, Spaß zu haben bei der Arbeit, ein schwerwiegender Vorwurf. Ein Brautpaar weist die Gage seiner Hochzeitsband als zu hoch zurück, worauf der Bandchef vorschlägt: "Ruft sechs Installateure an, sie sollen Sonnabend Nacht acht Stunden in Eurem Haus arbeiten kommen. Was sie auch verlangen, wir machen es für die Hälfte." Geschenkt, dass die Ausbildung der Künstler fünf mal so lange dauert wie die der Klempner, dass jemand für so etwas Herrliches wie Singen, Musizieren oder auch Theater spielen noch Geld bekommt, wird allgemein nicht jedem zugestanden.

Selbst das ist im Grundsatz vernünftig. Lange hat sich der Profi-Markt in dem Bereich eigensinnig, aber doch irgendwie selbst geordnet. In Deutschland hilft der Staat der Kultur zudem massiv durch die Künstlersozialkasse, indem freien Künstlern der Arbeitgeberanteil für die Kranken- und Rentenkasse quasi geschenkt wird, ein unschätzbares Privileg. Dennoch driftet das Gefüge in Zeiten des frei flottierenden Kapitalismus auch hier auseinander, einfach, weil der Markt übervoll ist und die Staatsbühnen und Orchester gleichzeitig wachsenden Sparzwängen gehorchen. Die zahllosen Sänger, Tänzer, Schauspieler, Musiker, Dirigenten, Regisseure und Bühnen- und Kostümbildner, ausgebildet auf höchstem Niveau, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt, vor allem in Asien, verkraftet die stabilste Nachfrage nicht. Man muss sich nur mal anhören, was für großartige Profi-Sänger in Konzerten von Laienchören auftreten, was für multibegabte Darsteller sich für Musicals bewerben, welche Solo-Virtuosen für Orchester vorspielen – es fehlt in Deutschland an vielem, aber nicht an guten Künstlern.

selbstverpflichtung artbutfair 560 websiteabf uRegeln der Selbstverpflichtung. Quelle: selbstverpflichtung.artbutfair.org

Deshalb ist dieser sympathische Verein art but fair überfällig und begrüßenswert. Ob er aber mehr als moralischen Druck ausüben kann, muss bezweifelt werden. Art but fair hat leicht unscharfe, aber doch vernünftige und fordernde Regeln der Selbstverpflichtung für Arbeitgeber, Künstler und Ausbilder aufgestellt, die angemessene Gagen und Arbeitszeiten regeln. Allein, sie haben keinerlei rechtliche Bindung. Und ein Künstler dürfte im Zweifel kaum auf ein schlecht bezahltes Engagement verzichten, solange er Hoffnung auf Entdeckung hegt oder keine Alternative sieht. Auch die zu Selbstausbeutung neigenden Künstler der freien Szene würden durch angemessene Gagen um das Erlebnis des Ausprobierens gebracht. Viele Projekte fänden einfach nicht statt. Um manche wäre es bestimmt nicht schade – miese Musical-Veranstalter zahlen miese Gagen nicht zwingend aus finanzieller Not, nicht jedes freie Experiment braucht Unterstützung.

Schauspieler kann jeder sein

Schließlich sind auch Hochschullehrer durch art but fair aufgefordert, nur wirklich begabte Studenten auszubilden. Das dürfte eine der leichteren Übungen sein angesichts des internationalen Überangebots an Bewerbern. Das Problem liegt woanders. So bilden künstlerische Hochschulen in Deutschland Jahr für Jahr 2000 Profi-Musiker aus, darunter 800 Orchester-Musiker. Höchstens 150 von ihnen finden eine bezahlte Stelle in einem Orchester. Das Studium kostet den Staat 45.000 Euro, spätere Umschulung nicht inbegriffen. Gerade entsteht in Berlins Mitte für Daniel Barenboim eine Akademie zur Ausbildung von weiterem Spitzenpersonal, dazu ein eigener Konzertsaal. Aber kein Hochschullehrer wird einräumen, dass allüberall weit über Bedarf ausgebildet wird.

Am Theater ist die Situation noch bizarrer, denn Schauspieler kann jeder sein, der sich dazu erklärt. Mancher Star legt viel Wert auf sein Naturtalent, von keinerlei Ausbildung "verdorben". Doch liegt die Zahl der Profi-Schauspieler in Deutschland bei mindestens 15.000, gerade mal 2200 davon in fester Anstellung am Theater. Allein die staatlichen Schauspielschulen schicken jedes Jahr 200 erstklassig ausgebildete Spielhungrige auf die Bretter und vor die Kameras, die wachsende Zahl der Privatschulen nicht mitgerechnet. Das Angebot verleitet dazu, Künstler – und längst auch deren Lehrkräfte – zu Dumpinghonoraren zu verpflichten. Denn selbst, wer nach Tarif bezahlt wird, beginnt bei lächerlichen 1650 Euro brutto (Normalvertrag Solo) am Theater. Ein Tarif, ungetrübt von hässlich einengenden Grenzen, vielmehr erlaubt er den Einsatz nahezu rund um die Uhr. Kein Beleuchter würde sich das bieten lassen. Aber Schauspieler und das künstlerische Personal sind die letzten, die Beschwerde führen. Auch an hoch subventionierten Häusern ist es längst üblich, Assistenten jeglicher Art gesetzwidrig undotiert arbeiten zu lassen. Ihr Vertrag sieht Stillschweigen vor.

Keine Kunstpolizei

An der Komischen Oper Berlin wurden jahrelang bei hohen künstlerischen Anforderungen für die Statisten für drei Stunden Probe 18 Euro gezahlt. Jeder einzelne Tag zieht eine Anmeldung von Kranken- und Rentenversicherung mit dem zugehörigen Papierkrieg nach sich. Als das öffentlich wurde, als der Intendant wechselte, schnellte das Salär auf 20 Euro in die Höhe, das sind 6,66 Euro Stundenlohn, klar unter dem Berliner Mindestlohn von 8,50 Euro. So arbeiten die Millionen-Abnehmer von Subventionen. Der Intendant Barrie Kosky mit seinem gewaltigen künstlerischen Erfolg gehört zu den Unterzeichnern der Art-but-fair-Regeln.

carl-spitzweg der-arme-poet 560 montageDer Künstler als armer Schlucker? Damit muss Schluss sein, findet "art but fair".
(Bildmontage mit Carl Spitzwegs "Der arme Poet")

Art but fair kann und will keine Kunstpolizei sein, sagt Johannes Maria Schatz, aber mehr als eine rechtsunverbindliche Selbstverpflichtung strebt er schon an: Ein Gütesiegel, wie für fair gehandelte Schokolade, aber eben für Kunst und zwar europaweit. Zusammen mit der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Hans-Böckler-Stiftung soll eine entsprechende Studie die Voraussetzung dafür schaffen.

So ein Siegel ist mit administrativem Aufwand verbunden, mit Kosten, die ja wiederum der Kunstproduktion nicht zur Verfügung stehen, aber vermutlich ist es ein Weg, Aufmerksamkeit zu erlangen, auszusortieren, Selbstverständlichkeiten durchzusetzen. Auch für die Politik wäre ein Siegel etwas Greifbares, denn es ließe sich in Förderkriterien einbinden.

Wenn schon die Gewerkschaften der Künstler bis auf die der Orchestermusiker gemeinschaftlich versagen, bleibt dies ein Weg zur Selbsthilfe. Er verschafft Aufmerksamkeit – die Facebook-Plattform liegt inzwischen bei über 17000 Likes. Das muss ja nichts heißen, aber als Forum zum Austausch, zum Vernetzen oder einfach zur Warnung ist sie unverzichtbar. Und wenn sie nur dazu anregt, den Berufswunsch Künstler wirklich gründlich zu prüfen.

 

birgitwalter 140 Birgit Walter war lange Jahre Redakteurin im Feuilleton der Berliner Zeitung und dort zuständig unter anderem für Kulturpolitik.




 

Mehr lesen? "Warum wir eine Unternehmensethik für Theater brauchen", schrieb Daniel Ris im Sommer 2013 auf nachtkritik.de. "Kreatives Prekariat" war im Februar 2014 das Thema einer Tagung in Loccum, die sich dem Verhältnis von Kulturpolitik und Künstlerexistenz widmete.

 

 

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