Das Theater als Hort der Neu-68er

von Esther Slevogt

Hamburg, 24. Januar 2016. "Warum sollen wir hier überhaupt 'wir' sagen? Warum sagen wir nicht 'zusammen'?" fragt Azadeh. Das Wort "Wir", ein Schlüsselwort der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Lessingtage des Thalia Theaters, schreibe einen Kreis – und nur wer darinnen stehe, gehöre zu diesem "Wir". Die anderen blieben draußen. Daran, dass sie das Wir-Wort für ungeeignet hält, den Diskurs über eine neue und diverse Stadtgesellschaft überhaupt zu führen, ändert für Azadeh auch die Frage nach einem "neuen Wir" nur wenig.

Azadeh ist in Iran geboren und zwischen 50 und 60 Jahre alt. Am Anfang des Gesprächs hatten sie und ihr Mann Bahram sich als Flüchtlinge vor dem fundamentalistischen Schiiten-Regime vorgestellt. Seit dreißig Jahren nun lebten sie in Hamburg. "Trotzdem habe ich DAS hier behalten", sagt sie und zupft an dem Kopftuch, das sie trägt. "Ich kann ja kein anderer Mensch werden und mich selber verraten, nur weil ich jetzt woanders lebe. Und ich will es auch nicht."

Mega-Sit-In

Azadeh und Bahram sitzen mit sechs anderen, darunter auch ich, an einem von unzähligen Biertischen, die an diesem Sonntag überall im Thalia Theater aufgestellt sind. Zwischen 11 und 15 Uhr soll also das "neue Wir" verhandelt werden. Sogenannte Alt- und Neuhamburger*innen sollen miteinander besprechen, wie die Stadtgesellschaft der Zukunft aussehen könnte. "Bürgergipfel" ist das Ganze charmant überschrieben und wie eine Art Speed-Dating organisiert. Nach 45 Gesprächsminuten klingelt es. Alle sind aufgefordert, ihre Gesprächsrunden aufzulösen und sich zu neuen zusammenzufinden.

DasNeueWir 560 sleKonzentrierte Tischgespräche auf der großen Bühne © sle

Auf sämtlichen Etagen des Hauses findet also eine Art Mega-Sit-in statt. Das Wort schnappe ich von einem Hamburger Lehrer Ende siebzig auf, der sich unter seiner Baskenmütze mit leuchtenden Augen an seine Studentenzeit in den Jahren der 1968er Revolte erinnert fühlt. "Damals fand der Aufbruch in den Universitäten statt. Heute in den Theatern!" Am Ende der Veranstaltung wird er einen syrischen Deutschschüler gefunden haben. So können sie manchmal anfangen, die sprichwörtlichen langen Freundschaften.

Wer schuld ist

Übliche Verdächtige waren natürlich auch anzutreffen, um mal in der Terminologie von "Casablanca" zu bleiben, der ja auch ein legendärer Flüchtlings- und Migrationsfilm ist. Mark Terkessidis zum Beispiel, der schon beim "Open Border Kongress" der Münchner Kammerspiele im Oktober 2015 Rezepte aus seinem interkulturellen Apothekenschrank verteilte und gern mal zur unscharfen Parole greift. (Hier Terkessidis' Plädoyer für einen Theaterwandel auf Augenhöhe mit der Öffentlichkeit, veröffentlicht auf nachtkritik.de, d.Red.)

Salah Zater, ein junger libyscher Journalist, der sich in Deutschland der Plattform "Silent University" angeschlossen hat, doziert in der Theaterbar "Nachtasyl" ganz oben unterm Thalia Dach über "the f*cked countries Israel, America, Great Britain und France that f*cked up our countries"; sie seien die wahren Schuldigen an den gegenwärtigen Flüchtlingsströmen. Man hat ein bisschen das Gefühl, sich in eine Rede von Fidel Castro verirrt zu haben. Zater redet ohne Punkt und Komma. "Do I look Arab?", ruft er und greift sich ins dichte schwarze Haar. "Yes. I do!" Stakkatohaft wiederholt er seine Parolen. Ein kaschmirbepulloverter Herr, unzweifelhaft als Alt-Hanseat zu identifizieren, nickt und grunzt zustimmend. Wahrscheinlich fühlt auch er sich an Sit-ins der KPD-ML in seiner Jugend erinnert.

Undramatische Kommunikations-Sackgassen

DasNeueWir SalahZater 280h sleDer Journalist Salah Zater vorm Motto des Tages: "Don't panic!" © sleAls Zaters Keynote für Fragen des Publikums geöffnet wird, fragt ein anderer mit treuherziger Miene, ob Herr Zater denn nun bitte mal konkret werden und sagen könne: "Wie können wir helfen?" Dazu ist er ja hergekommen, um zu erfahren, am besten von Betroffenen direkt, wie er sich helfend einbringen kann. Zater, verächtlich: "YOU want to help me?" Es folgt eine kleine Tirade über Kommunikation auf Augenhöhe im Allgemeinen und koloniale Diskurse im Besonderen. Der Mensch im Publikum schweigt und schaut düpiert. Das Gespräch ist vorerst beendet. Aber es hat immerhin stattgefunden, ein Anfang ist womöglich gemacht.

Auch die Gesprächsrunden an den Biertischen blieben über Stunden hochkonzentriert. Oft waren die Angehörigen des alten Hamburger "Wir" unter sich: normale Bürger und gebildete Mittelschichtler, Theaterleute oder Menschen, die sich in Hilfsorganisationen engagieren, wie stichpunktartige Nachfragen ergaben. Aber es gab auch eine deutlich wahrnehmbare Zahl von Neu-Hamburgern im Publikum, die immer wieder als begehrte Gesprächspartner an noch rein alt-hamburgisch besetzte Tische herangewinkt wurden.

Das neue Wir
Ein Bürgergipfel von und für (Neu)Hamburger
U.a. mit: Mark Terkessidis, Anne Rietschel, Kathrin Langenohl, Tania Mancheno, Salah Zater, Yahya Alaous, Jana Zajcek und Hamburger*innen .

www.thalia-theater.de

 

Mehr zum Engagement der Theater für eine neue Einwanderungsgesellschaft:

Berichte von einer "Langen Nacht der Begegnung" im DNT Mannheim und dem "Open Border Kongress" der Münchner Kammerspiele

– Außerdem haben wir von September bis Dezember 2015 das aktivistische #RefugeesWelcome-Engagement der Theater in einer Liste dokumentiert.


Presseschau

Für die Neue Zürcher Zeitung (27.1.2016) weilte Theaterredakteurin Barbara Villiger Heilig einige Tage in Hamburg, schaute mehrere Theaterstücke, die sich der Fluchtdebatte widmen, und besuchte auch die Eröffnung der Lessingtage: "Wir befinden uns unter Gleichgesinnten; die andern bleiben fern." Bei den Tischgesprächen trifft die Journalistin auf "Fachleute mit spezifischem Know-how"; und dort "überraschen mich drei Syrer, seit einigen Monaten in Hamburg, durch ihre bereits erworbene Sprachkompetenz: Wir unterhalten uns problemlos, notfalls leistet das Smartphone Übersetzungshilfe. Aus erster Hand erfährt man da von umwegreichen Reisen, von zurückgelassenen Familien, vom zermürbenden Warten auf die Möglichkeit, wieder arbeiten zu können . . ."

 

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