Herren und Knechte

von Dirk Pilz

14. Juni 2016. Der Bühnenverein hat mitgeteilt, die Arbeitsbedingungen für darstellende Künstler in den Stadt- und Staatstheatern sowie Landesbühnen seien "weitgehend zufriedenstellend". Das hätten die Beratungen der diesjährigen Jahreshauptversammlung ergeben. Beraten musste man also immerhin, um festzustellen, dass die Bezüge der darstellenden Künstler mit durchschnittlich 2.700 bis 3.100 Euro brutto das Urteil "weitgehend zufriedenstellend" verdienen.

Ahnte man beim Bühnenverein, dass diese Aussage für Entsetzen und Empörung unter den Betroffenen, den darstellenden Künstlern vor allem, sorgen würde? Wahrscheinlich, er hat in seiner Pressemitteilung ja Begründungen geliefert.

Besser als in vielen anderen Ländern Europas

Zufriedenstellend seien die Arbeitsbedingungen, sagt der Bühnenverein, weil die Repertoire- und Ensemblebetriebe den Schauspielern, Sängern und Tänzern eine wenn auch befristete, aber doch oft mehrere Jahre andauernde Beschäftigung biete. Das sei in "vielen anderen Ländern Europas" anders, da gehe es den Künstlern schlechter.

Vollends zufriedenstellend sei die Situation jedoch nicht. Zum einen wachse der Rationalisierungsdruck auf die Bühnen, zum anderen neige man in bestimmten Berufen zur "Überstrapazierung", eben bei darstellenden Künstlern, aber auch unter den Regieassistenten zum Beispiel. In der Freien Szene gehe es ihnen aber noch schlechter, die öffentliche Projektförderung sei zu gering.

Ich habe diese Sätze zwei Mal, drei, vier Mal gelesen, ich konnte nicht glauben, was da steht.

Der Vergleich mit "vielen anderen Ländern" benutzt das typische Argument von Herrschenden, die ihre Knechte darauf verweisen, dass es anderen Knechten noch schlechter ergehe, man solle sich nicht aufregen. So lässt sich jede Ungerechtigkeit legitimieren. Es wurden in der Geschichte auch schon die verschiedensten Ungerechtigkeiten auf diese Weise entschuldigt, ich möchte lieber nicht aufzählen, welche.

kolumne 2p pilzKünstler in Rumänien haben es schlechter, ja, und noch schlechter als in Rumänien steht es in Albanien, leider. Es gibt auch schlimmere Schicksale als Stadttheaterschauspieler in Deutschland zu sein, man darf ruhig darauf hinweisen. Aber wer es tut, provoziert die Nachfrage, wie es um die Einkünfte der Verfasser solcher Mitteilungen bestellt ist, also um die der herrschenden Intendanten und Funktionäre. Sie sind nicht nur weitaus höher als in vielen anderen Ländern, sondern auch von vielen anderen in den deutschen Stadttheatern. Darüber sagt der Bühnenverein nichts, er hält die Lohnunterschiede offenbar für unproblematisch.

Der Verweis auf den Rationalisierungsdruck und die öffentliche Hand ist dagegen geradezu albern, weil er suggerieren soll, der Bühnenverein sei fremden, bösen Mächten ausgeliefert, gegen die man nichts unternehmen könne. Aber der Bühnenverein ist nicht nur selbst auch Arbeitgeber, es ist seine Aufgabe, diesem Rationalisierungsdruck entgegen- und auf die öffentliche Hand einzuwirken. Das eigene Versagen wird damit anderen als Schuld zugeschoben.

Die Politik der Alternativlosigkeit

Auf andere zu verweisen ist ohnehin die stete Strategie, um von der eigenen Bühnenvereinspolitik abzulenken. Ihr oberstes Ziel ist es, die herrschenden Verhältnisse zu zementieren. Jede Kritik an ihnen wird vom Bühnenverein traditionell dämonisiert – man erntet sofort den scharfen Einwand, das Stadttheatersystem abschaffen zu wollen und den Untergang der reichen deutschen Theaterlandschaft zu befördern. Im übrigen sei, so heißt es dann gern, von der Tarif- bis zur Arbeitsrechtspolitik erstens alles furchtbar kompliziert und zweitens das Vorgehen des Bühnenvereins alternativlos.

So sprechen alle, die am bloßen eigenen Machterhalt interessiert sind. Man könnte natürlich auf eine andere Tarifpolitik hinwirken, wenn man denn will. Man gefährdet auch nicht das Theatersystem, indem man gegen strukturbedingte Ungerechtigkeit vorgeht. Aber der Bühnenverein hält auch sie augenscheinlich für weitgehend zufriedenstellend. Das ist die zentrale Botschaft.

Selber schuld, wer Künstler im Stadttheaterbetrieb wird

Sie hat verheerende Wirkungen, nach innen und nach außen. Nach innen in den Stadttheaterbetrieb, weil der Bühnenverein unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er nicht der Vertreter der Künstler ist. Er verspielt das Vertrauen derer, ohne die es gar kein Theater gibt. Wenn ein Interessenverband seinen Interessenten mitteilt, dass sie leider einen Beruf gewählt haben, der zu Überstrapazierung, also Ungerechtigkeit führe, woran sich nichts ändern lasse, wendet er sich gegen die eigene Klientel. Man hält ihnen schnöde entgegen: Selber schuld, wer Künstler im Stadttheaterbetrieb wird und sich ausbeuten lässt. Das ist zwar dreist, aber vor allem alarmierend: Es ist immer ein Verfallssymptom, wenn sich Institutionen gegen sich selbst wenden.

Die Wirkungen nach außen, in den sonstigen Kulturbetrieb und die Gesellschaft generell, sind nicht weniger beängstigend, weil sich die Strukturzustände an den Stadttheatern niemand mehr vermitteln lassen. Man versuche sie jemand zu erklären, der nicht zum Theatersystem gehört; es ist aussichtslos.

Um eine Neiddebatte geht es bei all dem übrigens nicht, man muss das betonen. Intendanten und Funktionäre sollen meinethalben gut verdienen, sie machen einen aufreibenden, verantwortungsvollen Job. Aber das Strukturgefälle in den Stadttheaterbetrieben braucht eine Begründungsgrundlage, um zukunftsfähig zu sein. Es gibt sie nicht, deshalb schweigt der Bühnenverein dazu auch. Das kann nicht mehr lange gut gehen. Es wird so zerstört, was geschützt werden soll: das Theater.

 

dirk pilz5 kleinDirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Experte des Monats" schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.


 
Die letzte Kolumne "Experte des Monats" lobte William Shakespeare lieber nicht.

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