Der Toaster ist schuld!

von Esther Slevogt

28. Juni 2016. Das hatte doch mal was, dieses bürgerliche Repräsentationssystem. Man wählt jemanden, der etwas besser kann oder weiß als man selber und vertraut dann darauf, dass der oder die einigermaßen so denkt und handelt wie man selbst. Natürlich nicht ganz genau: Immerhin ist diese*r Repräsentant*in Ergebnis der Vielen, die ihn oder sie gewählt haben und die ebenfalls darauf vertrauen, dass ihre Interessen berücksichtigt werden. Doch dieses Vertrauen ist offenbar weg.

Jede*r will überall mitreden und mitentscheiden und hält sich quasi qua Geburt dafür qualifiziert. Und das Netz sorgt dafür, dass jede noch so abgründige Stammtischmeinung ein Publikum findet. Die alten Marktplätze der Öffentlichkeit liegen leer und verlassen da. Guerilla- wie gorgonenhaft entstehen im Netz immer neue und temporärere Öffentlichkeitssimulationen, die dann aber schon ein Minimalinzident reflexhaft zum Implodieren bringen kann. Meinungsbildung findet nicht mehr statt. Und trotzdem treiben Meinungen alles was geschieht vor sich her. Meinungen, die eher diffuse Gefühlslagen sind: ausgebrütet von einer diffus vor sich hin köchelnden Volksseele, aus der immer häufiger mörderische Stichflammen schießen, weil Moderation quasi gar nicht mehr stattfindet. So wird diese köchelnde Volksseele leichte Beute für die Rudelführer des Hasses und der Propaganda. Weil nur noch der gewinnt, der die Reflexe und Brandherde bedient und nicht, wer Argumente hat.

kolumne 2p slevogtBrexit rettet dämonische Gerätschaft

Politiker werden gehasst und verachtet, gerne auch mal an den Galgen gewünscht. Weil sie zum Beispiel in Brüssel über einem Gesetz brüten, das den zweischlitzigen Toaster aus Stromersparnisgründen verbieten soll. Kein Witz. Die Toasterfrage ist für den Brexit wahrscheinlich wirklich eine entscheidende gewesen. Die Frage der nationalen Souveränität und territorialen Integrität (um mal den guten alten Erich Honecker zu zitieren, der ja eine Art Brexit-Vordenker war) war offenbar existenziell auch an die Frage des energieverschluckenden zweischlitzigen Toasters gebunden, die bereits seit 2014 schwelte. Damals hatte Brüssel die dämonische Gerätschaft zum ersten Mal ins Visier genommen. Noch vor zwei Wochen hatten Brexit-Befürworter hier sogar einen Komplott befürchtet: Geheimverhandlungen in Sachen Toaster, als Anschlag auf ein nationales Symbol, deren Ergebnis man erst nach dem Referendum veröffentlichen wollte. Dem musste natürlich mit einem deutlichen "Nein" zur EU-Mitgliedschaft ein Riegel vorgeschoben werden.

Das Ende vom Lied

Den doppelschlitzigen Toaster können die Briten, wie es aussieht, nun behalten. Kein EU-Kommissar wird hier mehr Hand anlegen können. Und mit Fragen wie diesen wird heute Politik gemacht. Es wird vergessen (vielleicht sogar von den EU-Bürokraten selber), dass die EU einmal eine Friedensidee war und darin Staaten miteinander gemeinschaftlich verbunden wurden, die noch vor einem Menschenalter einander in Todfeindschaft gegenüber standen. Wollen wir dahin wirklich zurück? Nur, weil diese ganze komplizierte Welt heute auf blödsinnige Toasterfragen heruntergebrochen wird? Weil wir zu fett und zu faul für schwierigere Gedanken geworden sind? Weil wir diese Welt nicht mehr verstehen und auch keinem mehr vertrauen wollen, das für uns zu tun? Nicht einmal mehr den Schauspielern vertrauen wir ja noch, denen man vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Darstellung von Menschen und ihren Schicksalen vertrauensvoll überließ, um dann im Dunkel des Zuschauerraums sitzend zu erfahren, was man selbst vielleicht so niemals hätte erfahren können? Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt plagtze sich Esther Slevogt in ihrer Kolumne mit der Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn überall immerzu der Anspruch erhoben wird, "immersiv" zu arbeiten.

 

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