Weil ihr es wert seid

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Januar 2017. Dass ich das noch erleben darf, in meinem bürgerlichen Heldenleben! In einer Stadt geht dieser Tage einer der spektakulärsten und schönsten Bauten der letzten Jahre ans öffentliche Netz, und es ist kein Büro- und Luxuswohnungsturm, der sich in schwindelerregende Höhen windet, kein güldener Tower, keine Shoppingmall, mit der zum x-ten Mal den üblichen verdächtigen globalen Marken eine glitzernde Lokalumrandung gegönnt wurde. Vielmehr handelt es sich um einen Ort, der schon fast anachronistisch schien in unseren Zeiten, in denen man lieber Theater schließen oder abreißen will (siehe Düsseldorf, siehe die Berliner Ku'dammbühnen) statt neue Orte des öffentlichen Kunstgenusses zu eröffnen: einen Bau, den man im Wesentlichen nur betritt, um dort friedlich einem Konzert zu lauschen. Oder ist da doch noch mehr?

kolumne 2p slevogtDer Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, am Anfang des 20. Jahrhunderts in Bulgarien geborener Sohn sephardischer Juden, hat in seinem Erinnerungsbuch "Die gerettete Zunge" beschrieben, wie ein Besuch des Wiener Burgtheaters für seine Eltern das Höchste war, das für sie, die Randständigen und Zugezogenen, zu erreichen war. Ein Theaterhaus als maximaler Identifikations- und Sehnsuchtsort eines Gemeinwesens? Natürlich fallen einem sofort Gegenargumente zu diesem verklärenden Kulturbegriff ein (mit dem ich mich ja auch mir selbst sofort höchst verdächtig werde): Man könnte sogar fast wieder mit Canetti argumentieren, der in einem anderen Buch, seiner Studie "Masse und Macht", zwischen lebenszugewandter "Festmasse" und gewaltbereiter "Hetzmasse" unterschied.

Wobei die Membran zwischen beiden Masseformen durchaus nicht undurchlässig ist. Im nationalsozialistischen Deutschland hat ja die Hetzmasse durchaus gerne ganz festlich im Konzerthaus Platz genommen, um einem Konzert zu lauschen. Das war ja kein Widerspruch. Damals haben die schöne Kultur und das (Burg)theater auch den ganzen Schrecken nicht verhindert, der dann in den 1930er und 1940er Jahren folgte, sondern ihn eher bemäntelt. Und Walter Benjamins berühmter Satz von der Kultur, deren Dokumente immer auch Zeichen der Barbarei seien, ist natürlich ebenfalls nicht vergessen. Aber man kann auch einfach nach Gera-Altenburg schauen, wo ein Kulturhaus wie das Theater zur immer hilfloseren Bastion gegen die Barbarei geworden ist, weil der Mob jenseits des Theaters immer übermächtiger wird und die, die nicht in sein Schema passen, der Bedrohung weichen und die Stadt verlassen, um auf die zivilisatorische Signalkraft von Kulturbauten wie die Hamburger Elbphilharmonie zu hoffen. Auch wenn ich natürlich weiß, dass Gera-Altenburg kein Gemeinwesen ist, das sich einen 800-Millionen-Bau wie diesen leisten kann.

Doch mich bewegt dieser Bau, der sich da nun so visionär über der Stadt Hamburg erhebt: als selbstbewusstes und machtvolles Symbol eines Gemeinwesens, und zwar in Zeiten, in denen Gemeinwesen zunehmend in die Defensive geraten. Weil er vielleicht die Kraft besitzt, etwas von diesem Selbstbewusstsein auch an die weiterzugeben und abzustrahlen, die es bilden: den Bürgern der Stadtgesellschaft nämlich, die das Haus, das auf Initiative eines einzelnen Bürgerpaars entstand, (was auch zu seiner bemerkenswerten Geschichte gehört), ja bereits freudig annehmen. Sie erhebt, zu sich heraufzieht, statt sich sozialarbeiterisch herablassend zu ihnen hinunterzubeugen. Und das ihnen einmal sagt, was sonst nur die L’Oréal-Werbung ihrer Kundschaft flüstert: Weil ihr es wert seid.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt dachte Esther Slevogt in ihrer Kolumne über das Theater als Ort für eine digitale Öffentlichkeit nach.

 

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