Jedermann ist Biedermann

von Sascha Westphal

Bochum, 21. Januar 2017. Zuerst kommen die Brandstifter auf die Bühne, dann die anderen. Das ist natürlich plakativ. Aber vielleicht sind die Zeiten für Feinsinniges tatsächlich erst einmal vorüber. Der Gedanke drängt sich angesichts der aktuellen politischen Ereignisse in den Vereinigten Staaten wie in der Türkei, in Großbritannien wie in Deutschland fast schon auf. Hasko Weber lässt auf jeden Fall von Anfang an keinen Zweifel an der Dringlichkeit seiner Inszenierung aufkommen.

Fackeln überall

Schmitz und Eisenring, die beiden von Jürgen Hartmann und Matthias Eberle gespielten Brandstifter, nehmen die Bühne regelrecht ein. Ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Sturmtrupp der neuen Un-Ordnung, der sich sogleich ans Publikum wendet. Die beiden haben zwar Fackeln, aber keine Streichhölzer dabei. Da kann doch sicher jemand im Saal aushelfen? Eine Frau meldet sich. Als einer der beiden in ihre Richtung geht, reagiert sie allerdings nicht mehr. Wenig später überreicht dann eine Zuschauerin aus der ersten Reihe den Brandstiftern ihr Feuerzeug. Warum auch nicht, sie haben schließlich ganz nett gefragt.

 biedermann1 560 Thomas Aurin uFeuer bitte? Biedermann (in der Mitte Martin Horn) raucht Zigarre und bietet sie auch gleich seinen ärgsten Feinden an © Thomas Aurin 

Die Botschaft könnte kaum klarer sein: Biedermänner und -Frauen gibt es überall, gerade auch im Theater. Das wusste schon Max Frisch. Nicht zufällig verkündet Babette, die Ehefrau des Brandstifter-Freundes Gottlieb Biedermann, einmal lauthals, dass sie den "Jedermann" in Salzburg gesehen haben. Frischs Ironie hat ihre Schärfe, aber Hasko Weber will tiefer schneiden. Deswegen muss er jede Zuschauerin und jeden Zuschauer im Saal in die Rolle seines Protagonisten drängen.

Deutliche Botschaft

Auf der Bochumer Drehbühne, die den Blick mal auf eine ziemlich mickrige bürgerliche Stube und mal auf einen eher angedeuteten Dachboden freigibt, ist Biedermann wirklich Jedermann. Nach dem kleinen Vorspiel mit dem Publikum kann sich zumindest niemand mehr herausreden. Ihm folgt dann auch kein "Lehrstück ohne Lehre", sondern eine Komödie mit deutlicher Botschaft.

Die vielen Türen, die Thilo Reuthers pragmatisches Bühnenbild ebenso prägen wie die von Schmitz und Eisenring auf dem Dachboden deponierten Benzinfässer, deuten es schon an. Hasko Weber verwandelt Frischs doppel-, wenn nicht gar drei- oder vierdeutige Parabel in eine unmissverständliche Boulevardkomödie. Nicht nur Gottlieb Biedermann ändert in rasendem Tempo seine Meinung. Eben wollte er den Hausierer Schmitz noch eigenhändig rauswerfen, und schon bietet er ihm Zigarren, Wein und Brot an. Auch die Inszenierung eilt von Szene zu Szene. Entsprechend überdreht tritt Webers Ensemble auf.

Feuerwehrleute gefragt

Veronika Nickl ist die ängstliche Hausfrau, die aber nie gegen ihren Ehemann aufbegehren würde und sich ebenso übereifrig um die Brandstifter bemüht wie er. Das Dienstmädchen Anna wird nicht nur fortwährend von Schmitz und Eisenring, die nicht einen Moment wie Obdachlose wirken, begrapscht. Sie fällt auch bei jeder Gelegenheit theatralisch in Ohnmacht. Eine boulevardeske Klischeefigur, der Kristina Peters aber etwas Anrührendes verleiht. Während ihre Herrschaften nur von Menschlichkeit schwadronieren, versucht sie, menschlich zu handeln. Doch das kann in diesen Verhältnissen nicht gelingen.

biedermann2 560 Thomas Aurin uBrennt nur die Stadt oder ist das die Hölle? Viel Feuer lodert jedenfalls in der Feuerschale in "Biedermann und die Brandstifter" © Thomas Aurin

Als ihn der Chor der Feuerwehrleute, dessen antikisierende Texte Luana Velis, Daniel Stock und Klaus Weiss mit viel Sinn für deren bitterbösen Humor vortragen, zur Rede stellen, verteidigt sich Biedermann mit dem bemerkenswerten Ausruf: "Ich habe das Recht, meine Herren, überhaupt nichts zu denken." Martin Horn schickt diesem so verräterischen Satz noch ein selbstgefälliges Lachen hinterher, das diese Pointe vortrefflich akzentuiert. Lachen und Entsetzen lassen sich kaum mehr trennen. Auf der einen Seite ist es ungeheuer komisch, Horn dabei zuzusehen, wie sich Biedermann mehr und mehr verbiegt, um die Brandstifter auf seine Seite zu ziehen. Auf der anderen ist es unmöglich, auch nur einen Augenblick lang zu vergessen, bei wem sich der ansonsten skrupellose Geschäftsmann anbiedert. Horn spielt diesen Biedermann, als hätte Brecht ihn ersonnen.

Bis zum Zeremonienpomp

Nach gut einer Stunde ist die Komödie vorbei. Die Stadt steht in Flammen, und der rote Vorhang schließt sich zur Pause, auf die ein Epilog folgt, der allerdings nur entfernt an Frischs Nachspiel erinnert. Die Hölle, die bei Frisch geschlossen bleibt, wird zum Schauplatz faschistischen Zeremonienpomps.

Während Horn und Nickl an der Rampe verharren und sich immer noch schuldlos wähnen, stehen die Chor-Mitglieder zusammen mit Kristina Peters, Jürgen Hartmann und Matthias Eberle im Hintergrund an einer riesigen Schale, in der ein Feuer lodert. Reihum tragen sie die ersten Artikel des Grundgesetzes in einer Art Countdown vor und übergeben sie nach und nach den Flammen. Der Abend endet, wie er begonnen hat, mit einem deutlichen Appell an das Publikum: Seht hin und handelt, bevor es zu spät ist.

Biedermann und Brandstifter
von Max Frisch
Regie: Hasko Weber, Bühne und Kostüme: Thilo Reuther, Licht: Denny Klein, Dramaturgie: Eva Bormann.
Mit: Martin Horn, Veronika Nickl, Kristina Peters, Jürgen Hartmann, Matthias Eberle, Daniel Stock, Klaus Weiss, Luana Velis.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Sven Westernströer schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (22.1.2017), Hasko Weber habe Frisch "routiniert und schnörkellos in Szene gesetzt". Eine eilige Aktualisierung sei Webers Sache nicht. "Lieber kitzelt er aus der Groteske die Leichtigkeit heraus und dreht Frischs vielschichtiges 'Lehrstück ohne Lehre' zur handfesten Boulevardkomödie. Man könnte auch sagen: Hasko Weber geht auf Nummer sicher und verlässt sich recht bequem auf die gut geölte Mechanik der Vorlage." Dass dem Zuschauer dabei das Schmunzeln immer wieder vergehe, sei ein großes Plus dieser Aufführung.

"Die Botschaft, die der Weimarer Intendant Hasko Weber mit diesem flotten, entschlackten Frisch-Stoff gibt, ist vielleicht allzu eindeutig, aber in diesen Zeiten mehr als angebracht: Leute, werdet aktiv, sonst geht die Welt in Flammen auf!", schreibt Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (22.1.2017). Die Inszenierung sei äußerst kurzweilig.

Ein direkter, klarer politischer Bezug sei nicht zu erkennen. Etwas betulich und unengagiert findet Stefan Keim im WDR3-Mosaik (23.1.2017) den Abend. Auch die Schauspieler agierten "mit halbem Gas". Nach der Pause, beim Nachspiel in der Hölle, werde der Abend dringlicher.

"Das Wiederlesen nährt den Verdacht, dasss es ein Stück der Stunde ist", meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.1.2017) über das Stück von Max Frisch. Allerdings seien die Figuren "Zigarre paffende Halbtrottel" und "ohnmachtsanfällige Servierfräulein", also "Spießer-Karrikaturen", die "zwei durchtriebenen Zündlern" auf den "schmierigen Leim" gehen. "Heiteres Herunterlachen statt mulmiger Versunsicherung" sei die Folge, "solide Boulevardunterhaltung statt irritierender Zerrspiegelkomödie das Genre." Der Inszenierung gelinge ein "fragwürdiges Kunststück": Sie weist auf "die neue Brisanz" des Textes hin, "ohne das Geringste davon zu entdecken."

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