In Peeropolis

von Kornelius Friz

Leipzig, 28. Januar 2017. "Whenever I'm alone with you / You make me like I am home again" singen die sieben Männer leise. In bunte Pullover gezwängt, sitzen sie nebeneinander. Abgefunden haben sie sich, mit einem Leben abseits der Realität, abseits auch von Wohlstand und Glück. So hoch wollten sie hinaus, wollten Kaiser werden, reich sein, die Welt erobern. Und nicht zuletzt Solveig! Die angebetete Solveig war das Ziel aller Träume. Der phantasievollen Träume des Peer Gynt. Gleich sieben Männer stellen ihn dar: "Lacht sich tot. Zeigt sein Schmelzlöffel. Schlägt um sich." Gegenseitig geben sie sich Regieanweisungen. Zwei von ihnen beweisen einander, welcher der echte Peer Gynt ist, doch keiner von ihnen ist nicht Peer Gynt.

Überhaupt, diese Bühne! Mit sieben Äxten schlägt das Ensemble auf sie ein, doch sie gibt nicht nach. Diese Bühne (Ramallah Aubrecht) ist unschlagbar: Eine Welle von Schaum ergießt sich schon über den ersten Monolog. Jedes Bild – egal ob Trollwelt, Kapitalistan oder einfach nur Gischt, in Sepia auf den weißen Vorhang geworfen – jedes Bild beeindruckt durch die Fluidität des Materials.

Achtung, Gegenwart!

Doch zunächst zum Anfang von "Peer Gynt", das Hausregisseur Philipp Preuss auf die Leipziger Bühne gebracht hat: Peers Mutter platzt in dessen selbstverliebtes Spiel mit dem Publikum. Sie will partout nicht mehr von der Bühne. Sogar einen Kuchen hat sie gebacken, in Form eines Bühnenbildmodells. Der Alten (Dieter Jaßlauk) gehört auch die ikonischste und zugleich traurigste Szene des Abends: Halsbrecherisch halluziniert der jugendliche Peer ihr einen gemeinsamen Ritt auf "geilem Schlitten über einen Grat". Obwohl der verfallende Körper ihr zu schaffen macht, scheint sie die Aufmerksamkeit der "hunderttausend Leute", das grelle Licht und den Fahrtwind zu genießen – bis ihr Blick bricht.
peergynt1 560 Rolf Arnold uAuch ein Peer: Felix Axel Preißler © Rolf Arnold

"Nun sind wir wohl genug gefahren", weint Peer und begibt sich auf seine waghalsige Reise durch ein Meer aus schiefen Akkordeontönen bis nach Übersee, wo er durch Sklavenhandel zunächst zu Reichtum kommt. In einer Limousine, die nicht aufhört, sich um sich selbst zu drehen, frönt dieser seinem Größenwahn und Hedonismus: Er kokst, schießt um sich, verkündet Peeropolis und – Achtung, Gegenwart! – imaginiert einen gigantischen Gynt-Tower. Doch das Schicksal hält nicht lange zu ihm. Sein Schiff wird ihm gestohlen, den Trollen und Affen entkommt er nur knapp, und als er gar im Begriff ist zu sterben, da eilt auch Aase ihm nicht mehr zum Beistand.

Angsthase und Profit-Prophet-Profi

Das reine Männerensemble überzeugt durch Geschlossenheit. Dominiert anfangs der ambitionierte Peer von Felix Axel Preißler, drängt später etwa Andreas Keller mit einem geängstigten Peer in den Vordergrund, hin und her geworfen von Sturm und Selbstzweifeln. Großartig auch Denis Petković als "Profit-Prophet-Profi", gefeiert zunächst und dann geschunden, in aller Einsamkeit. Der einzige Darsteller, der heraussticht, ist Dieter Jaßlauk, der Aase keine clowneske Komik, sondern die Würde einer lebensmüden Greisin gibt. Dem 82-jährigen gehören auch die letzten Worte des Heimgekehrten, die Worte des geläuterten Peer.

peergynt2 560 Rolf Arnold uFluide Welt: Sechs Peers im Schaum © Rolf Arnold

Ein Happy End erspart Philipp Preuss dem Publikum. Solveig, die in Ibsens Dramengedicht zuhause auf ihren Helden gewartet hat und ihn schlussendlich rettet, darf nicht einmal auftreten. Stattdessen bleibt die Frage nach dem Ich. Immer sei Peer "ich selbst" gewesen, doch was das Ich ist und weshalb es nicht vom Andern zu unterscheiden ist, bleibt offen.

Sirenen, Trolle, Zwiebelhüllen

Nicht zu vergessen ist Kornelius Heidebrecht. Seine Klavier-, Streich- und elektronische Musik unterlegt die gesamte Reise und ist doch viel mehr als Begleitmusik. Mit eindrücklichen Melodien und Soundeffekten beweist der Musiker, dass es keinen Edvard Grieg braucht, und auch keinen Werner Egk, um "Peer Gynt" eindrücklich zum Klingen zu bringen.

Selten greifen alle Zahnräder so reibungslos ineinander wie bei dieser Inszenierung. Der Gesang der Sirenen nimmt flirrend die dämonische Stimmung norwegischer Trollwelten auf. Bühne, Kostüm und Live-Video scheinen simpel, bezirzen aber gleich auf mehreren Ebenen. Und nicht zuletzt liefern sämtliche Darsteller immerzu alles, was ihre Ichs, ihre zahllosen Zwiebelhüllen hergeben. Unter diesen Umständen fällt es nicht schwer, die Slapstick-Momente zu vergessen, die holprigen Wortwitze, ja, sogar den unnötigen Blackfacing-Moment im Fond der Limousine des Sklavenhändlers möchte man verzeihen: So stark war dieser "Peer Gynt". Zum Schluss werden tonlos die Akkordeons aufgezogen, als täten diese ihren letzten Atemzug.

 

Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Philipp Preuss, Bühne, Kostüme: Ramallah Aubrecht, Video: Konny Keller, Dramaturgie: Christin Ihle, Musik: Kornelius Heidebrecht, Licht: Carsten Rüger.
Mit: Timo Fakhravar, Dieter Jaßlauk, Andreas Keller, Markus Lerch, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Florian Steffens. Sängerinnen: Joanne D'Mello, Fanny Lustaud, Amanda Martikainen, Hiltrud Kuhlmann.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Allein wegen der "große(n) Effekte" sei dieser Abend "schon sehenswert", meint Stefan Petraschewsky für MDR Kultur (30.1.2017). Zwar sei die dargestellte "Stretchlimousinenwelt" tatsächlich "etwas zu plakativ" und der Abend allgemein etwas "oberlehrerhaft", andererseits sei der "Rhythmus, in dem diese Inszenierung dahinfließt" ganz "wunderbar". "In der Tat hat mir diese sehr akzentuierte Inszenierung gut gefallen", so Petraschewsky. 

In der Leipziger Volkszeitung (30.1.2017) schreibt Steffen Georgi: Die Bühne voller Schaum sei ein Bild, für das allein sich die Inszenierung schon lohne. Trotz aller Längen und dem "strauchelnde Erzählrhythmus" formuliere Preuß mit und aus einer "Traumgrammatik" heraus, sein "Peer Gynt" sei ein "Theatergespinst", eine "weit treibende assoziative Traumlandschaft". Schauspielerisch sei sie eine "gelungene Ensembleleistung". Preuss scheue weder das "emotional Berührende", noch den "tragischen Ton". Ein "Geschenk für die Schauspieler".

Martin Schöler schreibt in der Leipziger Internet Zeitung (30.1.2017): Preuss zähle zu der Generation "postdramatischer Regisseure", die die erzählte Handlung "szenisch hinter eine tiefere Sinndeutung des Textes zurückstellen". Statt mit "der Fabel" arbeite Preuss "vornehmlich mit assoziativen Bildern", steigere sich dabei in "einen Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt". Der Abend hätte "eine halbe Stunde kürzer ausfallen können". Unter dem Strich: eine "spannende Neudeutung des populären Klassikers".

 

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