Frischpolierte Klassiker

8. Februar 2017. Gestern wurde die Auswahl für das diesjährige Theatertreffen bekanntgegeben. Die Redaktionen reagieren überwiegend zustimmend, haben aber auch Einwände.

Susanne Burkhardt freut sich in Deutschlandradio Kultur (7.2.2016) auf "ein ästhetisch breites wie inhaltlich tiefes Theatertreffen 2017 mit vielen Stückentwicklungen, mit frischpolierten Klassikern wie Simons Stones Version der Tschechow-'Schwestern' aus Basel und mit Produktionen, die Themen wie Flüchtlinge, Ängste, Populismus oder totalitäre Ideen nicht vordergründig, sondern in subtilen Zwischentönen verhandeln." Einziger Wermutstropfen: "Der Marthaler fehlt. Finde ich. Er hätte, und damit stehe ich nicht allein, mit 'Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter' unbedingt hingehört in dieses Theatertreffen."

"Vielversprechend", bewertet Katrin Bettina Müller von der tageszeitung (8.2.2017) die Auswahl. Und "aufregend ob der Unterschiedlichkeit der Handschriften, Ästhetiken und Reflexionsformen. Die sich meist ins Verhältnis setzen zu unserer Gegenwart, ihren Formen des Redens, der öffentlichen Auftritte, den Räumen des Diskutierens und Denkens." Die Auswahl sei auch deshalb erfreulich, weil sie die Grenzen zwischen Thea­ter, Performance, Dramentext, Stückentwicklung vielfach überschreite und damit auslote, wie sich das Erzählen im Internetzeitalter auch auf der Bühne verändern könne.

Abgesehen von der Nominierung Herbert Fritschs 'Pfusch' festige die Auswahl nicht gerade den Ruf Berlins als leuchtende Theatermetropole, bemerkt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (8.2.2017). Einverstanden ist er gleichwohl mit einem "vielversprechenden" Jahrgang, der unsere Zeit in ihrer brutalen Widersprüchlichkeit zeige.

Zumindest was die Bandbreite der Einladungen betreffe, habe die Jury alles richtig gemacht: "Klassiker, freie Szene, Roman-Adaption, politisches Theater, Internationales, Performance, Osten, kleine Stadttheater, gediegene Staatstheater – alles ist dabei", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (8.2.2017). Umso mehr falle auf, wer fehle. "Zumindest aus Sicht der Jury haben die großen, reichen Tempel, ob mit Performance-Schwerpunkt wie an den Kammerspielen oder im eher gemütlichen Oldschool-Repertoire-Modus wie in Wien und Berlin, derzeit nichts zu bieten, was es wert wäre, zu den zehn wichtigsten Produktionen des Jahrgangs zu zählen." Laudenbach fragt sich, "ob Edgar Selges Solo mit Houellebecqs Unterwerfung am Hamburger Schauspielhaus oder Thalheimers Wallenstein an der Schaubühne nicht zumindest eine Chance verdient gehabt hätten".

"Die Auswahl für das 54. Berliner Theatertreffen ist in diesem Jahr eine ziemlich bunte Mischung. Viele junge Regisseure, nicht nur Stadttheater und nicht nur Metropolen", bemerkt Anke Dürr von Spiegel Online (7.2.2017). Erstaunlich sei, dass außer Herbert Fritisch keiner der anderen Volksbühnen-Veteranen Marthaler, Pollesch und auch Castorf eingeladen wurden. Die Wahl der Gruppe Forced Entertainment hält Dürr derweil für längst überfällig.

"Möglicherweise wird man in fünf Jahren sagen, wie vorausschauend diese Auswahl war, wenn landauf, landab die eingeladenen Regisseure, Kollektive und Konzepte die Spielpläne dominieren. Aber wenn die Auswahl als gute Mischung bezeichnet wird, wie das Festspiele-Intendant Thomas Oberender am Dienstag bei der Vorstellung getan hat, dann darf man schon eine Bühne wie das Wiener Burgtheater vermissen", bemängelt Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (7.2.2017). Aus der Auswahl liest er folgende Trends heraus: "Regisseurinnen hatten ein schlechtes Jahr (nur eine ist dabei), die Stadttheaterszene lebt, klassische Stücke interessieren junge Regisseure weniger, angesagt sind Überschreibungen oder Performances."

(miwo)

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