Hurra, diese Welt geht unter

von Jens Fischer

Bremen, 2. März 2017. Abgrundtief traurig, angstgepeinigt, rasend vor Wut. Elliot wird zum Adrenalinmonster. Aber kommt wie einst Hamlet einfach nicht in die Puschen. Klar, er könnte sie auch darbieten, all die Daseinsputzigkeiten und standardisierten Tagesabläufe, mit denen seine Mitmenschen so ihre Zeit totschlagen: "Normal sein, eine Freundin haben, Haselnuss-Latte trinken." Aber Elliot spürt, mit diesen Glücksverheißungen ist etwas faul. Kennt aber gerade auch keine Alternativen. Und empört sich über das Leben, das ihm fremdbestimmt vorkommt.

Eine Art Truman-Show. Nur dass alle irgendwie Truman sind und gar nicht merken, nur Teil einer Inszenierung zu sein – die irgendwie dem Machtrausch und Reichtum Weniger dient. Diese Gewinnler vermutet unser juveniler Held im größten Konzern der Welt, seinem Arbeitgeber: "Ein Konglomerat des Bösen." So verschwörungstheoretisch schwingt er sich auf, der um sich selbst kreiselnde Gedankenstrom, den Felix Rothenhäusler inszeniert.

MrRobot1 560 Joerg Landsberg uTrumanshow in der Matrix: Verena Reichhardt, Nadine Geyersbach (hinten), Justus Ritter (mitte), Irene Kleinschmidt (hinten), Matthieu Svetchine, Siegfried W. Maschek © Jörg Landsberg

Dessen wahlweise Stil oder Marotte genannte Kunst ist es, jedweden Stoff in einem Bild zu konzentrieren. In diesem Fall platziert er Elliot auf einer sanft rotierenden, von Hunderten Glühbirnen illuminierten Drehbühne – und reiht ihn ein in den Kreis kauziger "Vertreter der furchtbaren Gesellschaft". Kollegen, Chef, Psychotherapeutin, alte Freundin, neuer Freund. Kreiselnd diskutieren sie ihre Lebenseinstellungen. Also in Elliots Kopf. Weswegen die Talk-Show auch weniger wie ergebnisoffenes Debattentheater, eher wie krauses Kabarett aussieht. Denn die Inszenierung macht sich Elliotts paranoide Perspektive zueigen. Die vielleicht in seinem Alltag begründet liegt: Lebenspartner ist der Computer, Beruf der eines Hackers.

Hinreißend hilflos

Tagsüber jobbt er als Cybersöldner für die Sicherheit der Matrix des gehassten Megakonzerns und zerlegt Viren, Leaks, Fake News, Passwörter und Spam-Attacken. Nachts absolviert er Online-Raubzüge bei Freunden, um sie vor sich selbst und anderen zu schützen. Wühlt also ständig in ungefilterten Wahrheiten, die unter den Oberflächen von Unternehmensimages und abseits der Persönlichkeitsdesigns in sozialen Netzwerken abgespeichert sind. Im Angesicht all der schmutzigen Geheimnisse, Missstände oder illegalen Umtriebe färbt sich das Bewusstsein bluesblau bis einsamkeitsgrau. Der Glaube an das Gute, Wahre, Schöne, an Wirklichkeit geht verloren. In seinem Weltschmerz greift Elliot zur klassischen Ausrede: Nicht er sei ein Spinner, die Welt spiele verrückt. Nadine Geyersbach spielt ihn hinreißend hilflos als nerdig scheuen Gruftie – in Anlehnung an Hackerin Lisbeth Salander aus Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie.

Wider die Sozialphobie bemüht Elliot den "blöden Gedanken, die Welt zu verändern". Angefeuert von Mr. Robot: Aktivist eines antikapitalistischen Kollektivs – Terrorist würden die Gegner sagen. Jedenfalls will er Elliot überzeugen, den größten Hack der Geschichte auszuführen. Da dessen Arbeitgeber ein Großteil der globalen Kredite verwaltet, sollen er all diese Daten sowie ihre Backups löschen und damit das Weltwährungssystem zerstören, so dass nicht mehr nachvollziehbar wäre, wer arm, wer reich ist. Eine furiose Story. Aber kein Film. Nur Diskurs mit verteilten Rollen. Mit dem Potenzial zum Theatertrendbeschleuniger.

MrRobot9 560 Joerg Landsberg uHeld oder Paranoiker? Nadine Geyersbach (vorne) als Elliot © Jörg Landsberg

Da alle literarischen Bestseller und Kinohits in dramatisierter Fassung längst zweitverwertet scheinen, stürzen sich die Bühnen, bevor sie demnächst Computerspiele aufführen, auf Fernsehserien. Die Berliner Schaubühne hat ja schon groß mit Borgen vorgelegt. Nun also Mr. Robot in Bremen. Auf Pay-TV-Kanälen und als Internet-Stream bei Bezahldiensten war die US-Serie bereits zu sehen. Wer sie, wie ich, bisher verpasst hat, erkennt den Sinn der Vertheaterung sofort. In nur einer Stunde wird die Handlung einer ganzen Staffel dargeboten. Das spart Zeit.

Karikatur-Performance

Chronisch hoch ist das Erzähltempo, regiekonzeptionell unterbrochen nur von Sprechgesangseinlagen. Im Gegensatz zur TV-Serienkultur wird das Personal nicht in epischer Breite zu psychologisch ausgefeilten Charakteren entwickelt, sondern zu ironisierten Ich-Darbietungen werden noch parodistisch idealisierte Selbstdarstellungen addiert, die auf Pop- und Musicalmelodien tänzeln, welche Gitarrist Matthias Krieg live verkitscht. Der Kampf jeder gegen jeden mutiert sogar kurzfristig zu harmonischem Chormiteinander.

Ein neuer Sommertag wird gepriesen, Optimismus idyllisiert – während Mr. Robot den Untergang predigt. Zudem verwirrt fortgesetzt ein wahllos auf- und abblendendes Lichtdesign das bewegte Bild der verwirrten Seele Elliot. Eine Art Karikatur-Performance. Die gleichzeitig Gesellschaftsanalyse behauptet und aktuelle Versuche aufspießt, sich im falschen Leben das eigene Tun und Lassen als richtig sinnhaft vorzugaukeln. Nicht neu, aber amüsant.
 

Mr. Robot
nach Motiven der gleichnamigen TV-Serie
Regie: Felix Rothenhäusler; Musik: Matthias Krieg; Text: Jan Eichberg; Bühne: Katharina Pia Schütz; Kostüme: Elke von Sivers; Licht: Christian Kemmetmüller; Dramaturgie: Marianne Seidler.
Mit: Fania Sorel, Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Matthias Krieg, Siegfried W. Maschek, Verena Reichhardt, Justus Ritter, Robin Sondermann und Matthieu Svetchine.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-bremen.de



Kritikenrundschau

Ein "extrem hohes Tempo" lege Felix Rothenhäusler mit seiner TV-Adaption an den Tag, schreibt Rolf Stein in der Kreiszeitung (online 3.3.2017). "Nicht nur die wesentlichen Figuren und ihre Beziehungen werden hier präzise freigelegt, sondern auch das, was sie über die Welt erzählen – und damit unsere Bilder von dieser Welt, einschließlich der Tendenz zur Verschwörungstheorie". Rothenhäuslers Akteure spielten dabei "ausnahmslos auf der Höhe des Geschehens" die Thematik durch.

 "Mr. Robot" ist "ein Rondell aus schizophrenen Wahnsinnsfiguren in Elliots Kopf und damit eben doch sehr nah an der Vorlage aus der Serie. Die Komik, die Musik, das alles ist irgendwie verzweifelt", so berichtet Florian Bänsch im Nordwestradio von Radio Bremen (3.3.2017) und zeigt sich fasziniert von Figuren und Darsteller*innen.

"Dieser zugleich komplexe und leichte Abend setzt auf Sinnzerstäubung und Fragmentarchitektur; er bietet viel Schau- und Lauschwert in Sachen Unterhaltung", schreibt Hendrik Werner im Weser-Kurier (4.3.2017). Der Abend sei eine "Petitesse im besten Sinne, ein Praliné, wahlweise Plunderstückchen, mit großzügiger Paranoiafüllung. Reichlich Beifall für diesen ansehnlichen Snack."

 

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