Abwerten, aufwerten

von Dirk Pilz

8. März 2017. Diesmal ein Hinweis zu einer hitzigen Debatte. Seit Wochen wird über ein Podium diskutiert, das erst in der kommenden Woche im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich stattfinden sollte. Die Veranstaltung stand unter dem heiklen Titel Die neue Avantgarde. Sie wollte laut Ankündigung diskutieren, ob die Renaissance des Rechtsnationalen eine Avantgarde-Bewegung sei, wie dem Rückzug in ideologische Filterblasen beizukommen und was eigentlich der Unterschied zwischen populär und populistisch ist. Jetzt hat das Theaterhaus die Sache abgesagt, eben "aufgrund der Hitze der durch sie ausgelösten Debatte – in der Diffamierungen, persönliche Beleidigungen und Erpressung leider nicht gescheut wurden". Trotz der, so heißt es ausdrücklich, "positiven bzw. differenzierten Medienberichterstattung und dem vermehrten Zuspruch von Kolleg*innen" sei nun das Sicherheitsrisiko zu groß geworden. 

kolumne 2p pilzDas Sicherheitsrisiko war nicht Bestandteil der Debatte um diese Veranstaltung. Diesem Unterfangen wurde vielmehr einerseits Blauäugigkeit vorgeworfen, weil es mit Marc Jongen einem der "raffiniertesten und klügsten Rhetoriker (Demagogen) in den Reihen der AfD" eine Plattform biete, ohne eine entsprechende Gegenposition eingeladen zu haben. Andererseits stand es auch unter Verdacht, eine "neoliberale Event-Logik" zu benutzen, also eine Art Debatten-Show zu veranstalten, bei der eben dieser Jongen nur "gewinnen" könne. Man verschaffe hier "Brandstiftern" ein Podium, "welche die offene, demokratische Gesellschaft zerstören wollen".

Es entbehre allerdings, so mit dem Kunstwissenschaftler und Journalisten Jörg Scheller einer der geladenen Gäste dieser öffentlichen Diskussion, nicht einer gewissen Ironie und Tragik, dass sich die Kritiker der Veranstaltung "derselben Strategien bedienen" wie etwa die AfD, indem sie Aussagen verkürzten, aus dem Zusammenhang rissen und falsch wiedergäben. "Wo kämen wir hin, wenn wir sagten: In öffentlichen Debatten können wir nur verlieren respektive die AfD nur gewinnen?"

Feinde, Fehler

Man kam damit in eine Situation, die jede Debatte genau dieser Gewinner- und Verlierer-Logik aussetzte. Das mochte seine Vorteile haben: Es zwang die Debattanten in dieser Stellvertreterdiskussion zur Stellungnahme: Ein Teil der lokalen Presse warf sich so vehement (und aufschlussreich unkritisch) für Marc Jongen in die Bresche wie der Theatermann Samuel Schwarz von Anfang an die gesamte Veranstaltung am liebsten verhindert sehen wollte.

Der gesamte Streit wurde dabei harscher, der Ton unversöhnlicher. Das zumindest unglückliche, wenn nicht reichlich unbedachte Vorgehen des Theaterhauses Gessnerallee hat dazu sicher beigetragen – man kann sich nicht des Eindrucks einer gewissen Naivität (oder Ausgebufftheit?) auf Seiten der Veranstalter erwehren. Ursprünglich waren im Vorfeld des geplanten Podiums "alle eingeladen, die über das Podium streiten und über andere Strategien nachdenken wollen, dem erstarkenden Rechtspopulismus entgegenzutreten". Auch das ist jetzt abgesagt. Aber das Theaterhaus Gessnerallee bleibt überzeugt, "dass das weltweite Erstarken von Populismus und Autoritarismus sowie die Renaissance reaktionären Denkens Phänomene sind, die wir nicht ignorieren können, sondern mit denen wir uns konfrontieren müssen – nicht nur in den jeweils eigenen Milieus, sondern offensiv in öffentlichen Debatten." Ja, aber nicht, indem man eben jenen Strategien dieser Neuen Rechten aufsitzt, sich vermeintlich selbstkritisch zu geben, dabei aber diese Selbstinszenierung als bloßen Katalysator des eigenen Denkens zu nutzen.  

Man kann diese selbstinszenatorischen Techniken hervorragend in dem Ende der Woche erscheinenden Buch Die autoritäte Revolte von Volker Weiß studieren, auch, wie wenig die Öffentlichkeit das Denken der Neuen Rechten bislang durchdrungen hat. Ein Denken, das auf der "Feindschaft gegen den humanistischen Universalismus" gründet, so Weiß. Naivität ist in diesem Kontext politisch nicht nur töricht, sondern affimiert unweigerlich, was vorgeblich diskutiert werden soll.

Man kann allerdings auch schwer übersehen, dass auf Seiten der Kritiker die geistige Verfasstheit eines Theatermilieus zutage tritt, das sich auffallend schwer mit Weltanschauungen und Welthaltungen tut, die nicht der eigenen, zumeist als pauschal "links" verstandenen Wahrnehmung entsprechen. Es geht offenbar noch immer davon aus, dass sich gleichsam naturgemäß aus einer kritischen Haltung eine "linke" ergibt, wobei bezeichnenderweise häufig offen bleibt, was das im konkreten Einzelfall überhaupt bedeutet. Auf das Erscheinen von nicht-linken Positionen im eigenen Biotop kann dieses Milieu augenscheinlich nur mit Entsetzen und Unverständnis reagieren. Es scheint sich, so Volker Weiß wohl treffend, die alte Regel zu bewahrheiten, nach der die Stärke der Rechten auch immer aus der Schwäche ihrer Gegner resultiert.

Werte, Kämpfe

Das allein erklärt aber noch nicht die Vehemenz dieser Debatte. Vielmehr scheint sich in ihr (wieder einmal) etwas niederzuschlagen, was bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und später in den 60er Jahren energisch diskutiert wurde: das ausschließliche Denken in Wertkategorien, die sich an den Kriterien von Sieg und Niederlage orientieren.

Heikel wird dies bereits bei der Frage danach, wer Werte überhaupt setzen darf. Für Max Weber war es das einzelne Subjekt, das hier seiner Entscheidungsfreiheit folge. Damit aber greift eine Wertelogik, die zum Kampf der Werte und Weltanschauungen selbst führt. "Jeder Wert hat − wenn er einmal Macht gewonnen hat über eine Person − die Tendenz, sich zum alleinigen Tyrannen des ganzen menschlichen Ethos aufzuwerfen", schreibt Nicolai Hartmann 1925 in seiner "Ethik". Das gelte auch für gemeinhin als "gut" erachtete Werte wie etwa die offene, öffentliche Debatte oder der Gerechtigkeit. So gebe es einen "Fanatismus der Gerechtigkeit (...), der keineswegs bloß der Liebe, geschweige denn der Nächstenliebe ins Gesicht schlägt, sondern schlechterdings allen höheren Werten." Toleranz und Selbstzweifel seien hierbei nicht mehr vorgesehen.

Es ist genau das, was die AfD und ihre Ideologen etwa tun: einen Wertekampf inszenieren, der immer schon als entschieden dargestellt wird und damit allen demokratischen Grundlagen, Toleranz und Selbstzweifel inbegriffen, entgegensteht. Zu diesem Kampf sollte sich gerade das Theater nicht verführen lassen – man kann ihn in der Tat nur verlieren, weil es hierbei nichts zu gewinnen gibt. Denn dass ein solcher Kampf für höchste, schützenswerte (!) Werte in deren Gegenteil umschlägt, war nicht nur an jenem Krieg im Namen von Demokratie und Freiheit zu bemerken, den George W. Bush einst begonnen hat. Diese Tendenz ist auch jetzt mit Blick auf das Zürcher Podium zu erleben, wenn das schützenswerte Recht auf freie Meinungsäußerung an die "richtigen" politischen Werte gekoppelt wird statt an verfassungsrechtliche Normen, die von der AfD systematisch ausgehöhlt werden.

"Die Furcht, man könne dabei 'nur verlieren' und den 'Anderen' als Steigbügelhalter dienen", so dazu die Stellungsnahme von der Gessnerallee, verrate "eine zu defensive Haltung, welche die eigenen Stärken unterschätzt oder gar in Abrede stellt". Genau damit aber schreibt man jene Logik eines Wertekampfes fort, die von der Neuen Rechten im Dienste ihrer Ideologie eingesetzt wird. Genau damit bedient man ein Denken, das vorgeblich "offensiv" erst zur Debatte gestellt werden soll.

Gewinnen, verlieren

Man setzt sich so übrigens einem Denken mit langem Vorlauf aus, der keineswegs zur bloßen Vergangenheit herabgesunken ist. Papst Hadrian VI. (1459-1523) etwa wird jener lateinische Satz zugeschrieben, den Friedrich Wilhelm I. populär gemacht hat, als er ein mildes Urteil gegen den Fahnenflüchtling Hans Hermann von Katte in ein Todesurteil umwandelte: Fiat iustitia, et pereat mundus. Es sei Gerechtigkeit, und gehe die Welt darüber auch zu zugrunde. Es muss gewonnen werden, und gehe man selbst damit unter.

Die Zürcher Veranstaltungsmacher haben sich damit in eine Lage manövriert, die das Denken der sogenannten "neuen Avantgarde" schon vor dem Podium und auch nach deren Absage noch nobilitiert. Was ist mit der Absage jetzt erreicht? Es ist, nach dem gesamten Diskussionsverlauf, Wasser auf die Mühlen jener, die unter dem Deckmantel der Diskussionsfreiheit Ideen verbreiten, die genau diese Freiheit bestreiten. Sie glauben sich in dem Verdacht bestätigt, dass es eine Freiheit nicht gibt, die sie selbst bestreiten – die Spirale der wechselseitigen Dämonisierung dreht sich weiter.

Für die Zukunft sollte sich jedes Theaterhaus genauer überlegen, was das Ziel solcher Veranstaltungen eigentlich sein soll. Der Hinweis auf die Notwendigkeit von Debatte überhaupt ist schlichter Formalismus. Denn einen interesselosen, ideologisch freien Raum, in dem sich verschiedene Meinungen miteinander messen lassen, gibt es nicht, erst recht nicht, wenn er von Meinungen besetzt ist, die diesen Raum gerade bekämpfen. Und es gibt ihn auch nicht im "spezifischen Rahmen des Theaters", wie die Gessnerallee jetzt in ihrem Absageschreiben behauptet, weil Theater wie jeder andere Ort in politischen Debattenfragen keinem spezifischen, eigenen Rahmen, sondern dem gesamtgesellschaftlichen angehört.

 

Hinweis: Eine nicht vollständig korrekte Darstellung der Position von Samuel Schwarz wurde am 8. März um 15:12 Uhr korrigiert.

 

Dirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Experte des Monats" schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.

 

Beiträge zur Sache:

Meldung 7. März 2017: Gessnerallee sagt umstrittene Veranstaltung ab

Meldung 22. Februar (mehrmals aktualisiert): Kritik an geplanter Diskussionsveranstaltung wird laut

Chronik einer abgesagten Diskussion mit einem AfD-Funktionär im Theaterhaus Gessnerallee (12.3.2017)

 

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