Den Bruder vergessen

von Maximilian Pahl

Zürich, 8. März 2017. Moussa! Dieser Name hallt hinein in eine Schrecksekunde. So hieß also der namenlose Algerier, den Albert Camus in "Der Fremde" niederschießen ließ, um seinen überdrüssigen Mörder Meursault mit dem Todesurteil zu erlösen. Und so politisch und dicht kann also heute wieder ein Theaterabend sein, der sich lose auf diesen Geburtstext des Existenzialismus bezieht. Das alles freilich nur dank des Journalisten und Autors Kamel Daoud und seinem 2013 erschienenen Roman "Der Fall Meursault. Eine Erwiderung". Und dank Özgur Karadeniz, der als Moussas Bruder Haroun auf einem Stuhl im Theater Neumarkt sitzt und von einem wiederum namenlosen Europäer darauf angesprochen wird.

Familienanekdote, Kolonialismuskritik, Fragestunde

Daouds Text liefert nicht nur Namen, sondern auch Brisanz, Verständigung und Streit der Kulturen. Denn Haroun, der die Benennung seines Bruders fordert, entpuppt sich seinerseits als Mörder, spricht von "Wiedergutmachung" statt von Rache und hat zudem die Anfänge des algerischen Befreiungskrieges verpennt. Für teils harsche Islamkritik wurde Daoud angegriffen; zugleich gilt "Der Fall Meursault" als einer der stärksten Beiträge zu gegenwärtigen Fluchtbewegungen und ihren lebensweltlichen Konsequenzen. Dass dies berechtigt ist, unterstreicht die Fassung von Laila Soliman in Ruud Gielens‘ Regie durch entschlossen durchdachte Mittel. Beide hatten schon in Lessons in Revolting in Zürich zusammengearbeitet.

Meursault 560 JudithSchlosser uGeschwister im Erinnerungsprozess: Mona Hala, Özgür Karadeniz © Judith Schlosser

Was auf die Schrecksekunde in Zürich folgt, ist Familienanekdote, Kolonialismuskritik, Fragestunde und lückenlos starkes Minimaltheater des ägyptischen-belgischen Regieduos. Frontal erzählt Karadeniz vom Mord mit hintergründiger Dringlichkeit und behält den europäischen Fragesteller Simon Brusis stets im Augenwinkel. 70 Jahre liegen zwischen Camus und Daouds Gegendarstellung. Hier scheint es, als sei der Verlust des Bruders ähnlich lange auf Harouns Herzen gelegen und durch dessen Kopf gegangen. Karadeniz macht schnell klar, dass seine Schilderung widerspenstig voranschreiten wird – er lässt Brusis höchstens die Reihenfolge bestimmen. Schlüssig entblättert er sich als mit Fürsorge und Erwartungen überlastetes Nesthäkchen, schmunzelt verständig, verfolgt aber dennoch fanatisch seine Aufarbeitung. Darüber hat er gar seinen Bruder selbst vergessen, weiß nur noch, dass der wohl Trinker war und beruflich ein Lastenträger.

Auf der dialektischen Reiseflughöhe

Mona Hala hilft ihm schwesterlich auf die Sprünge, imitiert die verstorbene Mutter mit spielerisch impulsiven Bruchstücken. Ihre verstörten Schreie der Erinnerung gehen nahtlos in ansteckendes Lachen über. Sie ist Teilhaberin von sich fortlaufend enthüllenden Geheimnissen, worüber sie sich mit dem Oberkörper wippend beruhigt. Das Unsagbare bannt sie in arabische Volkslieder. Die Oberschenkel und der Bühnenboden dienen ihr als Perkussionsinstrumente. Wenn später noch Özgür Karadeniz in ein Wiegenlied einstimmt, ist musikalisch mit dem Wenigsten das Meiste erreicht.

Meursault 560a JudithSchlosser uHinten lauert der Interviewer: Mona Hala, Özgür Karadeniz, Simon Brusis © Judith Schlosser

Camus steckt im Taschenbuchformat in Simon Brusis' Gesäßtasche. Dieser forscht, kommentiert spitz, regt sich schließlich auf. Statt einer Figur verkörpert er die sonore Erklär-Stimme, den fleischgewordenen Bildungsauftrag. Im Polo-Hemd lehnt er am zentralen Bühnenelement, einem Heizkörper, rauft sich die Haare, zupft an den Schuhen. Bis auf kleinere Rochaden verharren alle drei statisch, wirken nah, aber unaufdringlich. Die Geständnisse der Geschwister werden düsterer, ein familiärer Mikrokosmos schlüsselt sich auf. Am Ende wird Brusis namenloser Fragender über Muslime, ihre "dümmste aller Religionen" und über die kaputten Rutschbahnen in Algerien lamentieren. Trotz aller Klischees gerät er aber nie zur Karikatur.

Zueinander finden die drei Figuren in ihrem Vermögen, Dinge von mehreren Seiten aus zu betrachten. Spätestens hier erreicht Ruud Gielens die dialektische Reiseflughöhe. Wie schon in Daouds Vorlage fehlt dem Europäer der Name. Er ist bloß "der Andere". Das Problem: Ein Namenloser ist kaum anzusprechen. Wie auch: als Araber, als Fremder, als der Andere, als der Flüchtling? Spätestens im Streit hilft das Nennen beim Namen. Haroun ist sich sicher, warum Meursault sein Opfer nicht benannte: Camus‘ Proto-Existentialist hätte sonst ein Gewissensproblem.

 

Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung
von Kamel Daoud
in einer Fassung von Laila Soliman und Ruud Gielens
Regie, Bühne und Licht: Ruud Gielens, Kostüme: Laila Soliman, Dramaturgie: Laila Soliman, Lea Loeb.
Mit: Simon Brusis, Mona Hala, Özgür Karadeniz.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch

 

Kritikenrundschau

Daniele Muscionico von der Neuen Zürcher Zeitung (9.3.2017) sah "die Resteverwertung einer überaus intelligenten und komplexen Literatur- und Geschichtskonstruktion". Der Text sei in seiner Zürcher Variante "eine neutralisierte Sparvariante all dessen, was sich der Autor vornahm". Soliman und Gielens hätten die Vorlage in Bezug auf die Motive und die Sprache bis auf das Skelett entfleischt. "Dabei erfinden sie weder Spielszenen noch Spielsituationen, noch Dialoge, noch Spielort, sie beziehen weder Stellung, noch vertreten sie eine Haltung." Hauptdarsteller Özgür Karadeniz biete mit seiner Ruhe und gespannten Kraft die eindrucksvollsten Erlebnisse des Abends.

"Formal sehr schlicht, die Bühne ist ein weisses Halbrund vor einer weissen Wand, weiter nichts, nur ein zugemauertes Fenster in der Wand: da ist die Perspektive also, wenn Sie so wollen, zugemauert und verbaut – und der ganze Abend tut nun nichts anderes, als gegen solche blinde Fenster, gegen die Bretter vor dem Kopf anzuspielen. Gegen die Vorurteile und Klischees, die aus Ignoranz entstehen", beschreibt Andreas Klaeui den Abend für den SRF (9.3.2017). Diese Spielart gebe dem Abend etwas Indirektes, Vermitteltes, gleichzeitig aber auch etwas sehr Vermittelndes und Zugängliches. Laila Soliman und Ruud Gielens bewiesen einen einen scharfen Blick für kulturelle Klischees "und lassen sie immer wieder sanft auflaufen an diesem Abend, auch mit viel feinem Humor. Sie wollen den Blick, unsern Blick öffnen, und das gelingt ihnen in einem sehr schönen, konzentrierten Kammerspiel."

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