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Aller Anfang des Neuen ist der Schrecken

von Nikolaus Merck

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich freue mich, dass ich heute vor Ihnen ein paar Worte über nachtkritik.de sagen kann. Die Einladung, für die ich mich sehr bedanke, spricht dafür, dass ich Ihnen nicht erklären muss, wie nachtkritik.de funktioniert und was die deutschsprachigen Theater an nachkritik.de haben. Ich sage es aber trotzdem noch mal kurz:

Wer macht nachtkritik.de?

nachtkritik.de wird von gegenwärtig zehn RedakteurInnen betrieben. Dazu kommen zwischen 50 und 60 AutorInnen in der Schweiz, Österreich und der Bundesrepublik. Allesamt sind professionelle KritikerInnen, die für nachtkritik.de auf Honorarbasis arbeiten. Es gibt bei uns keine fest bezahlten Leute, kein Büro, keine Reisekostenerstattung, keine Aufwandsentschädigung.

Was macht nachtkritik.de?

Die Internetplattform veröffentlicht am frühen Morgen Kritiken, über Theateraufführungen im deutschsprachigen Raum. Am folgenden Tag ergänzen wir die Nachtkritiken durch Zusammenfassungen der Radio- und Zeitungsrezensionen. Die Leser von nachtkritik.de haben die Möglichkeit die Kritiken zu kommentieren und eigene Kritiken zu schreiben. Außerdem gibt es Meldungen, Krisenberichte, ein frei zugängliches Archiv u.a.m.

Wem nützt nachtkritik.de?

Bei nachtkritik.de steht klein neben groß, die Kritik aus dem Theater Aalen gleichberechtigt neben der aus dem Thalia Theater Hamburg. Für kleinere und mittlere Theater bietet nachtkritik.de DIE Chance, in ihrer Arbeit überregional wahrgenommen zu werden.

Intendanten kleinerer Häuser mit Drang zu Höherem legen großen Wert auf diese überregionale Berichterstattung von nachtkritik.de. Sie lassen die Kritiken ausdrucken und packen sie in ihre Bewerbungsmappen für die nächste Karrierestation. Das wissen und sagen alle.

Aber auch für größere Häuser erweitert nachtkritik.de den Echoraum. In vielen Städten herrschen Zeitungsmonopole. Für die meisten Arbeiten auch der Häuser in Hamburg, München, Berlin reisen die Kritiker von Hörfunk oder den überregionalen Zeitungen gar nicht an. Sehr wohl aber nachtkritik.de. Immerhin eine Stimme mehr.

Und: eine Stimme, die weder unauflöslich verfilzt ist mit Auswahl-Jurys, Preisgerichten, Berater-Gremien noch eigene ästhetische oder personalpolitische Interessen durchzusetzen trachtet. nachtkritik.de ist, betrachtet man Redaktion und Autorenschaft, höchst heterogen, verfolgt kein bestimmtes ästhetisches Programm, orientiert sich aber mit der kontinuierlichen Berichterstattung an einer Chronistenpflicht.

Welche Premieren wir besprechen, legen wir in einem komplizierten Verfahren fest, für das die Interessen unserer LeserInnen, die vor allem in den größeren Städten zu finden sind, genauso eine Rolle spielen, wie unser Interesse, die Breite der deutschsprachigen Theaterlandschaft wenn schon nicht abzubilden, so doch wenigstens aufzuzeigen.

Wir berücksichtigen in der Regel kein Kinder- und Jugend-, kein Tanz- und kein Musiktheater – weil wir das schlicht nicht leisten können.

nachtkritik.de ist ein anti-zyklisches Phänomen

Gerhard Jörder hat hier vor drei Monaten ausgeführt, auf welchen bescheidenen Stellenwert die Theaterberichterstattung in den letzten Jahren in den Feuilletons zusammengeschrumpft ist. Als ich in den 80er Jahren Theaterwissenschaft studierte, konnte man auf ARD und ZDF noch Theateraufführungen sehen. In den Zeitungen schrieben Kritiker wie Benjamin Henrichs, Peter Iden oder Georg Hensel Rezensionen über eine halbe oder sogar eine ganze Zeitungsseite. Davon geblieben ist heute – fast nichts. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich will mich damit jetzt und hier nicht weiter beschäftigen.

Andererseits gibt es seit bald vier Jahren nachtkritik.de – ein Medium, dessen stetig steigende Nutzerzahlen Widerspruch einlegen gegen die Reden vom nachlassenden Interesse an Schauspieltheater.

1. nachtkritik.de – dem Gegenverkehr ins Auge schauen

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©Thomas Aurin

nachtkritik.de ist gegründet worden, um, wie wir damals schrieben, die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr" zu öffnen. Wir wollten den Richterstuhl der Kritik auf den Sperrmüll räumen. Die Nachtkritik stellten und stellen wir uns immer noch vor als erste professionelle Stimme, die ein Gespräch anbahnt. Zum Gespräch gehören Streit, auch Emotionen, zum Gespräch gehört der Gegenstand, über den zu streiten und sich auseinanderzusetzen lohnt.

Die Debatten, die sich insbesondere in der Kommentarspalte immer wieder entsponnen haben über die neue Dramatik, die Stellung der Dramatiker im Theaterbetrieb, über die Arbeiten von René Pollesch oder Volker Lösch, über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Theater oder die Zukunft des Stadttheaters bezeugen, dass es uns gelungen ist, ein Gespräch über Theater zu institutionalisieren, das die üblichen Wege der Kommunikation zwischen Theater und Publikum erweitert hat.

 

2. Kommentarwesen - Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken

Womit wir bei dem Punkt wären, der Sie wohl am meisten beschäftigt oder ärgert: den Kommentaren.

Wie Sie merken, stelle ich mir die Teilnehmer an dieser Runde mehrheitlich als Kritiker von nachtkritik.de vor, die wissen, was sie an dem Portal haben, aber gleichzeitig zuweilen zähneknirschend vor dem Bildschirm sitzen.

Die Kommentare. Viele davon, beileibe nicht alle, werden anonym abgegeben. Also: ohne Registrierung der mail-Adresse oder gar von Klarname, Straße und Hausnummer bei der Redaktion.

Gerhard Jörder hat in den Kommentaren auf nachtkritik.de "Frust von Theaterinsidern aus der dritten Reihe, Aggression und Schadenfreude" ausgemacht., Wolfgang Höbel schrieb im Spiegel von "Sudeleien" und "internet-typischem Verschwörungsquatsch", Christopher Schmidt in der Süddeutschen von einer "Krawallarena", in der "Schlammschlachten" stattfänden, in denen sich "die Schreihälse gegenseitig an die Gurgel gehen".

Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken, heißt's bei Heiner Müller. Und tatsächlich, es scheint – die anonymen Kommentare auf nachtkritik.de haben eine Art Schrecken verbreitet.

Während sich Hermann Beil, Joachim Lux, William Forsythe oder Frank-Patrick Steckel keineswegs zieren und sich mit ihrem guten Namen unter die Unbekannten und Anonymen mischen, sagte mir jüngst einer der Ihren, niemals ließe er sich auf dieses unterirdische Niveau der "Theaterverächter" und "Quatschköppe" herab, die den Freiraum, den ihnen das Netz bietet, nutzten, um wilde Schmähungen, persönliche Beleidigungen wahlweise gegen ihresgleichen oder Theatermacher auszustoßen oder einfach Blödsinn zu verzapfen.

Natürlich, wir Redakteure von nachtkritik.de, die wir jeden Kommentar lesen und frei schalten oder ihn, wenn er gegen unsere Kommentarregeln verstößt, zensieren oder ganz unterdrücken, waren, als wir mit nachtkritik.de begannen, genauso Analphabeten des Internets wie Sie oder die meisten anderen unserer Generation. Wir mussten lernen wie das Netz funktioniert. Wie Kommunikation im Netz funktioniert. Und wir lernen noch. Wir haben Fehler gemacht, wir haben Kommentare ins Netz gestellt, die wir heute nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen würden. Aber – wir haben unsere Praxis unter heftigen Diskussionen sukzessive verändert.

Dass wer einmal in den Dreck getreten ist, noch lange Zeit als Schmutzfink gilt, auch wenn er seither seine Füße blitzblank sauber gewaschen hält, ist eine geläufige Erfahrung. Dass man allerdings immerzu hört, "ihre Kommentare sind unterirdisch, ich lese sie schon lang nicht mehr" ist ein wenig ärgerlich.

Denn: dieser Vorwurf trifft schlicht nicht zu. In den sogenannten Foren wurden von Anfang an und immer wieder Debatten geführt, wie sie auf Podiumsdiskussionen oder Zuschauergesprächen gewiss nicht gehaltvoller geführt werden.

 

3. Maskenspiel

Um was geht es beim Unbehagen am anonymen Kommentar?

Erlauben Sie mir eine kurze Abschweifung. Sie alle wissen um die neue Tendenz auf deutschen und deutschsprachigen Bühnen: Die Experten von Rimini Protokoll, Hartzer und Knackis bei Volker Lösch, Jugendliche in Kreuzberg mit türkischen Vorfahren, türkisch-stämmige Arbeiter in Dortmund, Ingenieurs-und-Professoren-Väter beim Performance-Trupp She She Pop, der Dresdner Bürgerchor in der Ära Holk Freytag und jetzt unter Wilfried Schulz die Bürgerbühne in Dresden: lauter bislang "Unbefugte", die neuerdings die Bühnen betreten.

Was geschieht da? Offensichtlich erleben wir derzeit eine Erweiterung des dramatischen Raumes. Als seien Intendanzen und Dramaturgien trotz des Uraufführungsbooms seit Ende der neunziger Jahre unzufrieden mit der Welthaltigkeit des zur Verfügung stehenden dramatischen Materiales, greifen die Programmmacher der Bühnen nun nach Erfahrungen und anderen ästhetischen Formulierungen von Erfahrungen, die bisher nicht genügend Ausdruck auf den Bühnen fanden.

Dieser Erweiterung des dramatischen Raumes steht seit einiger Zeit eine Erweiterung des kritischen Resonanzraumes gegenüber. Mit der grundlegenden Veränderung der uns bekannten Formen von Öffentlichkeit durch das Internet und seine Derivate erheben sich im Publikum mit einem Mal Stimmen, bei denen kein Name, kein Gesicht dafür bürgt, dass der Sprecher mit Pass und Anschrift gleichsam polizeilich dingfest zu machen sei.

Diese neuen Sprecher haben das Repräsentationverhältnis des herkömmlichen Diskurses, indem Wenige für die Vielen sprechen, aufgekündigt. Die Vielen selbst ergreifen das Wort, das bisher in der Öffentlichkeit ausschließlich die ausgewiesenen Experten führten.

Und, noch beunruhigender - plötzlich werden wir konfrontiert mit einem "dekontextualisierten" Sprechen. Waren wir es bislang gewohnt, dass sich die Güte eines Diskussionsbeitrages mindestens genauso stark durch den Zusammenhang erweise, in den sich der Sprecher stellt – durch die Seriosität und den Namen des Publikationsorganes, in dem einer spricht, durch den fachlichen Hintergrund, den sich einer glaubhaft zuzulegen versteht in der Öffentlichkeit, durch den Ruf, den sich einer erwarb in verwandten Diskursen – kurz eben durch den Kontext seiner Äußerungen, bedienen sich die neuen Teilnehmer der Kommunikation wahlweise eines Alias, eines angenommenen fremden Namens oder beziehen sich einfach durch ein @ auf vorangegangenen Diskussionsbeträge – die Postmoderne nennt diese Erscheinung "multiple Subjektivität". Einer tritt heute in einem bestimmten Zusammenhang als Diplom-Ingenieur auf und in einem anderen Feld als Anonymus.

Und wir erkennen: auf welch komplexe Weise unsere Kommunikation strukturiert ist. Wessen Argument wir vertrauen, welches Sprechen wir auch nur bereit sind ernst zu nehmen, hängt von vielerlei Faktoren ab, die mit der Güte des vorgebrachten Argumentes nicht das Geringste zu tun haben.

Was die Sache zusätzlich erschwert ist, dass eine Auseinandersetzung über ästhetische Gegenstände ja nicht durch schlagende Argumente, durch wahr oder falsch zu entscheiden ist. Das Sprechen über das Theater ist immer der Versuch, die Begegnung eines Subjekts mit einem ästhetischen Gegenstand, das, im besten Falle, "Berührtsein" zu beschreiben und nachvollziehbar zu machen. Weil aber dieser Diskurs ein weites Feld ist ohne richtunggebende Geländer, fühlen wir uns, um ein Argument für uns zu gewichten, umso mehr auf den Kontext der Sprecher, auf ihren fachlichen Hintergrund, ihren Ruf, ihre Stellung im Betrieb angewiesen. Dieser Kontext wird in den Auseinandersetzungen im Internet oft radikal verändert. Und wir stehen fröstelnd unter dem offenen Himmel und sehen uns gezwungen in dieser Polyphonie der Stimmen jedes Argument genau und neu zu prüfen. Das macht unser Unbehagen, von dem ich oben sprach aus.

In Zeiten von Facebook und Twitter jedoch, verliert der hegemonial sich verstehende Expertentalk in den Dramaturgien, Intendanzen, Feuilletons und Theaterzeitschriften an Gewicht. Er erhält eine neue Rolle, von der wir noch nicht wissen, welche es sein wird.

Der Fachmann, die Fachfrau mit dem großen Namen, der sich herleiht von den einflussreichen Publikationsorganen, wird in Zukunft wohl eine kleinere und andere Rolle spielen (womit immerhin auch in Sicht kommt: dass die Macht einiger Weniger endet, über Wohl und Wehe des Betriebes und seiner Angehörigen zu befinden.). An die Stelle des Notenwechsels unter Großmoguln tritt eine offenere Debatte unter Unbekannten.

Dabei ist es nicht so, um auf unseren engeren Gegenstand zurückzukommen, dass nachtkritik.de Geister herbeigerufen hätte, die ohne diese Plattform gar nicht erschienen wären. Der anonyme Sprecher, der nicht, wie es ein traditioneller Ehrbegriff fordert, einsteht mit einem Namen für das, was er Kritisches über seine Zeitgenossen äußert, regiert das Kommentarwesen auf Spiegel Online genauso wie auf süddeutsche.de oder Welt Online. Und, gestatten Sie mir diese Anmerkung: den Theaterleuten sollte der anonyme Sprecher nun wirklich ein alter Bekannter sein. Selbst Heinrich von Kleist trat in seinen Berliner Blättern anonym als Theaterkritiker auf.

Ich denke, und darum dieser Bogen hier, das Empowerment des anonymen Sprechers aus dem Publikum, ermöglicht durch die neuen umfassenden Medien, ist kein Phänomen, zu dem wir uns nach Lust und Laune verhalten können. Denken Sie an den Zeitungserben Konstantin NevenDumont, der in anonymen Kommentaren seinen Vater und sein eigenes Unternehmen kritisierte – dieses Maskenspiel im Internet signalisiert, dass die Dichotomie von virtueller, von nicht materieller Realität, also von Spiel einerseits, und materieller Realität, also Ernst, andererseits, genauso der Vergangenheit angehört wie die Unterscheidung zwischen dem bürgerlichen Subjekt und der "anonymen Masse". Wie das derzeit geläufige Motiv vom ubiquitären Theater, das in allen sogenannten Subsystemen der Gesellschaft gespielt werde, kündet auch die rabiatere Diskussionskultur im Internet, dass sich die Grenzen zwischen Spiel in einem ernsten Sinne und Ernst in einem existenziellen Sinne verwischen.

Und: dass viele Theater dies längst akzeptiert haben, beweist ihre Präsenz auf Facebook, wo es auch anonyme Kommentare auf den Theaterseiten gibt und – das wollen Sie nicht wirklich wissen, welche Qualität diese von den Theatern selbst organisierten Äußerungen haben… Die Theater vertrauen hier auf ein Medium, dem sie gleichzeitig misstrauen. Das ist ihr Dilemma.

 

4. Und nun? Ist es eine Komödie? Oder doch eine Tragödie?

Eine Tragödie wäre es, wenn Sie die Kommentatoren als eine Ansammlung von Heckenschützen begriffen, die nichts anderes im Sinne haben, als unentwegt Kränkendes und Herabsetzendes über Ihre Arbeit oder Ihre Person auszuschütten.

Wenn so etwas heute auf nachtkritik.de vorkommt: schießen Sie auf die Redaktion! Denn, noch einmal, jeder Kommentar wird in der Redaktion gelesen und falls nötig diskutiert.

Aber geht es wirklich darum?

Wenn man den Diskussionen über die Kommentare auf nachtkritik.de zuhört, die Forderung nach Registrierung der Kommentatoren bis zu Ende denkt, beschleicht einen doch mitunter das Gefühl: eine offene, auch rücksichtslose Diskussion über ihre Arbeit wird von den Theaterleuten und den bestimmenden Kritikern nicht gewünscht. Favorisiert wird eindeutig das eingehegte Gespräch, das im Betrieb verbleibt.

Der Autor und Internet-Experte Sascha Lobo schrieb am 16. Februar auf Spiegel Online in einem Plädoyer für eine "vernünftige Beleidigungskultur im Netz":

"Allein Guido Westerwelle könnte einen Doppeljahrgang Jura-Absolventen in Vollzeit beschäftigen, wenn er sich um justiziable Äußerungen über ihn im Web kümmern würde. Er tut es (…) ebensowenig wie die meisten seiner weniger aber immer noch vielgeschmähten Kollegen. Die angesichts der Skandale (…) der letzten Jahre verloren geglaubte Vorbildfunktion deutscher Politiker - hier strahlt ihr Stern noch hell. Wie lächerlich machte sich Polens Präsident Lech Kaczynski, als er die juristische Verfolgung der "taz" forcierte, die ihn als Kartoffel bezeichnet hatte.

Wenn Verballhornung, Verhöhnung, Verächtlichmachung wichtige und vielgenutzte Mittel der Kritik an politischen Persönlichkeiten sind - warum sollte das nicht auch für andere Leute gelten? … Wieso nimmt der Befindlichkeitsbürger für sich in Anspruch, Politiker straffrei als Idioten bezeichnen zu können, aber strengt eine Beleidigungsklage an, wenn man ihn so nennt?

Die Entkriminalisierung der Herabwürdigung im Netz ist vor allem wegen derjenigen Unternehmen notwendig, die mit dem Kampfruf "Schmähkritik!" versuchen, Kritiker mundtot zu machen."

Kein Missverständnis: ich male hier nicht das Bild des herrschaftsfreien Diskurses diesmal im Internet neu aus.

Ich verstehe, dass Sie nicht per Internet jederzeit und überall auf Ihre Arbeit, Ihre Absichten, Ihre Ziele, auch Ihre Versäumnisse, ihre Fehler und Ihre beruflichen Untugenden angesprochen werden wollen.

Sie können sich auch in die relative Windstille der vor-virtuellen-Wählscheibentelefon-Welt zurückwünschen, aber Sie bekommen diese Welt nicht mehr zurück.

Genauso wenig wie es Sinn hat, den Sprecher in der Diskussion statt am Gehalt seiner Argumente am Grad seiner Disziplinierbarkeit zu messen – denn nichts anderes bedeutet ja die Angabe von Namen und Adresse im Ernstfall – genauso wenig hat es Sinn, das Gespräch im Internet zu ignorieren.

 

5. Die Komödie

Es heißt manchmal, auf nachtkritik.de kommentieren doch immer dieselben: Stefan, Flohbär, Arkadij Zarthäuser, El-friede oder wie sie sich sonst nennen mögen.

Zwischen dem 26. Dezember und dem 26. Januar veröffentlichte nachtkritik.de 518 Kommentare . Die 20 Kommentatoren mit den meisten Kommentaren - nur die zählt das System - schreiben davon 242. Also knapp die Hälfte. Bleibt die andere Hälfte der Postings, die sich auf unzählige andere Kommentatoren verteilt.

Zwischen dem 1. Januar 2010 und dem 31. Januar 2011 gingen etwa 9.000 Kommentare auf nachtkritik.de ein. Glauben Sie wirklich, die Urheber dieser stattlichen Zahl von Kommentaren seien eine Handvoll Verrückte?

Sie wollen Kritik und Berichterstattung über Ihr Haus als Marketinginstrument für ihre Arbeit nutzen. In Ordnung. Aber: das ist nicht genug.

Ich glaube, wir alle müssen begreifen, dass das Gespräch über Theater, und dazu zählt die Kritik genauso wie die Kommentare, die sich dieser Kritik widersetzen oder sie bekräftigen, die Begleitumstände erzählen und von Erlebnissen einzelner Zuschauer am Aufführungsabend – dass diese Gespräche, deren Inhalt Sie oft nicht interessiert und die natürlich flüchtig formuliert und rasch abgeschickt worden sind, dass diese Kommunikation trotzdem dem gesamten Theater zugute kommt. Es nützt allen Theatern, wenn über das Theater mehr gesprochen wird.

Sie oder auch Ich - die Redaktion wird ja nicht geschont - mögen sich hart und unfair oder hämisch angegangen sehen in diesen Kommentaren, man mag sie total unzutreffend finden in der Sache oder argumentativ schlicht – alleine: alle zusammen erheben diese Reden über das Theater ein "Geschrei im Hafen", wo vorher keines oder nur manchmal ein kleines war. Und "kein Geschrei" ist wirklich ganz schlecht.

 

Schluss

Es ist gut möglich, dass die kleineren Zeitungen, wie wir sie kennen, verschwinden werden in der Zukunft mitsamt ihren Feuilletons und Theaterkritiken. Und Theaterkritik sowie das Gespräch über Theater fast vollständig ins Internet abwandert. Ob die Teilnehmer dieses Gespräches "anonym" oder unter Namen agieren, wird genauso zweitrangig bleiben, wie es heute schon der Fall ist.

Bei dieser Art der Kommunikation wird es auf Zweierlei ankommen: erstens auf eine funktionierende Redaktion, die das Gespräch moderiert. Zweitens auf die Güte der Argumente, die da ausgetauscht werden. Und dafür bedarf es Ihrer Unterstützung. Unterstützung in zweierlei Form: durch Argumente, die Sie selbst einbringen und die Sie zu Dialogpartnern machen - ohne Scheu vor diesem Massen-Medium. Und durch Werbung, die Sie auf nachtkritik.de schalten, um mit zu ermöglichen, dass diese Theaterplattform fortbesteht.

Denn neben den vollen Zuschauersälen, ich sage es noch einmal, ist das breitgefächerte Gespräch über das Theater, ist das Interesse der Öffentlichkeit der beste Garant für den Bestand der Theaterlandschaft. Nur Theater, über die gesprochen wird, sind einigermaßen sicher vor dem Zugriff der Ökonomisierer, der Gewinnemaximierer. Und zu diesem Dialog, zu diesem Gespräch trägt nachtkritik.de nicht nur entscheidend bei, nachtkritik.de führt dieses Gespräch derzeit an.

Vielen Dank.

 

Bei diesem Text handelt es sich um das Manuskript eines Vortrages, den Nikolaus Merck, Chefredakteur von nachtkritik.de, am 21. Februar 2011 vor dem Künstlerischen Ausschuss des Bühnenvereins in Hamburg hielt.

 

Über die Geschichte der Nachtkritik und der Theaterkritik im Internet schrieb Petra Kohse.


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