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Der grauenhafte Wille zur Normalität

von Esther Boldt

Mainz, 24. September 2011. Jemand fällt aus der Welt. Hinter ihm knallt die Tür ins Schloss, das fortan kein Schlüssel mehr öffnen will. Das literarische Motiv des aus der Gesellschaft Gestürzten ist vielleicht das häufigste überhaupt, vor dieser Tür saßen schon Antigone, Don Quijote und Werther. Nun sitzt dort Beckmann, pudelnass und hungrig. Strähnig hängt sein Haar ihm ins Gesicht, seine breiten Schultern sind gebeugt, sein Blick ist gebrochen, doch in seiner Stimme liegt ein Trotz, ein großer Einspruch, der sich zur bitteren Weltanklage gegen das Vergessen emporheben wird.

Die Fronten der Gegenwart

Eine schmerzlich treffende Wiederentdeckung ist dieser Beckmann, Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer, der seinen Platz in der deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht mehr findet. Heute wird das expressionistisch angehauchte Stationendrama "Draußen vor der Tür" selten gespielt, zu sehr scheint das von Kriegsheimkehrer Borchert schnell geschriebene und 1947 uraufgeführte Stück im Dritten Reich verhaftet. Im April erst hat Luk Perceval es am Thalia Theater Hamburg versingen lassen, nun inszenierte es Intendant Matthias Fontheim am Staatstheater Mainz. Dabei entfernt er den Kontext des Zweiten Weltkriegs weitgehend, dieser Beckmann kann an vielen Fronten der jüngeren Geschichte gestanden haben: in Korea oder in Vietnam, in Kuwait oder in Afghanistan.

Zuhause aber ist unterdessen das Leben weitergegangen, und als er heimkehren will, liegt in seinem Bett ein anderer Mann, seine Frau setzt ihn vor die Tür, und Beckmann wird zum lästigen Störfaktor: Von Schuldgefühlen und Alpträumen geschüttelt, an Leib und Seele versehrt, zwingt er seine Mitmenschen, in ihrem blinden "Vorwärts!"-Rufen einen Blick zurück auf die Kriegsgräuel zu werfen. Aber sie wollen kein nacktes Grauen, kein Schwarzbrot, wie es der Zirkusdirektor sagt, bei dem Beckmann vorstellig wird: Sie wollen Torte! Und Schampus dazu, wie ihn der Oberst und seine kleine Abendgesellschaft schlürfen.

Schattenwelt gegen joviale Showerklärungen

Neugierig-befremdet beäugen sie Beckmann (André Willmund), wie er da nass an die Wand geklatscht hockt und was von Verantwortung stammelt, die er dem Oberst zurückgeben möchte – dieser hatte ihm einst das Kommando über zwanzig Mann erteilt, von denen elf starben. Sie suchen Beckmann nun in seinen Träumen heim, und er gäbe die Toten gern zurück. Doch der Adressat ist verzogen, in eine für den Absender unzugängliche Gegenwart: In Anzügen und buntschimmernden Abendkleidern lauschen der Oberst (Marcus Mislin) und seine Gäste mit wachsender Irritation dem am Boden herumrollenden Gespenst der Vergangenheit und verstehen kein Wort dessen, was es stöhnt und stammelt. Mit grausamer Jovialität erklärt der Oberst schließlich alles zur lustigen Show, die Spannung löst sich in zaghaftem, sich grell aufschaukelndem Gelächter: War doch alles nur ein Scherz!

Bühnenbildner Marc Thurow setzt Beckmann ganz bildlich nach draußen: Die Welt ist ein asymmetrisches, mit hellem Fichtenholz ausgekleidetes Raumeck, eingelassen in eine schwarze Wand. Auf dem schmalen schwarzen Steg davor liegt seit seinem Selbstmordversuch Beckmanns Schattenreich aus Pfützen und etwas Müll. Selten steht André Willmund aufrecht, als müsse er noch immer in Deckung bleiben, er robbt, krabbelt und kriecht, presst sich an die Wände. Panisch flattert sein Atem, er ist eine gejagte Kreatur, die keinen Unterschlupf findet – nicht mal der Tod will sie.

Einfach und ergreifend

Dieses Horizontalspiel ist auch für den Zuschauer bisweilen nervenzehrend und schmerzhaft, doch es ist konsequent. Beckmann ist ein Gefallener, ein Untoter, der sich das Leben nicht abgewöhnen kann – und vor allem nicht das Denken. Ganz schlicht und sehr still ist Fontheims Inszenierung, fein zeichnet sein überzeugendes Ensemble die Risse und Verwerfungen nach, die scheuen Blicke, den rasch hochgefahrenen Selbstschutz, die Alltagsmaskerade, mit der der grauenhafte Willen zur Normalität betrieben wird. Nur in dem Mädchen, das den Gefallenen vom Elbufer fischt, findet er eine Verwandte. Doch sie hat ihr eigenes Gespenst, das ihres für vermisst erklärten Mannes, und also keinen Platz in ihrem Leben.

Karoline Reinke spielt diese Liebessehnsüchtige mit wunderbar-warmer Zögerlichkeit: Auf einem Bein steht sie am Weltrand, den anderen Fuß in der Schwebe, ob sie zu ihm hinabsteigen soll – doch dann kommt er zu ihr hinauf, für eine Hoffnung und ein allzu kurzes Glück. Und die handreichende Hilfe nutzt das Mädchen flink, um sich an den nassen Kriegsveteranen anzuschmiegen, bevor sie wieder auf Sicherheitsabstand geht. Das ist so einfach wie ergreifend, und es trifft bis ins Mark.

Draußen vor der Tür
von Wolfgang Borchert
Regie: Matthias Fontheim, Bühne und Kostüme: Marc Thurow, Dramaturgie: Marie Rötzer. Mit: André Willmund, Karoline Reinke, Tibor Locher, Marcus Mislin, Nicole Kersten, Zlatko Maltar, Michael Schlegelberger, Stefan Walz.

www.staatstheater-mainz.de 


Mehr zu Draußen vor der Tür: Luk Perceval inszenierte das Stück im April 2011 im Thalia Theater. 


Kritikenrundschau

Begeistert urteilt Andrea Wagenknecht in der Mainzer Rhein-Zeitung (26.9.2011): Borcherts Stück "kommt in Fontheims Inszenierung kein bisschen unzeitgemäß daher. Im Gegenteil: Beckmanns Aufschreie, Klagen und Anklagen rütteln auf und berühren, nicht zuletzt wegen der aktuellen Debatten um die Kriegseinsätze der Bundeswehr in Afghanistan." André Willmund gebe "körperlich intensiv und ausdrucksstark den verzweifelten Kriegsveteranen" Beckmann. Die "ort- und zeitlos wirkende Bühne" sei "heimelig und kalt zugleich – so wie die Gesellschaft, die zwar wohlgenährt im warmen Heim sitzt, aber das Mitfühlen verlernt hat." Innerhalb dieses Bühnenbildes bleibe den Darstellern "viel Raum die bedrückende Atmosphäre zu erspielen."



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