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Gott sei Punk

von Stefan Keim

Dortmund, 16. März 2012. Die Band thront seitlich neben der Szene, fast drei Meter hoch. Die vier Musiker der New Yorker Undergroundband Botanica haben sich Wimpern angeklebt, in Korsetts gezwängt und Glitzerschminke aufgelegt. Als würden sie die Rocky Horror Show am Christopher Street Day spielen. Die Songs von Keyboarder und Sänger Paul Wallfisch sind zentral für die Aufführung, melancholisch verschattete Balladen und krachender Punkrock wechseln sich ab, geben gewaltige Kicks, laden die Inszenierung mit einer riesigen Energie auf. Das grandiose Ensemble kann mithalten.

meisterundmargarita4 280q birgit hupfeld uLuise Heyer (Margarita) © Birgit Hupfeld"Woran glaubst du?"

Manchmal erinnern die Dortmunder Schauspieler an die jungen, frischen Zeiten der Berliner Volksbühne. Luise Heyer lässt sich einschmieren, wirft sich fast nackt auf einen Tisch, wird von einer Kamera gefilmt und in das Video eines wilden Fluges über Städte, Landschaften und Dortmunder Wahrzeichen hinein gebeamt. Auch Christoph Jöde spielt sich in so einen Rausch, wenn er in seinem Irrenhausmonolog mit immer neuen absurden Requisiten auftaucht. Es ist ein überwältigender Spaß, diesen anscheinend zu allem bereiten Darstellern zuzuschauen, wie sie die Situationen auf die Spitze treiben. Viele Szenen passieren verdeckt in einem Drehbühnenkubus und werden als Livevideo übertragen. Andere sind vorproduziert, und plötzlich treten die realen Schauspieler nach vorn und schauen sich selbst im Film zu. Mehrfach gebrochen sind die Erzählperspektiven, ständig spielt die Inszenierung mit den Realitätsebenen. Was perfekt zum fragmentarischen, die Hauptfiguren und ihre Handlung erst langsam entfaltenden Roman von Michail Bulgakow passt. Doch Regisseur Kay Voges dekonstruiert die Vorlage nicht, sondern setzt die vielschichtigen ästhetischen Mittel im Dienste einer emotionalen Erzählung ein. So gibt er dem Abend bei aller Lust am Spielrausch ein Zentrum. Es ist die Frage "Woran glaubst du?"

"Der Meister und Margarita" – zu Bulgakows Lebzeiten verboten und erst 25 Jahre nach dem Tod des Autors (1940) in zensierter Form veröffentlicht – reizte in den vergangenen Jahren ganz unterschiedliche Theatermacher. Zum Beispiel Frank Castorf in Zürich und Berlin und Wolfgang Engel in Dresden. Sebastian Baumgarten ging die Geschichte mit vielen Anspielungen auf russische Realität in Düsseldorf in einem langsam weg tauenden Eis-Bühnenbild an. Bulgakow verquirlt autobiographische Momente – die Leidensgeschichte eines unterdrückten Autoren – mit großen Seinsfragen. Der Teufel kommt nach Moskau, samt Hexe und Riesenkater stürzt er in die Metropole in Verwirrung. Während der Schriftsteller im Irrenhaus sitzt, seinen Namen vergessen hat und nur "der Meister" genannt wird. Und seine Geliebte Margarita sich sogar Satan in den Rachen wirft, um den Meister wieder zu finden. Parallel erzählt Bulgakow noch eine Geschichte in der Geschichte, die Handlung des Romans, den der Meister geschrieben hat. Darin geht es um Pontius Pilatus.

Die blutende Frau Heiland

"Gott" und "Zweifel", "Love" und "Money" steht auf den Portalen der Drehbühne. In ihr und um sie herum zeigt Kay Voges krasse Bilder. Jesus Christus ist eine blutüberströmte Frau (Carolin Hanke), die einmal am Kreuz hängt und kreatürliche Verzweiflung hinaus brüllt. Eva Verena Müller spielt die Hexe als Wesen aus einer Zwischenwelt, deren Körper sich manchmal ruckartig bewegt, als sei sie nicht ganz in unserer Zeitebene angekommen. Dann wiederum explodiert sie in Tänzen zwischen Wahn und Slapstick. Der Dortmunder Sprechchor hat zwei eindrucksvolle Auftritte.

meisterundmargarita3 560 birgit hupfeld uLuise Heyer © Birgit Hupfeld

Der Videokünstler Daniel Hengst reichert die Livebilder mit Staccatocollagen zum Beispiel von Christusbildern an, optische Explosionen. Während Paul Wallfischs dreckiger, kantiger Soundtrack, der auch auf CD im Handel erschienen ist, Trotz, Wut und Sehnsucht spiegelt. Großartig, wie er im Moment der Begegnung des Meisters und Margarita zu einer düsteren Klangsuppe ins Mikro flüstert: "By gates of Eden, angel, gentle, shone with his softly drooped head, and demon, gloomy and resentful over the hellish crevasse flapped." Pure Poesie, in der ein zarter Engel sein Haupt zum im Höllenschlund sitzenden Dämon herab neigt.

Frieden in der Hölle

Solche Momente finden sich auch im bei aller Explosivität in sich ruhenden Spiel Luise Heyers als Margarita und in der tiefen Melancholie des Meisters. Der kleine, schmächtige Uwe Rohbeck und der massige, große Andreas Beck wechseln sich in dieser Rolle ab. Zwei Schauspieler, deren körperliche Gegensätze größer nicht sein könnten, die aber aus einer gemeinsamen Seelenhaltung heraus spielen.

Es ist ein großer Abend im ohnehin boomenden Dortmunder Schauspiel. Berührend, heftig, verstörend, enorm unterhaltsam. Am Ende finden der Meister und Margarita ihren Frieden in der Hölle. Denn das Licht würden sie nicht aushalten. Der Teufel ist ein Agent Gottes, ein Teil seines Plans. Bulgakows irrwitzige Mischung aus Satire, Trauer und Romantik wird zu Fleisch, Blut und Rockmusik. Woran man nun glauben soll? An dieses Theater.

 

Der Meister und Margarita
von Michail Bulgakow, adaptiert von Kay Voges und Paul Wallfisch
Regie: Kay Voges, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Videoart: Daniel Hengst
Mit: Andreas Beck, Caroline Hanke, Luise Heyer, Christoph Jöde, Eva Verena Müller und Uwe Rohbeck sowie Botanica (John Andrews, Jason Binnick, Brian Viglione, Paul Wallfisch)

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

"Dortmund zeigt ein sehr eigenwilliges Bulgakow-Destillat, das geradezu danach schreit, an seiner Anmaßung zu scheitern. Doch wunderbarerweise passiert das nicht." So preist Rolf Pfeiffer auf dem Online Portal der WAZ-Gruppe derwesten.de (19.3.2012) diesen Abend als "begeisterndes Theater". "Das Publikum erlebt furiose Theater-Action, die manchmal eher Show als Schauspiel ist und die Paul Wallfischs Musik, obwohl laut, souverän strukturiert." Hervorgehoben wird die intensive Videoarbeit. Hier werde Theater "zur multimedialen Performance, zu einer Klang-Licht-Raum-Skulptur, und Verstehen heißt hier erkennbar nicht länger nur, die Dinge in ihren Zusammenhängen zu begreifen, sondern vor allem, sie in ihrer existentiellen Wucht zu spüren."

Jamal Tuschik schließt sich in der Jungen Welt (19.3.2012) dem Jubel über diesen Abend und über "dieses erstklassig stürmende Ensemble" an. Die Musik von Wallfisch und Botanica biete "Glaubensbekenntnisse des Burlesque Rock, optisch very velvet undergroundig". Das Stück komme bei Voges "ballroom-blitzartig auf die Dortmunder Bühne. Einige Kulisseneinfälle erinnern an Endzeitstimmungen der 1960er Jahre mit Che Guevara als eine Art Jesus Christ Superstar. Andere sorgen für Assoziationen im Spektrum zwischen Peepshow, Putin, Paolo Pasolini und Dita von Teese."

Dieser Abend besitze "– dank eines beflügelten Schauspiel-Ensembles – zum Weinen schöne Momente", berichtet Tilmann Abegg in den Ruhr-Nachrichten 19.3.2012). Videomann Hengst lasse über die ganze Bühne "traumartige Bilder fließen, die eine unsichtbare Hand mit Schriftzügen signiert. Eine minutenlange, rauschhafte Hommage an die Liebe, in der die Schauspieler das Publikum mit starker Präsenz sicher diesseits der Kitschgrenze hindurchbegleiten." Regisseur Voges greife aus "dem vertrackten 500-Seiten-Roman" Bulgakows "einzelne Erzähl-Ebenen" heraus "und arrangiert sie neu". "Szenen und Stimmungen wechseln nicht, sie zerreißen, zerfließen oder zerfallen ineinander. Musiker und Video-DJ ergänzen inspiriert, dazu der raffinierte Einsatz der Drehbühne – manchmal weiß man nicht, wohin man zuerst schauen soll."

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