altEs war einmal im Westen

von Georg Kasch

München, 4. Juli 2012. Zufällig ist Rainer Werner Fassbinder, der immer schon zum Film wollte, beim Theater gelandet: Gleich zwei Mal, 1966 und 1967, wurden seine Bewerbungen an die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin abgelehnt. Von einer Kollegin wird der Schauspielschüler 1967 ins Münchner Action-Theater geschleppt, zu "Antigone", inszeniert von Peter Raben – und ist begeistert: "Zwischen den Schauspielern und dem Publikum entstand so etwas wie Trance, etwas wie eine kollektive Sehnsucht nach Utopie."

probenfoto 280 ulrich handl uProbenfoto um 1969 © Ulrich HandlFassbinder bleibt, spielt, inszeniert, schreibt fürs Theater, parallel zur sich dann ja doch einstellenden Filmkarriere. Dass er bis zum Ende mit ihm rechnet, plant, Stücke entwirft, ist wohl die entscheidendste Erkenntnis der Ausstellung "Rainer Werner Fassbinder. THEATER" im Deutschen Theatermuseum München. Sie – und stärker, ausführlicher noch der Henschel-Band "Rainer Werner Fassbinder. Theater als Provokation" von David Barnett – geht die Stationen des Schauspielers, Regisseurs und Dramatikers ab: erst Action-, dann antitheater, beides noch ziemlich laienhafte Off-Klitschen in München (für die Fassbinder neben anderem sein erstes Stück "Katzelmacher" schrieb).

Melodram-Glamour mit BRD-Appeal

Kurz sind diese Stationen, kurz werden sie bleiben: Kurt Hübner holt Fassbinder nach Bremen, damals der westdeutsche Hotspot des deutschsprachigen Gegenwartstheaters (Peter Stein und Peter Zadek schärften hier ihr Handwerkszeug und ihre Stars). Dann Bochum, Berlin, Frankfurt (wo Fassbinder kurz das TAT leitete), sogar fürs Tourneetheater arbeitete er ("Die bitteren Tränen der Petra von Kant" mit Ruth Maria Kubitschek). Seine letzte Inszenierung wird 1976 an Ivan Nagels Deutschem Schauspielhaus Hamburg Clare Boothe Luces "Frauen in New York" (The Women). Womit Fassbinder dann auch auf dem Theater den Wandel vollzogen hat vom politischen Volksstück-Zuschnitt zum Melodram-Glamour mit BRD-Appeal. Viele weitere Pläne – eine "Traviata", eine "Phädra"-Adpation, "Endstation Sehnsucht" – beschäftigten ihn bis zum Tod.

Daneben entwickelt sich Fassbinder zum wahrscheinlich wichtigsten Filmemacher Deutschlands. Ob er auch ein Theatermacher von Rang war, lässt die Münchner Ausstellung offen und versucht es mit der Macht des Faktischen: Zu jeder seiner etwa 25 Inszenierungen und jedem seiner 17 Stücke gibt es Stationen mit Fotos, Hörbeispielen, Kritiken und – selten auch – Filmausschnitten.

liliom 560 deutschestheatermuseumarchiv roswithahecke"Liliom", Bochumer Schauspielhaus 1972, u.a. mit Hanna Schygulla (Julie) und Irm Hermann (Marie)
© Deutsches Theatermuseum Archiv / Roswitha Hecke

Das ist in seiner Masse überwältigend, aber wenn man sich die Kritiken durchliest (die in ihrer oft ablehnenden Haltung natürlich auch Ausweis von Borniertheit sein können), die Kommentare seiner Protagonisten studiert (Karlheinz Böhm etwa behauptet, Fassbinder hätte keine Geduld gehabt, seine inszenatorischen Ideen seien "Filmvorstellungen" gewesen) oder sich kurz ins angeschlossene "Filmtheater" setzt, wo Fassbinders fürs Fernsehen bearbeitete Inszenierungen "Das Kaffeehaus", "Bremer Freiheit" und "Nora Helmer" laufen, erscheint Fassbinders Theater als wilde, auch ermüdende Polit-Kunstanstrengung.

Glotzt nicht so romantisch?

Wer in die Münchner Ausstellung will, muss zunächst durch einen Raum, dessen Fotowände klarstellen, in welcher Zeit Fassbinder Theater machte: auf der einen Seite die berühmte Aufnahme der nackten Kommune 1, auf der anderen demonstrierende Studenten mit Che- und "Unter den Talaren..."-Schildern. Heißt: Fassbinders Theaterarbeit ist nicht ohne die bundesrepublikanischen Umbrüche seiner Zeit zu denken. Und auch nicht ohne das solide, aber vermuffte Stadttheatersystem, an dem sich Fassbinder mit Verve abarbeitete. Fassbinder war ein Theaterprovokateur, der sein Publikum gerne mal mit Abstraktionen, Langsamkeit und unscharfen Charakterisierungen quälte. Glotzt nicht so romantisch? Auch Bert Brecht kam aus Bayern.

Ums romantische Glotzen kommt man aber in der Ausstellung kaum herum. Auf den zahlreichen Inszenierungsfotos sieht man die wunderbaren Fassbinder-Diven Margit Carstensen (auf die er erst in Bremen traf), Hanna Schygulla, Irm Hermann, sieht die blutjunge Eva Mattes in "Hedda Gabler", Brigitte Mira in "Germinal", Gottfried John, Karlheinz Böhm und Volker Spengler in "Onkel Wanja" und gar Fassbinder selbst als Jean in "Fräulein Julie" und denkt sich: Wäre ich doch dabei gewesen!

Barnetts Buch oder Fassbinders tiefere BRD-Bedeutung

Hübsch und spielerisch sind viele Angebote, die die Ausstellung macht, etwa eine historische Jukebox mit Titeln aus Antitheater-Inszenierungen. Allerdings kommen sie an ihre Grenzen, wenn die Touchscreens im Saal, auf denen man eine große Auswahl an Kritiken findet, mal gar nicht, dann wieder extrem auf Berührungen reagieren. Mit Barnetts Buch, auf dem die Ausstellung in etlichen Teilen beruht, ist man allerdings auch gut bedient: Flüssig klappert er Fassbinders Theaterstationen ab, widmet dem Skandal um "Der Müll, der Stadt und der Tod" ein eigenes Kapitel, gerät allerdings im Epilog ins Schwurbeln und Stottern. War Fassbinder nicht nur als Dramatiker, sondern auch als Regisseur wirklich bedeutend für die deutschsprachige Theaterentwicklung? Barnett sagt ja. Die Skepsis des Nachgeborenen bleibt.

 

Rainer Werner Fassbinder: THEATER
Ausstellung vom 25. Mai bis zum 9. September 2012
Deutsches Theatermuseum München

http://www.stmwfk.bayern.de/Kunst/theatermuseum.aspx

David Barnett: Rainer Werner Fassbinder.
Theater als Provokation. Henschel Verlag, 2012, 160 Seiten, 29,90 Euro.

 

Alles über Rainer Werner Fassbinder auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

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