29. Januar 2013

Wählen Sie die wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres!

nktt 280 mw uAn die Urne, fertig, los! © mwHier veröffentlichen wir die Vorschlagsliste mit 48 Inszenierungen (samt kurzer Begründung), die von den nachtkritik.de-KorrespondentInnen und -RedakteurInnen als die wichtigsten der letzten zwölf Monate nominiert worden sind. Jeder Kritiker hatte genau eine Stimme, nominiert werden konnten Produktionen, deren Premiere im Zeitraum von Ende Januar 2012 bis Ende Januar 2013 lag.

Noch bis zum 7. Februar 2013 haben die Leserinnen und Leser von nachtkritik.de nun ihrerseits die Möglichkeit, ihre Stimme für 1 bis 10 Inszenierungen dieser Liste abzugeben.

Die 10 Inszenierungen mit den meisten Stimmen werden gelobt und gepriesen und bilden die Auswahl des virtuellen nachtkritik.de-Theatertreffens 2013. Das Ergebnis veröffentlichen wir am 8. Februar 2013.

 

 

Die Begründungen für die Nominierungen 2013, alphabetisch geordnet:

1. Built to last von Meg Stuart
Münchner Kammerspiele, Damaged Goods, Choreographie: Meg Stuart
Premiere am 28. April 2012.

Es gibt doch diese Kindergeburtstagskuchenkerzen, die man auspustet, und dann gehen sie von selbst wieder an. "Built to last": Fünf Tänzer/innen greifen nach den Sternen, befeuert von Musik aus verschiedenen Epochen der Musikgeschichte. Jedes musikalisch/tänzerische Streben ein Aufflammen der hybrischen Hoffnung auf Unsterblichkeit, die natürlich schnell verflackert. Und dann wieder aufflammt. Und dann wieder verflackert. Und so fort. Bis die Kerze irgendwann runtergebrannt ist. Aber bis dahin sind eine Menge göttlicher Funken gestoben, auch ins Publikum.

2. Bunbury oder Ernst sein ist wichtig von Oscar Wilde
Theater Krefeld Mönchengladbach, Regie: Thirza Bruncken
Nachtkritik vom 2. Juni 2012

Sind bei Wilde die Protagonisten dieser beliebten Komödie immerhin sprachmächtige, also wenigstens geistreiche Nichtsnutze der Upperclass, so enttarnt Regisseurin Thirza Bruncken die Sprache von Anfang an mit Verve und vor allem viel Form als Luftnummernrhetorik. Die Helden der beliebten Komödie werden so zu willenlosen Marionetten, mit ihrer absurden Überdrehtheit findet die Inszenierung des über 100 Jahre alten Stücks einen kurzen und schnell heiß laufenden Draht zum Rummel der Jetztzeit um reine Äußerlichkeiten. Das ist jenseits von Sprachwitz und flotten Pointen wunderbar absurd und höchst amüsant.

3. Caligula von Albert Camus
Burgtheater Wien, Regie: Jan Lauwers
Nachtkritik vom 17. Mai 2012

Trotz personeller und räumlicher Beschränkung von Camus' großzügigem Massenrollenspiel gelingt Lauwers und seinem Ensemble Erstaunliches: Über zwei Stunden bleibt die Bedrohlichkeit der diktatorischen Willkür physisch spürbar, der ganze doppel- und mehrfachbödige Existenzialismus nachvollziehbar. 

4. Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Theater Vorpommern Greifswald, Regie: Uta Koschel
Nachtkritik vom 3. März 2012

Man konnte kaum glauben, dass in den Schauspielern, die man jahrelang auf dieser Bühne immergleich gesehen hatte, so ein Feuerwerk steckt. Der verzweifelte, mutige und würdige Abgang eines Ensembles! 

5. Das Leben ein Traum von Pedro Calderón de la Barca
Theater Bremen, Regie: Robert Schuster
Premiere am 23. März 2012

Calderons barocke Wahrheit von der misslichen conditio humana und der Uneigentlichkeit der Welt wird in (Mit-)Übersetzer Robert Schusters Regie zum in ein kluges Videokonzept eingebetteten, atemberaubenden Schauspieler-, Bilder-, Welttheater. Indem er seinen Sigismund-Darsteller boshaft genial durch einen Boxermundschutz sprachbehindert, erlangt das Leiden am Dasein im Leiden am monologlastigen Text für ZuschauerInnen eine unfassbare physische Intensität. Nur Gott kann das noch besser.

6. Der geteilte Himmel nach Christa Wolf
Staatsschauspiel Dresden, Regie: Tilmann Köhler
Nachtkritik vom 19. Januar 2013

So zart hat man lange nicht von der totalitären Macht der Liebe erzählt bekommen, wie in Tilman Köhlers Dresdner Inszenierung. Einer Liebe, vor deren Unbedingtheitsanspruch sich einst die Protagonistin der berühmten Erzählung von Christa Wolf wohl nur hinter der Mauer (also in der DDR) in Sicherheit bringen konnte. Weil es leichter war, vom Sozialismus zu träumen vielleicht, als eine vollkommene Liebe zu ertragen? Und weil der ungeteilte Himmel der Verliebten immer voller Geigen hängt, hat Köhler eine herausgepflückt und in der Gestalt der Violinistin Maria Stosiek auf Karoly Riszs wunderschöne Bühne gestellt. Be- und Verzauberung total. Und das mit diesem ideologielastigen Stoff. 

7. Der Idiot nach Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Schauspiel Köln, Regie: Karin Henkel
Nachtkritik vom 22. April 2012

Eine verstörende Reise durch die Nacht des Romans mit dem schauspielerischen Leitstern Lina Beckmann.

8. Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller
andcompany&Co., Oldenburgisches Staatstheater, Regie: andcompany&Co.
Nachtkritik vom 23. Februar 2012

"Der (kommende) Aufstand" probt nicht nur den Aufstand, sondern dekliniert ihn nach andco-Manier durch, großzügig Zeiten und Räume durchschreitend. Und wie nebenbei werden kongenial die Occupy-Chöre (zurück) ins Theater geholt als überzeugendes Instrument politischer Verhandlungen zwischen dem Einzelnen und der Menge, sprich: der Gesellschaft. 

9. Der Revisor von Nikolai Gogol
Residenztheater München, Regie: Herbert Fritsch
Nachtkritik vom 22. Dezember 2012

Hier treffen mit Gogol und Herbert Fritsch zwei Seelenverwandte aufeinander und sorgen gemeinsam für eine der erfrischendsten Aufführungen seit längerem im Residenztheater. 

10. Der Trinker nach Hans Fallada
Maxim Gorki Theater Berlin, Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian Hartmann
Nachtkritik vom 4. Februar 2012

Sebastian Hartmann nähert sich dem Stoff ohne alle Rührseligkeit, stattdessen findet er für die Sucht- und Rauschzustände des Trinkers kühn erdachte theatrale und visuelle Übersetzungen. Alkohol- und Kunstdelirium fallen auf faszinierende Weise in eins.

11. Die Apokalypse von Ulrich Rasche
Staatstheater Stuttgart, Regie: Ulrich Rasche
Nachtkritik vom 12. Januar 2013

Ulrich Rasche hat die Offenbarung des Johannes mit Reden von George W. Bush und Al Gore zu einem scharfen, kompromisslosen Musiktheaterschauspiel verschnitten, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Was ganz Feines.

12. Die Banditen von Jacques Offenbach
Theater Bremen, Regie: Herbert Fritsch
Nachtkritik vom 21. Oktober 2012

Man mag es eine Masche nennen, die er jetzt - auch das noch - erstmals aufs Musiktheater anwendet, aber was Fritsch da mit Offenbach macht – es ist wirklich ein Gedicht. Operette explodiert, pubertär, grell, laut – und wirklich lustig.

13. Die Gerechten / Occupy nach Albert Camus
Staatstheater Stuttgart, Regie: Volker Lösch
Nachtkritik vom 19. Mai 2012

Hier werden die richtigen Fragen gestellt!

14. Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht
Schauspielhaus Zürich, Regie: Sebastian Baumgarten
Nachtkritik vom 29. September 2012

Sebastian Baumgarten überführt mit seiner "Johanna" die ganze Bandbreite von Brechts Theaterästhetik in die Gegenwart. Das Ergebnis  ist ein spielerischer, akustisch wunderbar eingerichteter, anspielungsreicher und beeindruckend komischer Theaterabend. Dass  Baumgarten dabei der Versuchung billiger Aktualisierung widersteht, hat viele verstört – uns aber gerade überzeugt.

15. Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller
Theater Freiburg, Regie: Felicitas Brucker
Nachtkritik vom 6. Dezember 2012

Bruckers Inszenierung präpariert heraus, wie Führerpersönlichkeiten Gestalt annehmen, unübersichtliche Umbruchsituationen zum Einschwenken aufs Führerprinzip verlocken, dass auch vermeintlich heiliges Berserkertum rücksichtslos Menschen zerstückelt und dass am Ende doch die Macht des Bestehenden triumphiert. Dabei öffnen kleine, richtig gesetzte Details  immer wieder verblüffende Deutungshorizonte und sorgen dafür, dass die Inszenierung die anregenden Spannung des Dazwischen hält, nicht in überflüssige Eindeutigkeiten kippt und vom Ensemble richtig gut umgesetzt wird.

16. Die Troerinnen nach Euripides von Jean-Paul Sartre
Schauspiel Köln, Regie: Karin Beier
Nachtkritik vom 11. Januar 2013

Karin Beier präpariert aus den Frauen von Troja und den griechischen Männern psychologische Reaktionsmuster, löst emotionale Eruptivkräfte aus, schürt und löscht ab, brennt Bilder, verteilt strategisch die mythischen Lasten, organisiert Temperaturwechsel vom Lamento zum Lässigen und transformiert in unheimlicher Perfektion und kontrollierter Ekstase das Rituelle artifiziell bis in Bereiche medialer Öffentlichkeit.

17. Don Juan von René Pollesch nach Molière
Volksbühne Berlin, Regie: René Pollesch
Nachtkritik vom 15. September 2012

Sicher wie die x-te Wiedervorlage des Lieblingsfilms – dennoch: Wie Komödientextensemble körperlich an die Theaterbank Wuttke herankrabbelt, wie Neumanns Holzkonstruktion die Bühnenschwerkraft aushebelt, wie Pollesch sich selbst nochmal einen Spin gibt. Schon schön!

18. Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert
Schauspielhaus Bochum, Regie: David Bösch
Nachtkritik vom 4. Mai 2012

Anstelle von Borcherts notorisch optimistischem "Anderen" stellt Bösch seinem seelisch und körperlich kaputten Kriegsheimkehrer Beckmann ein verführerisch fieses Alter Ego zur Seite: genau den brutalen jungen Mann, der im Krieg gefragt ist - und von dem im Frieden keiner mehr etwas gewusst haben will. Trost oder Hoffnungsschimmer waren gestern.

19. Einige Nachrichten an das All von Wolfram Lotz
Burgtheater Wien, Regie: Antú Romero Nunes
Nachtkritik vom 23. November 2012

Mit bemerkenswertem Mut gelingt es Nunes mit seiner Inszenierung von Wolfram Lotz' "Einige Nachrichten an das All", zum Kern des herausfordernden Stücks zu gelangen: Leben, Tod, das Alles und das Nichts – auf der Bühne des Akademietheaters wird jeder eines Besseren belehrt, der dachte, dies sei zu viel für nur einen Theaterabend.

20. Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare
Thalia Theater Hamburg, Regie: Stefan Pucher
Nachtkritik vom 24. November 2012

Stefan Pucher nimmt sich zum zweiten Mal in seiner Karriere den Shakespeare'schen "Sommernachtstraum" vor und findet in der Komödie so viel dunkle Erotik, abgründigen Humor und wüste Phantasie, dass selbst ein paar Besetzungsschnellschüsse nicht ins Gewicht fallen.

21. Elektra nach Aischylos, Sophokles, Euripides, Hofmannsthal
Schauspielhaus Zürich, Regie: Karin Henkel
Nachtkritik vom 11. Januar 2013

Tobende Vergangenheit und desperate Gegenwart sind in der Figur der Elektra und im Haus der Atriden nicht zu trennen – und bedingen sich auf der Bühne im Innen und Außen eines Hauses.

22. Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing
Deutsches Nationaltheater Weimar, Regie: Thirza Bruncken
Nachtkritik am 10. November 2012

Thirza Bruncken versetzt den Klassiker in die Schwarz-Weiß-Welt der alten Bundesrepublik der 1960er-Jahren und porträtiert das Bürgertum des 20. Jahrhunderts als ein aus Angst um den eigenen Wohlstand panisch um sich schlagenden Haufen opportunistischer Jammerlappen. Eine umstrittene, aber in ihrer Konsequenz gänzlich unkonventionelle und gerade deshalb herausragende Inszenierung.

23. Exhibit B von Brett Bailey
Foreign Affairs (Berliner Festspiele), Konzept/Regie: Brett Bailey
Nachtkritik vom 29. September 2012

In diesem "Menschenzoo" müssen sich die Besucher lebenden "Exponaten" gegenüber verhalten: In malerischen Tableaux vivants präsentieren Schwarze nicht nur die Kolonialverbrechen der Deutschen, sondern stürzen die Zuschauer damit auch in eine schier unaushaltbare, voyeuristisch-rassistische Situation. Die polarisierende Arbeit entfachte Emotionen, Reaktionen und Diskussionen und vor allem: Verunsicherung.

24. Glaube Liebe Hoffnung von Ödön von Horváth
Wiener Festwochen, Volksbühne Berlin, Regie: Christoph Marthaler
Nachtkritik vom 13. Juni 2012

Weil jedes (schiefe) Bild stimmt. Weil die meisten Schauspieler fantastisch und nicht nur irgendwelche Hübschchen sind. Weil Tragik lustig sein kann. Weil es wirkliche Regieideen gibt. Weil Clemens Sienknecht umwerfend mit dem Piano spielt.

25. Hamlet von William Shakespeare
Theater & Philharmonie Thüringen Altenburg/Gera, Regie: Tilman Gersch
Nachtkritik vom 4. März 2012

Gersch hat Shakespeares Text auf knapp zweieinhalb Stunden gekürzt, bringt aber trotzdem den ganzen Hamlet, den Zweifler, Zauderer, Zornigen in einer Welt, die einem Heerlager gleicht, in der fast alle eine Waffe tragen. Eine Welt, in der das letzte Gefecht aber – das Duell mit vergifteten Waffen zwischen Hamlet und Laertes – rein verbal ausgetragen wird.

26. Immer noch Sturm von Peter Handke
Staatstheater Nürnberg, Regie: Stefan Otteni
Nachtkritik vom 13. April 2012

Der ausufernd poetische Text, aus einer sehr persönlichen Nostalgie geschaffen, hat in der Otteni-Regie das Tanzen gelernt und  mit der Erfindung eines Mädchen-Chores spielerisch den Blick in die nächste Generation gewagt.

27. Krieg und Frieden nach Leo Tolstoi
Ruhrfestspiele Recklinghausen, Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian Hartmann
Nachtkritik vom 12. Juni 2012

Was für eine Symphonie! Hartmanns garstiger Beklemmungs-und-Befreiungs-Freestyle kreist bildgewaltig um markante Schmerzpunkte der Moderne und um die großen Fragen des Seins. Der Abend überfordert, so wie das Mysterium der menschlichen Existenz das Vorstellungsvermögen des menschlichen Geists übersteigt. Und ist dabei viel näher an Tolstois Ringen um die großen Fragen des Lebens, als es jede nur äußerliche Nacherzählung der Geschichte im Guckgasten-Format zu sein vermag.

28. Leben des Galilei von Bertolt Brecht
Theater Trier, Regie: Horst Ruprecht
Premiere am 23. September 2012

Ein (wieder einmal) erstaunlicher Kraftakt des kleinen Trierer Theaters mit beeindruckendem Bühnenbild (Sabine Böing), einem brillanten Hauptdarsteller (Peter Singer) und einer rasanten, klug durchdachten Aufarbeitung inklusive der auf Keyboard-Sparflamme (Angela Händel) köchelnden Musik Hans Eislers.

29. Lulu von Frank Wedekind
Staatstheater Kassel, Regie: Sebastian Schug
Premiere am 24. November 2012

Mit Sebastian Schugs Wedekind-Inszenierung ist "Lulu" ganz im 21.  Jahrhundert angekommen. Eine Produktion, die von intensiver Überzeichnung und ironischer Brechung lebt, außerdem von einem faszinierenden Ensemble um Lulu-Darstellerin Agnes Mann.

30. Medea von Euripides
Schauspiel Frankfurt, Regie: Michael Thalheimer
Nachtkritik vom 14. April 2012

Ein gewaltiges Bühnenbild (Olaf Altmann) und ein Regisseur, der diesem gewachsen ist:  In erschlagender Betonatmosphäre macht Michael Thalheimer mit einem großartigen Ensemble und einer mehr als großartigen Constanze Becker – ruhig, klug, überlegen, verletzt – tatsächlich nachvollziehbar, dass der Kindsmord Medeas einziger Ausweg ist. Aus der Einsamkeit, aus der Verzweiflung, aus der Isolation. Alexander du Prels Schlussprojektionsakkord zeigt den schicksalhaften, schmerzreichen Lebensweg überklar. Eine Inszenierung, die sich einbrennt. Heißkalt.

31. Mein Faust
Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian Hartmann
Nachtkritik vom 15. November 2012

Ein wortloser, physischer, sphärisch musikalischer und kühn gegen Goethe gelesener "Faust". Mit einem kompromisslosen Bühnenstatement verabschiedet sich der Regiekünstler Sebastian Hartmann von seiner Intendanz am Centraltheater Leipzig und seinen Kämpfen mit dem ortsansässigen Bildungsbürgertum.

32. Meine Bienen. Eine Schneise von Händl Klaus
Salzburger Festspiele, Regie: Nicolas Liautard
Nachtkritik vom 24. August 2012

Eine Aufführung, die Musik und Sprache mit den ungewöhnlichen Klanglandschaften von Franui ganz wunderbar verknüpft. Und deren Schauspieler sich mit großer Sensibilität in die Tiefenschichten des Texts hineintasten.

33. Mit wem soll ich jetzt schweigen nach Peter Bichsel
Theater Biel-Solothurn, Regie: Deborah Epstein
Premiere am 17. November 2012

Es gelingt dem Ensemble die teilweise äußerst vertrackten, teilweise melancholisch-poetischen Texte aus allen Schaffensphasen des Dichters, ohne sie zu verändern, so auf die Bühne zu bringen, als ob sie für eine Theaterinszenierung gedacht wären. Ohne eine durchgehende Handlung zu erfinden, mit einem Geflecht aus Bichsel-typischen Situationen und Evokationen schafft es die Inszenierung, berührend persönlich und doch literarisch anspruchsvoll, auf alle Fälle aber leicht und fast schwerelos zu sein. Dabei wird insbesondere auf die Diktion in unverkrampfter Weise soviel Wert gelegt, dass alles, was gesagt wird, ohne Textbuch unmittelbar verständlich und überzeugend ist.

34. Murmel Murmel von Dieter Roth
Volksbühne Berlin, Regie: Herbert Fritsch
Nachtkritik vom 28. März 2012

Ein wunderbares Form- und Farb-, Körper- und Sprachspiel, eine Bühnen-Happy Hour und Kapriolen-Kür, lustvoll, charmant, rhythmisch präzise und einfach vollendet.

35. P project von Ivo Dimchev
ImPulsTanz Wien, HAU Berlin u.a., Regie: Ivo Dimchev
Premiere am 5. August 2012

Eine aufwühlend anregende Lehrstunde in Sachen Kapital und Gier: Rampendiva Ivo Dimchev bietet in seinem "P project" dem Publikum Geld für spontane Bühneneinsätze – und erhöht die Anforderungen an die Schamgrenze der Freiwilligen entsprechend der Entlohnung. Wie käuflich sind wir? Nach diesem Abend ahnt man: Nach oben ist alles offen.

36. Platonow von Anton Tschechow
Thalia Theater Hamburg, Regie: Jan Bosse
Nachtkritik vom 1.September 2012

Die Vergeblichkeit des Seins, eingepfercht in einen Wohnwagen im staubigen Überall. Stéphane Laimé findet für Jan Bosses Inszenierung wegweisende Bilder, Jens Harzer ringt als Titel-Antiheld grandios mit der Anstrengung Leben.

=37. Reise durch die Nacht von Friederike Mayröcker
Schauspiel Köln, Regie: Katie Mitchell
Nachtkritik vom 13. Oktober 2012

Die perfekt geschmierte Bühnenmaschinerie von Katie Mitchells Live-Film findet für den mäandernden Bewusstseinsstrom Mayröckers starke, suggestive Bilder. Sehr sinnlich, sehr emotional und sehr intensiv gespielt von Julia Wieninger. Mayröcker und Mitchell passen hervorragend zusammen. Wahrnehmung wird Ansichtssache, bei der einen in unmittelbarer Sprache, bei der anderen im perfekt arrangierten Film-Theater.

38. SALE von Christoph Marthaler
Opernhaus Zürich, Regie: Christoph Marthaler
Nachtkritik vom 4. November 2012

Das beste Theater fand 2012 in der Oper statt. Der unverwüstliche Christoph Marthaler, der selbst dann origineller ist als fast alle anderen, wenn er sich selbst plagiiert, ehrt Händel auf den Spuren der Marx Brothers und Jacques Tatis.

39. Satansbraten von Rainer Werner Fassbinder
Münchner Kammerspiele, Regie: Stefan Pucher
Nachtkritik vom 14. März 2012

Fassbinders Satire karikiert den Starkult des Kunstbetriebes, Pucher bringt den zeitlosen Biss kongenial auf die Bühne und braucht nicht mehr als eine steadycam, um das Stück im Hier und Jetzt zu verorten.

40. Shakespeare. Spiele für Opfer, Mörder und Sonstige nach William Shakespeare
Deutsches Theater Berlin, Regie: Dimiter Gotscheff
Nachtkritik vom 23. November 2012

Eine Inszenierung, die politisches und historisches Bewusstsein, schauspielerische und musikalische Brillanz, gebotene Leichtigkeit und angemessenen Ernst mit inszenatorischer Durchdringung und dem Wissen um die (Un-)Möglichkeiten des Theaters verbindet – und das bei einer Auseinandersetzung um das Thema Leben und Tod.

41. Stallerhof / 3D von Franz Xaver Kroetz und Stephan Kaluza
Staatstheater Stuttgart, Regie: Stephan Kimmig
Nachtkritik vom 26. Oktober 2012

Zwei schwere Stoffe zum Thema sexuelle Gewalt – im Bauernmilieu Bayerns und in der Upperclass Londons. Regisseur Stephan Kimmig inszeniert diesen Doppelabend als theatrale Grenzerfahrung, als Thriller: herb, bitter, berührend. Behutsam und doch beklemmend genau.

42. Szégyen / Schande nach J.M. Coetzee
Wiener Festwochen, Regie: Kornél Mundruczó
Nachtkritik vom 19. Mai 2012

Kornél Mundruczó füllt alle altherrlichen Leerstellen in J.M. Coetzees Romanvorlage mit brutalem Körperspektakel und führt die Zuschauer schmerzlich in ihrem Voyeurismus vor. Das muss man erst mal aushalten können.

43. The Coming Storm von Forced Entertainment
PACT Zollverein, Regie: Tim Etchells
Nachtkritik vom 23. Mai 2012

Sechs Personen geben alles für eine gute Geschichte. Wenn die britischen Pioniere des Experimentaltheaters über eine Erzählung für die Bühne nachdenken, dann wird das Erzählen selbst bühnentauglich. So komisch wie klug, so spielerisch wie berührend.

44. The King’s Speech von David Seidler
St. Pauli Theater Hamburg, Regie: Michael Bogdanov
Premiere am 20. November 2012

Seidlers Stück, lange vor dem erfolgreichen Film entstanden, ist schlicht furios und unerhört pfiffig geschrieben, es ist wirklich sehr komisch, aber natürlich auch tragisch mit Blick auf den stotternden König, der den Kriegsbeginn bewältigen muss und das nur mit Hilfe eines herzerfrischend respektlosen Lehrers schafft. Michael Bogdanov entfesselt auf der technisch chronisch unterdimensionierten St.-Pauli-Bühne auf dem Hamburger Kiez ein historisch-szenisches Feuerwerk, wie es auch jenseits dieses Mini-Theaters selten zu sehen ist. Marcus Bluhm und Boris Aljinovic schließlich, König und Lehrer, sind in dieser Aufführung nichts weniger als ein Traumpaar.

45. Unendlicher Spaß von David Foster Wallace
HAU Berlin, Regie: diverse
Nachtkritik vom 2./3. Juni 2012

Schlaflos in Berlin: Matthias Lilienthals megalomanisches Abschiedsgeschenk als grandiose Zumutung. Noch immer erkennen sich ehemalige Wallaceianer an ihren Jutebeuteln.

46. Wassa von Maxim Gorki
Münchner Kammerspiele, Regie: Alvis Hermanis
Nachtkritik vom 3. Februar 2012

Ein detailverliebtes Bühnenbild, das den Zuschauer ins Russland des aufdämmernden 20. Jahrhunderts zurückkatapultiert; Schauspieler, die sich in ihre Rollen – Diener, Herrschaften, eine zerrüttete Familie mit einem unheimlichen Muttertier (bestechend: Elsie de Brauw) und einem besonders missratenen Sohn (ein irritierender, irrlichternder Störfaktor: Benny Claessens) – so tief einfühlen, dass man jede innere Regung und Verwerfung mitspürt; und eine Regie, die seelenruhig Zeit vergehen lässt, die Stille zwischen den Worten und den Graben zwischen den Generationen auslotet, bis zum leichenstarren Ende. Nicht altmodisch ist "Wassa" unter der Regie von Alvis Hermanis, sondern hyperrealistisch und atemberaubend dicht inszeniert. Theater als mitreißende Zeitmaschine: Klasse!

47. Wie es euch gefällt von William Shakespeare
Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Nora Schlocker
Nachtkritik vom 12. Januar 2013

Alle Rollen von Männern gespielt: Ein einfacher Plan, intelligent umgesetzt.

48. Woyzeck von Georg Büchner
Theater Neumarkt Zürich, Regie: Yannis Houvardas
Nachtkritik vom 9. März 2012

Zu den Liedern von Tom Waits entwirft Yannis Houvardas ein ergreifendes Requiem im Flüsterton. Es gilt der Würde in Zeiten der Krise. {/sliders}


 Sorry! Abstimmung beendet!

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren