Danach die ganze Welt

von Falk Schreiber

Hamburg, 3. Juli 2015. Mein Verhältnis zum Stadttheater hat zunächst einmal mit Sex zu tun. Ich bin in den Achtzigern in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in Ulm, und was über kleine Städte zu sagen ist, sangen schon Lou Reed und John Cale: "When you're growing up in a small town/bad skin, bad eyes, gay and fatty/people look at you funny/when you're in a small town." ("Smalltown", in: Lou Reed/John Cale: "Songs for Drella", 1990) Will sagen: In kleinen Städten gibt es nichts zu wollen, ästhetisch und menschlich. Ob man nun schlechte Haut hat, schwul ist oder dicklich oder anderweitig nicht ins Raster passt. Das abendliche Entertainment der Sechzehnjährigen verantworteten (meist kirchliche) Jugendgruppen und Sportverein, na danke auch. Das Aufwachsen in einer Kleinstadt hätte die Hölle sein können, in den Achtzigern.

Konkurrenz produziert Einsicht

von Andreas Tobler

26. Juni 2015. Kolonialismus, Großspurigkeit, "reichlich vage Sachkenntnisse", "populistische Ressentiments", "lediglich durch den privaten Aufklärungs- und Kunstwillen (...) legitimiert": Die Vorwürfe waren zahlreich und heftig, die Esther Slevogt Ende des vergangenen Monats gegen Milo Raus "Kongo Tribunal" erhob, das der Schweizer Regisseur damals im Ostkongo ausrichtete und das ab heute Abend in den Berliner Sophiensaelen eine Fortsetzung erhält. Erklärtermaßen ist es das Ziel von Raus "Kongo Tribunal", anhand von konkreten Fällen die Ursachen der Misere zu untersuchen, die seit Jahrzehnten den Kongo im Würgegriff hält.

Let's teamwork!

von Esther Boldt

17. Juni 2015. Es herrscht heute eine überraschende Einigkeit darüber, wie ein Haus auszusehen hat und wie ein Spielplan. An der Spitze steht ein Intendant, seltener eine Intendantin, flankiert von Dramaturgen, häufiger Dramaturginnen, gesäumt von Administration und Technik. Man spielt (fast) jeden Abend, im Stadttheater Repertoire, im Freien Theater en suite, und der Letzte macht das Licht aus. Woher kommt diese Gleichförmigkeit, dieses große Einverständnis darüber, wie Theater auszusehen habe, strukturell wie programmatisch, ja, diese Fantasielosigkeit?

Rückkehr in die Provinz?

von Georg Kasch

16. Juni 2015. Wie gut, dass das so klar gesagt wurde: Es waren nicht fachliche, sondern "andere Gründe", die eine Zusammenarbeit unmöglich machen zwischen Karsten Wiegand, dem Intendanten des Staatstheaters Darmstadt, und Jonas Zipf, für eine kurze Spielzeit Chef des Schauspiels. Beide haben Stillschweigen über die Gründe vereinbart.

Finsterer Kunstwille?

von Esther Slevogt

29. Mai 2015. "Das Kongo-Tribunal" hat der Schweizer Theatermacher Milo Rau sein Projekt überschrieben, das heute Abend eröffnet wird. Das Projekt will eine Öffentlichkeit für die verbrecherischen Zusammenhänge herstellen, die zwischen dem internationalen Rohstoffhandel und dem seit fast zwei Jahrzehnten andauernden Kongokrieg bestehen, der nicht nur ein Bürgerkrieg sondern auch ein von multinationalen Interessen getriggerter Wirtschaftskrieg ist.

Es lebe die Freiheit der Kunst!

von Jan Froehlich

28. Mai 2015. Regisseur Frank Castorf, soeben mit seiner Baal-Inszenierung in den Schlagzeilen, hat Theaterstücke immer schon sehr frei neu inszeniert. So besetzte er zum Beispiel 1996 in "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer eine männliche Rolle stellenweise mit der Schauspielerin Corinna Harfouch. Die Inszenierung wurde zu einem grandiosen Erfolg, weil Castorf mit verschiedenen, sehr verfremdenden Einfällen eine wunderbare Parodie auf die von manchen als viel zu harmlos empfundene Darstellung der NS-Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat. Unter anderem wurde eine Szene von einem Restaurant in eine Raumstation verlegt. Jedoch: Die Inszenierung hat keinerlei Einwände seitens der Erben hervorgerufen.

Wir sind alle Ensemble

von Thomas Bockelmann

26. Mai 2015. Erinnert sich noch jemand an die Sokal-Affäre? An jenen ehrfurchtsgebietenden Essay mit dem Titel "Transformative Hermeneutik der Quantengravitation"? Frisch erschienen, platzte schon die Bombe. Der Text entpuppte sich bei genauer Lektüre als sinnfreie Collage philosophisch verbrämter Physikbegriffe. Der Physiker Alan Sokal hatte das bei Teilen der Soziologie beliebte Cross-Over von Geistes- und Naturwissenschaft entlarven wollen als das, was er letztlich selber produzierte: elegante, heiße Luft.

Nicht über den Haufen schießen

von Kathrin Röggla

Berlin, 18. Mai 2015. Merkwürdig ist, was mit Bernd Stegemanns Auftritt am letzten Mittwoch in der Berliner Akademie der Künste hier passiert ist (und in den Kommentaren weiter geschieht). Vielleicht ist es auch symptomatisch. Der Autor von "Lob des Realismus" zog mit seiner Buchvorstellung jedenfalls vom Kritiker der Veranstaltung Kevin Rittberger jede Menge Aggression auf sich, weil er aufgrund seiner Argumentationsweise einen normativen Anspruch zu erheben schien – das vermute ich zumindest, denn ganz klar ist mir die wüste Antwort auf den Abend nicht.

Schutz für den Autor

15. Mai 2015. Zur Baal-Urheberrechtsdebatte gibt es eine gemeinsame Erklärung der Theaterverlage Felix Bloch Erben Berlin, Henschel SCHAUSPIEL Berlin und Verlag der Autoren Frankfurt am Main (ursprünglich gehörte auch der Suhrkamp-Verlag zu den Unterzeichnern, zog sich aber zurück). In dem Text "Das Ende der Phantasie" erläutern die Verlage, warum sie die Theatertexte für mindestens genauso schützenswert halten wie die Inszenierungen der Regisseure.

Die Schutzspirale

von Rupprecht Podszun

Berlin, 16. Mai 2015. Sabrina Setlur hat mal eine Platte gemacht, "Nur mir" hieß der Song, der seit 1999 bis heute (!) deutsche Gerichte beschäftigt. Ohne Zweifel zu viel der Ehre für das banale Aggro-Liedchen. Doch die Setlur, die Grande Dame des deutschen Raps, wurde von den legendären Elektropionieren Kraftwerk gehört. Kraftwerk fiel auf, dass Setlur-Produzent Moses Pelham eine kurze Sequenz aus dem Kraftwerk-Stück "Metall auf Metall" verwendet hatte, um es unter Setlurs Sprechgesang zu legen. Zwei Sekunden. Kein signature piece, kein Tristan-Akkord, einfach ein Takt, herauskopiert, eingefügt, gesampelt. Kraftwerk klagte. Das waren doch ihre zwei Sekunden, ihre Kreation, ihre Aufnahme. Pelham sollte zahlen.