Theater heißt Warten?

von Sabine Leucht

München, 18. Juni 2016. "Ja glauben Sie denn, dass das die Menschen in Deutschland interessiert? Irgendwas mit einer syrischen Königin und alten Steinen?" Spätestens der betont herablassende Ton dieser Frage und die rüde Art, wie Moderator Peter Arun Pfaff danach den Gesprächsfaden zerreißt, legen den Schalter auf Theater um: Bislang sah es so aus, als würde man an den Münchner Kammerspielen einer Diskussion über die antike Stadt Palmyra und die Zerstörungskultur des IS beiwohnen, zu dem das transkulturell engagierte Netzwerk "Göthe Protokoll" den (Post-)Migrations-Soziologen und Autor Erol Yildiz, die Archäologin und Syrienspezialistin Adelheid Otto und eine deutsch-syrische Regisseurin geladen hat, die hier am Haus eine Arbeit über Zenobia, die antike Herrscherin Palmyras, vorbereitet.

Die Hütte brennt

9. Juni 2016. Vom Theater Trier hörte man jahrelang wenig. Jetzt überschlagen sich die Nachrichten. Die einen sind vielversprechend: Künstlerisch setzt das Haus unter Intendant Karl Sibelius seit dieser Spielzeit offenbar Maßstäbe und wirbelt die Stadttheaterroutine ordentlich durcheinander. Parallel aber sinken die Zuschauerzahlen und steigen die finanziellen Defizite, gibt es Personalquerelen und Entlassungen (gerade musste der Schauspielchef gehen). Jüngste Entwicklung: Wegen der Finanzsituation des Hauses wurde Sibelius ein Verwaltungsdirektor an die Seite gestellt.

Wir werden nicht neutral bleiben!

von Matthias Brenner

Halle, 1. Juni 2016. Nach den Landtagswahlen, am 16. März, erreichte uns eine E-Mail des Geschäftsführers der Historischen Kulturanlagen Bad Lauchstädt, in der er uns mitteilte, dass er keinerlei politische Kundgebung oder Manifestationen weder für noch gegen die aktuelle Politik, politische Gruppierungen oder Parteien dulden werde. "Das Goethe-Theater Bad Lauchstädt steht strikt unter dem von Richard Wagner geprägten Motto 'Hier gilt’s der Kunst'."

Golden Goal

29. Mai 2016. Die Mülheimer Theatertage haben den Ruf, das wichtigste Dramatiker-Festival deutscher Sprache zu sein – sicher auch, weil das Preisgeld des Mülheimer Dramatikerpreises stattliche 15.000 Euro beträgt. Eine Besonderheit der Theatertage ist die doppelte Jury – eine Auswahljury aus Theaterkritiker*innen lädt die sieben Texte in ihren (meist Uraufführungs-)Inszenierungen ein, eine Preisjury, in der auch Theaterpraktiker*innen sitzen, diskutiert am Ende ihre Entscheidung für den Sieger oder die Siegerin öffentlich und begründet ihre Entscheidung.

Bühne frei für die Wirklichkeit

von Mely Kiyak

Karlsruhe, 27. Mai 2016.

Sehr geehrte Staatssekretärin Petra Olschowski, lieber Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, liebe Beata Anna Schmutz, lieber Peter Spuhler, lieber Jan Linders,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst einmal scheint es mir wichtig, daran zu erinnern, dass das Theater ein Ort der Kunst ist. Die Kunst, liebes Publikum, ist die Abbildung der Wirklichkeit mit ihren Mitteln. Die Frage jedoch, wer was mit welchen Mitteln abbilden kann, darf oder soll ist eine zutiefst politische Frage.

In München angekommen?

27. April 2016. Seit einer Dreiviertel-Spielzeit leitet Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele, die unter den Vorgängerintendanzen berühmt waren für ihr exzellentes Ensemble und für Regisseure, die die Klassiker fruchtbar befragten. Lilienthal war in den Neunzigern Chefdramaturg der Berliner Volksbühne und als HAU-Gründungsintendant ein Mann der freien Szene. Seine Kür zum Nachfolger Johan Simons an der Schauspieltheater-Hochburg war eine der aufregendsten Personalien im Theaterbetrieb der letzten Jahre. An den Kammerspielen versucht er jetzt, Protagonisten und Stile der freien Szene mit denen des Stadttheaters produktiv zusammenzuschließen.

Rostock = Krise?

15. April 2016. Wer ans Rostocker Volkstheater denkt, denkt an Krise. Das ist schon lange so. Aber seit Intendant Sewan Latchinian 2014 angetreten ist, um eben diese Krise mit der Kraft der Kunst zu beenden, hat sich der Abstiegskampf des Theaters zu einem regelrechten Drama in vielen Akten ausgeweitet – nachzulesen in der Krisen-Chronik des Volkstheaters.

"Macht uns zum Staatstheater!"

von Georg Kasch

Das Thema: Gelungenes Inklusionstheater: "Volumenjoker", "Prinz von Homburg" | körperbehinderte Schauspieler*innen fest im Ensemble: Staatstheater Darmstadt | Performative Turn durch Jérôme Bel | Star-System | Innovationspotential: experimentell + subversiv | Begriffsfragen: "behindert"?, "inklusiv"? | Schutzraum für geistig behinderte Schauspieler*innen: RambaZamba, Thikwa, Hora | Herausforderung, Macht, Autonomie | Behinderte Schauspieler*innen führen Regie | Fazit + Ausblick

 

7. April 2016. Was ist eigentlich gelungenes Inklusionstheater? Beispiel 1: "Ich bin ein Volumenjoker" von SEE! mit zwei Musikern von Barner 16 aus Hamburg. Da steht das Publikum in einem dunklen Raum. Inmitten der Menschen raschelt, schabt, klackt und wispert es, schwellen die Geräusche zum großen Gesang an. Später wird es heller, man erfährt, wer Publikum ist und wer Performer. Welche der sechs Performer als behindert gelten, erfährt man nicht. Beispiel 2: Prinz Friedrich von Homburg am Staatstheater Darmstadt in der Regie von Juliane Kann. Den Homburg spielt Samuel Koch. Dass Koch im Rollstuhl sitzt, macht Kann zu einem Leitgedanken der Inszenierung. Sein Abstieg durch die Akte, vom Pferd über den Stuhl zum Kerkerboden, wird erst aufgehalten, als er Verantwortung übernimmt und das Todesurteil akzeptiert. Jetzt sitzt er im Rollstuhl – und kann sich zum ersten Mal selbstständig bewegen.

Mehr genutzt als geschadet

31. März 2016. Die User-Kommentare sind ein Dauerbrenner bei nachtkritik.de. Sie gehören seit der Gründung dazu. Immer wieder beschäftigen sie die Leser*innen – und die Redakteur*innen. Unter einer Kritik aus Bern – über die Verwicklungen dort hatten wir vor zwei Wochen gesprochen – flammte die Diskussion in den Kommentaren besonders heftig auf. Zugleich erreichten uns aus der Schweiz verschiedentlich Mails und Anrufe erreichten mit der Bitte, da einzugreifen.

Millionen überm Kassatisch

17. März 2016. Wie war das jetzt noch mal mit dem Wiener Burgtheater? Beim Finanzskandal, der zuerst die Vizedirektorin Silvia Stantejsky mit sich riss, dann Intendant Matthias Hartmann und schließlich auch Georg Springer, Chef der Bundestheaterholding, in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete, gibt's jetzt neue Erkenntnisse. Und die haben's in sich, bergen politischen Sprengstoff.

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