Schafft Verzweiflung ein neues politisches Theater?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. April 2015. Im Sommer 2014 harrte eine Gruppe von Menschen tagelang auf dem Dach der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg aus, um gegen die Räumung dieses symbolischen Orts des Refugee-Movement zu protestieren. Unten auf der Straße zog sich ein Publikum zusammen, das die dramatische Situation durch das Skandieren von Solidaritäts- und Anti-Polizei-Slogans zu einem Theaterstück im öffentlichen Raum überhöhte. Es bezog seine Spannung ganz klassisch daraus, dass sein Ende nicht vorhersehbar war.

Warum redet eigentlich niemand laut darüber, dass Berlin den Diskurs über die inneren Wunden der Stadt noch immer braucht?

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2015. Am Ende ging es dann sehr schnell, fast schon Hals über Kopf. Gestern die Bestätigung der Personalie im Abgeordnetenhaus, heute die um eine Woche vorgezogene Pressekonferenz zur Vorstellung von Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne ab der Spielzeit 2017/2018. Es galt, einen Kandidaten, den man eigentlich mit Pauken und Trompeten inthronisieren wollte, noch einigermaßen rechtzeitig aus der Schusslinie zu ziehen, bevor er restlos durchlöchert ins neue Amt wie in ein Lazarett wanken würde.

Es gibt Gesprächsbedarf

Berlin, 22. April 2015. Was ist die Rolle von AutorInnen und Texten im Theater heute? Wie kann eine Auseinandersetzung über Theatertexte abseits des Theaterbetriebs geschaffen werden? Können Theatertexte für sich sprechen? Werden sie gelesen? Wie greifen sie auf Realität zu? Und warum gibt es immer wieder Missverständnisse wenn Theater und Texte sich begegnen?

Steppe mit Wanderarbeitern

von Matthias Weigel

21. April 2015. Die Arbeit in einem Theaterensemble muss schrecklich sein. Arbeiten stets bis in die Nacht, auch am Wochenende. Die Urlaubszeiten sind vorgeschrieben, die Arbeitsverträge befristet. Die Kollegen, mit denen man zum Teil intim zusammen arbeiten muss, werden einem vorgesetzt. Weil sich das Arbeitsmodell schlecht mit anderen verträgt, spielt sich auch noch das gesamte Sozialleben in der Theaterkantine ab. Die Gehaltsgefälle für ähnliche Arbeiten sind enorm, die Stellen umkämpft. Wer kommt, wer geht, wer zusammenarbeitet, wird "von oben" nach Belieben bestimmt.

Neuerungen, Schwestern und Brüder, Neuerungen!

von Nikolaus Merck

10. April 2015. Was wir sehen im deutschen Theaterwesen, ist nicht schön. In Rostock wird ein gerade bestallter Intendant wegen törichter Äußerungen aus der Abteilung Ich-bin-Künstler-ich-habe-Narrenfreiheit entlassen, obwohl er sichtlich alles daran setzt, das im Abseits von Zuschauerinteresse und –bedürfnis dümpelnde Theater wieder ins Gespräch zu bringen, wesentlich, vielleicht sogar für einige Tausend Menschen unentbehrlich zu machen.

Das Publikum auf der Bühne

von Jens Roselt

8. April 2015. 2009 wurde am Staatsschauspiel Dresden mit der Bürgerbühne eine neue Sparte des Theaters eröffnet, die partizipative Rechercheprojekte mit Dresdner Bürgern entwickeln sollte. Und auch an anderen europäischen Theatern sind ähnliche Projekte initiiert worden. Die Bürgerbühnen bilden inzwischen ein international agierendes Netzwerk, das seine Produktionen alljährlich auf einem Festival, dem deutsch-europäischem Theatertreffen (2014 am Staatsschauspiel Dresden, 2015 am Nationaltheater Mannheim), präsentiert.

Mangelnde Linientreue

von Georg Kasch

31. März 2015. Vorgestern erreichte die interessierte Öffentlichkeit die Meldung, dass der Opernintendant von Nowosibirsk mit sofortiger Wirkung freigestellt wurde – wegen einer Inszenierung, die ein ranghoher Kirchenvertreter als blasphemisch bewertete. Reflexartig kam da der Gedanke: Klar, Russland, geradewegs auf dem Weg in den Neo-Stalinismus. Aber in Deutschland?

"Bitte nix mixen!"

von Rupprecht Podszun

München, 18. Februar 2015. Nach gut zweieinhalb Stunden, als diese Verhandlung am Landgericht München I sich langsam der Dauer von Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung am Residenztheater (vier Stunden) näherte, drohte das Ganze doch in die Farce abzugleiten. Es war der Zeitpunkt, als der Vorsitzende Richter Andreas Müller dazu überging zu prüfen, ob der Suhrkamp-Verlag überhaupt die Nutzungsrechte an den Brecht-Stücken hat. Der Verlags-Justiziarin steht der Unglaube ins Gesicht geschrieben: Sie war heute gekommen, um dem Residenztheater die "Baal"-Aufführung untersagen zu lassen, weil Frank Castorf in den Brecht-Text reichlich Fremdmaterial gemischt hat. In seiner "Baal"-Inszenierung ist nicht erkennbar, was von Brecht ist, was von Rimbaud und was von so zwielichtigen Autoren wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Für einen solchen Text-Mix hatte das Residenztheater keine Autorisierung, so schien es.

Das unerwünschte Theater

von Dirk Pilz

11. Februar 2015. Im November vergangenen Jahres ist es an der Universität Konstanz zu einer Inszenierung gekommen, die dem Theater bestätigt, was ihm immer schwerer zu glauben fällt, was es sich aber stets erhofft: dass die Bühne zum Ort einer Debatte werde, die weit über sie selbst hinausweist. Dass das Theater kritische Anstalt, Provokateur der Gesellschaft zu sein vermag.

Und ewig rollt der Stein

Dresden, 26. Januar 2015. Seit Oktober 2014 breitet sich die ausländerfeindliche Bewegung der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) in deutschen Städten aus. Ihr "Geburtsort" Dresden ist gleichwohl die einzige Stadt, in der die allmontäglichen Pegida-"Spaziergänge" die Gegendemonstrationen an Größe übertreffen. Woran liegt das? Und wie gehen die Theatermacher vor Ort mit der politischen Lage um? Die Intendanten Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden) und Dieter Jaenicke (Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste), beide seit 2009 in Dresden, sprechen im Interview mit den nachtkritik.de-Redakteuren Christian Rakow und Sophie Diesselhorst.