Hauptstadt der Frustration

von Esther Slevogt

21. Juli 2016. Nein, er bereue nicht, im Herbst 2014 "Ja" gesagt zu haben, als Tim Renner ihn angerufen habe, um ihm die Intendanz der Berliner Volksbühne anzutragen. Wie zur Untermauerung zieht Chris Dercon aus dem Revers eine Streichholzschachtel mit dem Aufdruck "Still Alive" hervor – sie stammt aus der letzten Volkbühnen-Streichholzschachtel-Kollektion des verstorbenen Chefbühnenbildners Bert Neumann. Doch so recht mag man das an diesem Abend im Berliner Roten Rathaus nicht glauben. Der Mann sieht angeschlagen aus.

Dann gibt’s ein Problem

20. Juli 2016. Normalerweise ist das so: Beginnt ein neuer Intendant, sinken erst mal die Zuschauerzahlen. Nach der Schnupperphase geht’s dann wieder bergauf. In Stuttgart, einem der größten und bedeutendsten Häuser der deutschsprachigen Theaterszene, zeichnet sich aber gerade das Gegenteil ab: Dort muss sich Intendant Armin Petras nach einem fulminanten Start nach seiner dritten Spielzeit Gedanken machen, ob wirklich alles optimal läuft. Die ersten Kritiker laufen Sturm, die Zuschauer bleiben weg.

Ausräucherungsfantasie

von Esther Slevogt

18. Juli 2016. So, so. Unser Berliner Staatssekretär für Kultur möchte also ein Theater ausräuchern. Es handelt sich um das Berliner Ensemble, dessen Intendant zur Zeit noch Claus Peymann heißt. Im Zuge der umstrittenen Ernennung des belgischen Museumsmannes Chris Dercon als Nachfolger des Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf hatte Peymann im April 2015 in einem Interview mit der ZEIT Staatssekretär Tim Renner als "leeres nettes weißes Hemd" bezeichnet. Renner sei einer "dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben". Und Renner müsse weg. Das ist natürlich nicht schön. Keiner möchte so etwas über sich lesen. Doch ein derart angesprochener Politiker von Format täte gut daran, das nicht persönlich zu nehmen und sich schon gar nicht zu Rachefantasien hinreißen zu lassen.

Im Kulturkampf

29. Juni 2016. Seit einigen Tagen tobt der Streit wieder erbittert. Chris Dercon soll im kommenden Sommer die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz als Intendant übernehmen. Dercon, ein Museumsmann, ein polyglotter Elegant, den sogenannten Panzerkreuzer am Luxemburg-Platz, irgendwie das Bollwerk der Theaterlinken, auch wenn der Kapitän gelegentlich im Keller Ernst Jünger liest und die Antisemiten Carl Schmitt und Louis-Ferdinand Céline zitiert. Kulturkampf-Stimmung in Berlin, Berlin-Bashing im bundesdeutschen Feuilleton, heissa, juchhe. Es ist eine Debatte, die womöglich nur Verlierer kennt. Es gibt Gründe genug, sich herauszuhalten. Aber die Widersprüche treiben um. Dabei hat die Redaktion von nachtkritik.de überhaupt keine einheitliche Meinung, wie auch bei elf Redakteur*innen und vielen, vielen prägenden Autor*innen-Persönlichkeiten. Aber natürlich gibt es Positionen, einige werden hier präsentiert. 

Theater heißt Warten?

von Sabine Leucht

München, 18. Juni 2016. "Ja glauben Sie denn, dass das die Menschen in Deutschland interessiert? Irgendwas mit einer syrischen Königin und alten Steinen?" Spätestens der betont herablassende Ton dieser Frage und die rüde Art, wie Moderator Peter Arun Pfaff danach den Gesprächsfaden zerreißt, legen den Schalter auf Theater um: Bislang sah es so aus, als würde man an den Münchner Kammerspielen einer Diskussion über die antike Stadt Palmyra und die Zerstörungskultur des IS beiwohnen, zu dem das transkulturell engagierte Netzwerk "Göthe Protokoll" den (Post-)Migrations-Soziologen und Autor Erol Yildiz, die Archäologin und Syrienspezialistin Adelheid Otto und eine deutsch-syrische Regisseurin geladen hat, die hier am Haus eine Arbeit über Zenobia, die antike Herrscherin Palmyras, vorbereitet.

Die Hütte brennt

9. Juni 2016. Vom Theater Trier hörte man jahrelang wenig. Jetzt überschlagen sich die Nachrichten. Die einen sind vielversprechend: Künstlerisch setzt das Haus unter Intendant Karl Sibelius seit dieser Spielzeit offenbar Maßstäbe und wirbelt die Stadttheaterroutine ordentlich durcheinander. Parallel aber sinken die Zuschauerzahlen und steigen die finanziellen Defizite, gibt es Personalquerelen und Entlassungen (gerade musste der Schauspielchef gehen). Jüngste Entwicklung: Wegen der Finanzsituation des Hauses wurde Sibelius ein Verwaltungsdirektor an die Seite gestellt.

Wir werden nicht neutral bleiben!

von Matthias Brenner

Halle, 1. Juni 2016. Nach den Landtagswahlen, am 16. März, erreichte uns eine E-Mail des Geschäftsführers der Historischen Kulturanlagen Bad Lauchstädt, in der er uns mitteilte, dass er keinerlei politische Kundgebung oder Manifestationen weder für noch gegen die aktuelle Politik, politische Gruppierungen oder Parteien dulden werde. "Das Goethe-Theater Bad Lauchstädt steht strikt unter dem von Richard Wagner geprägten Motto 'Hier gilt’s der Kunst'."

Golden Goal

29. Mai 2016. Die Mülheimer Theatertage haben den Ruf, das wichtigste Dramatiker-Festival deutscher Sprache zu sein – sicher auch, weil das Preisgeld des Mülheimer Dramatikerpreises stattliche 15.000 Euro beträgt. Eine Besonderheit der Theatertage ist die doppelte Jury – eine Auswahljury aus Theaterkritiker*innen lädt die sieben Texte in ihren (meist Uraufführungs-)Inszenierungen ein, eine Preisjury, in der auch Theaterpraktiker*innen sitzen, diskutiert am Ende ihre Entscheidung für den Sieger oder die Siegerin öffentlich und begründet ihre Entscheidung.

Bühne frei für die Wirklichkeit

von Mely Kiyak

Karlsruhe, 27. Mai 2016.

Sehr geehrte Staatssekretärin Petra Olschowski, lieber Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, liebe Beata Anna Schmutz, lieber Peter Spuhler, lieber Jan Linders,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst einmal scheint es mir wichtig, daran zu erinnern, dass das Theater ein Ort der Kunst ist. Die Kunst, liebes Publikum, ist die Abbildung der Wirklichkeit mit ihren Mitteln. Die Frage jedoch, wer was mit welchen Mitteln abbilden kann, darf oder soll ist eine zutiefst politische Frage.

In München angekommen?

27. April 2016. Seit einer Dreiviertel-Spielzeit leitet Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele, die unter den Vorgängerintendanzen berühmt waren für ihr exzellentes Ensemble und für Regisseure, die die Klassiker fruchtbar befragten. Lilienthal war in den Neunzigern Chefdramaturg der Berliner Volksbühne und als HAU-Gründungsintendant ein Mann der freien Szene. Seine Kür zum Nachfolger Johan Simons an der Schauspieltheater-Hochburg war eine der aufregendsten Personalien im Theaterbetrieb der letzten Jahre. An den Kammerspielen versucht er jetzt, Protagonisten und Stile der freien Szene mit denen des Stadttheaters produktiv zusammenzuschließen.

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