Unwahrscheinliche Begegnungen

von Christian Holtzhauer

28. Januar 2016. 1953 verkündete Kurt Hirschfeld, Chefdramaturg und später Direktor des Zürcher Schauspielhauses, voller Optimismus: "Es beginnt das Zeitalter der Dramaturgie für das Theater!" Er wagte diese Prognose auf einem informellen Treffen von Dramaturginnen und vor allem Dramaturgen (in dieser Zeit war Dramaturgie selbstverständlich noch Männersache) mehrerer deutschsprachiger Theater und Verlage, die sich im damals noch nicht ummauerten West-Berlin versammelt hatten, um sich über ihr weitgefächertes Berufsfeld auszutauschen. Auf das erste Treffen folgten ein zweites und ein drittes, und 1956 wurde aus dem "dramaturgischen Arbeitskreis", wie er von den Teilnehmer*innen genannt wurde, ein eingetragener Verein – die Dramaturgische Gesellschaft (DG).

Probiert mal, Gleichheit zu genießen

von Kai van Eikels

26. Januar 2015

 

1.

Man kann die Frage stellen, ob Kunst sozial, politisch engagiert sein oder einem als zweckfrei behaupteten Ästhetischen die Treue halten soll. Ich argwöhne jedoch, dass im Bann dieses Entweder-Oder Debatten weder zu mehr Qualität nach den Kriterien des Engagierten führen noch nach denen des Ästhetischen, und werde daher diese Frage durch eine andere ersetzen: Wie kann und soll Kunst mit dem Genießen umgehen, das Konzepte des Ästhetischen in eine bestimmte Form gebracht sehen wollen, das aber auch in partizipatorischen und interventionistischen künstlerischen Arbeiten ja keineswegs formlos bleibt?

Eine neue Version von Wir

von Mark Terkessidis

14. Januar 2016. Bei einer der zahlreichen Veranstaltungen über die Zukunft der Kultureinrichtungen meldete sich der Intendant eines Theaters zu Wort und gab sich als jemand zu erkennen, der auf der Seite derer ist, die Veränderungen anstreben. Kurz darauf begann jedoch die übliche Litanei der Beschwerden – das neoliberale Umfeld, die Orgie der Kürzungen, die fortwährende Gängelung durch die Politik. Am Ende war wieder einmal klar, dass es gar kein Interesse an Veränderung gab, sondern nur den Wunsch, etwas zu "retten", nämlich den Status quo, so mickerig er auch sein mochte.

Von jetzt an ist alles Material

von Ruth Feindel und Tobias Rausch

Berlin, 6. Januar 2016. Welthaltigkeit. Ein Wort scheint vom Aussterben bedroht zu sein. Wer vor zehn, fünfzehn Jahren mit Dramaturg*innen oder Kritiker*innen über zeitgenössische Theaterliteratur diskutierte, konnte sicher sein, dass sehr bald über die (meistens unzureichende) "Welthaltigkeit" eines Stückes gesprochen würde. Relevant sollte es sein, nicht solipsistisch. Politisch, nicht nur innerlich. Eben welthaltig. Und nun? Inzwischen lässt sich der Begriff "Welthaltigkeit" im Dschungel des Diskurses nur noch wie ein seltenes Tier mit viel Glück erblicken. Vielleicht ein Symptom?

Kultur vergeht, Kunst besteht

von Thomas Oberender

10. Dezember 2015. Künstler und kulturelle Institutionen erfahren in Deutschland im internationalen Vergleich eine beispiellos großzügige Unterstützung durch die öffentliche Hand. Zugleich beobachten wir, dass in der Bundesrepublik in das System staatlich getragener Leistungen kaum mehr frisches Geld einfließt, sondern die auf eine langfristige Arbeit hin angelegten institutionellen Budgets vieler Museen, Theater oder Konzerthäuser in den deutschen Bundesländern seit geraumer Zeit stagnieren oder sinken.

Der dicke Brocken in der Mitte

von Frauke Adrians

6. November 2015.Es geht immer noch größer. Bisher hatte Benjamin-Immanuel Hoff (Die Linke), Chef der Staatskanzlei von Bodo Ramelow und Kulturminister in Thüringen, ein Staatstheater Weimar und eine Staatsoper Erfurt in Aussicht gestellt: Das eine Haus schließt seine Opernsparte, behält aber sein Orchester und produziert Schauspiel; das andere ist fürs Musiktheater zuständig; beide tauschen ihre Produktionen untereinander aus. In seinem Strukturpapier "Perspektive 2025", das er ausgerechnet am explosiven Guy-Fawkes-Tag in Erfurt vorstellte, geht Hoff noch einen Schritt weiter – oder, so kann man es auch sehen, er spricht deutlich aus, was er ohnehin immer schon vorhatte: ein "Thüringer Staatstheater Weimar-Erfurt".

Die wackelige Mitte der Asymmetrien

von Janis El-Bira

Berlin, Oktober 2015. "Also ich bin Zahnarzt", sagt Pouya. Der aus Afghanistan stammende Mann sitzt am Samstagnachmittag zusammen mit anderen in einem Raum der Berliner Universität der Künste auf dem Boden inmitten eines Stuhlkreises. "Nein, ich war Zahnarzt. Jetzt natürlich nicht mehr." Mit den meisten der Menschen neben ihm teilt er die beschämende Existenz in der Schwebe zwischen "nicht mehr" und "noch nicht".

Euer Theater ist viel besser, als ihr denkt

von Holger Syme

Toronto, 2. Oktober 2015. Woran krankt das deutsche Theater? Klagen über Klagen in den Feuilletons, auf nachtkritik.de eine lange Reihe von Texten zur Stadttheaterdebatte. Zwei jüngere Beiträge stammen von der ehemaligen Dramaturgin des Bochumer Schauspiels Sabine Reich und dem ZEIT-Redakteur Peter Kümmel. Beide ziehen in ihren sehr unterschiedlichen Essays ein ähnliches Fazit: Das deutsche Theater krankt an seiner Utopielosigkeit.

The Debris of Modernism

by Alexander Kerlin

Dortmund, October 16, 2014. Must we rebuild theatre from scratch? Matthias Weigel's suggestion to reset the theatre's identity and reputation using "pools and party", made last week as part of his article "Tear Down the Walls of Tradition", must likely be taken with a grain of salt. And yet, he does recommend the theatre sever ties with a particular part of its history – or at least distance itself from it.

Der Minister und seine Gedankenspielkameraden

von Frauke Adrians

24. September 2015. Anfang Juli 2006 lud der Thüringer Kultusminister Jens Goebel (CDU) die Presse ins Erfurter Restaurant "Museumskeller". Auf den Tisch des Hauses kam ein Blatt Papier mit der Überschrift "Modellrechnung“. Tabellarisch war darauf zusammengefasst, wie viel Geld die Thüringer Theater und Orchester seinerzeit vom Land bekamen und wie viel weniger die CDU-Landesregierung ihnen in der nächsten Finanzierungsperiode zugestehen wollte. Einsparungsziel: 10 Millionen Euro.

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