Nicht über den Haufen schießen

von Kathrin Röggla

Berlin, 18. Mai 2015. Merkwürdig ist, was mit Bernd Stegemanns Auftritt am letzten Mittwoch in der Berliner Akademie der Künste hier passiert ist (und in den Kommentaren weiter geschieht). Vielleicht ist es auch symptomatisch. Der Autor von "Lob des Realismus" zog mit seiner Buchvorstellung jedenfalls vom Kritiker der Veranstaltung Kevin Rittberger jede Menge Aggression auf sich, weil er aufgrund seiner Argumentationsweise einen normativen Anspruch zu erheben schien – das vermute ich zumindest, denn ganz klar ist mir die wüste Antwort auf den Abend nicht.

Schutz für den Autor

15. Mai 2015. Zur Baal-Urheberrechtsdebatte gibt es eine gemeinsame Erklärung der Theaterverlage Felix Bloch Erben Berlin, Henschel SCHAUSPIEL Berlin und Verlag der Autoren Frankfurt am Main (ursprünglich gehörte auch der Suhrkamp-Verlag zu den Unterzeichnern, zog sich aber zurück). In dem Text "Das Ende der Phantasie" erläutern die Verlage, warum sie die Theatertexte für mindestens genauso schützenswert halten wie die Inszenierungen der Regisseure.

Die Schutzspirale

von Rupprecht Podszun

Berlin, 16. Mai 2015. Sabrina Setlur hat mal eine Platte gemacht, "Nur mir" hieß der Song, der seit 1999 bis heute (!) deutsche Gerichte beschäftigt. Ohne Zweifel zu viel der Ehre für das banale Aggro-Liedchen. Doch die Setlur, die Grande Dame des deutschen Raps, wurde von den legendären Elektropionieren Kraftwerk gehört. Kraftwerk fiel auf, dass Setlur-Produzent Moses Pelham eine kurze Sequenz aus dem Kraftwerk-Stück "Metall auf Metall" verwendet hatte, um es unter Setlurs Sprechgesang zu legen. Zwei Sekunden. Kein signature piece, kein Tristan-Akkord, einfach ein Takt, herauskopiert, eingefügt, gesampelt. Kraftwerk klagte. Das waren doch ihre zwei Sekunden, ihre Kreation, ihre Aufnahme. Pelham sollte zahlen.

Richtige deutsche Stadttheaterkunst um der richtigen deutschen Stadttheaterkunst willen

von Kevin Rittberger

Berlin, 15. Mai 2015. Wohin Dialektik auf dem Theater heute gerichtet sein könnte, bleibt in Bernd Stegemanns Vortrag unklar. Denn gerichtet muss sie sein, auf ein Ziel hin führend, nicht nur den Gegenstand erkennend und sezierend. Dialektik ist, will man an ihr festhalten, eine Bewegung, keine Anatomiestunde. Geschichte verändert sich, ist in Bewegung und es sind Menschen, die sie bewegen, nicht Vorsehung, Schicksal, Götter oder Gotthafte samt unsichtbaren Händen.

Schafft Verzweiflung ein neues politisches Theater?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. April 2015. Im Sommer 2014 harrte eine Gruppe von Menschen tagelang auf dem Dach der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg aus, um gegen die Räumung dieses symbolischen Orts des Refugee-Movement zu protestieren. Unten auf der Straße zog sich ein Publikum zusammen, das die dramatische Situation durch das Skandieren von Solidaritäts- und Anti-Polizei-Slogans zu einem Theaterstück im öffentlichen Raum überhöhte. Es bezog seine Spannung ganz klassisch daraus, dass sein Ende nicht vorhersehbar war.

Warum redet eigentlich niemand laut darüber, dass Berlin den Diskurs über die inneren Wunden der Stadt noch immer braucht?

von Christian Rakow

Berlin, 24. April 2015. Am Ende ging es dann sehr schnell, fast schon Hals über Kopf. Gestern die Bestätigung der Personalie im Abgeordnetenhaus, heute die um eine Woche vorgezogene Pressekonferenz zur Vorstellung von Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne ab der Spielzeit 2017/2018. Es galt, einen Kandidaten, den man eigentlich mit Pauken und Trompeten inthronisieren wollte, noch einigermaßen rechtzeitig aus der Schusslinie zu ziehen, bevor er restlos durchlöchert ins neue Amt wie in ein Lazarett wanken würde.

Es gibt Gesprächsbedarf

Berlin, 22. April 2015. Was ist die Rolle von AutorInnen und Texten im Theater heute? Wie kann eine Auseinandersetzung über Theatertexte abseits des Theaterbetriebs geschaffen werden? Können Theatertexte für sich sprechen? Werden sie gelesen? Wie greifen sie auf Realität zu? Und warum gibt es immer wieder Missverständnisse wenn Theater und Texte sich begegnen?

Steppe mit Wanderarbeitern

von Matthias Weigel

21. April 2015. Die Arbeit in einem Theaterensemble muss schrecklich sein. Arbeiten stets bis in die Nacht, auch am Wochenende. Die Urlaubszeiten sind vorgeschrieben, die Arbeitsverträge befristet. Die Kollegen, mit denen man zum Teil intim zusammen arbeiten muss, werden einem vorgesetzt. Weil sich das Arbeitsmodell schlecht mit anderen verträgt, spielt sich auch noch das gesamte Sozialleben in der Theaterkantine ab. Die Gehaltsgefälle für ähnliche Arbeiten sind enorm, die Stellen umkämpft. Wer kommt, wer geht, wer zusammenarbeitet, wird "von oben" nach Belieben bestimmt.

Neuerungen, Schwestern und Brüder, Neuerungen!

von Nikolaus Merck

10. April 2015. Was wir sehen im deutschen Theaterwesen, ist nicht schön. In Rostock wird ein gerade bestallter Intendant wegen törichter Äußerungen aus der Abteilung Ich-bin-Künstler-ich-habe-Narrenfreiheit entlassen, obwohl er sichtlich alles daran setzt, das im Abseits von Zuschauerinteresse und –bedürfnis dümpelnde Theater wieder ins Gespräch zu bringen, wesentlich, vielleicht sogar für einige Tausend Menschen unentbehrlich zu machen.

Das Publikum auf der Bühne

von Jens Roselt

8. April 2015. 2009 wurde am Staatsschauspiel Dresden mit der Bürgerbühne eine neue Sparte des Theaters eröffnet, die partizipative Rechercheprojekte mit Dresdner Bürgern entwickeln sollte. Und auch an anderen europäischen Theatern sind ähnliche Projekte initiiert worden. Die Bürgerbühnen bilden inzwischen ein international agierendes Netzwerk, das seine Produktionen alljährlich auf einem Festival, dem deutsch-europäischem Theatertreffen (2014 am Staatsschauspiel Dresden, 2015 am Nationaltheater Mannheim), präsentiert.