Im Dunstkreis des Herrn Erdoğan

von Esther Slevogt

12. April 2016. Nein, ich werde nicht über Jan Böhmermann schreiben. Weil ich wirklich sauer bin, dass dieser Fernsehklugscheißer, den ich für seine Varoufake-Aktion noch bewundert habe, nun ausgerechnet einem schlimmen Autokraten wie Herrn Erdoğan einen derartigen Auftritt, derartige Medienpräsenz und Meinungsmacht verschafft. Auch wenn wahrlich peinlich bleibt, dass Staatsoberhäupter sich überhaupt mit derlei Angelegenheiten befassen.

Wittgensteins Enkel

von Wolfgang Behrens

5. April 2016. Seit ich kein Zuschauer mehr bin, sitze ich im Theater auf anderen Plätzen. Na klar, die Presseabteilungen verfrachten einen Kritiker naturgemäß nicht in die letzte Reihe unterm Rang, wo man nix hört, und auch nicht auf den äußersten Seitenrang oder hinter eine Säule, wo man nix sieht. Ob die Plätze damit besser geworden sind, steht dahin. Denn jetzt sitze ich meist zusammen mit anderen Kritiker*innen in so einer Art Schlechte-Laune-Block. Es stimmt zwar nicht, dass alle Kritiker*innen grundsätzlich schlecht gelaunt sind – fast jeder*r für sich genommen ist ganz zauberhaft (mit zwei, drei Ausnahmen) –, aber jede*r glaubt natürlich, die anderen seien schlecht gelaunt, und das steckt dann an. Am Ende sind doch wieder alle schlecht gelaunt, womit die Prämisse des vorigen Satzes widerlegt wäre.

Wegschaffungswille

von Dirk Pilz

29. März 2016. Das Zürcher Neumarkt Theater soll weg. Es liegt ein Papier der Schweizerischen Volkspartei (SVP), der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) und der Liberalen (FDP) vor. Darin wird die Abschaffung des Theaters gefordert. Nicht verdruckst, wie derlei sonst zu geschehen pflegt, sondern in aller unmissverständlichen Deutlichkeit. Das ist gut. Man weiß jetzt, woran man ist.

Kill Your Enemies

von Georg Kasch

22. März 2016. Ein Wort kann eine Waffe sein. Das N-Wort zum Beispiel. Neulich, nach den Landtagswahlen, begab sich eine Spiegel-Online-Reporterin ins sachsen-anhaltinische Bitterfeld, um zu erfahren, warum ausgerechnet hier die AfD mit über 30 Prozent das landesweit beste Ergebnis erzielte, stärkste Kraft wurde und auch noch ein Direktmandat holte. Da benutzt bei Sekunde 20 ein älterer Herr das N-Wort mit so viel Hass und bebender Überzeugung, dass angesichts dieses Beispiels eigentlich auch dem letzten bürgerlichen Zweifler aufgehen muss: Solange Menschen diesen Begriff so verwenden, muss er tabu sein. Auch in historischen Kinderbüchern.

Grimasse

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Grimasse auf nachtkritik.de bisher: 80 Mal

15. März 2016. Das Wort "Grimasse" ist eines der Theaterwörter – verwandt mit der "Maske"–, die ich hier für "Zeug & Stücke" zusammentrage. Grimassen zu schneiden bedeutet so etwas wie ein groteskes Verziehen der Gesichtsmuskulatur, zur Abwehr des Gegenübers, als närrisches Spiel. Manchmal wird aus dem Jux ein Ernst, wenn man nämlich zu oft oder zu lang das Gesicht verzieht und ganz darauf vergisst, die Muskulatur hernach wieder zu entspannen.

Wer war das? NIEMAND!

von Esther Slevogt

8. März 2016. Das ist ja eine Frage, die sich angesichts all der aktuell medial geschürten Hysterien in unserer zerfallenden bürgerlichen Öffentlichkeit immer mal wieder stellt: Wie kann von etwas berichtet, über etwas kritisch geschrieben werden, ohne dass es gleich über die Gebühr aufgeblasen und dem Phänomen damit eine mediale Superpräsenz verschafft wird? Wie vermeidet man, zum Kollaborateur oder Entwicklungshelfer in Sachen Prominenz eigentlich verurteilenswerter Angelegenheiten zu werden, denen man medial jedoch erst die Plattform für ihren großen Auftritt bereitet?

Danke für die Wahlkampfhilfe!

von Wolfgang Behrens

1. März 2016. Kann sich noch jemand an Frank Schwalba-Hoth erinnern? Als ich noch nicht einmal ein Zuschauer war – jedenfalls noch kein Theaterzuschauer –, war das einer meiner Helden. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens hatte der Mann einen kultverdächtigen Doppelnamen. Und zweitens hatte Schwalba-Hoth 1983 einen ebenso kultverdächtigen Blut-Anschlag verübt: Er, der damals für die Grünen im hessischen Landtag saß, hatte sich bei einem Empfang für US-Kommandeure auf Paul S. Williams, General des V. US-Korps, gestürzt und ihn mit Blut bespritzt, das er sich vorher selbst abgezapft hatte. Das löste in der Öffentlichkeit enorme Abscheu und bei meinen Klassenkameraden und mir große Bewunderung aus: Zum einen war das Ganze albern genug, um unser spätkindliches Kicherbedürfnis zu befeuern. Zum anderen aber hatte die Aktion immerhin einen so revoluzzerhaften Anstrich, dass sich auch unsere frühpubertären Fantasien darin wiederfinden konnten.