Die Schönste vom Schulhof

von Sascha Westphal

Siegen, 3. Februar 2017. Ein Mann, Mitte Vierzig, gedenkt seiner ersten, seiner "Großen Liebe" vor dreißig Jahren. Der 15-Jährige, der er damals war, ist ihm mittlerweile fremd geworden. Aber die Erinnerungen an diese wenigen Tage im Frühjahr 1983, in denen er vor Liebe zu der vier Jahre älteren Jutta außer sich war, sind noch immer überaus lebendig.

Der geile Sound des Krieges

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 3. Februar 2017. "Wer bist du, doppeldeutiges Geschöpf?" fragt Jason einmal, und das ist noch untertrieben. Denn Medea ist vieles: Königstochter und Barbarin, Mitleidige und Hexe, Liebende und Kindsmörderin. Und natürlich ist sie auch eine Geflüchtete, die mit Jason aus ihrer Heimat in Kolchis am Schwarzen Meer nach Griechenland geht, um dort an der korinthischen Stadtgesellschaft brutal abzuprallen. Denn für die Korinther ist sie in all ihrer Doppel- und Vieldeutigkeit von Anfang an eindeutig festgelegt: Sie ist eine Fremde. Sonst nichts.

Vergesst die bessere Welt

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 3. Februar 2017. Ganz am Anfang ist da noch eine Spur von Leichtigkeit, ein Gefühl des Spielerischen. Man hört das Holz, man hört das Knarren, das die sich beharrlich gegen den Uhrzeigersinn bewegende Drehbühne hervorruft, man hört den dumpfen Ton des Schlagzeugs. Alexander Fehling, der in Tarantinos "Inglourious Basterds" und "Homeland" zu sehen war und nach fünf Jahren Theaterabstinenz nun den Eteokles spielt, tänzelt wie ein Samuraikrieger über die rotierende Bühne, bewegt sich immerfort, nur um auf dem Fleck zu bleiben.

Die Welt ist scheiße – wir tun was dagegen

von Hartmut Krug

Magdeburg, 3. Februar 2017. Fünf Clowns marschieren auf die leere Bühne, immer um eine Stellwand herum. Die roten Mähnen über den kahlen Stirnen wippen mächtig, so wie die weißen Blumen in den Knopflöchern, und ihre großen Schuhe geben ihnen eine komische Schwerfälligkeit. Sie diskutieren, sie streiten und werfen dabei mit kleinen Bällen oder ihren Schuhen, und sie stellen sich vor eine Kamera, um zu erzählen, was ihre Gruppe mit dem Namen "George Kaplan" ihnen bedeuten soll.

Warten auf Sade

von Christoph Fellmann

Zürich, 2. Februar 2017. Yukio Mishima wurde 1925 geboren. Er nannte sich nach den japanischen Worten für Schnee und für jene drei Inseln, von denen aus der Fuji, der höchste Berg in Japan, zu sehen ist. Im Gymnasium lernte er die europäische Literatur kennen, die er später, in seinen eigenen erfolgreichen Romanen und Stücken, teilweise imitierte. 1966 schloss er sich einer national und auf die kaiserliche Tradition ausgerichteten Bewegung an, gründete eine Miliz, stürmte mit vier Kameraden das Militärhauptquartier in Tokio, nahm eine Geisel und forderte die Auflösung des Parlaments. Dann beging er Selbstmord, gemeinsam mit seinem Lover und gemäß den tradierten Regeln der Samurai.

Fürchtet euch nicht!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 2. Februar 2017. "Phrasen werden unterschätzt, sie sind sehr nützlich", sagt der Vernehmungsbeamte, von dem wir nur aus dem Programmheft wissen, dass er Thomas heißt. Hier also eine Phrase: Die Zeit hat Daniel Kehlmanns neues Stück eingeholt! Echtweltereignisse verleihen der Uraufführung von "Heilig Abend" im Theater an der Josefstadt eine noch aktuellere Aura, als Kehlmann und der Regisseur und Direktor Herbert Föttinger hoffen durften.

Der Tod lauert in der Damentoilette

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 2. Februar 2017. Kurt Palm und das Linzer Theater Phönix, sie haben eine gemeinsame Geschichte. 2009 war Linz Kulturhauptstadt Europas, und viele freie Kulturschaffende waren damals vor den Kopf gestoßen, weil sie sich viel zu wenig eingebunden fühlten ins offizielle Programm. Damals hat man den Schriftsteller und Theatermann Kurt Palm (in Österreich eine erste Adresse für Satire in Faustschlag-Dimension) ins Theater Phönix eingeladen, ein möglichst ätzendes Stück zu schreiben.

Der Neandertaler in uns

von Eva Biringer

Wien, 1. Februar 2017. Was macht Sisyphos im Supermarkt? Er trägt ein Neandertalerkostüm und scheitert am Transport seiner Einkäufe. Kaum hat er sich evolutionsbedingt aufgerichtet, kullert ihm ein Dutzend Salatgurken aus der Hand und er muss sich bücken, um sie aufzusammeln, um sie wieder fallenzulassen, um sie wieder aufzusammeln... Warum keine Tüte? Vielleicht waren ihm die fünfzehn Cent zu viel. Schließlich schmeißt er alles Grünzeug hin. Andere Neandertaler kommen ihm zu Hilfe und schauen nach, was man mit Salatgurken noch so alles machen kann, Maniküre, Mundhygiene, Feuermachen, aha, oder man fitzelt die Plastikfolie rauf und runter wie ein Kondom. Klingt bescheuert? Ist es auch. Willkommen in der Welt von Lisa Lie.

In Peeropolis

von Kornelius Friz

Leipzig, 28. Januar 2017. "Whenever I'm alone with you / You make me like I am home again" singen die sieben Männer leise. In bunte Pullover gezwängt, sitzen sie nebeneinander. Abgefunden haben sie sich, mit einem Leben abseits der Realität, abseits auch von Wohlstand und Glück. So hoch wollten sie hinaus, wollten Kaiser werden, reich sein, die Welt erobern. Und nicht zuletzt Solveig! Die angebetete Solveig war das Ziel aller Träume. Der phantasievollen Träume des Peer Gynt. Gleich sieben Männer stellen ihn dar: "Lacht sich tot. Zeigt sein Schmelzlöffel. Schlägt um sich." Gegenseitig geben sie sich Regieanweisungen. Zwei von ihnen beweisen einander, welcher der echte Peer Gynt ist, doch keiner von ihnen ist nicht Peer Gynt.

Liebe Liebe!

von Simone Kaempf

Berlin, 28. Januar 2017. Was wäre eine Jugend in den 80er Jahren ohne die Disco-, Sehnsuchts-, Herzschmerz-satten Popsongs! Pet Shop Boys, Whitney Houston, George Michael, all das "I want your sex" und "The greatest love of all". Botschaften, mit denen man dann auszog, seine Pop-Kitsch-genährten Liebessehnsüchte zu erfüllen.

Die Nichtsnutze und das Biest

von Steffen Becker

Freiburg, 28. Januar 2017. "Hast du mal darüber nachgedacht, warum alle Männer so sind, als hätte sie keine Mutter geboren, sondern als wären sie bloß von den Vätern gemacht?" Fragt die Fabrikantin Wassa Schelesnowa, räkelt sich auf einem der beiden Flügel, wirft ihr Haar nach hinten und demütigt weiter ihre Söhne – auf dass sie nicht vergessen, von wem sie abhängen. Den Sohn von Pelagea Wlassowa trifft es unwesentlich besser. Auf der Flucht vor den Schergen des Zaren sieht er letztmals seine Mutter. Fürs Butterbrot-Schmieren fehlt ihr allerdings die Zeit, der Druck revolutionärer Flugblätter duldet keinen Aufschub.

Du sollst keine Angst haben!

von Henryk Goldberg

Rudolstadt, 28. Januar 2017. In der Mitte der Baum. "Die Bibel, 1. Akt" steht auf der Pappe. Die Pfosten und Bretter. "Nein", sagt der Mann mit dem Headset, "es ist dunkel." Und: "Er sagt, es soll Licht sein", und: "Er sagt, es ist gut so". So spricht der Regisseur, der Herr, so wird die Welt erschaffen auf den Brettern, mehr ist hier nicht zu sehen. Und Menschen. Der Mann, die Frau, beide nur im Slip, naiv und schön. Ein Bühnenarbeiter schlurft vorüber, "Ich hab hier ne Ladung Holz", es sind drei Kreuze. "Hier ist Probe!", wird er beschieden.

Der Schmerz ist echt

von Willibald Spatz

München, 28. Januar 2017. Je kaputter die Lage, desto mehr Aufwand muss man treiben, um sich selbst zu belügen und sich einzureden, alles sei in Ordnung. Als grandios gescheitert kann man die Schauspielerfamilie Tyrone bezeichnen. Die beiden Söhne haben nicht ansatzweise eine Perspektive und eigentlich schon abgeschlossen mit ihrer verkorksten Zukunft. Den Generationenkonflikt befeuert, dass auch die Eltern ihre Existenzen als komplett verhunzt betrachten, sich aber weigern, das vor den Söhnen einzugestehen.

Gefühlschoräle mit Gewusel

von Katrin Ullmann

Hamburg, 27. Januar 2017. "Nehmt's mich mit!" ruft sie am Ende. Der Krieg geht schließlich weiter und damit auch das Geschäft. Kreuz und quer durch Europa hat Mutter Courage ihren Karren gezogen – allzeit bereit für einen Handel. Auch nach fast 20 Jahren ist sie's noch, als sie ihre drei Kinder an den Krieg verloren hat und auch ihre Hoffnung. Doch dass die Protagonistin am Ende nicht zur Einsicht kommt, nichts "lernt aus ihrem Elend", gerade das sei "die bitterste und verhängnisvollste Lehre des Stücks", bemerkt Bertolt Brecht in seinen Notaten.

Mehr ertrunken als gesurft

von Esther Boldt

Frankfurt, 27. Januar 2017. Das Internet ist bekanntlich ein verwirrender Ort: einerseits unendlich. Andererseits trifft man doch nur überall dieselben Gesichter. Einerseits ein utopischer Raum, der ein neues Maß an Demokratie schaffen sollte – der andererseits doch nur ein neues Maß an Konsummöglichkeiten hervorbrachte. Mit den Paradoxien des Digitalen kennt sich der Video- und Performancekünstler Chris Kondek aus, er hat sich mit ihnen bereits mehrfach beschäftigt.

... und Vorhang

von Christian Rakow

München, 27. Januar 2017. Die Bühne also zuerst: Alles leergeräumt bis hin zur kahlen Brandmauer, ein paar Stühle stehen rum, Mikrophone, Tische für die Soundfrickler, blinkende Leuchtdioden in einem Elektrokasten ... Lass gut sein, sagen Sie. Es ist ein Stemann, da weiß man, wie es aussieht.

Die Vagina-Monologe: das Finale

von Johannes Siegmund

Wien, 27. Januar 2017. Keine Angst vorm moralischen Zeigefinger! Auf seiner Homepage versichert das Akademietheater vorsorglich, kein "mageres pseudofeministisches Manifest" zeigen zu wollen. Stattdessen sollen Herrschaftsverhältnisse und die aktuelle Situation "subjektiv" und "schwarzhumorig" reflektiert werden. Für "Ein europäisches Abendmahl" haben fünf prominente europäische Autorinnen Geschichten europäischer Frauen geschrieben. Barbara Frey führt Regie. Etwas Politisierung, Manifestcharakter und Mut zum Feminismus hätte der Abend allerdings sehr gut vertragen. Er nistet sich zu wohlig im romantisch-schaurigen Untergang des Abendlandes ein. 90 Minuten subjektive Monologe sind, bei aller schauspielerischen Präzision, etwas langatmig. Und der schwarze Humor droht dann und wann in Zynismus zu kippen.