Die Verschnuckelung des entfremdeten Lebens

von André Mumot

Berlin, 18. Mai 2015. Ist doch alles gar nicht so schlimm, möchte man sagen. Es hat doch so vieles zu bieten, das Theater der Gegenwart. So viel Schönes. Nicht nur Verspieltes, auch Wahres. Auch Realität. Sogar, fürs politischere Publikum, Klassenbewusstsein. Erst kürzlich haben die Performerinnen von She She Pop Stuttgarts Theaterangestellte auf die Bühne gebracht und sie über ihre Arbeitsbedingungen sprechen lassen. Und Rimini Protokoll bringen die Realität unserer Welt doch nun schon seit Jahren auf die Bühne, mit Experten des Alltags, die verlässlich Tacheles reden über die Verhältnisse ihres Daseins. Aber? "Will man etwas über die Entfremdung der Verkäuferin erfahren", sagt Bernd Stegemann, "ist gerade die Verkäuferin die am wenigsten geeignete Person, Entfremdung auf einer Bühne zu zeigen."

Gold auf den Fingernägeln, nichts auf dem Konto

von Matthias Weigel

28. April 2015. Die allermeisten kennen ihn aus der Werbung. 14 Millionen Klicks auf Youtube, weltweite Aufmerksamkeit dank Aggregatoren wie Buzzfeed, für ein deutschsprachiges Video ist das rekordverdächtig. Ebenfalls viele kannten ihn zuvor schon als Interpreten des ursprünglichen Songs Supergeil, auf dem die spätere Werbung basierte (drei Millionen Klicks). Nur wenige kennen ihn wahrscheinlich als freien Schauspieler und Regisseur der Arbeiten Mittagsruhe in Berlin (Sophiensaele, 2000) oder Carmen Miranda Revue Pavillon (Haus der Berliner Festspiele, 2001). Und davor gab es ihn auch noch als Puppenspieler: Mit seinem Stück "Der kleine Mann im Bauch" tourte er in den 80ern durch Kindergärten und Grundschulen.

... oder Sie werden Regisseur!

von Rainer Nolden

4. April 2015. Der publizistische Zufall will's, dass die Lebenserinnerungen zweier Künstler, Vater und Sohn, gleichzeitig erschienen sind. Die des Vaters als "Neuinszenierung", die des Sohnes als "Uraufführung": Max und Marcel Ophüls, zwei Regisseure, zwei Hochgelobte wie zuvor Verkannte, zwei Leben unter gegenseitigem Einfluss.

Götterliebling und Untergeher

von Nikolaus Merck

25. März 2015. Eigentlich war es ein Näseln und ein Zerdrücken der Worte, als rutsche Kartoffelbrei abwärts im Schlund. "Das Wort Traum dehnte er, als wollte er die Vokale so lange wie möglich auseinanderhalten", dazu dieses Salon-Wienerisch, das ein ganzes Theater- und Filmzeitalter grundierte. Für seine "aberwitzige, aber sehr klangvolle und melodiöse Sprechgewohnheit" ist Oskar Josef Bschließmayer berühmt geworden.

Erzähltes Theater

von Nikolaus Merck

März 2015. Günther Rühles zweiter Band zum "Theater in Deutschland", diesmal das zwischen 1945 und 1966 in den Blick nehmend, beschäftigt sich mit dem Wiederaufbau der Theaterhäuser und Ensembles und der Rekonstruktion des Theatersystems, wie es die Nazis bei der Schließung aller Spielstätten 1944 hinterlassen hatten. Und mit der Wiedergewinnung der Errungenschaften der zwanziger Jahre: Bertolt Brecht und Fritz Kortner entwickeln einen neuen Realismus der Bühne, Erwin Piscator re-politisiert das Theater und befreit die Szene von der Allmacht des Wortes. Das Buch bietet 1.200 Seiten Text, 300 Seiten Anhang, Bilder gibt es keine. Die Erzählung schöpft aus dem "unmittelbaren Erleben" (Rühle) der Theaterkritiker, ergänzt um Biographien, Briefe, Archivalien. Der Autor schreibt, als sei er, ein Gott des Theaters, bei allen Aufführungen, die er schildert, selbst Augenzeuge gewesen.

Infarktjefährdet

von Dirk Pilz

4. Februar 2015. Es war also damals in den berühmten Neunzigern an der Berliner Volksbühne genau so, wie man es immer befürchtet hat, oder erhofft, je nachdem.

Jeder Stadt einen Operndolmuş

von Elena Philipp

Berlin, 25. November 2014. Es kurvt ein Operndolmuş durch Berlin. An Bord des Kleintransporters Sänger und Musiker, die in Minimalbesetzung Ausschnitte aus dem Opernrepertoire in die Stadt bringen. In Kiezcafés, deutsch-türkische Begegnungsstätten, Altenheime. Zu denjenigen, denen die Kunstform und Institution Oper bislang eher fern lag. Mit ihrem Interkultur-Projekt "Selam Opera!" streckt die Komische Oper Berlin derart die Fühler aus in den urbanen Umgebungsraum und wirbt seit 2011 um neue Beziehungen: Vielheit ist die neue Normalität, und ihr müssen sich die Institutionen anpassen, so das Credo der Öffnung.

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