Am Abgrund der Poetik

von Thomas Rothschild

9. September 2014. Dieses Buch ist ein Kuriosum. Wenn man es nämlich umdreht, von vorn nach hinten und von oben nach unten, kommt es einem nicht nur spanisch vor – es ist dann tatsächlich spanisch. Anstelle des deutschen Titels "Ja und Nein. Vorlesungen über Dramatik" steht da nun auf dem Umschlag "Sí y No. Conferencias sobre dramática". Denn sein Autor Roland Schimmelpfennig wohnt abwechselnd in Berlin und Havanna, und er möchte – wer könnte das nicht verstehen – hier wie dort gelesen werden. Darauf kommt es ja dem Dramatiker an: ein Publikum zu gewinnen. In welcher Sprache auch immer.

Fremd zu sein bedarf es wenig

von Dirk Pilz

2. September 2014. Zunächst das: Was für ein Luxus, in Zeiten wie diesen ein Buch über Wohl und Wehe der Tragödienkunst zu lesen. Wie beruhigend, versichert zu bekommen, Tragödien gebe es einzig im Theater, nicht da draußen in der Wirklichkeit, auch nicht in uns drin als Wesenszug unserer Seelen oder Sehnsüchte. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran nichts ändert.

Souveränität wegnehmen

von Christian Baron

21. Juli 2014. Glaubt man Florian Kessler, dann ist die deutsche Gegenwartsliteratur zu brav und zu konformistisch. Eine Erklärung, woran das liegt, schob der Kulturjournalist in seinem viel diskutierten Kommentar in der "Zeit" zu Anfang des Jahres auch gleich nach: Jene durch die Schreibschulen von Leipzig bis Hildesheim ausgespuckte Generation junger Autorinnen und Autoren entstamme einem saturierten Mittelklasse-Milieu. Mangels Lebenserfahrung dominiere daher belangloses Gedöns die literarische Republik; relevante Welthaltigkeit sei praktisch inexistent. Gewiss nicht bewusst, aber doch sinnvoll reiht sich eine soeben erschienene wissenschaftliche Publikation in die daraus entstandene hitzige Feuilleton-Debatte ein.

Das Glas wird nicht leer

von Eva Biringer

17. Juni 2014. 2500 Jahre nach seiner Geburt müssen wir uns das Theater als Greis in Kindergestalt vorstellen. Oder ist das Theater schon tot?

Alles Leben hinterlässt Spuren

von Sophie Diesselhorst

11. Juni 2014. Neulich im Deutschen Theater Berlin bei Idomeneus nach Roland Schimmelpfennig, der letzten Inszenierung, die Jürgen Gosch vor seinem Tod im Juni 2009 zur Premiere bringen konnte. Fünf Jahre zählt sie, ein biblisches Alter für eine Theaterproduktion. Irgendwann wird sie abgesetzt werden. Ganz voll war es im März 2014 schon nicht mehr.

Alles ist verflochten

von Friederike Felbeck

22. April 2014. Die Pfade, auf denen Kultur von einem Ort an den anderen getragen wird, sind immer auch Handelswege: Die historische Seidenstrasse, die langjährige kulturelle Überprägung der Kolonien, aber auch aktuelle Sonderfonds und Kulturprogramme wie zuletzt "Deutschland und China – gemeinsam in Bewegung" nehmen die Kultur gerne Huckepack und dienen zu allererst der ökonomischen Verzahnung. Das derzeit viel diskutierte, zwischen der Europäischen Union und den USA verhandelte Transatlantische Freihandelsabkommen (TIPP) und die damit verbundene geplante Errichtung der weltweit größten Freihandelszone droht nicht nur Chlorhühnchen und Genmais den Weg nach Europa zu ebnen, sondern auch Kollateralschaden in der Deutungshoheit von Kultur und audiovisuellen Medien anzurichten.

Unsern Shakespeare gib uns heute

von Rainer Nolden

19. April 2014. Ein literarisches Weltengenie. Nein, eine Nummer kleiner geht es wirklich nicht. Er hat sie alle in den Schatten geschrieben, seine Vorgänger, die Zeitgenossen sowieso. Und die Nachfolgenden hatten es schwer, aus eben diesem Schatten zu treten und selbst zu leuchten. Ein Leuchtturm, der bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht – und alles, was nach ihm kam, vor große Herausforderungen gestellt hat. "Nach Shakespeare hätte keiner mehr ein Theaterstück schreiben müssen", seufzte einst Tennessee Williams.

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