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Spektakuläre Spekulanten

von Georg Kasch

24. März 2020. Klingt wie ein Drehbuch-Exposé, ist aber Teil deutscher Geschichte: Zwei jüdische Brüder entscheiden sich, zum Theater zu gehen, werden Autoren, Dramaturgen, Regisseure – und schließlich die dominierenden Theaterdirektoren Berlins. Parallel zu Max Reinhardt bauen sie ein umfangreiches Netz an Bühnen auf, die sich auf Unterhaltungskomödien und Operetten spezialisieren. Sie füllen die größten Häuser der Stadt, zu den Premieren mit Stars wie Richard Tauber, Fritzi Massary und Gitta Alpár strömt tout Berlin; selbst Hollywood-Größen wie Charly Chaplin lassen sich blicken.

Dann aber, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs mit Werken wie Ball im Savoy und Eine Frau, die weiß was sie will, bricht ihr Imperium zusammen – fast zeitgleich mit dem demokratischen System in Deutschland. Wenig später verunglückt der eine Bruder tödlich, als Nazis versuchen, ihn im Liechtensteiner Exil zu entführen. Der andere stirbt verarmt in einem französischen Gefängnis.

Im Herzen des Unterhaltungsimperiums

Dieses tragische Ende in den Wirren der 1930er Jahre dämpfte den Nachruhm. Denn obwohl die Rotter-Brüder wesentlich zum Ruf Berlins als Theaterhauptstadt Europas während der Weimarer Republik beitrugen, tauchen sie in Theatergeschichten eher als Fußnote auf. Nach Peter Kambers umfangreichem, elegant gestaltetem und akribisch recherchiertem Band "Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil" wird man an ihnen allerdings nicht mehr vorbeikommen.

Cover Rotter280Kamber zeigt, wie die Rotters ein Unterhaltungsimperium aufbauten, das im Frühjahr 1932 neun bespielte Theater in Berlin und Dresden umfasste, darunter große Bühnen wie das Metropoltheater, das (im Krieg zerstörte) Lessingtheater und das Große Schauspielhaus. Ein Imperium, das sie sich von Null und gegen erhebliche Widerstände aufbauen mussten. Und das durch immer neue Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen, allerdings auch durch eigene Fehlentscheidungen wie Spekulationsverluste immer wieder vor dem Zusammenbruch stand.

Untrüglich war ihr Gespür für das, was das Publikum in der Breite interessierte. Mit ihren Aufträgen, Uraufführungen und Premieren trugen sie dazu bei, dass die Operetten überhaupt erst entstanden. Natürlich waren auch Flops darunter, Konfektionsware, Kitsch. Aber eben auch Werke, die die Grenzen des Genres ausloteten und mit ihren selbstständigen Frauenfiguren, ihrem Tempo und Witz den Geist der Zeit aufnahmen und zugleich prägten.

Erfindungsgeist triff Großspurigkeit

Zum Beispiel, wenn die Operettendiva Manon in "Eine Frau..." gleich einen ganzen Strauß an Liebhabern aufweist. Oder wenn sich hinter dem berühmten Komponisten in "Ball im Savoy" eine ziemlich selbstbewusste Frau verbirgt und dazu Jazzrhythmen in die Walzerseligkeit brechen. Musikalisch wirken die Opretten dieser Jahre oft wie der Soundtrack zu Walther Ruttmanns Film "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt".

Kamber zeigt die Rotter-Brüder in all ihren Widersprüchen: Erfindungsgeist trifft Großspurigkeit, ein "Instinkt fürs Durchschnittspublikum" auf "buchhalterische Nachlässigkeit", künstlerische Erfolge auf Theater von der Stange. Und: Immer wieder legen ihnen Antisemiten Steine in den Weg. Außerdem werden sie von der Presse heftig in die Mangel genommen, von links wie von rechts. Wenn man all die Angriffe liest, die durchaus unter die Gürtellinie gehen, fragt man sich, warum sich die Kulturjournalisten der Zeit so auf sie einschossen. Das lag offenbar an falschen Vorstellungen: Die Kritik sehnte sich nach zeitgenössischer Dramatik und bekam massentaugliche, mitunter auch lieblos gemachte Unterhaltung.

Spuren, Quellen, Beweiswürste

Ein Verdienst von Kambers Buch ist, dass er viele der in den Medien geäußerten Vorwürfe entkräften kann. Haben die Rotters wirklich nur ein Starsystem betrieben, ohne selbst Entdeckungen zu machen? Nein: Käthe Dorsch und Hans Albers wurden von ihnen erst aufgebaut. Die undurchsichtige Schachtelkonstruktion in der Unternehmensführung ihrer Bühnen? Ein Resultat der unglücklichen Gründungsumstände, weil Berlins berüchtigter Polizeipräsident Glasenapp versuchte, die Rotter-Brüder als Theaterdirektoren zu verhindern (sein Verdikt: "unzuverlässig"), sie deshalb die wahren Verhältnisse verschleiern mussten. Ihr Ende als Theater-Direktoren? Kein krachendes Scheitern, sondern eine Mischung aus der allgemeinen Theaterkrise (auch Reinhardt musste damals mehre Bühnen aufgeben), Missgunst, Verkettung unglücklicher Umstände und eigener Fehler.

Richtig spannend wird Kamber immer dann, wenn er allgemeinere Entwicklungen aufzeigt, Schlüsse zieht und seine Beobachtungen entsprechend belegt. Allerdings stolpert er ausgerechnet über sein größtes Pfund: die akribische Recherche. Beeindruckend viele Quellen, Spuren, Details hat er aufgetan. Statt sie aber spielerisch miteinander zu verweben oder in die Fußnoten zu verbannen, fügt er Indiz an Indiz, häuft Zitat auf Zitat, so dass lange Beweiswürste den Lesefluss stocken und alle Spannung dieses Wahnsinnsstoffs zerbröseln lassen. Ein Beispiel: Wenn Kamber den hochdramatische Entführungsversuch schildert, bei dem Alfred und seine Frau Gertrud Rotter sterben und Fritz verletzt wird, dann braucht er für die keine Stunde dauernde Handlung dreißig Seiten, die sich mit ihren vielen Zeugen wie ein Gerichtsprotokoll lesen und nicht wie ein Krimi.

Die Wiederentdeckung der Operette

Zudem werden die Direktoren Rotter bis ins Detail gewürdigt. Ausgerechnet die Theatermacher Rotter aber bleiben unterbelichtet. Verhalfen ihre Regiearbeiten, Werkbearbeitungen und – heftig kritisierten – Last-minute-Eingriffe während der Generalproben den Operetten erst zur eigentlichen Geltung? Oder waren es Verschlimmbesserungen? Hatte die generell skeptische Theaterkritik recht mit ihrem Verdikt, dass die Rotters oft genug himbeersüße Massenkonfektion boten? Oder galt diese Kritik eher einer spezifischen Kunstgattung, der erst heute an der Komischen Oper (und in der Folge auch anderswo) historische Gerechtigkeit widerfährt?

Denn auch davon erzählt dieses Buch, das mit seinem Stoff an sich zur rechten Zeit kommt, da Komponisten wie Paul Abraham, Mischa Spoliansky und Oscar Straus eine Renaissance erleben. Vor allem dank Barrie Kosky, der an seiner Komischen Oper (dem einstigen Metropol) die besten Werke all jener jüdischen Komponisten, Librettisten und Stars wiederentdeckt, die einst auch für die Rotters arbeiteten, später von den Nazis vertrieben oder ermordet, totgeschwiegen und auch nach 1945 über Jahrzehnte so gut wie vergessen waren.

Wie diese Operetten damals entstanden sind, unter welchen Bedingungen, für welche Theater und welches Publikum, darüber erfährt man bei Kamber viel: in enger Kooperation zwischen Direktion, Komponisten und Librettisten, mit Geldern, die von einer Bühne zur anderen verschoben wurden, mit Gagen, von denen Stars profitierten und sich Choristen nur mühsam durchschlagen konnten. Schade nur, dass er es den Leser*innen mit seiner Materialverliebtheit so schwer macht.

Fritz und Alfred Rotter
Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil
von Peter Kamber
Henschel Verlag Leipzig 2020, 504 Seiten