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Wachstum oder Zukunft

von Christian Tschirner

17. April 2019. Seit etwa einem Jahr bereite ich für das Hamburger Schauspielhaus das Hamburger Menetekel vor, ein partizipatives Projekt, bei dem Jugendliche die Zukunft der Stadt von den Wänden lesen, um sie dann auf einem Kongress mit Expert*innen zu diskutieren. Diese Zukunft, soviel kann man jetzt schon sagen, sieht nicht besonders rosig aus. In den vielen Gesprächen dazu – mit Lehrer*innen, Stiftungen, Künstler*innen – war immer wieder zu hören: Die Jugendlichen mit einer geballten Ladung alarmierender Nachrichten zu konfrontieren, sei doch gerade jetzt – gemeint ist das Erstarken rechtspopulistischer Parteien – das falsche Signal. Gerade jetzt müsse man doch das Vertrauen in Politik und Gesellschaft stärken, alles andere füttere ja die von rechts geschürte Hysterie. Ich bin anderer Meinung. Es gibt keinen Grund, das Vertrauen in Politik und Gesellschaft zu stärken. Wir stecken in einer zivilisatorischen Krise und gerade der hilflose Versuch, das zu leugnen, beschleunigt den Erfolg der Rechten. Warum?

FridaysForFuture 560 GeorgKurz u"Fridays for Future"-Demo in München © Georg Kurz / Fridays for Future

Zunächst ein Blick in die Geschichte: So wie große Teile der liberalen Öffentlichkeit heute, war die – damals mehrheitlich marxistische – Linke beim ersten Auftritt des Faschismus auf der Weltbühne vollkommen überrascht. "Wie konnte es sein, dass sich ganze Massen der kleinbürgerlichen Bevölkerung, besonders der Jugend, den Faschisten zuwenden, wo doch die Marxist/innen eine so strahlende, überzeugende und vernünftige gesellschaftliche und politische Alternative angeboten hatten und dazu noch die historischen Gesetzmäßigkeiten auf ihrer Seite hatten? Der Erfolg des Faschismus musste den meisten Marxist/innen als Anomalie der Geschichte erscheinen", schreibt der Geschichts- und Politikwissenschaftler und Betreiber der Internetseite faschismustheorie.de Mathias Wörsching. Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrunderts hinein fand eine fieberhafte Ursachenforschung statt. Schon frühe Interpret*innen des Faschismus – Zetkin, Radek, Gramsci, Bloch u.a. – nahmen die Motive der Faschist*innen ernst, versuchten sie zu ergründen und denunzierten sie nicht einfach als amoralisch. (Leider nannten auch sie schon alle möglichen rechten Bewegungen faschistisch und begründeten so den inflationären Gebrauch des Begriffs.)

Rassistische Ökologie

Die vielfältigen Antworten auf die Wie-kann-es-sein-Frage lassen sich in drei große Gruppen einteilen: sozialökonomische Antworten, die den Faschismus als Antwort auf Verunsicherung und Abstiegsängste des Kleinbürgertums interpretierten; historische Antworten, die die Ursachen eher in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs (plus dem Versagen der Linken bei seiner Verhinderung) und der darauf folgenden Wirtschaftskrise sahen; und sozialpsychologische Erklärungsversuche, die, wie zum Beispiel die Kritische Theorie, eine autoritäre, patriarchale Grunddisposition der Anhänger*innen in den Vordergrund stellten. All diese Motive sind vermutlich kaum voneinander zu trennen, sondern wirkten bei der Entstehung des Massenphänomens Faschismus Anfang des letzten Jahrhunderts zusammen.

Eine weitere – gewissermaßen apokryphe – Erklärungsgruppe ist die von Franz Borkenau in den 30er Jahren begründete Modernisierungstheorie. Danach ist der Faschismus keine rückwärtsgewandte, sondern nach vorn gerichtete Ideologie, die – mit fragwürdigen Mitteln – versucht, ein objektives gesellschaftliches Entwicklungshindernis zu beseitigen. Da sich die notwendigen Maßnahmen mit herkömmlichen Mitteln nicht begründen und durchführen lassen, radikalisiert die bürgerliche Gesellschaft schon vorhandene ideologische Aspekte bis zum Faschismus. Als einen späten Vertreter dieser Theorie könnte man den 1922 geborenen bayrischen Schriftsteller Carl Amery bezeichnen. In seinem 1998 veröffentlichten Essay "Hitler als Vorläufer - Auschwitz der Beginn des 21. Jahrhunderts" versucht er zu zeigen, dass der Faschismus eine Antwort auf die im 20. Jahrhundert aufkommende Frage nach "den Bedingungen eines nachhaltigen Weiterlebens der Gattung auf einem begrenzten Planeten" war. Die Problematik einer wachsenden Bevölkerung in Europa und einer relativ unproduktiven Landwirtschaft, die mit den gegebenen Flächen kaum in der Lage sein würde, den Nahrungsbedarf zu decken, war (bis zur Grünen Revolution in der Landwirtschaft) real und ein viel diskutierter Topos. Hitlers Antwort und zentral für seine Ideologie, so zeigt Amery, war ein primitiver Darwinismus, der mit der Überzeugung kombiniert war, dass Deutschland zum Untergang verurteilt sei, wenn es das Problem der "Überbevölkerung" nicht löse. "Für alle reicht es nicht", sei Hitlers Grundüberzeugung gewesen, sein Unterwerfungs- und Vernichtungsprogramm die logische Konsequenz. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder nimmt diesen Gedanken in seinem Buch "Black Earth" (2015) auf. Hitler und Millionen seiner Anhänger, so Snyder, waren davon überzeugt, dass das ökologische Gleichgewicht des Planeten gefährdet sei. Die Antwort darauf war eine rassistische Ökologie: Durch Vernichtungskrieg und Massenmord sollte das natürliche Gleichgewicht wiederhergestellt und den deutschen Familien ein besseres Leben ermöglicht werden.

Die einfache Antwort der Rechten auf das Problem der Ressourcenknappheit

Es ist nicht zu übersehen, dass auch für uns ökologische Fragen ins Zentrum rücken. Status- und Wohlstandsverluste in den alten Industrieländern (sozialökonomische und -psychologische Erklärung) sind nur eine Seite der Medaille. Auf der Habenseite kann die Globalisierung gewaltige Status- und Wohlstandsgewinne in Ländern wie China, Indien, Brasilien verbuchen. Eine riesige neue Mittelschicht in diesen Ländern und ihr Wunsch, Anschluss an den westlichen way of life zu finden, verschärfen das ökologische Dilemma: Trotz aller Absichtserklärungen und Theorien ist es nie gelungen, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverschleiß zu entkoppeln. (Der einzige Moment, in dem der weltweite CO2 Ausstoß eine kurze Verschnaufpause einlegte, war nach der Finanzkrise 2008.) Für die Annahme, die Entkopplung von Wachstum und Verschleiß könnte in naher Zukunft gelingen, besteht wenig Grund. Das Scheitern der deutschen Regierung, die eigenen, nicht mal besonders ambitionierten Klimaziele zu erreichen, ist dafür emblematisch. Und inzwischen läuft die Zeit davon: Das Wachstum, auf dem unser Wirtschafts- und Politikverständnis fußt, zerstört in immer rasanterem Tempo unsere Biosphäre. Der Klimawandel ist dafür nur das populärste Beispiel: Überfischung, Überdüngung, Waldverlust, Bodenverlust, Artensterben, Grundwasservergiftung – all das bewegt sich inzwischen in erdgeschichtlichen Dimensionen. Das ist nichts Neues, und nicht einmal für die politische Rechte. Im Gegenteil, die verschiedenen Meldungen dazu sind so alltäglich geworden, dass sie in der Regel nur ein Schulterzucken hervorrufen.

HamburgerMenetekel 560 SinjeHasheiderProbenbild vom "Hamburger Menetekel", Ende Mai 2019 am Deutschen Schauspielhaus © Sinje Hasheider

Die rechte Antwort auf diesen Widerspruch ist klar und einfach: Es reicht nicht für alle, rüsten wir zum Verteilungskampf. Sprechen wir, wenn's sein muss, allen anderen das Lebensrecht ab. Oder noch besser: Geben wir ihnen die Schuld an der ganzen Misere! Die neoliberale Marktideologie braucht nur ein kleines Stück in Richtung Darwinismus verschoben zu werden, und schon scheint das Problem gelöst. Das ist alles andere als irrational und folgt einer klaren, instrumentellen Logik. "Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. … Seit die Erde eine Atmosphäre hat, gibt es Kalt- und Warmzeiten", heißt es im Grundsatzprogramm der AFD. Wie Trump und viele andere Rechte leugnet sie nicht etwa den Klimawandel – sie bestreiten einfach, dass seine Ursache wesentlich im menschlichen Wirtschaften zu suchen ist. Die Botschaft ist ganz einfach: An unserer Art zu leben muss sich nichts ändern, sorgen wir einfach dafür, dass alle Anderen außen vor bleiben. Die Position ist wissenschaftlich unhaltbar, klar. Leider muss ich sagen, dass sie mir konsistenter erscheint als die einer Klimakanzlerin, die zwar in dramatischer Weise vor schmelzenden Eisbergen posiert, aber jahrzehntelang nicht die leiseste Anstrengung unternimmt, etwas dagegen zu tun. (Viele meiner Freunde und Kollegen sprechen mit Empörung von den Klimaleugnern der AFD und besteigen ganz selbstverständlich den Flieger nach München oder Wien – wer, bitte, soll uns das abnehmen?)

Wir Vielen sind Teil des Problems

Obwohl Europa an den Außengrenzen längst wieder hermetisch abgeschottet ist, profitiert die Rechte vom Phantasma eines "Flüchtlingsnotstands". Warum? Weil inzwischen nicht nur die Vorstellung, der westliche Lebensstandard ließe sich global verallgemeinern, obsolet geworden ist, sondern buchstäblich jeder Tag, den wir an diesem Lebensstandard festhalten, handfeste Fluchtursachen in anderen Regionen der Welt produziert. Auch das ist nicht neu. Die Rechte hat eine Antwort auf das Problem: Menschenrechte sind was für Schönwettertage, wenn es hart auf hart kommt, zählen Stamm, Nation, Familie. Es hat wenig Sinn, darauf mit moralischer Entrüstung zu reagieren. Edle Gesinnung ist wohlfeil, solange sie nichts zur Lösung des Widerspruchs beiträgt. "Werden die tugendhaften Liberalen, wenn die selbstverschuldete Selbstzerstörung erst einmal weit genug fortgeschritten sein wird, an ihrer gewissenhaften Unschuld festhalten können?", fragt Carl Amery. Dabei muss es nicht um Wasserstellen und Reiskörner gehen: Im Wahlkampf 2009 stand die Brandenburger Linke für einen Ausstieg aus der Kohleförderung. An der Regierung beteiligt, kassierten sie dieses Ziel: Rund 20 Prozent des Haushalts fließen aus der Braunkohle in die Landeskassen – 20 Prozent weniger für Museen, Theater, Schwimmbäder, Kindergärten? Wen kümmern da Klimaopfer im südlichen Afrika.

Wenn die Hypothese nur zum Teil richtig ist, wird ein Kampf gegen Rechts nur zu gewinnen sein, wenn es eine glaubwürdige linke Antwort auf den oben beschriebenen Widerspruch gibt. Im Moment scheint sich noch nicht einmal die Phantasie sehr weit in diese Richtung zu bewegen. Obwohl vollkommen unhaltbar, ist die Hoffnung, alle Menschen dieser Erde werden eines schönen Tages so leben können wie wir (und am besten so wie wir urbanen Künstler*innen!), immer noch weit verbreitet. Dafür sind wir leider zu viele. Und auch wir Vielen sind – das ist die bittere Wahrheit – bisher nicht Teil der Lösung, sondern Teil des globalen Problems. Die linke (oder vielleicht auch nur liberale) Idee universeller Lebensrechte auf diesem Planeten lässt sich glaubhaft nur vertreten, wenn wir Wege aufzeigen können, unseren Ressourcenverbrauch drastisch zu reduzieren. Das ist alles andere als banal; die Situation ist so dramatisch, dass ein komplexer Umbau der Gesellschaft – wirtschaftlich, kulturell, politisch – in relativ kurzer Zeit nötig ist. Und das, ohne die Freiheitsgewinne der letzten 50 Jahre zu verspielen. Ein glaubhaftes Engagement gegen rechts muss deshalb mit einer radikalen Ausrichtung auf eine solidarische Verteilungs-, Klima- und Ressourcengerechtigkeit verbunden sein. Wer die Dramatik der Situation – wie sie von unzähligen Wissenschaftler*innen beschrieben wird – leugnet oder auch nur verschweigt, muss sich nicht wundern, wenn rechte Ideologen allen Appellen und Erklärungen zum Trotz auf dem Vormarsch sind. Jedes Weiter so treibt uns, noch bevor uns das ökologische Desaster mit voller Wucht erwischt, dem politischen Desaster entgegen – es ist das Produkt unserer Rat- und Tatlosigkeit, entspringt buchstäblich der Mitte unserer Gesellschaft.

Tschirner Christian c bastian lomsche uChristian Tschirner wurde 1968 in Lutherstadt-Wittenberg geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tierpfleger, später ein Schauspielstudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er erhielt ein Engagement als Schauspieler in Frankfurt/Main, wurde dann freier Regisseur und Autor. Seit 2009 ist er Dramaturg, zunächst am Schauspiel Hannover, seit 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.