logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Kampf den Aerosolen!

von Harald Raab

20. Juli 2020. Ein Gespenst geht um an allen Theatern – COVID-19. Die gute Nachricht: man glaubt, mit rigoros ausgedünnten Reihen im Zuschauerraum, ausreichend Abstand der Sitze und Maskenpflicht in Garderoben und Pausenräumen die Gefahr bannen zu können. Die schlechte Nachricht: Die Virologen und Raumhygiene-Spezialisten gelangen immer mehr zu der Ansicht, dass eine der Hauptansteckungsquellen in geschlossenen Räumen Aerosole sind,  die Viren also, die mit der Atemluft eines Infizierten in die Umgebung gelangen und wegen ihrer geringen Größe stundenlang im Raum schweben können.

Kann man Viren absaugen?

Damit werden die Klima- und Belüftungsanlagen der Spielstätten zum A und O der Sicherheit. Diese vollständig zu garantieren, wagt kein Technischer Direktor. Alle sind fieberhaft dabei, ihre Anlagen auf ihre Leistungsfähigkeit zu überprüfen. Niemand hat einen Gesamtüberblick, wie alt und auf welchem Stand der Technik die Klimatisierung aller Theater wirklich ist. Das Umweltbundesamt mahnt selbst bei modernen Systemen zur größten Vorsicht.

Eine hundertprozentige Sicherheit kann nicht gewährleistet werden. Während es in Vor-Corona-Zeiten ausgereicht hat, dass Belüftungsanlagen für ein angenehmes Wohlfühlklima während der Vorstellungen sorgten, es nicht zu heiß oder zu kalt und auch nicht zu laut wurde, ist jetzt der Gesundheitsaspekt – sprich die Verhinderung einer Ansteckung mit dem Coronavirus – an die erste Stelle gerückt.

Residenztheater 560 c simon koy uBeste Luft auf allen Plätzen: Das Münchner Residenztheater © Simon Koy 

Die technisch Verantwortlichen der Theaterbetriebe geben sich realistisch. Andreas Grundhoff, technischer Direktor des Münchner Residenztheaters drückt es so aus: "Ich kann nicht das Theater zum sichersten Ort der Welt machen." Man müsse davon ausgehen, dass die Klimaanlagen – speziell in der kalten Jahreszeit – nicht alle Viren, die durch Zuschauer in die Raumluft gelangen, unmittelbar entfernen könnten. Immerhin werden im Residenztheater pro Stunde 25.000 Kubikmeter Frischluft unter den Sitzen in den Zuschauerraum geleitet und die verbrauchte Luft oben an der Decke abgeführt. Momentan sei ein Aufenthalt im Theater sicherer als ein Restaurantbesuch. 

Kompletter Luftaustausch in unter neun Minuten    

Normalerweise ist im Residenztheater ein System in Betrieb, bei dem der Frischluft ein Anteil der abzuführenden Luft beigemischt wird. Das spart Heizungs- beziehungsweise Kühlenergie und gilt als umweltfreundlich. Grundhoff: "Jetzt wurde dieses Verfahren abgeschaltet. Die Luft von außen wird zu 100 Prozent in den Zuschauerraum gebracht." Ein Sicherheitsfaktor sei außerdem: "Unsere Anlage ist für 900 Besucherinnen und Besucher ausgelegt. Jetzt stehen nur 200 Plätze zur Verfügung, so dass für jeden eine ungleich größere Menge Frischluft bereitgestellt wird."

FrankCrusiusFrank Crusius, Technischer Leiter im Münchner Cuvilliés-Theater  © Meike Ebert

Frank Crusius, sein Kollege im benachbarten Cuvilliés-Theater, sieht das genau so. Das historische Theater in der Münchner Residenz fast 550 Besucherinnen und Besucher. Crusius: "Wenn der Spielbetrieb wieder losgeht, werden nur 100 bis maximal 123 Personen zugelassen. Für die wird das gesamte Luftvolumen innerhalb von acht Minuten und 48 Sekunden komplett ausgetauscht. Wir sind zwar ein historisches Haus. Die Klimaanlage ist trotzdem auf einem relativ aktuellen Stand." Man habe sie erst 2007 erneuert. Auch im Cuvilliés-Theater wird ein vollständiges Frischluftprogramm geboten. Man arbeite mit einem Wärmetauscher. Der nutzt Energie der Abluft zur Erwärmung oder Kühlung der Frischluft. Zur Zeit prüfe man noch, ob und in welchem Umfang dabei verbrauchte Luft in den Strom der zugeführten Luft gelangen könne. Zur Erhöhung der Sicherheit sollen außerdem Vorstellungen nur eine Stunde ohne Pause dauern.

DetlefNicolmannDetlev Nicolmann, Technischer Direktor in Meiningen  © Staatstheater MeiningenAm Meininger Staatstheater in Thüringen dagegen hat die Belüftungsanlage fast 30 Jahre auf dem Buckel. Der Technische Direktor, Detlev Nicolmann, gibt Auskunft: "Wir haben ein Konzept zum Betrieb in Corona-Zeiten erstellt. Es besagt, dass statt der möglichen 728 Plätze nur noch 136 zur Verfügung stehen. Damit haben wir mehr als das Fünffache an Frischluft im Raum, als wir für diese Publikumsmenge benötigen würden. Es besteht also kein Mangel an unverbrauchter Luft. Ob alle Viren schnell genug abgeführt werden können, hängt aber auch von der Geschwindigkeit des Luftstroms ab. Da gibt es Grenzen, damit keine Zugerscheinungen auftreten. Die liegen bei 0,2 Meter pro Sekunde."

Schlechte Karten für historische Bühnen

Auch Nicolmann ist sich nicht sicher, "ob gefährliche Aerosole gänzlich aus der Raumluft entfernt werden können." Trotzdem warnt er vor Alarmismus: "Die Anlage ist ausreichend dimensioniert. Wir verwenden keine Umluft. Die Zuführung von Frischluft und die Abfuhr der Raumluft arbeiten getrennt. So können wir sagen, dass die Gefahr der Ansteckung durch Coronaviren weitestgehend gebannt sein müsste." Allerdings sei noch viel zu tun. Im dritten Rang seien die Öffnungen zum Abtransport der verbrauchten Luft unzureichend platziert. Er musste gesperrt werden. Das Filtersystem habe man nicht erneuert.

All diese Fragen und Unwägbarkeiten spielen bei kleineren Spielstätten, bei Off-Theatern und temporär genutzten Räumen keine Rolle, wenn sie keine Klima- oder Belüftungsanlagen haben. Sie müssen geschlossen bleiben. So ergeht es dem Ekhof-Theater im Schloss Friedenstein in Gotha. Das alljährliche Festival musste heuer abgesagt werden. Kommunikationschef Marco Karthe gibt in lakonischer Kürze die Antwort: "Weil wir die Luft nicht austauschen können." Das Ekhof-Theater ist eines der ältesten Barock-Theater Deutschlands und besitzt eine Bühnenmaschinerie aus dem 17. Jahrhundert. "Wir müssen abwägen zwischen dem Besucherkomfort durch Klimatisierung und dem Erhalt der historischen Bühnensituation. Da können wir uns nur für die Bedürfnisse des historischen Erbes entscheiden", erläutert Karthe, dass auch nach der anstehenden Sanierung keine Klimaanlage installiert werde.

EkhofTheater 560 c CC BY SA 30 uSchön, aber unklimatisiert: Das historische Gothaer Ekhof-Theater bleibt zu © CC BY-SA 3.0

Wie schwierig die Abwägung in allen Theatern ist, wird deutlich an dem Widerspruch zwischen dem Umweltbundesamt und dem Verband Deutscher Anlagen- und Maschinenbau auf der einen und der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft auf der anderen Seite. Deren Vorsitzender, Wesko Rohde, spricht von einer "Sicherheit von 95 bis 98 Prozent bei Klimaanlagen mit einem hohen Anteil von Frischluftzufuhr". Es gäbe sogar Anlagen mit biochemischer Reinigung durch Ionisation. "Da wird eine Luftreinheit erzeugt, wie wir sie in Operationssälen haben." Rohde muss allerdings einräumen, dass es solche Klima-Anlagen in deutschen Theatern kaum gibt. Sein Credo: "Nicht jede Anlage muss dem neuesten Standard entsprechen. Entscheidend ist, dass Luftbewegung in Zuschauerräumen stattfindet, ob der CO2-Gehalt gemessen wird und ausreichend Frischluft zugeführt wird."

Thomas Damm, Referatsleiter Klima-und Lüftungstechnik beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, bemängelt, dass die Lage bei den deutschen Theatern "ziemlich unübersichtlich" sei. Der Einbau sei nicht genehmigungspflichtig. Es bestehe allerdings Betreiberhaftung. Wartung und Kontrolle liegen aber in den Händen des einzelnen Theaters. Anlagen, die in den letzten zehn Jahren eingebaut worden seien, könnten als unkritisch angesehen werden, urteilt Damm. Probleme könnten aber bei den Systemen auftreten, die mit einem Rotationswärmetauscher ausgestattet sind. Bei ihnen könnten bis zu zehn Prozent der Abluft in die Frischluftzufuhr gelangen. Der Fachmann für Klimatechnik rät: Die Theater sollten sich durch Spezialisten für Klimaanlagen, am besten durch einen unabhängigen Gutachter, beraten lassen, um die Leistung, aber auch die Mängel ihrer Klimasysteme realistisch einschätzen zu können.

Höchste Vorsicht bleibt geboten

Wolfram Birmili, der Leiter des Fachgebiets Innenraumhygiene beim Bundesumweltamt, hat gerade eine Studie zur Berechnung der Corona-Sicherheit in den Berliner Sophiensälen auf dem Schreibtisch. Das Ergebnis der Modellrechnung für zwei Räumlichkeiten: Auch bei ausreichender Saalgröße und guter Belüftung komme es trotz Luftwechsels nach einer bis anderthalb Stunden zu einem R-Faktor von 1. Das besagt, dass ein Infizierter bei einer Besucherzahl von 30 oder 80 Menschen eine weitere Person anstecken kann. 

wolfram birmiliWolfram Birmili vom Bundesumweltamt © Karoline WernerBirmili bezweifelt, dass in allen Theatern die kostspieligen Anlagen eingebaut sind, bei denen Frischluft ohne Kontaminierung durch verbrauchte Raumluft zugeführt wird. Auch dürften eher selten sogenannte Hepa-Filter in Gebrauch sein. Nur die seien in der Lage, für den höchsten Standard von Luftreinheit zu sorgen. Normale Filter ließen Aerosole – also auch Coronaviren – von einem Tausendstelmillimeter und kleiner ungehindert passieren.

Wolfram Birmilis dringender Appell an die Theater: "Höchste Vorsicht ist weiter geboten." Dazu müssten drei Punkte beachtet werden: Theateraufführungen dürfen nur in möglichst großen Sälen mit vorerst nur geringer Besucherzahl stattfinden. Zudem muss so viel wie möglich Frischluftzufuhr bei getrennter Abluft gewährleistet sein. Während des gesamten Aufenthalts im Theater sollen Masken getragen werden.

Bei aller unterschiedlichen Bewertung steht eines fest: COVID-19 verändert die Theaterkultur grundlegend – und das nicht nur im Zuschauerraum. Auch in der Zeit nach Corona wird es das alte Theater nicht mehr geben. Denn wie in keiner anderen Kunstgattung bestimmt am Theater die Form entscheidend auch den Inhalt.

 

raab harald 100 3Harald Raab ist Publizist und freier Journalist in Weimar. Er studierte Journalisik an der FU Berlin. 
Sein Büro für journalistische Dienste, Kunst und Kommunikation ist auf Theaterkritiken, Kulturreportagen und politische Analysen spezialisiert. 


 

Zuletzt schrieb Harald Raab über Wiedereröffnungsszenarien deutscher Theater nach Corona.