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Ist da jemand?

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt / online, 31. Januar 2021. Ein Mann sitzt vor einem Fenster. Der Raum dahinter ist leer. Ein paar Deckenstrahler spenden Licht. Die Wände sind weiß, auf dem Boden Parkett oder Laminat, eine Tür, weitere Fenster, sonst nichts. Es wirkt, als sei eben jemand ausgezogen. Oder gestorben. Es könnte sich um ein Zimmer in einem Altersheim handeln, ein Zimmer zum Sterben in einem Hospiz, auf einer Palliativstation oder sonst wo. Es geschieht nichts darin, muss es auch nicht. Dieser "Sterberaum" gleicht einer großen Meditation zum Thema Tod und Sterben.

Drei Tage Livestream

Der Raum befindet sich auf der Bühne des Großen Hauses im Staatstheater Darmstadt, bei dem Mann handelt es sich um den Künstler Gregor Schneider. Er hat Erfahrung mit skulpturalen Räumen. Die Idee zu einem solchen Sterbezimmer treibt ihn schon länger um. 2008 erntete sein Plan, einen sterbenden oder gerade gestorbenen Menschen auszustellen, heftige Reaktionen. Ursprünglich war sein Ziel, die Schönheit des Todes zu zeigen. In Innsbruck baute er seinen "Sterberaum" dann erstmals auf. Wie das Darmstädter Echo berichtet, war eine ähnliche Arbeit für die 2020 ausgefallene Wiesbaden Biennale geplant. Als Installation über einen längeren Zeitraum hinweg, mit einer real sterbenden Person. In Corona-Zeiten undenkbar. Aber auch sonst wären die Reaktionen ähnlich wüst ausgefallen wie beim Erdogan-Coup 2018.

SterberaumDA2 1000 ScreenshotGregor Schneider und sein "Sterberaum" © Benjamin Weber

Doch die Zeiten und das Projekt haben sich geändert, und das Staatstheater Darmstadt brachte das Ganze jetzt in neuer Form als Livestream heraus, nicht nur zum Anklicken auf der Homepage, sondern dergestalt, dass der gesamte Webauftritt des Theaters dem stillen Kunstwerk zur Verfügung stand: drei Tage und drei Nächte lang, in drei Einstellungen. Mal sieht man den Theatersaal als Totale, mal die Bühne aus der Nähe, mal von der Seite.

Geistergemeinschaft im Möglichkeitsraum

In der Nahaufnahme rückt der Künstler heran, wir sehen seinen Nacken und dass er Mundschutz trägt, eine Decke auf den Knien hat, sich manchmal bewegt, den Kopf leicht schief hält, mal scheint er eingenickt, dann starrt er vor sich hin oder in sich hinein. Der "Sterberaum" wird zum Möglichkeitsraum, gibt Raum für unsere Vision vom Tod. Jeder und jede füllt ihn mit eigenen Erlebnissen und privaten Ängsten, intimen Details. Gerne wüsste man, wer oder zumindest wie viele in diesem Augenblick zusehen, wer in der Nacht noch dabei ist. Es bildet sich eine virtuelle geisterhafte Gemeinschaft, die den Tod beschwört und sich insgeheim gegen das Sterben verschwört.

SterberaumDA1 1000 ScreenshotGregor Schneiders "Sterberaum" vom Saal aus gesehen © Screenshot

Seit Corona den Tod beherrscht, Statistik das Sterben täglich neu kalkuliert, es kein akuteres Thema gibt, bekommt diese Arbeit natürlich eine andere Dimension. Wer da zuschaut, denkt auch an gestapelte Särge und Debatten darüber, wer angeblich lang genug gelebt hat. All das nährt diese außergewöhnliche Arbeit. "The first stream that really thrills me", postet der Regisseur Alexander Giesche auf Facebook. Nicht verwunderlich, besticht sein Visual Poem "Der Mensch erscheint im Holozän" (als Stream derzeit verfügbar auf 3Sat) doch mit ähnlicher Zart- und Weltweisheit. Nicht nur nebenbei erzählt Schneiders Arbeit, aus einem verwaisten Saal gestreamt, vom derzeitigen Stillstehen des Theaters. Die Verlassenheit des Ortes spiegelt die Traurigkeit unserer Tage.

Das ist Theater!

Die Arbeit rückt einem eigenartig zu Leibe, selbst nachdem man den Stream ausgeschaltet hat. Allein der Gedanke an den nüchternen "Sterberaum", an sein beleuchtetes Bühnenleben, seine Ohne-uns-Existenz greift einen an. Samstag Nacht, kurz vorm Schlafengehen schalte ich mich noch einmal zu und suche wie in einem hamsterlosen Käfig minimal panisch herum. Niemand sitzt mehr vorm Fenster, wahrscheinlich schläft Schneider irgendwo. Is there anybody out there?

Schneiders "Sterberaum" ist ein Raum für ein gemeinschaftlich absolviertes Ritual in einer Zeit, in der Gemeinschaft ein No-Go ist. Er eignet sich als Ruheraum für verrückt spielende Gedanken, als Trauerstation zum Beweinen der Toten. Und er ist nicht nur eine Installation, sondern auch ein Theaterstück – genauso wie John Cages "4'33" ein Musikstück ist. Dieser Stream lebt von seiner Liveness, indem er die Lebenszeichen auf der Bühne auf ein Minimum reduziert und auf die Lebendigkeit seiner Zuschauer:innen setzt.

Sterberaum
von und mit Gregor Schneider
Staatstheater Darmstadt, 28.-31.1.2021

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau 

In der Installation spiegele sich eine "namenlose Ratlosigkeit", so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (online 31.1.2021). Denn dieser "Sterberaum" biete "das Gegenteil einer Möglichkeit, eines Trostes oder gar einer Lösung." Ein "Theater, das nicht Theater sein darf", sei deshalb "der perfekte Rahmen für diese Imperfektion, die nur knapp – und weil es jenseits der Lüftungsanlage so ruhig bleibt – keine nackte Verzweiflung ist."

Dem Künstler Gregor Schneider gehe es um die Frage, "was es heißt, ein Mensch zu sein", schreibt Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online 30.1.2021): "In einer Zeit, wo diese universale Grundbedingung immer lauter in Frage gestellt, immer mehr statt auf Menschlichkeit auf Identitätsebenen verwiesen wird, mahnt Schneider ein Innehalten an." Sein "Sterberaum" stehe somit für die "Einkehr vom öffentlichen Marktplatz mit seinen aggressiven Diskursverhandlungen".

Im Kontext der Pandemie wirkte die Arbeit für A. J. Goldmann von der New York Times (11.2.2021) "neither tasteless nor sensational, as previous presentations were called. Instead, Schneider succeeded in creating a space for contemplation and stillness that was heightened by his own high-endurance performance." Der Livestream "showed that art and technology, when ingeniously combined, can respond to our age of solitude and disquiet with an urgency and immediacy more readily associated with live performance".

Den "Sterberaum", 2021, auf der Theaterbühne in Darmstadt deute Gregor Schneider im Vergleich zur ursprünglichen Idee von 2008 um, schreibt Claudia Christophersen auf ndr.de (online 11.2.2021, 15:57 Uhr).. Nicht das Sterben finde hier statt, "sondern das Denken darüber". Wie "sterben Menschen während der Pandemie? Wo sind sie, in den letzten Stunden ihres Lebens? Wer denkt an sie?" Schneider stelle solche Fragen, "nicht laut. Leise und still. Legt Gedanken in diesen Raum." Mit der Kamera nehme er die Betrachter mit, beobachte mit ihnen. "Der Zuschauer, die Zuschauerin wiederum sieht ihn und denkt darüber nach, was wohl der Künstler denken mag. Und da sind sie wieder: die Wiederholungen, die Schleifen."