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Wer ist eigentlich Fritz Haarmann?

von Jan Fischer

Hannover, 17. Februar 2016. Ein siebenundfünzigprozentiges, achselzuckendes "Ja, warum denn nicht" ergab eine Umfrage der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" zur Frage, ob Fritz Haarmann Theaterstoff sei. Fritz Haarmann, der Serienmörder von Hannover, der 1924 wegen Mordes an 24 Jungen und jungen Männern zum Tode verurteilt wurde. In der Stadt ein sensibles Thema, dachte man. Das Theater kündigte ein Haarmann-Musical von Nis-Momme Stockmann an – doch der Skandal blieb aus. Allerdings auch das berühmte "Haarmann-Lied".

Zu Beginn der Uraufführungsinszenierung von Lars-Ole Walburg wispert ein Chor das Wort "Durchreise" und trägt zum leicht trashigen, atmosphärischen Elektro von "Les Trucs" die entsprechenden Buchstaben über die Bühne. Jemand, dessen Rollenname "Schüchterner junger Mann" ist, betritt schüchtern die Bühne, bedankt sich beim Publikum, dass es Karten gekauft hat, und entpuppt sich als Autorenfigur, die versucht, dem Publikum zu erklären, worum es im Theater, in der Kunst geht. Er trägt ein rot-blau kariertes Holzfällerhemd und enge schwarze Jeans.

Die Figuren werden immer authentischer

Mehr Figuren, noch mehr schüchterne junge Männer treten auf, beginnen zu singen, ein Bühnentechniker betritt mit einer Bombe über der Schulter die Bühne, stellt sie ab, ein Elefant wird im Hintergrund vorbeigezogen. Der Schüchterne junge Mann vom Anfang sagt, dass es schwer ist zu schreiben, vor allem von Haarmann, vor allem in Hannover. Szenenwechsel ins Hotel, er wird von einem Leibniz-Keks mit einem Schild, auf dem das Wort "Falsch" steht, verprügelt. Es gibt ein Lied dazu. Die Frage ist ja immer, was so eine Meta-Auseinandersetzung bringt. Wohin es damit geht, warum, wie schnell. Zur Auseinandersetzung mit einem Thema gehört auch immer die Auseinandersetzung damit, wie man sich mit einem Thema auseinandersetzt? So kommt man vom Stöckchen aufs Hölzchen und ganz schnell zum einzelnen Kohlenstoffatom.

Amerikanisches Detektivinstitut Lasso1 560 Katrin Ribbe uMit einem Serienmörder in der Matrix der Kunst – gemütlich! © Katrin Ribbe

Einmal kurz tritt Haarmann mit seinem Beil in einem eleganten Anzug auf, wird dann aber, als er gerade beginnen soll, eine Solonummer zu singen, schnell wieder von der Bühne geschubst. Lieber werden immer wieder die widerstreitenden Autorenfiguren auf die Bühne geholt, dazu kommen noch ein Intendant und ein Dramaturg. In einem aus der Bühne herausfahrenden Konferenzraum werden sie zu koksziehenden Karikaturen überspitzt, dann treten ein "Echter Intendant", ein "Echter Dramaturg" und ein "Echter schüchterner junger Mann" auf und erklären, es sei alles gar nicht so gewesen, während der Autor im Hintergrund, blassblau beleuchtet, im Morgenmantel an seiner Schreibmaschine sitzt, tippt und kifft.

Meta-Feedback-Schleife

Dann kommen noch ein "Echter echter Intendant/Dramaturg/SJM" und ein "Echter echter echter Intendant/Dramaturg/SJM", und sie beginnen sich zu streiten, über Produktionsbedingungen zu reflektieren, darüber, was Theater, was Kunst kann und soll und muss, über Sachzwänge, Kreativität, über die Frage, wie in dieser Gesellschaft ohne Denkzwänge, ohne andauernde Reproduktion etwas erzählt werden kann, und darüber, dass man jetzt auch endlich mal was zu Haarmann machen müsse und nicht nur Nis-Momme-Stockmann-Nabelschau betreiben. Das bringt Zwischenapplaus vom Publikum, denn mittlerweile sind alle im unendlichen Kreisen der Meta-Feedback-Schleife verloren.

Der Grundgedanke ist gut: Dass es produktiver wäre, sich an Gemeinsamkeiten zu Haarmann abzuarbeiten anstatt die immergleiche Erzählung vom menschenfernen Monster noch einmal zu geben. Um es mit dem Schüchternen jungen Mann zu sagen: "Haarmann soll singen, weil Haarmann nicht singen sollte! Weil von uns erwartet und verlangt wird, dass er nicht singen sollte, weil es das Richtige und das Anständige wäre ihn nicht singen zu lassen."

Kritik vorweggenommen

Deshalb ist "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" ein Musical: weil es eine komplett bekloppte Entscheidung ist, eine falsche, und das ist schonmal ein Schritt in die richtige Richtung. In seiner Inszenierung folgt Lars-Ole Walburg Stockmann, indem er alles in Karikaturen, Überspitzungen, lustig und mit guter Musik, so sehr übertreibt, bis die Meta-Meta-Meta-Brechungen sich selbst ironisieren. Bloß nicht festlegen. Lieber zerlegen. Lieber lustig sein. Lieber Karikaturen mit sich, dem Chor und überhaupt streiten lassen, jeden Blickwinkel bedenken, und damit auch die Kritik entkräften – man hat sich ja schon selbst kritisiert.

Amerikanisches Detektivinstitut Lasso2 560 Katrin Ribbe uEin Haufen echter Figuren © Katrin Ribbe

So gesehen ist der Abend wasserdicht. Dazu passt auch, dass am Ende das Scheitern daran, überhaupt etwas zu Haarmann zu machen, zum Sieg erklärt wird: Man hat ja den Prozess reflektiert, die Möglichkeit des Autors als Tableau für systemimmanente Prozesse, alle diese Sachen. Der Weg ist das Ziel, nicht das Ergebnis. Dann tritt nochmal ein Bühnentechniker auf und fragt den Schüchternen jungen Mann: "Du hast Show gesagt. War das jetzt das Stichwort?" Das ist der Punkt, an dem das Musical durchreflektiert ist – es gibt einen Pyroeffekt, hohe Flammensäulen, der Chor der schüchternen jungen Männer setzt an, endlich zu beginnen, und dann: Vorhang. Roter Samt.

Es ließe sich höchstens noch sagen: Darüber zu schreiben, wie man daran scheitert, über etwas zu schreiben, das ist ja auch immer eine sehr einfache Lösung, wenn man ausweichen will. Egal, wie charmant man ironisiert.

Amerikanisches Detektivinstitut Lasso
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Thomas Schweer, Kostüme: Anna Rudolph, Musik: Les Trucs, Dramaturgie: Judith Gerstenberg.
Mit: B
eatrice Frey, Dominik Maringer, Katja Gaudard, Jakob Benkhofer, Jonas Steglich, Vanessa Loibl, Silvester von Hösslin, Live-Musik: Zink Tonsur, Charlotte Simon (Les Trucs).
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

Till Briegleb sah für die Süddeutsche Zeitung (23.2.2016) eine "angekündigte Theaterverweigerung", welche eigentlich ein "theatertheoretisches Thesendrama" sei. Das "hätte ein interessantes Experiment werden können (..) - wenn es denn nicht so krampfhaft unterhaltsames Regietheater sein wollte", findet Briegleb, der diese Inszenierung vor allem als "Parodie auf die übertriebene Beschäftigung eines Autors mit sich selbst" liest. Der Abend wäre "so gerne bockig gewesen", habe "aber am Ende dann noch nicht einmal gelangweilt".

Mit dieser Produktion habe das Schauspiel Hannover im Vorfeld etwas geschafft, was ihm sonst nur selten gelinge, schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (19.2.2016): es sei durch geschicktes Streuen von Informationen über die Produktion mit dem skandalträchtigen Thema zum Stadtgespräch geworden. Leider hält der fertige Abend aus Sicht des Kritikers dann den Erwartungen nicht stand. Zwar finde der Stoff in Lars-Ole Walburg einen gewitzten Regisseur, der für viele visuelle Reize Sorge. Nur: die Vorlage sei zu selbstrefferentiell auf den Autor bezogen und an ein paar tollen Songs fehle es diesem Musical auch.

"Dieses Stück über das Scheitern scheitert weit weniger häufig, als es glückt", schreibt Stefan Golisch in der Neuen Presse (19.2.2016). Dabei unterhält es aus seiner Sicht gut "und das wahrlich nicht unter Niveau". Der Stück sei "voller dialektischer Spiegelfechtereien, voller kluger Überlegungen zu Kulturbetrieb und Flüchtlingspolitik, zu Hannover und seinem Selbstbild, zu Fragen des guten und vor allem des schlechten Geschmacks. Walburg macht aus Sicht dieses Kritikers "das Beste daraus und verwandelt die Wörterflut eben doch in ein Stück, sehr spielerisch und ironisch."

„Wir sind gescheitert / wir sind nicht gescheiter“, singt der Chor dem Zeugnis von Kornelius Friz von der taz-Nord (19.2.2016) zufolge. Aus seiner Sicht musste der Dramatiker Stockmann an diesem Thema scheitern "und es ist beeindruckend, wie radikal er und der Regisseur Lars-Ole Walburg dieses Misslingen ausstellen". Letztlich habe Christoph Veltrup (der Nachfahre eines Haarmann-Opfers ist) sein Ziel erreicht, Haarmann nicht als Protagonist eines Musicals sehen zu müssen. "Dass dafür jedoch nicht sein Wunsch verantwortlich ist, das Geschehene andächtig zu verschweigen, sondern vielmehr das herausragende Scheitern der Theatermacher, ist nur eine der zahlreichen Pirouetten, die dieses kluge Stück dreht."

"Scheitern als Chance? Viel alter Schlingensief klingt mit im starken, steilen Denken dieses Abends", so Michael Laages in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio Kultur (17.2.2016). Lars Ole Walburg gebe sich derweil "mächtig Mühe, mit dem extrem wandlungsreichen Ensemble Theater zu zaubern aus der Mitteilung über die Unmöglichkeit von Theater in Haarmanns Fall". Das sehe  "abenteuerlich und manchmal sogar witzig" aus: wenn etwa Alfred Hrdlickas Haarmann-Fries nachgestellt werde. Doch all das bleibt nach Ansicht dieses Kritikers "im Versuch stecken". Das Objekt des Bemühens tauge zum Seminar, weniger fürs Theater. "Denn Stockmann hat ein Stück darüber geschrieben, dass kein Stück möglich ist. Und das Thema – Haarmann eben – bietet bloß Anlass für ganz viel These und Theorie. Das aber ist –  im Theater! –  nicht wirklich abendfüllend."