Der Zauberberg - Deutsches Nationaltheater Weimar
Die Ewigkeit ist ein Karussell
21. April 2024. Thomas Manns Wälzer auf 13 Seiten Spielfassung zu destillieren – was soll da bleiben vom Jahrhundertroman? Viel, wenn man einen Kniff wählt wie Christian Weise in Weimar, um die sieben Jahre im "Zauberberg" erfahrbar zu machen.
Von Marlene Drexler
"Der Zauberberg" am Deutschen Nationaltheater Weimar © Candy Welz
21. April 2024. Falsche Ehrfurcht hatte Regisseur Christian Weise vor Thomas Manns Jahrhundertwerk "Der Zauberberg" offenbar nicht. Gemeinsam mit Dramaturgin Beate Seidel hat er den im Original über 1.000 Seiten langen Roman auf sportliche 13 Seiten zusammengestrichen. Ein kurzer Abend ist es mit dreieinhalb Stunden trotzdem nicht geworden; vielmehr verbindet sich die radikale Strichfassung mit einer radikalen Inszenierung.
Wenn die große Gereiztheit Einzug hält
Der Abend beginnt zunächst unauffällig. Die Szenerie: Vornehm mit Kristallgläsern, Stoffservietten und Hühnerkeulen gedeckte Tische in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre. Ein roter Teppich, am Rand eine Sofagarnitur. Dazu ein Kamin, in dem ein Feuer brennt. Wir befinden uns im Speisesaal des Sanatoriums "Berghof", eine Kurklinik in der Nähe von Davos für gut situierte Lungenkranke.
Erst scheint die Stimmung hier irritierend heiter. Wenn der Arzt lächelnd in die Runde fragt: "Alle weiterhin gut krank?", klingt das fast wie: "Alle noch mit Champagner versorgt?" Man quatscht ein bisschen hier, man flirtet ein bisschen da. Zwischendrin Fiebermessen und "Liegekur". Mit fortschreitender Handlung wird die Gruppe jedoch nervöser, hysterischer – und eine "große Gereiztheit", wie Thomas Mann sie selbst nannte, hält Einzug.
Wenn Hans Castorp auf Clawdia Chauchat trifft: Fabian Hagen, Nadja Robiné © Candy Welz
Das Publikum lernt die illustre Runde aus in feinen Zwirn gehüllten Hustenden – gerne auch mit blutigem oder eitrigem Auswurf – zeitgleich mit Hans Castorp kennen. Castorp ist ein junger Ingenieur, der eigentlich nur seinen kranken Cousin besuchen will. Am Ende wird er durch eine unergründliche Faszination, die auf Ort und Menschen gerichtet ist, sieben Jahre in der Einrichtung verweilen.
Wie in einer Schneekugel
Im Gegensatz zum Roman, in dem Hans Castorp weniger schillernder Held, sondern vielmehr ein ziemlicher Normalo sein soll, ist Fabian Hagens Hans in der Weimarer Inszenierung von Beginn an recht verrucht. Dafür spricht nicht nur sein extravaganter Aufzug in türkisfarbenem Leinenanzug und Stiefeln aus Schlangenleder (die Kostüme von Lane Schäfer sind ein Augenschmaus). Dieser Hans scheint zu jeder Schandtat bereit, wirkt, als könnte er jede Party mit seiner Energie aufmischen. Spätestens dann, wenn er mit nahezu erotischer Spannung erzählt, er fände Beerdigungen so schön feierlich und Särge – am besten liegt auch ein Toter drin – so "erbaulich", traut man ihm allerdings auch zu, dass er gelegentlich Katzenbabys quält.
Kur-Novize Hans ist es auch, der sich nach etwa 20 Minuten Handlung tiefsinnige Gedanken über die Wiederkehr der Jahreszeiten macht und den stillen Fluch des Abends auslöst. Durch die Jahreszeiten werde man ja an der Nase herumgezogen, im Kreis herumgelockt, sagt er. Und schlussfolgert: Die Ewigkeit ist ein Karussell, kein Geradeaus.
Plötzlich wischt man sich als Zuschauer mehr und mehr die Augen. Denn der Abend beginnt wieder von vorne. Es ist der Auftakt einer schier endlosen Schleife des Immergleichen, ungleich gespielt. Die Variationen mit leicht variierten chronologischen Abfolgen der Dialoge reichen von der Anmutung eines Krimis bis zum Musical. Übrigens jeweils wunderbar lautmalerisch durch Live-Musik von Mitgliedern der Staatskapelle begleitet. Es entsteht eine rasante Dynamik, in der Text und Bilder wie in einer Schneekugel umhergewirbelt und neu zusammenzusetzen werden. Natürlich denkt man dabei ans berühmte Schneekapitel, das als Schneesturm dann tatsächlich über die Bühne fegt und das Ensemble zu weiterer – diesmal akrobatischer – Höchstform auflaufen lässt.
Weises Regie schärft die Konturen
Das Ensemble setzt dabei maximale spielerische Kräfte frei. Ob nun Dascha Trautwein als hysterisch-gackernde Patientin Frau Stöhr, deren Kiefer beim Lachen auch dann noch hektisch auf und zu klappt, wenn schon längst kein Ton mehr kommt. Oder Oscar Olivo als grüngesichtiger Herr Albin, um den es gesundheitlich besonders schlecht bestellt ist. Dass die kranken Zellen bei ihm offenbar langsam von der Lunge ins Gehirn wandern, zeigt sich nicht nur durch das wüste Haar, sondern auch durch das vollkommen zweckbefreite Herumfuchteln mit Messern. Trotz wenig Text ist auch das exhibitionistisch-libidöse sogenannte Russenpaar Calvin-Noel Auers und Rosa Falkenhagens ein besonderer Hingucker, weil sie aus jedem Fiebermessen ein wollüstiges Liebesspiel machen.
Fummeln im Bergidyll: Calvin-Noel Auer, Rosa Falkenhagen, Alexander Günther, Philipp Otto © Candy Welz
Mann thematisiert in "Der Zauberberg" den Untergang der bürgerlichen Welt vor dem Ersten Weltkrieg. Durch die starke Verkürzung gehen in der Weimarer Fassung freilich Inhalte aus der Romanvorlage verloren (zum Beispiel das Ringen um politischen Kompromiss, das in den Dialogen der zwei Figuren Naphta und Settimbrini ausbuchstabiert wird). Das ist einkalkuliert und für den Abend kein Problem. Vielmehr schärft die mutige Destillierung an anderer Stelle die Konturen.
Die durch den kopflosen Wahn der Figuren aufrechterhaltene Endlosschleife lässt die "große Gereiztheit" körperlich spürbar werden. Eine Stimmung, für die es auch heute – hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans – wieder zahlreiche Anknüpfungspunkte gibt.
Der Zauberberg
Schauspiel nach dem Roman von Thomas Mann
Theaterfassung von Beate Seidel und Christian Weise
Regie: Christian Weise, Dramaturgie: Beate Seidel, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Jens Dohle, Choreographie: Ronni Maciel, Licht: Jörg Hammerschmidt.
Mit: Fabian Hagen, Krunoslav Šebrek, Nahuel Häfliger, Nadja Robiné, Martin Esser, Dascha Trautwein, Oscar Olivo, Philipp Otto, Alexander Günther, Calvin-Noel Auer, Rosa Falkenhagen, Laurie Gibson, Sebastian Kowski.
Premiere am 20. April 2024
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.nationaltheater-weimar.de
Kritikenrundschau
Zur "Bühnenklamotte heruntergebrochen" sei Thomas Manns Romanepos, "dass es nur so knirscht und kracht", schreibt Frank Quilitzsch in der Thüringer Allgemeinen (21.4.2024). Immer wieder duellierten sich Settembrini und Naphta am Schachtisch und necke Clawdia Chauchat ihren Hans. "Die Wanduhr tickt, der Zeiger rast. Man ist genervt, doch irgendwie auch fasziniert", so Quilitzsch. "Denn wie hier parodiert und dem dekadenten Bürgertum nicht nur der Spiegel, sondern ein ganzes Spiegelkabinett vorgehalten wird, ist so unpolitisch nicht. Hier reagieren sie auf die Zeitenwende (Erster Weltkrieg), indem sie nicht reagieren." Mit jeder Schleife werde das Geschehen "noch ein bisschen irrer und bizarrer". Der Einfallsreichtum von Regisseur Christian Weise sei umwerfend, und die Schauspieler brillierten in dieser endlosen Slapstick-Szene, deren Höhepunkt der durch den Salon pfeifende Schneesturm sei, "mit nicht nachlassendem Vergnügen".
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Ich hoffe, ich bekomme diese sinnlosen Sachen und diesen Klamauk beim Lesen wieder aus dem Kopf!
Die Schauspieler tun mir sehr leid, so etwas verkaufen zu müssen.
Wir sind maßlos enttäuscht vom Nationaltheater in Weimar.
Gute farbenfrohe Kostüme.
Überzeichnungen waren teilweise etwas viel.
Hätte mir mehr vom originalen Stoff gewünscht.
Die Einführung zum Stück, wurde in einem rasanten Tempo, Redefluss geboten.
Ruhigere Sprache und teilweise auch etwas weniger, kann manchmal mehr bedeutsam sein.
Akustik auf dem Rang ist verbesserungswürdig.