Witz komm raus, Du bist umstellt!

26. April 2024. Eugène Ionescos Farce "Die Kahle Sängerin" ist ein moderner Klassiker. Um 1950 bedeutete sie den Einbruch des Nonsenstheaters in die gediegene Salonkomödie. Johan Simons geht die Sause in Bochum mit dem Holzhammer an. Auf dass die Lacher wie Späne fliegen.

Von Martin Krumbholz

Eugène Ionescos Farce "Die kahle Sängerin" in der Regie von Johan Simons in Bochum © Birgit Hupfeld

26. April 2024. Dass Eugène Ionesco erstaunt gewesen sein will, als die Leute über sein erstes Theaterstück lachten, ist natürlich Unsinn. In Wahrheit war es so: Als Ionesco, ein Franzose mit rumänischen Wurzeln, um 1950 herum "Die kahle Sängerin" schrieb, wollte er das Theater neu erfinden. Es gab natürlich Traditionen, die gibt es ja immer, es gab Alfred Jarry und den "König Ubu" und so weiter; aber Ionesco, knapp 40 Jahre alt, wollte das Nonsenstheater konsequent ins 20. Jahrhundert führen.

Sinn adé, Lachen toleriert

Indem er die Konventionen und damit verbundenen Erwartungen der Salonkomödie ins Leere laufen ließ, ohne irgendeinen landläufigen "Sinn" zu evozieren, frappierte er ein Publikum, das sich gar nicht anders wehren konnte, als über sich selbst zu lachen. In dem Stück empfängt ein Paar namens Smith ein zweites Paar namens Martin, aber anstelle einer Mahlzeit und einer Konversation gibt es Beschimpfungen seitens des Dienstmädchens und Floskeln, die nicht zusammenpassen und die Idee einer Unterhaltung als absurd erscheinen lassen. Was der Autor mit seinem ominösen Statement möglicherweise gemeint haben könnte, ist: dass man diesen komplett sinnentleerten Text so servieren müsse, als habe er einen Sinn – also secco und mit britischem Understatement (das Stück, dessen Titel natürlich bedeutungslos ist, spielt in England).

Ans Eisengestell gefesselt: Stefan Hunstein, Stacyian Jackson, Jele Brückner und Marius Huth © Birgit Hupfeld

Am Schauspielhaus Bochum erleben wir das erste Paar (Stacyian Jackson und Stefan Hunstein) vor einer Kulisse, die aus acht nebeneinander gestellten spartanischen Eisenbetten besteht. Spielt das Stück vielleicht in einem Strafgefangenenlager? Oder soll sich der Rätselcharakter des Textes einfach im Bühnenbild widerspiegeln? Man wird es nicht erfahren, dafür auf einigen Monitoren historische Reklamevideos sehen (Persil, Africola, 50er Jahre eben). Mrs. Smith trägt eine feuerrote lange Schleppe, die Umgangsformen der beiden Eheleute sind von körperlicher Robustheit, schrill, alarmistisch, antibritisch. Das zweite Paar (Jele Brückner, Marius Huth) spiegelt dieses Verhalten in einer Variante: Man tut so, als würde man sich nicht kennen, was eine subtile Form des Flirts sein könnte, aber auch diese Lesart geht letztlich nicht auf, soll nicht aufgehen.

Vergrößert und vergröbert

Regisseur Johan Simons tut etwas Sonderbares: Er nimmt die Vorgaben des Textes scheinbar sehr ernst, unterwandert sie aber zugleich durch einen gewissermaßen martialischen Darstellungsstil. Hemmungsloses Over Acting (Grimassieren, Fuchteln, Loriot-mäßiges gegenseitiges Abknutschen) treibt dem Text den letzten Funken Witz aus. Alles wird vergrößert, vergröbert. Einmal erzählt das von Konstantin Bühler gespielte Dienstmädchen eine kleine Detektivschnurre, um am Ende verschmitzt festzustellen, sein wahrer Name sei "Sherlock Holmes". Wenn nun aber der Spieler zu allem Überfluss wie Sherlock Holmes maskiert ist (Käppi, Pfeife), ist die (sehr kleine) Pointe verdorben. Das merkt eigentlich noch der unbedarfteste Zuschauer, nur der erfahrene Regisseur Simons merkt es an diesem Abend nicht.

Mit vorgehaltener Spritzpistole

Diese Kombination aus Überfrachtung und Überdeutlichkeit dürfte ihre Ursache denn doch in der Fremdheit eines Textes haben, der seine besten Tage gesehen hat und, zumindest unbewusst, Misstrauen und Berührungsängste provoziert, die sozusagen überkompensiert werden. Angeblich wollte es Ionesco nicht, aber natürlich sollen die Leute in Bochum lachen, und wie! Einzig und allein die Darstellerin der kleinsten Rolle, Feuerwehrhauptfrau Danai Chatzipetrou, scheint begriffen zu haben, wie man diesen Quatsch spielen muss: mit heiligem Ernst. Ihr hört man zu, wenn sie ihre absurden Fabeln erzählt, während am anderen Ende der Stadt "in drei Stunden ein Feuer ausbrechen wird", wie sie weiß. Alle anderen wollen uns mit der Spritzpistole in der Hand zum Lachen zwingen.

Kahle Saengerin3 1200 Birgit Hupfeld uHeiliger Ernst bleibt Mangelware: das Ensemble auf der von Sascha Kühne und Johan Simons eingerichteten Bühne © Birgit Hupfeld

Was ist der Endzweck des Ganzen? Einen erhellenden Zeitbezug stellt man nicht her, indem man Persil-Reklamevideos einspielt. Die machen in ihrer atemberaubenden Einfalt alles noch bizarrer, aber es ist eine andere Art des Bizarren als Ionescos hanebüchener Schelmenstreich von anno 1950. Es hilft nichts: The thrill is gone, baby. Man hätte das Stück getrost in der Mottenkiste lassen können, aber als Unterhaltungsnummer für ein scheinbeschwipstes Publikum ist es denn auch wieder zu schade.

 

Die kahle Sängerin
von Eugène Ionesco
Aus dem Französischen von Serge Stauffer
Regie: Johan Simons, Bühne: Sascha Kühne, Johan Simons, Kostüm: Britta Brodda, Sophia Deimel, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie: Leonie Adam.
Mit: Stacyian Jackson, Stefan Hunstein, Jele Brückner, Marius Huth, Danai Chatzipetrou, Konstantin Bühler.
Premiere am 25. April 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Johan Simons stellt ein sehr ungleiches Paar auf die Bühne des Bochumer Schauspiels", ein leeres und konventionelles Paar, aber doch nicht ohne Wünsche, Ängste, Begierden, so Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.4.2024). Die Verbindung von der Commedia dell’arte zum Theater des Absurden und wieder zurück sei bei Simons rasch gezogen. Vielleicht setze Simons an diesem Abend zu sehr auf Klamauk, auf die groteske, Schenkelklopfen erzeugende Zuspitzung, "aber er entdeckt in Ionescos leeren Hüllen noch Spuren des Menschlichen: die Verzweiflung". 

Für den Westfälischen Anzeiger (27.4.2024) berichtet Achim Lettmann: "Absurde Erzählung, banale Gedichte, Zungenbrecher, Zeitgeistsprüche und schräge Fabeln sind ein Vergnügen. Die Menschen, die sich zeitweise schütteln vor Entsetzen, finden am Ende erschöpft zueinander – als Chor, das tröstet und vereint. Viel Applaus."

"Die Inszenierung passt ins herrliche Bochumer Schauspielhaus, das in seinem Glanz vom Wiederaufbruchswillen der Fünfzigerjahre zeugt und an die Abgründe einer Gesellschaft erinnert, die keine Abgründe wahrhaben will. In den Versuch, das Finstere zu übertünchen, bohrt sich diese Inszenierung hinein", berichtet Egbert Tholl für die Süddeutsche Zeitung (27.4.2024). Man könne die "Aufführung auch sehr traditionell, rein komödiantisch sehen. Aber dann hätte man sehr viel verpasst".

 

Kommentare  
Die kahle Sängerin, Bochum: Bemerkenswert
Tut mir Leid, aber ich fand die theatralischen Kapriolen der lustvollen Schauspielerinnen durchgängig höchst amüsant. Dass dieses Gequassel
Noch dazu sehr aktuell die gesellschaftlichen, medialen Diskurse auf den
Nullpunkt bringt, ist bemerkenswert.
Die kahle Sängerin, Bochum: Ins Leere
Das absurde Theater lässt sinnierende Konsumenten ins Leere laufen und erregt Verzweiflung, die sie lachen lässt. Absurdität und Komik verbünden sich. Aber der Abend in Bochum läuft anders. Absurdität gehört in die Mottenkiste der Theaterkritik. Verzweiflung ist Ohnmacht. Kontrollverlust pfeift lachend im dunklen Wald. Aber das ist nicht die Emotion der Inszenierung in Bochum. Das Absurde irritiert nur noch (Verzweiflung wäre zu existenziell) und die sich widersprechende Zeit der Uhren wird einfach respektiert (Absurdität wäre zu metaphysisch). Die Coping-Strategien der klassischen Interpretation laufen ins Leere. Die existentielle Irritation der "personae dramatis" wird in Bochum durch die Spielfreude normal. Das Lachen der Zuschauer ist heute (wir haben nicht mehr 1950!) tiefe Zuversicht. Keine Verzweiflung. Keine Komik. Keine Sinnlosigkeit. Die Zuversicht ist die Emotion in Bochum und sie entspringt der lässigen Spielfreude der "actores personarum".
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