Tanz die Revolution!

26. April 2024. Nerds retten die Welt, Vol. 2: Nach "GRM" ist "RCE" der mittlere Teil von Sibylle Bergs Romantrilogie des freundlichen Systemumsturzes durch Extrem-Hacker. Bergs 700-Seiten-Wälzer hat Regisseur Kay Voges auf exakt 72 Bühnenminuten verdichtet – und ein videoästhetisches Wunderwerk daraus gemacht.

Von Frauke Adrians

"RCE #Remotecodeexecution" am Berliner Ensemble © Moritz Haase

26. April 2024. Ja sind wir denn im Kino? Was Bühnenbildner Daniel Roskamp, Videodesign-Chefin Andrea Schumacher und eine ganze Fußballmannschaft von "Digital Artists" auf die Sprinkleranlagen-gepeinigte Bühne des BE zaubern, sprengt alle Theater-Sehgewohnheiten. Hier ist Video keine Zutat, hier bedeutet es die Welt. 

Fleißbienchen mit Weltenretter-Impetus

Fünf Erzähler/Avatare/Nerd-Darsteller schweben in einer begeh- und erklimmbaren Wabe durch Hochhausschluchten und durchs All, durch Raum und Zeit; fünf Fleißbienchen mit Weltenretter-Impetus. Sie sprechen und rappen ihren Part – mal mit ausdruckslosen Computerstimmen, mal emotional gefärbt in Wahlkampf-Sound – nach strikter Zeitvorgabe über exakt eine Stunde und zwölf Minuten: Damit Text, Musik und KI-generierte Bilder haargenau aufeinander passen, bekommen die Schauspieler ihre Texte via Kopfhörer aufs Ohr und sprechen exakt mit, als uniforme Mensch-Maschinen.

Was für ein Aufwand. Aber das Ergebnis ist jede Mühe wert. Das gruselige Techno-Märchen, das Kay Voges aus Sibylle Bergs Roman destilliert, macht einen Heidenspaß – offensichtlich auch der Autorin. Zum Premierenjubel kam Berg höchstselbst auf die Bühne, Arm in Arm mit dem Regisseur.

Reset des Systems

Im Unterschied zur Nerd-Generation Z ist sie, nebenbei bemerkt, alt genug, um all die Anspielungen an die (westdeutschen) 70er Jahre ff. würdigen zu können, die diese Produktion veredeln. Vom Dalli-Dalli-Studio über Kraftwerk bis Raumschiff Enterprise klingt halbvergessenes historisches Kulturgut an – und ist doch nur Beiwerk, denn eigentlich geht es ja um zeitlos Schreckliches: die menschgemachte kapitalistische Apokalypse und wie man (sprich: die Nerd-Gang) sie zu verhindern sucht.

Im Super-Sechseck mit Plüschpräsenz: Ensemble in "RCE" © Moritz Haase

Sibylle Bergs Roman tut an der Oberfläche so, als ginge es um ein schlichtes Gut-Böse-Science-Fiction-Märchen: Während Milliardäre aus Egoismus und Gewinnsucht alles und alle ausbeuten und zugrunde richten und die von den Tech-Konzernen abhängigen Normalos abgelenkt und ahnungslos sind, obliegt es den Nerds, sich per Remote Code Execution – Fernsteuerung – in die Systeme sowie ins System zu hacken und alles auf Anfang zurückzusetzen.

Abschiebung per Kreuzfahrtschiff

Wenn das so einfach wäre! Kay Voges' Fassung arbeitet pointiert und mit viel Ironie heraus, wie abgründig das vermeintlich Gute ist, wie anmaßend, größenwahnsinnig, wenn nicht faschistoid die Systemsprenger-Fantasien der Hacker sind. Verstörende KI-Filmsequenzen illustrieren die Volksaufstände, die die Nerds bewusst provozieren. Wer dem Hackertrupp nicht passt, wird zwar nicht unmittelbar liquidiert, aber in Kreuzfahrtschiffe gesteckt und auf hoher See sich selbst überlassen.

RCE 1200 David Baltzer uDie Nerds wiederholen es hier immer wieder: "Es braucht eine Revolution, zu der man tanzen kann" © David Baltzer

Man kann Sibylle Bergs Polemik ermüdend und ihre Gesellschaftskritik grobschlächtig finden – und diesen Theaterabend dennoch lieben, sogar dann noch, wenn ein pupsendes pinkfarbenes Datenmonster den Samson aus der Sesamstraße imitiert. In ihrer Video- und Bildästhetik ist diese Inszenierung nicht weniger als sensationell.

Und sage keiner, das sei ja alles nur KI-generiert: Es braucht Theatermenschen, um aus künstlicher Intelligenz einen Theaterabend zu machen; wie es auch exzellente Schauspieler braucht, um den Sprechmaschinen-Part zu überwinden und Avataren Leben einzuhauchen. Und um eine solche Choreografie so umwerfend auf die Bühne zu bringen. Wie sagen es die Nerds im Video wieder und wieder: "Es braucht eine Revolution, zu der man tanzen kann." Teil 3 folgt dann wohl demnächst in diesem Theater.

RCE #Remotecodeexecution
von Sibylle Berg
Uraufführung
Regie: Kay Voges, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Mona Ulrich, Musik: Tommy Finke, Dramaturgie: Sibylle Baschung, Videodesign: Andrea Schumacher, Licht: Hans Fründt, Digital Artists: Voxi Bärenklau, Stefano DiBuduo, Andrea Familari, Max Hammel, Michael Klein, Arne Körner, Julius Pösselt, Max Schweder, Mario Simon, Jan Isaak Voges, Robi Voigt.
Mit: Maximilian Diehle, Max Gindorff, Pauline Knof, Amelie Willberg, Paul Zichner.
Premiere am 25. April 2024
Dauer: 1 Stunde 12 Minuten, keine Pause

berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Die sage und schreibe elfköpfige Truppe sogenannter Digital Artists projiziert spektakuläre, in sich bewegliche, multistilistische Bilder einer virtuellen Weltversion ins BE", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (online 26.5.2024.) Digitale Innen- und analoge Außenperspektiven, vor allem aber menschliche Angst- und Wunschvorstellungen  vereinen sich fantastisch. Doch: "So schön das nur 75-minütige Cyberspektakel im BE auch aussieht, so undifferenziert schmelzen alle menschlich nerdigen Aspekte, die im Roman noch Lust auf Untergründiges machen, in der großen, anonymen KI-Bildmaschine in nichts zusammen." Da helfen auch die fünf wie aus dem 3D-Drucker gespuckten Schauspieler kaum, die als robotersteife PC-Menschen durch die Raumkapsel staksen. "Ein Bot-Spektakel, nicht mehr."

Eberhard Spreng sah für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (26.4.2024 | wiederveröffentlicht auf seiner Homepage) ein "Zukunftsmusical, das wie von außerhalb getaktet ist, ein Theater, das sich technisch und ästhetisch ganz seinem Thema unterwirft. Das sieht so aus, als sei es, einmal programmiert, von Menschen nicht mehr zu stoppen. Solchermaßen fusioniert mit medialen Bildwelten sah man Theater noch nie."

"Voges – und das ist schon mal eine kluge Entscheidung – versucht gar nicht erst, die fiebrig zwischen Schauplätzen springende, gründlich in die Niederungen der Big-Tech-Machenschaften dringende Story in ihrer Gesamtheit zu fassen", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (29.4.2024). Die Essenz der Bergschen Digitalapokalypse Voges‘ fasse er gleichwohl ziemlich gut. "Dieser 'RCE'-Abend am Berliner Ensemble (wo ein Sprinkleranlagen-Scherz zwischendrin nicht fehlen darf) zieht visuell mitreißend in ein Rabbit-Hole der Algorithmen, wo die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine nicht mehr so leichtfällt."

Kay Voges habe aus Sibylle Bergs jüngstem Roman eine psychedelische KI-Bilderflut-Installation gemacht, "die sich direkt in die Synapsen und psychischen Systeme der Zuschauer hackt", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (30.5.2024). "Ein Bilder-Multiversum, das die Bühne flutet und jede Vorstellung einer irgendwie fassbaren, eindeutigen Realität auflöst, eine Bühne wie ein LSD-Horrortrip."

 

Kommentare  
RCE, Berlin: Magie
Am Anfang war ich unsicher, ob ich mich auf dieses Technikgewitter wirklich einlassen könnte - aber Minuten später war ich der Ästhetik schon komplett verfallen.
Was für eine Bühne, was für Videobilder, was für ein Soundtrack und was für Schauspieler*innen!
So etwas habe ich noch nie gesehen/erlebt auf einer Theaterbühne.
Ein Handschlag von Magie und Perfektion.
RCE, Berlin: Manieriert und inhaltsarm
Ich fand es total manieriert, selbstverliebt, inhaltsarm und blöd. Was soll das sein, eine quasi-sozialistische Vision? Echt, das ist alles? Tolle KI-Videos machen aus einem Text ohne Idee noch kein Theater.
RCE, Berlin: Talentiertester Nachwuchs
Das Berliner Ensemble besitzt den mit Abstand talentiertesten Nachwuchs. Chapeau für diese Leistung!
RCE, Berlin: Geglückt
Kay Voges verrannte sich nach dem Borderline-Prozession-Überraschungserfolg (Dortmunder Theatertreffen-Einladung 2017) zu oft in digitalen Spielereien. Die Vorzeichen waren also nicht die besten, als er sich mit seinem Team auf der Probebühne daran machte, die Arbeit an Sibylle Bergs Roman „RCE #Remotecodeexecution“ trotz aller Wasserschaden-Widrigkeiten fortzusetzen.

Der Premieren-Termin am vergangenen Donnerstag, der unglücklicherweise auch noch mit dem Abschied des verstorbenen Volksbühnen-Intendanten kollidierte, der viel mediale Aufmerksamkeit absorbierte, konnte nicht nur gehalten werden, sondern wurde zum künstlerischen Erfolg.

Eine ganze Armada an Digital Artists hat Voges beauftragt, den Plot der Hacker und Nerds, die eine apathische Gesellschaft mit Fake-Schockmeldungen wachrütteln, mit Video-Arbeiten zu rahmen. Minutiös sind die Digital-Arbeiten auf den häufig von einem Quintett im Chor gesprochenen Text abgestimmt. „Eine Revolution, zu der man tanzen kann“, lautet die leitmotivische Forderung von Maximilian Diehle, Max Gindorff, Pauline Knof, Amelie Willberg und Paul Zichner, die in ihrer kleinen Science Fiction-Wabe in der Bühnenmitte tatsächlich auch einige tänzerische Einlagen bieten.

Ein junges Ensemble, der bittere Humor der Bestseller-Autorin und Europawahl-Kandidatin und die digitale Experimentierfreude des Regisseurs gehen hier eine glückliche Verbindung ein, die dem Berliner Ensemble in seinem annus horribilis einen Erfolg beschert.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/04/28/rce-remotecodeexecution-berliner-ensemble-kritik/
RCE, Berlin: Mehr als überzeugend
Ich bin immer noch ziemlich geflashed von der gestrigen Performance, was für ein krasser Abend für alle Sinne! Ich hatte mich vorher gefragt, wie man dieses Monstrum an Text überhaupt im Theater machen will und die Antwort hat mich mehr als überzeugt.
RCE, Berlin: Ziemlich dünn
Visuell bahnbrechend, inhaltlich ziemlich dünn ... was will man auch erwarten, wenn ein 700 Seiten Roman auf 1:15 Std zusammengekürzt wird.

Was übrig bleibt ist platt, plakativ und polemisch: Es gab großteils nur Headlines, Schlagworte, Bild-Zeitungs-Polemik und Social Media-Angriffe auf die Spitze getrieben.

Und die Botschaft der "Guten" war auch nur: Alle Banken sind korrupt, alle Versicherungen sind Schweine, alle Politiker werden bestochen - und alle sind nur in der Hand großer Konzerne von Blackrock bis Bezos ... und die tun nur Böses für unsere Welt und korrumpieren uns ...

Das ist AfD- und Querdenker Rhetorik und das Finale am Ende fast wie das Zusammenrotten wie im August 2020 der Sturm auf den Reichstag ...

Die Lösung liegt im differenzierten Denken, im Abwägen und gemeinsam Lösungen finden - in dem, was Demokratie täglich tut.

Und die große Frage: was kommt danach? Schön, dass die "Guten" jetzt "gewonnen" haben. Und dann?! Gibt es jetzt auf einmal nur noch gute Menschen? Ehrliche Banken, vertrauenswürdige Versicherungen, kompetente Politiker?

Interessanterweise habe ich gelesen, dass Sybille Berg dieses Thema in ihrem nächsten Roman angehen will ...

Auch war es mir zuwenig "Theater" im klassischen Sinne: Warum gab es immer nur die Erzählerstimme? Warum haben die 5 Nerds nicht selber geredet? Am Tisch (oder im Online-Meeting) gesessen und überlegt, wie machen wir das am Besten? Mir fehlte die Interaktion ... es war ein visuelles Spektakel, das mich aber irgendwann ermüdete und fast nervte - einfach zuviel derselbe Effekt.
RCE, Berlin: Kritikenrundschau
Warum werden hier so viele Kritiken nicht aufgelistet?

(Wir bearbeiten die Kritikenrundschauen meistens Mo&Di und haben eben noch die spät veröffentlichte Kritik in der SZ gefunden, die Berliner Morgenpost steht hinter der Paywall. Welche Kritiken fehlen Ihnen darüber hinaus? Beste Grüße aus der Redaktion von E. Philipp)
RCE, Berlin: Gesamtkunstwerk
Dieses Stück ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk aus verschiedenen Genres von Musik, Schauspielkunst, Film und Architektur. Die Videobilder prasseln unentwegt auf die Zuschauer ein und man ist gefesselt von der Bildgewalt und der technischen Finesse.
RCE, Berlin: Echt geil
Ich komm gerade aus dem Theater und denke mir die ganze Zeit nur WTF… Echt geil
RCE, Berlin: Nennung
Ich finde es eine Frechheit, dass die Namen der 5 hochkarätigen Spieler, die neben aller visuellen Finesse den Abend mehr als tragen, in der Kritik nicht genannt werden: Maximilian Diehle, Max Gindorff, Pauline Knof, Amelie Willberg, Paul Zichner.
Soviel muss schon sein, Frau Adrians!
RCE, Berlin: Dystopisches Feuerwerk
Bei Voges gibt es keinen Ausweg. Nicht zu Beginn und nicht am Ende. Die klaustrophobische Hexagon-Röhre kennt beides nicht, ist Anfang, Ende, Mitte, Ausgangspunkt und Ziel, die mal anzugtragenden, mal pinke Plüschmonster gebenden Figuren Unterdrückende und Befreiende und alles gleichzeitig. Oligarchen und Hacker, Herrschende und Revolutionär*innen – sie fallen zusammen, sind eins, ununterscheidbar, die Weltrettung nur ein Algorithmus, eine virtuelle Illusion mehr. Der Autokratie der die Massen einlullenden Milliardäre folgt der selbstgerechte Terror der Revolution, die „Befreiung“ ist blutig und mörderisch, eine „Elite“ folgt auf die vorangegangene. „Wenn wir die Welt retten wollen, heißt das, dass wir alles nochmal neu starten müssen“, heiße es einmal. Ein Neustart, ein Reboot, nachdem das System wieder so läuft wie vorher. Die von einem zehnköpfigen Team an „Digital Artists“ generierten Bildräusche wechseln von der geordneten Effizienz einer Wolkenkratzerwelt zum Chaos eines KI-Bürgerkriegs. Lebensfeindlich beide, die projizierten „Menschen“ grotesk entstellte KI-Schöpfungen. Die Alternative, sie ist keine.

Denn das einzige, was hier herrscht, ist Angst. Und das einzige, das sie bekämpfen kann, sie selbst. So arbeitet der Untergrund mit Fake News und Verschwörungsmythen, zerstört, was ihm im Wege steht, unabhängig von seinem Wert, schürt Angst und Ressentiments, die nur die nicht lähmt, die sie einsetzen. Ein buntes Horrormärchen wird dem Publikum vorgesetzt, es wird gesungen, gerappt, in Choreografien getanzt, die ferngesteuerte Revolution gebiert eine ebensolchen Chor, ist selbst Entertainment, Show, wo Veränderung nicht mehr anders zu denken ist, denn als Unterhaltungsformat. „Es braucht eine Revolution, zu der man tanzen kann“, lautet der Schlüsselsatz des Abends. Die Revolution selbst ist Tanz, Chorografie, Shownummer. „Das Leben sollte nicht nur Überleben sein“, lautet der Anspruch. Doch was dann? Darauf gibt es keine Antwort, kann es keine geben im technisiert effizienten Staat und seinem ebensolchen Gegenentwurf.

Das ist alles äußerst unterhaltsam, visuell spektakulär, präzise chorografiert und in seiner Ausweglosigkeit überaus stringent. Doch fehlen die Zwischentöne, das Grau, der Zweifel, die Bruchstelle. Und so bleibt ein Thesenabend, der seine eigene Behauptung nie hinterfragt, der keine losen Enden zulässt, der sich in jeder seiner 72 Minuten selbst bestätigt, der endet, lange bevor er begann. Ein dystopisches Feuerwerk, Resignation in knallbunt, die nichts übriglässt – zum Weiterspinnen, Hinterfragen, Weiterdenken oder Nachklingen. Fatalismus als Digitalrevue.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2024/05/30/eine-revolution-zu-der-man-tanzen-kann/
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