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"Begräbniskunst ist die höchste Schauspielkunst!"

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 26. Februar 2016. In Bernhard-Sätzen hallt Genuss und Ekel an der Sprache. Die renitente Wiederholung von Worten rückt diese aus einem Alltags-Zusammenhang heraus. Sie schrumpfen zu monströsen Klanggebilden zusammen; was ihr Inhalt sein soll, wird grotesk, wird "gähnende Leere". "Schopenhauer", zum Beispiel, immer wieder "Schopenhauer", bis dass das Wort selber zum Vorwurf gerät.

"Schopenhauer", sagt auch Udo Samel mit bebenden Backen in Oliver Reeses Bühnenversion und Inszenierung der "Auslöschung" von Thomas Bernhard am Theater in der Josefstadt. 1986 erschienen, ist der Roman die letzte große Prosa-Veröffentlichung Bernhards. Allzu viel Handlung gibt es da nicht: Die Eltern und der Bruder des mittlerweile in Rom lebenden Franz-Josef Murau versterben bei einem Autounfall. Also muss der zurück nach Wolfsegg, wo das herrschaftliche Elternhaus steht und die ungeliebten Schwestern immer noch wohnen.

Ausloeschung 560 SeppGallauer uDrei von vier Muraus: Wolfgang Michael, Udo Samel und Martin Zauner. ©  Sepp Gallauer

Auf über 600 Seiten treibt Bernhards Text die Gedanken des Protagonisten voran. In der Reese-Version sind davon knappe 50 übrig geblieben. Manch ein Gedanke und manch ein Zusammenhang fehlt. Dafür aber gibt es den Murau viermal. Der Protagonist ist also von vornherein zerfallen, wie es der Untertitel des Romans ("Ein Zerfall") verspricht. Samel teilt sich die Rolle mit Wolfgang Michael, Christian Nickel und Martin Zauner. Den Text sprechen sie nach vorne, erzählen also dem Publikum, was Murau jeweils mit "dachte ich", oder "sagte ich" beendet. Dabei hören die vier einander aufmerksam zu, bedenken sich mit liebevollen Gesten, wie dem Zurechtrücken des Hemdkragens oder dem Zurückstreichen der in die Stirn gefallenen Haare. Per Gedankensprüngen treiben sie weiter, was im Bernhard-Text eine einzige sich wiegende und windende Überlegung ist, die nur durch einen Ortswechsel unterbrochen wird. Die beiden Teile des Romans, "Das Telegramm" (Murau in Rom) und "Das Testament" (Murau in Wolfsegg), geben auch dem Theaterabend seine Ordnung, durch eine Pause.

Katholisches Welttheater

Nach dieser Pause geht der rote Vorhang, vor dem bis dahin gespielt wurde, in die Höhe. Auf der Bühne erscheint Wolfsegg als sich nach hinten verjüngender, ordentlich geschichteter Holzverschlag. Das Bühnenbild von Hansjörg Hartung greift, so wie es die Textversion von Reese tut, deutlich auf die Theater-Verweise in der "Auslöschung" zurück. Da ist zum Beispiel die Rede von der Begräbniskunst als der höchsten Schauspielkunst und in weiterer Folge vom katholischen Welttheater. Überhaupt, dieses "katholische Welttheater"! Der Katholizismus und der Nationalsozialismus sind fixe Größen der oberösterreichischen Enge, die Murau in seinen Ausführungen ausbreitet. 

Allzu viel Handlung gibt es ja nicht, Text dafür in Massen. Deshalb sind zweieinhalb Stunden eine lange Zeit. Reese lüftet, das Auge isst mit, das Sprachgeschehen mittels kleiner Kommentare. Weil Murau von Wolfsegg als Puppenwelt, von den Schwestern als Puppen spricht, bringt Nickel ein Puppenhaus auf die Bühne, das später mit einem Vorschlaghammer kaputt gemacht wird. Zudem verlagert die Bühnenversion manche Textteile in andere Sprechpositionen, macht also aus referierter Rede eine direkte. So kommt zum Beispiel Spadolini, Erzbischof und Liebhaber der Mutter, zu einem eigenen Auftritt. Nickel trägt da ein lila Kleid, die anderen entwinden sich seiner besitzergreifenden Gestik. Den Italo-Komödien-Sprech zieht er sich mit dem Kleid wieder aus und lässt als Murau die Konsonanten knallen.

Make love, not schwarze Pädagogik

Keiner der vier Schauspieler ist von der Textaufteilung her auf ein Thema oder eine Stimmung festgelegt. Murau zerfällt also nicht in Persönlichkeitsteile. An zwei Stellen aber wird's persönlich, um nicht zu sagen diagnostisch. Michael, der mit nach unten gezogenem Kiefer ganz der Widerwille ist, erzählt von den Sticheleien der Schwestern und der Rache Muraus an ihnen. Derweil wirft das Licht seine Schatten links und rechts von ihm gegen den roten, nun so düsteren Vorhang. Schließlich ertönt Kinderweinen und die Sache ist klar: Make love, not schwarze Pädagogik.

Auch der zweite diagnostische Versuch setzt zur Erklärung seiner heutigen Verfassung in der Kindheit Muraus an. Dann steht Udo Samel als Kindheits-Murau dem zur Mutter verkleideten Martin Zauner gegenüber. Als Mutter sagt der dann: "Ach, wenn ich das gewusst hätte! Ich hatte geglaubt, Siebenkäs sei eine Erfindung von dir gegen mich, eine gemeine Finte." Ja, wenn die Mutter gewusst hätte, dass der Sohn tatsächlich nur Jean Paul gelesen hat, dann hätte sie ihn vielleicht ein wenig lieber haben können. Dann müsste Samel die bohrenden Wiederholungen der Bernhard-Sätze nicht mit so diebischer Freude ausfüllen und Zauner nicht schimpfen wie ein Spatz. Am Ende liegt in keiner Kindheit irgendeine Erklärung, weder in der glücklichen noch in der unglücklichen, sondern nur "gähnende Leere".

 

Auslöschung
von Thomas Bernhard, in der Bühnenfassung von Oliver Reese
Uraufführung
Regie: Oliver Reese, Bühnenbild: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Ulrike Zemme, Licht: Emmerich Steigberger.
Mit: Wolfgang Michael, Christian Nickel, Udo Samel, Martin Zauner.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

Hannes Hintermeier sah für die FAZ (27.2.2016) in "zweieinhalb Stunden einen Bernhard zum Mitnehmen, Fastfood". Bei diesem "Textgebirge" sei Reese aber auch nichts anderes übrig geblieben "als massiv zu streichen". Der Regisseur schaffe es zum Glück regelmäßig Bernhards Lacher herauszuarbeiten, "indem er dem Text Luft gibt, Pausen setzt.", so Hintermeier. Dabe komme es allerdings "möglicherweise ungewollt" ab und an "zu Situationen, in denen die Haltbarkeit des Textes Risse bekommt". 

"Hellwach" genoss Hartmut Krug für den Deutschlandfunk (26.2.2016) die mit "spielerischer Zurückhaltung" inszenierte Aufführung. Nur "ganz selten" würde die Inszenierung aus ihrem "Spannungszustand" herauskippen, schreibt Krug. Insgesamt funktioniere dieses Stück fast wie eine "Einführung in die Bernhardsche Rhetorik".

Reese verpacke Bernhards Roman in "schön portonierte Happen" findet Margarete Affenzeller von Der Standard (26.2.2016). Dadurch fehle es "dem Abend an jener Überdimensionalität, Monstrosität und Existenzialität, die dem Text innewohnt." "Minimaler Slapstick, ein wenig Objekttheater und Figurenimitationen (alle vier übernehmen Nebenrollen) geben dem Abend Farbe. Im Grunde aber zeigt sich diese Auslöschung einfallslos.", lautet Affenzellers Urteil. Sie findet, der Inszenierung hätte mehr "Aufmunterung zum Theater gutgetan."

Hans Haider positioniert sich für die Wiener Zeitung (26.2.2016) deutlich: "Die Copyrighterben hätten Bernhards furioses Spätwerk nicht zur szenischen Verwurstung freigeben dürfen. Die zerstört den - in diesem Übermaß einzigartigen - Prosafluss dieses Hauptwerks und jede daraus hochragende Aura, die römische Arroganz wie die landadelige Dumpfheit." Allerdings sei der Abend dennoch "sorgsam arrangiert und virtuos vorgestellt" und die "Aufspaltung des monologisierenden Ichs in vier Rollen" führe zu "Deckungsgleiche" zwischen "Ich-Erzähler und Bernhards persönlichem Rollenspiel."

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (8.3.2016) lobt Reeses kompakte, den Herkunfts- und Nazihass des Ich-Erzählers forsch herausarbeitende Stückfassung des Romans. Inszenieren würde Reese aber "so gut wie war nicht", er tue nur so. "Keine Bilder, keine Bernhard-Exaltationen, null szenische Fantasie." Reese verteile die Rolle des alles Familiäre auslöschen wollenden Franz-Josef Murau auf vier Personen, besetze diese mit Top-Schauspielern und lasse sie machen, "heißt: sprechen." Dössel lobt die Schauspieler und wünscht sich abschließend, dass sie das "Regieausfallhonorar" erhalten.