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Lang schon im Leerlauf

von Jens Fischer

Oldenburg, 14. April 2018. Es quietscht. Es soll quietschen. Das ist eine Regieidee. Und die zieht Lucia Bihler am Staatstheater Oldenburg konsequent durch. Also quietscht es zwei Stunden lang bei jedem versuchten Schritt der Schauspieler. Ihre Schuhe verkleben stets neu mit der Farbtunke auf dem Bühnenboden. Jede Bewegung ist so ein mühsam die Körper verdrehender Befreiungsversuch, den die Adhäsionskräfte sofort wieder scheitern lassen. Das von Ödön von Horváth ins Hotel "Zur schönen Aussicht" bestellte Personal wird an diesem Abend also niemals aufbrechen oder gar abheben, sondern nur immer weiter im Siff der schäbigen Verhältnisse herumwaten.

Das ist aber noch nicht alles. Es gilt die in der Horváth-Rezeption fast schon zu Tode zitierte Meinung des Autors zu realisieren, dass seine Komödien wahre Tragödien seien: "Sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind." Diese Atmosphäre wird gesucht. Endzeitstimmung. Die Quietschsinfonie der grotesken Choreografie sorgt schon mal für Gänsehauteffekte. Bei jedem Auftritt knarren zudem die Türen wie in Horrorfilmen. Passend dazu spielt das Ensemble als Raubtiergesellschaft so blutleere wie verschlagene Zombiemonster, denen man jedes Splattermassaker zutraut. Nach dem Antlitz Boris Karloffs wurden den Darstellern die Stirnen hochtoupiert und mit albernen Undercut-Perücken gekrönt. Soweit die äußerlichen Gruseleffekte, die eher putzig als unheimlich, trotzdem dezent komisch wirken.

Zombies ohne menschlichen Kern

Horváth hat die gesellschaftlichen Verhältnisse verkehrt. Reichtum und die damit verbundene Macht gehört in diesem Hotel der Perspektivlosigkeit nicht den Männern, die sind allesamt pleite. Über Geld als nachwachsenden Rohstoff verfügt allein Ada Freifrau von Stetten. Sie finanziert aller alkoholisierten Müßiggang und nimmt sich dafür das Recht heraus, jeden für jede Art Erniedrigung und Sex benutzen zu dürfen. "Meine Sklaven", frohlockt sie. Mangels Alternativen haben die sich damit arrangiert. Kleben fest im Überdruss und quietschen so vor sich hin. Bis Christine kommt. Sie möchte ihre Affäre mit dem Hotelierstrizzi Strasser zur Ehe ausweiten, in die Herberge einziehen, den Laden führen und das gemeinsame Kind großziehen. Aber die zwischen Servilität und Bösartigkeit changierende Männermeute fürchtet die Veränderung. Will die Frau loswerden und inszeniert eine Art Massenvergewaltigung. In Oldenburg ist es eher eine Art Beerdigung, bei der Christinas Körper wehrlos auf den Boden festklebt. Was tatsächlich unheimlich ist.

ZurschoenenAussicht3 560 Stephan Walzl uZum Wohle der einen, zum Unwohle der anderen: Jan Breustedt, Thomas Lichtenstein, Fabian
Felix Dott, Nientje C. Schwabe, Jens Ochlas © Stephan Walzl

Die Zappeligkeit der Spieler*innen und die bonbonbunte Illumination erinnern an die optische Schrillschraubigkeit der Arbeiten von Herbert Fritsch. Werden bei diesem Anarcho-Trainer schlimm verklemmte Fratzen körperclownesk entklemmt und von einem innerem Überdruck befreit, geschieht das im rasanten Tempo mit Slapstick-Akrobatik. Dieses Grundprinzip der Entlarvung gilt auch in Oldenburg. Das Stummfilmästhetik-Vokabular dazu ist da. Nur fehlen der Furor in der kunstvollen Mechanik des Spiels, ein Rhythmus und der ins Absurde getriebene Humor. Bihlers Figuren sind frei von Esprit, entkernt von jeder Leidenschaft. Sie kreiert untertourig ihre ganz eigene, steril künstliche Welt, in der es keine Entwicklung gibt.

Kurzer Blick hinter den Vorhang

Horváths seelisch Traumatisierte und Gefühlsinvaliden des Ersten Weltkriegs sowie die Prototypen des heraufziehenden Faschismus sind schlicht: geldgierige Chargen. Der bürgerliche Egoismus muss nicht mehr demaskiert werden, er ist im karikierenden Spiel stets offensichtlich. Mehr aber eben meist auch nicht. Einzig Thomas Lichtenstein gewinnt seinem deutschnationalen Herr Müller, "großes, dickes Kind", mit ironischer Verve und herziger Komik auch eine chronisch vitale Bühnenpräsenz.

ZurschoenenAussicht1 560 Stephan Walzl uNientje C. Schwabe, Agnes Kammerer © Stephan Walzl

Dann wird das Licht angeknipst. "Es dreht sich hier nicht um Geld!", sagt Christine. Sie sei Millionenerbin. "Geschmacksache", hieß es am Anfang noch auf die Frage, wie sie aussehe. Nun ist sie jedermanns Geschmack. Alle wollen sie heiraten, keiner mehr der Gräfin gefällig sein. Die beiden Frauen ersteigen eine Wendeltreppe. Führen einen Dialog über Abdankung und Thronbesteigung. Ein Moment, der plötzlich mit geradezu klassisch psychologischem Rollenspiel gestaltet wird. Und gerade die so würdelos mannstolle Baronin (Nientje C. Schwabe) vermittelt würdevoll etwas von ihrer Sehnsucht, Einsamkeit und Verzweiflung, im Alter nur mit der Macht des Geldes gesellschaftlich und sexuell akzeptiert worden zu sein. Zeigt so, dass dieses Stück viel mehr zu bieten hätte, als puppenlustige Arrangements von Oberflächen.

Christine aber will genau das. Spaß! Kaugummikauend genießt sie wie eine Bachelorette die buhlenden Männer – beschließt, sich fortan allein mit ihrem Geld zu vergnügen. Und stakst mit einem Gewinnerinnenlächeln über den Fußbodenkleber wie all die anderen. Es quietscht. Und quiekt. Eine Ratte, die anfangs noch Freeclimbing-Kunststücke vollführte, wird nun in einem Käfig auf die Bühne getragen. Das ist die letzte Regieidee. Keine schöne Aussicht, für niemanden.

Zur schönen Aussicht
Komödie in drei Akten von Ödön von Horváth
Regie: Lucia Bihler, Bühne: Stefanie Grau, Kostüme: Leonie Falke, Musik: Jacob Suske, Musikalisches Training: Cindy Weinhold, Licht: Arne Waldl, Dramaturgie: Marc-Oliver Krampe, Künstlerische Beratung: Sonja Laaser.
Mit: Agnes Kammerer, Jens Ochlast, Nientje C. Schwabe, Thomas Lichtenstein, Jan Breustedt, Alexander Prince Osei, Fabian Felix Dott und der Ratte Spike.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

Mal ganz anders habe Lucia Bihler Horváths Stück inszeniert: "Sie hat es voll durchstilisiert",  schreibt Reinhard Tschapke in der Nordwest Zeitung (16.4.2018). Alles sei "überdreht, exaltiert, schräg und sonderlich", die Schauspieler lasse die Regisseurin auftreten "wie in einer Groteske, wie in einer Comic-Adaption, wie in einer Voll-Satire", so Tschapke. "Wobei das Lachen, wenn es denn überhaupt kommt, schnell gefriert." Denn die schrille Inszenierung setze "Unterbewusstes in kuriose, albtraumartige, kleinbürgerliche Macho-Typen um" und zeige, "wie leicht der Mensch bis hin zu ekelhafter Brutalität beeinflussbar ist. Und wie furchtbar das ist". Mächtiger Beifall.