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Iphigenies Freiheit

von Jens Fischer

Hannover, 8. Dezember 2019. Warum spendiert Iphigenie ihren Körper mit stolz behaupteter Freiwilligkeit der Schlachtbank, dem Opferaltar der Artemis? Die ist stinksauer, dass des Mädchens Vater Agamemnon eine Hirschkuh in ihrem Hain geschossen hat und verweigert daraufhin der griechischen Flotte den Wind, den sie zum Auslaufen gen Troja braucht. Erst nach dem Tochteropfer würden Lüfte wieder die Segel blähen. Da Regisseurin Anne Lenk hinter den Kulissen des Tragödienpersonals der Motivation Iphigenies nachspüren will, hat sie Euripides' "Iphigenie in Aulis" als familiäres Psychodrama hergerichtet. Motto des Abends könnte das am Schauspielhaus Hannover in großen Leuchtlettern funkelnde Zitat aus dem Stück sein: "Lebe und rette".

Marionetten des Milieus

Zu retten gäbe es einiges in dem offensiv leblosen Geschehen, für das Bühnenbildnerin Judith Oswald eine fies schmuddelgrüne, charmefrei minimalistisch ausgestattete Wohnzimmerhölle der 1970er-Jahre bauen ließ. Unheilvoll dräuende Klänge suchen sie heim. Ein Schuss ertönt. Das Licht erglüht. Als Indiz für Agamemnons Wildfrevel liegt eine Tierleiche am Boden. Der Heros und alle weiteren Figuren sind gender-stereotypisch angelegt. Gespielt wird mit bleiernem, blutleerem Pathos, also rein äußerlich. Herumwüten und in sich hineinleiden gehört durchaus zum Repertoire, aber eben nicht mit emotionalisierten Worten. Sie werden einfach nur lauter oder leiser artikuliert. Farben und Fallhöhen bleiben dem Text vorenthalten. Mitreißen wollen, geht anders. Aber die Form als Inhalt auszugeben, macht Sinn. Ist Lenks Kritik doch, dass alle Figuren heillose Marionetten ihres gesellschaftlichen Milieus sind.

iphigenie 226 560 c Kartin Ribbe uIphigenie (Seyneb Saleh) © Katrin Ribbe

Beispielsweise Menelaos und Agamemnon. Der eine fühlt sich durch die Flucht von Helena in die Arme des Paris schwerst gehörnt und so übel in seiner Macho-Eitelkeit gekränkt, dass er auf Krieg gegen dessen Heimat Troja drängt. Der andere hat angesichts des mächtig aufstrebenden Odysseus Angst um seine Stellung als oberster griechischer Feldherr. Wind muss her. Der Artemis also gehuldigt, Iphigenie (Seyneb Saleh) muss geopfert werden. Sie trippelt strahlend herein. Liebt offensichtlich den Papa. Und damit auch alles, was er als chauvinistischer Machtmensch so denkt – von der Heimat der Herrenmenschen in Griechenland und den brav dienenden oder bösen, also zu unterwerfenden Völkern. Iphigenie erlebt: Männer sind Macker, tragen Cowboystiefel und haben das Sagen, Frauen sind wie Mama Klytämnestra, machen, was ihnen gesagt wird und tragen goldene Prinzessinnenschuhe. Iphigenie ist bei Anne Lenk ein großer Fan der griechischen Mythologie und bestaunt devot der Götter Allmacht.

In den Tod für die Männerwelt

Mehr als diese wohlbekannten Einflüsse analysiert die Regie aber nicht. Fokussiert wird hingegen ausführlich die Verwandlung von Todesangst zu Todesmut. Iphigenie wirft sich dem Vater zu Füßen, bekniet und umschmeichelt ihn mit Kindheitserinnerungen. Sie bettelt um einen Kuss, den sie sich schließlich selbst von Papas Lippen holen muss. Aber schon als sie ihn körperlich attackiert, ist das nur noch ein Tätscheln. Sein Plan mit ihr ist zwar ungeheuerlich, aber sie will deswegen den Traum von der supertollen Beziehung zum Vater nicht platzen lassen, heroisiert ihn und übernimmt seine Argumentationen. War sie bis dahin das einzig ansatzweise vitale Bühnenwesen, ist sie nun so cool wie all die anderen. Auch eins mit Mamas Lebensart, zu harmonisieren und zu gehorchen. "Durch mich wird Troja fallen" jubiliert Iphigenie, freut sich auf Nachruhm, wird zur Selbsteinpeitscherin ihres zusammengeklaubten Fanatismus und ist bereit, in den Tod zu gehen für die wahnsinnig gewordene Männerwelt. Wieder ertönt ein Schuss. Der gilt Iphigenie. Schon beginnen die Wohnzimmergardinen zu wehen. Zeitlos schlüssig ist das inszeniert, schleppt sich in der anämischen Ästhetik mit echoloser Deklamation aber zäh dahin. Soll ja auch nerven. Eben Fremdbestimmung kritisieren.

iphigenie 619 560 c Kartin Ribbe u© Katrin Ribbe

Teil 2: Aktivistin Iphigenie

Herztobend drauflos gespielt wird dann als Fortsetzung das Versdrama "Iphigenie auf Tauris". Darin behauptet Goethe, die Titelheldin sei dank Göttin Diana gerettet worden und diene ihr nun. Der jetzt älteren Protagonistin (Sabine Orléans) wird erstmal mit einer ordentlichen Dosis Wind die Frisur ruiniert. Iphigenie brüllt nochmal das Leitmotiv des ersten Teils: "Vater!" Und erzählt heimwehgeplagt, wie vertrauert fremd sie sich im Exil auf Tauris fühle, spricht vom "zweiten Tod". Süß, aber auch nervig, wie Skythenkönig Thoas sie trotzdem halten und heiraten will, ein eitler Geck, der auch Licht-Magier, Vogelstimmen-Imitator und pantomimisch agierender Clown ist (Torben Kessler). Iphigenie bleibt unnachgiebig jungfräulich und verweigert Zwangsassimilation. Auch sein Präsent beeindruckt nicht: ein riesiger Theaterkoffer, der ausgeklappt einem Altar-Triptychon gleicht, in dem Iphigenie als Göttin wie in einer Puppenstube leben soll. Dort erfolgt eine von Schmerz, Schuld und Schrecken gepeinigte Szene mit ihrem Bruder Orest. Schließlich das große Humanismus-Finale. Wieder schmeißt Iphigenie sich einem Mann vor die Füße, jetzt ist es Thoas. Sie erklärt ihren Fluchtplan und bittet, die Todesstrafe für illegal Eingewanderte abzuschaffen. Blutgetränkte Riten durch Menschlichkeit zu überwinden. Eine Feier des guten Willens und Wollens. "Lebe und rette."

Die nützliche Idiotin der Männermacht bei Euripides wurde zur leidenschaftlich klug Männermacht zivilisierenden Aktivistin. Das final erlösende "Lebt wohl" kommt von ihr, nicht von Thoas. Diese Emanzipationsgeschichte arbeitet Lenk heraus – abnabeln von der Familie, den Göttern und Ideologien der Männer. Das und die Zeit heilen zwar keine Wunden, löschen keine Traumata. Aber Iphigenie fühlt sich freier. Steht nun allerdings auch ganz allein auf der Bühne. Der Preis ihrer Unabhängigkeit. Klingt lehrstückhaft. Ist lehrstückhaft. Und nah am Text.

Iphigenie
von Euripides und Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Kostia Rapoport, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Sebastian Jakob Doppelbauer, Philippe Goos, Torben Kessler, Miriam Maertens, Sabine Orléans und Seyneb Saleh.
Premiere am 8. Dezember 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Lenk inszeniert Euripides’ antike Tragödie geschickt als Szenen einer Familiensoap, bei der die alten Tragödienworte in der Schillerschen Übersetzung gesprochen werden, als wären sie Sätze von heute, als gäbe es nichts Normaleres als Mythenabgründe im Retro-Wohnzimmer. Ruhig und gelassen lässt Lenk ihr Ensemble auftreten, gibt ihm viel Zeit, um die geschilderten Grausamkeiten zu fühlen und die Eigenarten der Figuren auszuspielen", schreibt Simon Strauß in der FAZ (10.12.2019). "Wenn die Inszenierung im ersten Teil noch gelassen und ruhig wirkt, wird sie nach der Pause langatmig und konventionell." Nur wenn Torben Kessler auftrete, löse sich der Krampf, "dann wird das Schicksal für einen Moment beschwingter verspielt".

"Lenk hat für das Spiel im unheimlichen Kasten ein paar wundervolle Regieeinfälle: Sie spielt mit dem Thema Gutenachtgeschichte, mit Cowboygeschichten, mit Horrorfilmen. Und alles passt wunderbar zusammen", Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (9.12.2019). Jedoch: Im zweiten Teil erreiche die Inszenierung nicht mehr "die Intensität der Familienaufstellung des Beginns".

"Wie so oft in dieser Spielzeit stehen starke, teils herausragende Schauspielerleistungen einer Regie gegenüber, der die letzte Dringlichkeit fehlt", schreibt Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (10.12.2019). "Grandios an dieser Inszenierung ist das optische Konzert aus Kostüm- und Bühnenbild. Es verweist – ganz zeitgemäß unzeitgemäß – ins Zeitlose und engt konsequent den schwierig zu bespielenden Bau ein."

Im ersten Teil wirke es beinahe so, "als fehle es der Regisseurin am Gewahrsein dafür, dass antiquierte Rollenbilder und Stereotypen sich wieder verfestigen, werden sie ständig wiederholt", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2019). „Doch dann kommt Rettung durch Goethe und Sabine Orléans.“ Briegleb ist begeistert: "Wow, was für eine Wendung: Einen Ausweg im Dialog finden, im Gespräch, das Verständnis beweist, ruhig, gelassen, uneitel, zugeneigt. Das ist doch mal eine politische Botschaft ohne Schablonenlösung. Ein echtes Angebot, für neue Rollenverständnisse in Politik und Alltag, den Zuständen ehrlich und mit Selbstrücknahme zu begegnen." Von diesem Ergebnis aus betrachtet erscheine das Schaufenster der schicken Klischees vom Anfang auch nicht mehr abstrus, "sondern wie die traurige Gegenwart einer konsumgläubigen Jugend, die ihre Zukunft opfert, weil sie sein will wie die Vätergeneration".

"Herztobend drauflos gespielt wird, nachdem die Vorgeschichte mit Euripides' 'Iphigenie in Aulis' als familiäres Psychodrama dargeboten wurde – mit bleiernem Pathos, also rein äußerlich", schreibt Jens Fischer in der taz (17.1.2020). "Regisseurin Anne Lenk kritisiert so, dass die Figuren Marionetten ihres gesellschaftlichen Milieus sind." Die Inszenierung sei "lehrstückhaft" – aber auch handwerklich und dramaturgisch gekonnt.