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Frauen am Rande des Schuldspruchs

von Gabi Hift

Wien, 27. September 2020. Wem gehört der weibliche Körper? Wo verläuft der Riss zwischen der Anbetung der Frau als Mutter und der Verachtung der Frau als sexuellem Wesen? Wie arbeiten Frauen selbst an diesem System mit, dessen Opfer sie sind? Lucy Kirkwood, eine der erfolgreichsten jungen britischen Dramatiker*innen, verhandelt diese großen Fragen des Feminismus unerschrocken in einem well made play, einem Krimi. Etwas, was für die deutschsprachigen Gefilde geradezu tollkühn wirkt. "Die zwölf Geschworenen" mixt sie mit "Hexenjagd". Die Protagonistinnen sind bei ihr ausschließlich Frauen, der einzige Mann, der Gerichtsdiener, darf per richterlichem Dekret kein Wort sagen, bis die Frauen zu einem Urteil gekommen sind.

Entscheidung über Leben und Tod

Das Stück spielt an einem Tag im März 1759 in einem kleinen Ort in Norfolk. Ein kleines Mädchen ist ermordet worden. Ein Pärchen wird angeklagt und verurteilt, der Mann wird sofort gehängt, aber die Frau, die 21-jährige Sally Poppy, behauptet, schwanger zu sein. Falls das stimmt, könnte sie nicht hingerichtet werden, und um das zu beurteilen, werden zwölf Mütter aus dem Ort als Jury einberufen. Während die Frauen beraten, tobt vor den Fenstern der Mob, der Sally hängen sehen will. In Tina Laniks Inszenierung an der Wiener Burg ist Marie- Luise Stockinger die aggressive Sally, Sophie von Kessel die bodenständige Hebamme Lizzie, die am Anfang die einzige ist, die Sally beistehen will.

DAS HIMMELSZELTLucy KirkwoodDeutsch von Corinna BrocherDeutschsprachige Erstaufführung am 27. September 2020, Burgtheater, Saison 2020/21Regie: Tina LanikBühne und Kostüme: Stefan HageneierMusik: Jörg GollaschLicht: Michael HoferDramaturgie: Sebastian Huber / Andreas KarlaganisSally Poppy: Marie-Luise StockingerElizabeth Luke: Sophie von KesselCharlotte Cary : Barbara PetritschJudith Brewer: Dunja SowinetzSarah Smith: Elisabeth AugustinHelen Ludlow: Katharina PichlerSarah Hollis: Stefanie DvorakEmma Jenkins: Sabine HauptKitty Givens: Stacyian Jackson Ann Lavender: Lilith HäßleMary Middleton: Alexandra HenkelHannah Rusted: Paula KrohPeg Carter: Safira RobensBilly Coombes: Philipp HaußFrederick Poppy: Dietmar König Dr. Wills: Dietmar KönigHebamme und Geschworene: Sophie von Kessel © © Marcella Ruiz Cruz

Der Ansatz des Stücks ist brillant, durch das Brennglas des Zeitunterschieds sieht man das Paradoxe der Lage der Frauen doppelt scharf: die Heiligkeit des Mutterseins, die Frauen als Garanten der Ehrbarkeit und Moral der Gesellschaft, und ihr gleichzeitiges völliges Ausgeliefertsein gegenüber männlicher Gewalt, ihre Recht- und Machtlosigkeit. Die Autorin schafft es auf höchst elegante Weise, das Stück ganz korrekt historisch im 18. Jahrhundert anzusiedeln und doch durch Kleinigkeiten immer die Verbindung zum Jetzt bewusst zu halten. Die Sprache oszilliert fast unmerklich zwischen altertümlichen Wendungen und sehr heutigen Schimpfworten.

Bühne und Kostüm von Stefan Hageneier unterstützen die unscharfen Zeit-Doppel-Bilder: die Frauen tragen leicht stilisierte Kleider aus dem 18. Jahrhundert, aber manche Röcke enden unterm Knie, sind aus einem heutigen Stoff oder haben ein Krägelchen aus den fünfziger Jahren. Die Frisuren der Frauen sind modern. Einmal sagt Sally, sie habe mit dem kleinen Mädchen Flugzeug gespielt, und erst ein paar Sätze später fragt jemand irritiert "Was ist 'Flugzeug'?". Darauf Sally: "Weiß ich nicht" – und schon geht’s weiter.

Skelette im Wäscheschrank

Aber das Stück hat bei all seiner Intelligenz auch Probleme. Es will zwei Dinge auf einmal verhandeln: die Situation der Frauen in diesem kleinen Ort, als Diskurs, der die Verwicklung der ehrbaren Frauen in einer Art #MeToo-Situation behandelt; und es will die Spannung rund um die Aufklärung des Mordfalls. Dazu bietet es eine wahre Kaskade von dramatischen Plot twists, die locker für eine sechsteilige Fernsehserie ausreichen würden, und jede Menge Skelette, die aus den Wäscheschränken dieser ehrbaren Matronen fallen. Da bleibt bei einem so großen Ensemble wenig Zeit für die einzelnen Schauspielerinnen, die dramatischen Wendungen glaubwürdig zu entwickeln. Dieser Herausforderung stellt sich die Regisseurin Tina Lanik leider überhaupt nicht. Stattdessen larviert sie sich mit einer irgendwie mittleren Haltung durch das, was, wenn man es ernst nehmen würde, in ein Inferno der Nervenzusammenbrüche münden müsste, mit anschließender Verwirrung und Erschöpfung. Stattdessen gibt es immer mal wieder Brecht light – bei geschlossener vierter Wand, was be- statt entfremdend wirkt.

Dabei sind vom Ensemble viele wunderbare Porträts zu sehen: Dunja Sowinetz als biedere, nette Dame, die von Hitzewallungen geplagt und von wilden Sexphantasien verfolgt wird; die herrlich schrullige Alexandra Henkel, die fast durchdreht, weil sie vor Einbruch der Dunkelheit ein Feld abernten muss, die bissige und geistergläubige Staycian Jackson, sie alle erzählen in ihrer Normalität eine ganze Welt.

DAS HIMMELSZELTLucy KirkwoodDeutsch von Corinna BrocherDeutschsprachige Erstaufführung am 27. September 2020, Burgtheater, Saison 2020/21Regie: Tina LanikBühne und Kostüme: Stefan HageneierMusik: Jörg GollaschLicht: Michael HoferDramaturgie: Sebastian Huber / Andreas KarlaganisSally Poppy: Marie-Luise StockingerElizabeth Luke: Sophie von KesselCharlotte Cary : Barbara PetritschJudith Brewer: Dunja SowinetzSarah Smith: Elisabeth AugustinHelen Ludlow: Katharina PichlerSarah Hollis: Stefanie DvorakEmma Jenkins: Sabine HauptKitty Givens: Stacyian Jackson Ann Lavender: Lilith HäßleMary Middleton: Alexandra HenkelHannah Rusted: Paula KrohPeg Carter: Safira RobensBilly Coombes: Philipp HaußFrederick Poppy: Dietmar König Dr. Wills: Dietmar KönigVor dem Gesetz © Marcella Ruiz Cruz

Aber dort, wo die großen Eröffnungen stattfinden, bleibt es bei Monologen, deren Problem die fast nicht stattfindenden Reaktionen der anderen Frauen sind. Und als die Angeklagte Sally Poppy sich endlich, nach Stunden trotzigen Schweigens, öffnet, wird der psychologischen Glaubwürdigkeit durch einen wohl "gewagt" sein wollenden Regieeinfall endgültig der Garaus gemacht: als Sally erzählt, wie der Mann, für den sie ihr Zuhause verlassen hat, ihr erschienen ist, wie ein überirdisches Wesen aus ihren Träumen, greift sie sich zwischen die Beine und befriedigt sich selbst. Das wäre in einer realen Situation im Gerichtssaals natürlich nicht möglich, ohne bei den Frauen extreme Reaktionen hervorzurufen. Also findet man sich als Publikum in eine undefinierte, schlampig halbabstrakte Situation geworfen. Die Erzählung wird durch die plumpe Illustration sexueller Gefühle ebenso unterminiert wie die Glaubwürdigkeit der Situation zwischen den Frauen. Dabei spielt Marie-Luise Stockinger eine sehr interessante Figur, wirkt aber, sobald es in die Tiefe geht, völlig allein gelassen von der Regie oder sogar gebremst.

Die animalische Ökonomie

Auch der kurze Moment, in dem es zu einer Vereinigung der Frauen kommt, bleibt schwach und anämisch: nachdem sie doch einen Arzt haben kommen lassen, weil sie dem weiblichen Wissen über Körper letztlich nicht vertrauen, müssen sie sich von diesem freundlichen Herren sagen lassen, dass "die gesamte animalische Ökonomie einer Frau Vernunft und Intellekt schwierig macht", dass die Tyrannei der Eierstöcke bedauernswert sei und das Leben einer Frau eine einzige Krankheitsgeschichte. Danach beginnen sie zum Trost für eine verzweifelt Kinderlose unter ihnen den Song Running Up That Hill von Kate Bush zu singen: If I only could / I’d make a deal with God.

Es bleibt der zwiespältige Eindruck einer bemerkenswert wagemutigen, ambitionierten Autorin, die ein immens interessantes Stück über Frauen und Körperpolitik geschrieben hat, das an manchen Stellen zu viel will; und einer Regisseurin, deren hauptsächliche Ambition es ist, sich durch die Untiefen dieses rauen und überfrachteten Monsters ohne Peinlichkeiten durchzularvieren. Und es bleibt das Vergnügen, dreizehn wunderbare Schauspielerinnen auf der Bühne zu sehen, und die Traurigkeit darüber, dass das Zusammenspiel zwischen ihnen weit hölzerner und unglaubwürdiger ist als es die einzelnen schillernden Charaktere für sich sind. Dabei weckt das Stück die Sehnsucht nach so einer gemeinsamen Kraft, die "in echt" auch nur das Theater zu bieten hätte – und eben nicht die Fernsehserie, die man sich aus diesem Stoff schon ganz prächtig vorstellen kann. Aber vielleicht passiert es ja demnächst, bei der nächsten oder übernächsten Vorstellung, vielleicht explodiert etwas zwischen all diesen brillianten Frauen, wie der Engel, der in einem herrlichen plot twist vom Firmament herunter durch den maroden Kamin in den Gerichtssaal stürzt – und sich als Krähe entpuppt.

 

Das Himmelszelt
von Lucy Kirkwood
Deutsch von Corinna Brocher
Regie: Tina Lanik; Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier; Musik: Jörg Gollasch; Licht: Michael Hofer; Dramaturgie: Sebastian Huber, Andreas Karlaganis.
Mit: Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Lilith Häßle, Sabine Haupt, Philipp Hauß, Alexandra Henkel, Stacyian Jackson, Dietmar König, Paula Kroh, Barbara Petritsch, Katharina Pichler, Safira Robens, Dunja Sowinetz, Marie-Luise Stockinger und Sophie von Kessel.
Premiere am 27. September 2020
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Angelehnt an das Genre des Gerichtssaaldramas, verknüpfe Kirkwood ihr feministisches Stück mit "Körperthemen, die seit Eve Enslers 'Vagina-Monologen' nicht mehr so breit auf die Bühne kamen", schreibt Nicole Scheyerer auf ORF.at (28.9.2020). Alle Mysterien im Stück kreisten um schambesetzte Traumata des weiblichen Körpers – Fehlgeburt, Vergewaltigung oder Unfruchtbarkeit. "Blut und Muttermilch müssen fließen, um sie nach und nach aufzudecken." Komödiantisch sei der Beginn: Die Parade der Frauen vor dem Gerichtsdiener lässt die ORF-Kritikerin an Francois Ozons Krimikomödie "8 Frauen" denken. "Hart ans Klischee" gerate die Inszenierung mit dem Auftritt des launigen Doktors (Dietmar König). Letztlich trage die Ensembleleistung über Schwächen des Texts hinweg. Die vierzehn Schauspielerinnen demonstrierten Frauendasein und Mutterschaft als "teuflisch hartes Los". Das gehe auf der Bühne nicht ohne Hysterie, Gewaltausbrüche und allerlei Körperflüssigkeiten ab, so Scheyerer.

Einen "sonderbaren Kostümschinken auf Edutainment-Basis" zimmere Tina Lanik auf die Bühne, schreibt Margarete Affenzeller im Standard (28.9.2020). Trotz aller antibetulichen Bemühungen und trotz der Verweigerung von üblichen Opferbildern stehe am Ende "ein hochgejazztes Climax-Drama, dem man keinen Glauben schenken mag", so Affenzeller. Damit der Abend nicht zur bleiernen Nacherzählung verkomme, inszeniere Lanik mit skurril-komischer Schlagseite und setze auf Gruseloptik. Die buntscheckigen Kleider und der seltsam heitere Tonfall der "in dieser Enklave der Fremdbeherrschung zu Protagonisten" gewordenen Frauen berge Risiken: "Der Abend manövriert dann in die Nähe der Klamottenkiste." Schauspielerin Marie-Luise Stockinger aber reiße ihre Figur der Sally Poppy "in einem kreatürlich-defätistischen Kraftakt ganz in die Gegenwart herüber". Und Sophie von Kessels Hebamme sei der wilden Sally "ein würdiges Gegenüber in diesem Hetzspiel".

Tina Lanik arbeite die Stärken des Dramas demonstrativ heraus, kämpft aber auch mit seinen Schwächen, schreibt Norbert Mayer in der Presse (28.9.2020). Der Text fördere spektakuläre Momente ("wer, wenn nicht das Frauen-Ensemble des Burgtheaters, assistiert von zwei Männern, könnte damit reüssieren?"), doch bei mehr als einem Dutzend Rollen blieben einige klischeehaft. "Es gibt reichlich Emotion, aber statt eines Spannungsbogens nur komplexe Verwicklungen." Mit Bravour spiele Sophie von Kessel eine selbstbewusste Frau, die das Kommando übernehme und doch auch Schwäche zeige. Marie-Luise Stockinger nehme man die sozial bedingte Verkommenheit ihrer Figur nicht ganz ab, aber sie habe es auch schwerer: "Weit geht die Entblößung: Nacktheit, Notdurft, Masturbation." Die anderen Frauen führten plakativ vor, "wie Frauen angeblich ticken". Straff sei diese Inszenierung nicht – auch ein bloß rhetorischer Schlagabtausch verlange Dramatik, so Mayer, und zu viel Serielles ermüde.