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Was kostet die Erlösung?

von Andreas Klaeui

Zürich, 4. Februar 2009. Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger gewählt sein können. Pünktlich zur Theaterpremiere gab die Eidgenössische Zollverwaltung bekannt: Die Schweizer Kriegsmaterialexporte sind im vergangenen Jahr markant gewachsen. Behaupte noch einer, das Schauspielhaus programmiere nicht am Puls der Zeit! Auch wenn das Stück schon mehr als hundert Jahre alt ist: In Shaws Komödie "Major Barbara" von 1905, selten gespielt, geht es um Aufrüstung: industriell, innerhalb der Familie und zur Gewinnung des Seelenheils.

Es beginnt in der wohlhabenden Bibliothek von Lady Britomart Undershaft (Nicole Heesters). Sie hat sich zwar mitsamt Kindern von ihrem Mann Andrew (Robert Hunger-Bühler) getrennt, weil dieser sein Geld mit Rüstungsgütern macht, vor allem aber weil er in einer Erbbestimmung seinen Sohn auslässt: Die Waffenfabrik darf nur von einem adoptierten Findling (wie ihm selbst) übernommen werden, weil nur einem Menschen ohne bekannte Herkunft die notwendige Unverfrorenheit zuzutrauen ist.

Schön symmetrisch

Nun geht es für Lady Britomart aber darum, ihre beiden Töchter zu verehelichen, und dazu wäre ein bisschen Geld natürlich ganz nett. Vielleicht lässt sich bei derselben Gelegenheit auch das Problem mit der Erbfolge aus der Welt schaffen? Da kommt also Undershaft nach langen Jahren wieder, was den Butler (Ludwig Boettger) einigermaßen in die Bredouille bringt: Soll er ihn nun anmelden, oder ist er hier sozusagen zu Hause? Andrew selbst verwechselt in einem charmanten Auftritt nacheinander die beiden potentiellen Schwiegersöhne mit seinem wirklichen Sohn und scheint ohnedies viel unbekümmerter als der Rest der Familie. Zu seiner Hauptgegenspielerin wird die titelgebende Tochter Barbara (Julia Jentsch), die als Major bei der Heilsarmee dient.

Shaw entwickelt das Drama schön symmetrisch: Barbara und Andrew machen einen Deal auf Gegenseitigkeit, er besucht sie, sie besucht ihn. Ein Akt bei der Heilsarmee, wo sich zeigt, dass die Proletarier lediglich aus Hunger Gläubigkeit heucheln und die Soldatinnen Christi sich von einem Schnapsproduzenten kaufen lassen – Opium für das Volk. Barbara verliert den Glauben. Ein Akt in der Waffenfabrik, wo es kein hungerleidendes Proletariat mehr gibt, sondern eine sozialindustrielle Utopie, Besitz macht aus allen Spießer und jeder Kleinbürger hält den andern auf seinem Platz. Geld regiert die Welt. Die Firma übernimmt dann Barbaras Verlobter, ein überaus flexibler Altgräzist (August Diehl), dem gerade noch rechtzeitig seine uneheliche Herkunft in den Sinn kommt. "Wie viel kostet die Erlösung?"

Schön heutig

Das alles ist konfliktreich konstruiert, aber eben auch: ziemlich konstruiert, und im zweiten und dritten Akt (wo die Entwicklungen ohnedies absehbar sind) mehr geschwätzig als flott. Shaw zeigt sich mit "Major Barbara" nicht von seiner besten Dramatikerseite. Gewiss, das Stück hat dialektische Meriten, es hat auch die Trockenheit und manche dialogischen Pointen, wie man sie von Shaw erwartet, nach dem Muster: "Ich möchte nicht Ihr Gewissen haben, nicht um Ihr ganzes Vermögen. – Ich möchte nicht Ihr Vermögen haben, nicht um Ihr ganzes Gewissen."

Dennoch bleibt "Major Barbara" in seinem Dreischritt von Klassenkampf, Heilsgeschäft und abgebrühtem Realismus im Ganzen eher langfädig, umständlich, auch etwas abgestanden – es lässt sich nicht übersehen, dass zwischen dem London von 1905 und dem Zürich von 2009 ein Jahrhundert liegt. Das auch ein Theater-Jahrhundert war, mit Brechts "Dreigroschenoper" zum Beispiel.

Daran kann die schwungvolle Übersetzung von Elisabeth Plessen nicht viel ändern, auch nicht dass Peter Zadek das Stück nun in die dreißiger Jahre umdatiert – nach der Wirtschaftskrise. Also heute. Und hier: Andrew Undershaft kommt bei seinem ersten Auftritt nicht etwa von der Seite, aus der ihn der Butler ankündigt, sondern aus dem Zuschauerraum – deutlicher geht es nicht.

Schöne Momente

Zadek setzt wenige knappe, klare Zeichen, gern an der Rampe, und lässt im Übrigen das Konversationsstück-Spielwerk abschnurren. Dafür hat er formidable Schauspieler – Nicole Heesters, harsch und herrisch, Robert Hunger-Bühler, gefügig und ergeben, aber unnachgiebig, Julia Jentsch durch und durch von innen erleuchtet.

Das hat Klasse, und man müsste sie alle nennen: August Diehl als selbstgefällig vielfältiger, André Meyer als einfältiger Verlobter, Jutta Lampe grandios durcheinander als Heilsarmeegeneral, Oliver Masucci als Proll mit weichem Kern und auch nicht gerade harter Schale, Kenneth Spiteri, der die Heilsarmistinnen wunderbar schleimig von untenher anfrösteln kann – im Heilsarmee-Akt bringen sie viel Kolorit und eine erstklassig folkloristische Armeleute-Show auf die Bühne, da hätte auch Brechts Peachum seine Freude. Schöne Momente. Ein tolles Ensemble, und beim Schlussapplaus finden sich alle zum aberwitzigen Square Dance, und zeigen, was in ihnen steckt. In den zweieinhalb Stunden vorher ging das nicht immer.

Am Ende verbeugt sich der 82-jährige Peter Zadek, schwer gezeichnet von Krankheit, die ihn auch während der Probenzeit einschränkte, und nimmt einen warmen, herzlichen Applaus entgegen.

 

Major Barbara
von Bernard Shaw. Deutsch von Elisabeth Plessen
Regie: Peter Zadek, Bühne und Kostüme: Karl Kneidl, Licht: Rainer Küng, Choreografie: Malcolm Goddard, Regieassistenz: Julia Heinrichs, Jan Stephan Schmieding.
Mit: Nicole Heesters, Michael Ransburg, Ludwig Boettger, Julia Jentsch, Miriam Maertens (in der Premiere krankheitshalber ersetzt durch Viera Kucera), André Meyer, August Diehl, Robert Hunger-Bühler, Carla Riveros Eissmann, Kenneth Spiteri, Yohanna Schwertfeger, Andreas Matti, Oliver Masucci, Jutta Lampe, Urs Bruderer.

www.schauspielhaus.ch


Zuletzt hat Peter Zadek Nackt von Luigi Pirandello am St. Pauli Theater in Hamburg inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Matthias Heine von der Welt (6.2.2009) möchte anlässlich Peter Zadeks Inszenierung des Shaw-Stückes "Major Barbara" zwar nichts "gegen die Erinnerungspflege eines greisen Theatergottes" einwenden, aber nicht mehr so tun, als sei "bei jeder Zadek-Inszenierung noch mit einem künstlerischen Vulkan-Ausbruch zu rechnen". August Diehl spiele den Konvertiten "mit der ihm eigenen Fähigkeit, dandyhafte, idealistische Nihilisten darzustellen", Robert Hunger-Bühler den Waffenzar "mit der angestrengt undämonischen Schlaffheit" seines Peter Stein-Mephistos. Nicole Heesters gebe "immerhin eine zielstrebige (...) Salonlöwin". Heine langweilt sich "ein bisschen", trotz der "ganzen behaupteten Aktualität" des Stückes, dessen ohnehin anzweifelbares Konfliktpotential der Regisseur "unter einem gleichbleibend wohltemperierten Ton zu verbergen" suche. Die Darsteller pflegten den "Minimalismus sehr alter Künstler, die alles schon tausend Mal getan haben". So komme letztlich "nur leeres, nichtssagendes Star-Theater heraus", "mit einem bisschen Verstand, einer Prise Witz und ein wenig routiniertem Können. Aber ohne Richtung. Ohne Poesie. Ohne Herz. Ohne Wut. Ohne Zauber. Ohne Spannung. Ohne irgendetwas, das aus Theater mehr macht als ein lauwarmes Fußbad, das man abends in Gesellschaft nimmt".

Auch auf Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (6.2.2009) wirkt die Veranstaltung "zu müde und bemüht, zu simpel, putzig und schlicht", als dass sie darum herumkäme, "die Inszenierung für gescheitert zu erklären". Selbst die versammelten Stars könnten "ihr Format nicht recht beweisen" – "zu unausgearbeitet und unterbelichtet bleiben die Beziehungen zwischen den Figuren, zu aufgesetzt ihre Beweggründe und Allianzen". Was als "Salonkomödie im gepflegten Boulevardtheaterstil" beginne, werde "im ärgerlichen zweiten Akt zum folkloristisch-pittoresken Lumpentheater", um schließlich "zur Thesenverlautbarung an der Spielbein-Standbein-Front zu geraten". Zadek inszeniere das Prekariat "milieuduselig und klischeeselig", "fernab jeglicher Hartz IV-Realität". Die Kritikerin sieht ihn in der "Regiearmutsfalle". Er mache es sich "erschreckend leicht", blende Wirklichkeit und Theatergeschichte aus "(als hätte es nach Shaw nicht beispielsweise einen Brecht gegeben)". Shaws Stück möge "im Kern frech sein, doch ohne Zutun funktioniert es nicht".

"Wagemut" bescheinigt hingegen Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (6.2.2009) Zadek dafür, dass er Shaws Komödie "mit so viel liebevollem Charme" inszeniert habe. Er genieße "scham- und schonungslos (...) den aphoristisch pointierten Wortwitz", gebe sich "verspielt (...) der überkonstruierten Dialektik hin" und mische "mit bizarrer Unverfrorenheit (...) Schauspielstars und Volksschauspieler". Shaws "kolossalen Sarkasmus" nehme er "für bare Münze, und das Wunderbare – oder Unangenehme – daran: Zadek desavouiert keine einzige Person dieses bösen Lustspiels". Wie die Inszenierung schütze auch die Ausstattung "Konventionalität bloss vor, um sich nicht darum zu scheren" – Zadek und Kneidl zelebrierten "Pseudorealismus", und das "höchst schräg". Neben der "schauspielerischen Feinzeichnung" von Jentsch und Diehl erlaube sich die Regie für die Nebenfiguren "auch dickere Pinsel". Zadek rücke das Stück "in die Nachkriegszeit, ohne es zu 'aktualisieren', sondern um es zu verallgemeinern". Den ungelösten "grundsätzlichen Fragen" des Gewissens überlasse Zadek "mit ironischem Freimut der Bühne", so sich der Schluss der Komödie allerdings "gewaltig rumpelnd in die Länge zieht".

Zadek, vermutet Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (6.1.2009), interessiere "an der gründlich zerstörten Welt" wohl nur noch, "wie man überhaupt in ihr leben kann". So mache er aus Shaws "grundsätzlichen dramatischen Fragen" "individuelle Pointen" und aus dessen "intelligent-zynischen (...) Sprach- und Argument-Klippklapp" Charaktersachen. Hunger-Bühler gebe den "Moralumgräber" "mit einer perfiden Demut" – "kein Zoll eine Denunziation, kein Gran billiger Kritik der Regie an diesem Kerl: nur die Bewunderung einer ungeheuer interessanten, die Welt in Frage stellenden Person", die Zadek "großartig aus der schwefeligen Phantasieluft auf federnden Dialogboden" hole. Während er mit den Eltern-Figuren "ein wunderbares Boulevardfeuerwerk" zünde, sei es bei den Kindern eher "Tischfeuerwerk". Jentsch komme kaum "über eine staunend süße Gesichtspflege" hinaus, und Diehl versprühe "den etwas arglosen Charme des strahlendsten Honigkuchenpferdchens".

Peter Müller
vom Zürcher Tages-Anzeiger (6.2.2009) sieht den gebrechlichen Zadek "mit gemischten Gefühlen" zum Schlussapplaus auf die Bühne kommen, "würde gern aufspringen, dem Altmeister für die wichtigsten Erfahrungen seines Berufslebens mit einer Standing Ovation danken" und bleibt doch "traurig angewurzelt" sitzen. Wie schon in Steins "Faust" gefalle Hunger-Bühler als Understatement-Teufel, der sich "dezent, knapp, mit trockenem Witz" ins Zentrum spiele, Jentsch hingegen zunächst "mit züchtiger Inbrunst", bevor sie, "ohne Glaube und Uniform", mit ihrer Figur dahinwelke. Shaws Stück bleibe gleichfalls "anämisch". Das Bühnenpersonal tausche "Parolen und Standpunkte aus", die als Familiengeschichte verpackte Thesendrama wirke "so konstruiert wie vergilbt". Es knistere nicht zwischen den Figuren. Zadek fehle einfach "die Kraft, den Staub vom Stück zu blasen". Schlimmer als die Langeweile quäle "die Biederkeit der Inszenierung" – "Zadek, der Regie-Mephisto, ist zahnlos geworden".

Zadek übernehme Shaws "Ästhetik des Zur-Kenntlichkeit-Entstellens, die uns unsere wahre Moral deutlich macht", vollständig, so Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (6.2.2009) über diesen "schweren Fall von mechanischer Weltverbesserungsdramatik". Dabei gehe es allzu bald los mit dem "Totreiten der wenigen Pointen". Undershaft sei bei Robert Hunger-Bühler zwar "in den allerbesten Händen": "Er zieht die spitzen Shaw-Sätze über das Reibeisen seiner Stimme, und lässt die Späne dann sanft wie Flocken über uns rieseln". Diehl und Jentsch hingegen wüssten "mit ihren Rollen nichts anzufangen": "Sie stehen herum, sagen Sätze auf, mal schärfer, mal irritierter, aber sie spielen nichts." Je länger der Abend, "desto schlimmer wird es, desto stereotyper werden die Witzchen, desto repetitiver die Dialoge". Zudem müsse man "ohnehin skeptisch sein, wie in Zürich (...) dieses Stück über Armut geerdet werden kann", doch die "schablonenhafte" Aufführung überbiete mühelos noch die schlimmsten Befürchtungen: Da sehe man etwa "eine Pseudonutte mit rosa My-Fair-Lady-Bäckchen, Schmuddelmantel und weitem Ausschnitt" und höre "diverse Dialekte, die den Anschein sozialer Verortung erzeugen sollen".

Obwohl Peter Zadek in Zürich der rote Teppich ausgelegt wurde und er Stück wie Schauspieler auswählen durfte, sei dies "kein packender Abend" geworden, findet auch Roger Cahn in der Fazit-Sendung von Deutschlandradio Kultur (4.2.2009). Das liege zwar primär am Stück – "Kopftheater, in dem die Menschen zu Schachfiguren degradiert werden, die nach festen Spielregeln zu laufen haben" –, "aber auch an einer eher schleppenden, auf Reflexion und Tiefsinn ausgerichteten Inszenierung". Für die "Kulinarik des Abends" sorgten die Schauspieler, "Crème de la Crème des deutschen Theaters": Hunger-Bühler als "Wolf im Schafspelz", Heesters als "exzentrische Schreckschraube". Jentsch und Diehl seien stets um Zwischentöne bemüht. Doch auch mit einer Star-Besetzung könne "ein schwaches Stück nicht gerettet werden. Nicht einmal von Peter Zadek".

Auch Andres Müry vom Berliner Tagesspiegel (6.2.2009) will es lieber gleich sagen: Der Premierenabend "war flau, plätscherte einschläfernd dahin, und wenn eine der ungezählten Pointen mal zündete, schreckte man dankbar auf". Hunger-Bühler mache das schon "sehr schön, wie er auf dem genoppten Ledersofa sitzt, Knie eng, mit Schuhspitzen tippend, und mit leiser, träumerisch retardierender Stimme die scharfen Boulevardattacken der Nicole Heesters (Lady Britomart) kontert" – "der mächtigste Mann als leiser Introvertierter". Dem aber fehle ein "frischer, fröhlicher Konterpart", eine "Barbara, die ihn fast niederrennt". Eine solche sei Jentsch leider nicht. "Sie wirkt klamm, unfrei in Stimme und Temperament, eingeschnürt in die blaue Uniform". Der Höhepunkt gehöre vielmehr Jutta Lampe mit einer "herrlich altjüngferlichen, großkulleräugigen Bravournummer".

Zadek habe beim Text "kräftig gestrichen", was der Aufführung nach Meinung von Cornelie Ueding von Deutschlandradio Kultur (Kultur Heute, 6.2.2009) ebenso gut bekomme wie seine "herausragende Personen- und Sprachregie und die Besetzung mit hochkarätigen Menschendarstellern". Heesters "säuselt und charmiert dirigistisch", Jentschs Barabra sei "von herzzerreißend herzlicher Naivität" und Diehl gebe "eine zukunftsfähige Mischung aus Bildungshochmut und Opportunismus" ab. Jedoch fehle es diesem "nach Gegenwartsbezügen riechenden Stück etwas an Durchschlagskraft, weil alle Figuren nur intelligente Varianten moralischer Unmoral bzw. unmoralischer Moral demonstrieren sollen und viel zu erklärselig sind".