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Frustrierten-Combo

von Dirk Pilz

Berlin, 6. Juni 2007. Es gibt ein Gedicht von Wilhelm Busch, das fängt so an:

"Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier.
Und niemand gibt ihm weise Lehren
Die gut gemeint und bös zu hören."

Es ist dies ein Gedicht über die Liebe, das Beziehungsleben, auch den Sex. Ein böses Gedicht, und ein lustiges. Das sind die Schlussverse:

"Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen
Lässt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut."

Oder auch nicht. Wer weiß das schon. Denn unergründlich ist das Leben, die Liebe und das ganze Drumherum. Wer wüsste das nicht.

Fass meine Brüste an!

Der Abend "Sex Stadt Beziehungen" in der Regie von Amina Gusner am Maxim Gorki Theater handelt – Spielfassung: das Ensemble, durch Texte Sibylle Bergs inspiriert – von der Liebe, dem Leben und dem ganzen Drumherum. Die Bühne: eine Theke, getaucht in Blau und Gelb. Dazu ein Klavier und ein paar Stühle. Die Handlung: Peter will Josefine, die mit Tom schläft, obwohl sie weder Tom noch Peter will. Wenn sie auf Tom hockt, langt sich Peter in die Hose. Sie sagt: "Fass meine Brüste an!" Peter sagt: "Ja". Und Tom sagt gar nichts.

Erst danach. Unbedingt müsse er jetzt seine Mutter besuchen. Tut er aber nicht. Stattdessen wirbelt er viel mit den Händen durch die Luft, schmollt hübsch und macht allerlei reizende Grimassen, während Peter dauernd raucht, an Klampfe und E-Gitarre Popsongs intoniert und gern ein bisschen schreit, wohingegen Josefine mit Vorliebe vom Trotzblick ins Verzweiflungsmundwinkelverziehen oder vom Ich-bin-eine-Frau-Gang ins Ich-hatte-einst-Träume-Hocken wechselt. Drei Menschen in einer namenlosen Stadt, die mit dem Sex, den Beziehungen, der Liebe nicht klarkommen. Eine Frustrierten-Combo. Gespielt von Katja Riemann, Peter René Lüdicke (Tom) und Werner Eng.

Billiger Schauspielfraß

Könnte eigentlich lustig sein. Ist es aber nicht. Man schaut dem Trio fast mitleidig zu, weil alles Schreien, Singen (Frau Riemann am Klavier!) und Schwitzen schlicht verpufft. Und weil die Inszenierung weder die Traute hat, sich zum Boulevard zu bekennen noch die Bescheidenheit, es bei der flockigen Klischeebespielung zu belassen. Statt dessen erheischt sie Tiefe, wo nichts als Oberfläche ist, Bedeutung, wo Banalitäten sind. "Du lebst – das ist Glück genug" sind die Schlussworte. Unangenehm. Aufdringlich. Überflüssig. Und schulmeisterlich. Anderthalb Stunden wird hier so getan, als wisse da jemand über die Liebe, das Leben und das ganze Drumherum Bescheid. Lässig werden die Leidenschaften ausgespielt, cool die Effekte arrangiert. Liebesleid und Liebeslust als billiger Schauspielfraß. Einmal küssen sich Peter und Josefine über den angeekelten Tom hinweg. Sie greift Tom zwischen die Beine, was Peter nicht bemerkt. Tom ist entsetzt, Josefine tut unergründlich, Peter zerknirscht. Die Szene kann für den gesamten Abend stehen: Professionell runtergespielt.

Das Gedicht von Wilhelm Busch heißt übrigens "Der Einsame". Genau genommen ist es überhaupt nicht lustig.

 

Sex Stadt Beziehungen
nach Sibylle Berg mit Texten von Amina Gusner und Johannes Zacher
Regie: Amina Gusner, Bühne: Johannes Zacher.
Mit: Katja Riemann, Peter René Lüdicke, Werner Eng.

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (8.6.2007): "Dem bescheidenen Capriccio mit seinen Beziehungsspielchen und Sexanalysen merkt man, bei aller Witzigkeit, doch an, wie schnell es genäht und improvisiert wurde".

Im Tagesspiegel online (7.6.2007), der sein News-Angebot offenbar mit Zeit-Online zusammen geworfen hat, schreibt ein ungenannt bleibender Autor "zusammen mit dpa": "Es geht um eine 'Dreiecks- Beziehung' von zwei Männern mit einer Frau, die Angst vor dem Alleinsein haben und sich vor allem davor fürchten, "dass das Leben spurlos an einem vorüber geht". Das versuchen sie vor allem mit Sex zu bekämpfen. Dabei versucht die Frau in einer Bar einen Mann zu befriedigen, während der andere auf dem Barhocker masturbiert."

In der Berliner Zeitung (8.6.2007) lobt Katja Oskamp den Abend. "Brachial komische und anrührend zarte Szenen verflechten sich luftig zu der Frage, wie man leben soll", schreibt Frau Oskamp und weiter: "... alles röche nach belangloser Wohlstandsdepression, wären da nicht die trefflichen Dialoge und drei mutige, starke Schauspieler am Werk. Allen voran Peter René Lüdicke, der die heißblütigen Vorlagen seiner Kollegen furztrocken zu veredeln weiß...".

Nur in den Stuttgarter Nachrichten (8.6.2007) schimpft unser Nikolaus Merck über die Veranstaltung: " ... dass aus 'Sex Stadt Beziehungen' ein anderthalb Stunden lang vor sich hin klapperndes Bühnengebilde ohne Drama, ohne Emotion und Leidenschaft geworden ist",  läge vielleicht daran, dass "auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters so vieles überraschend, um nicht zu sagen ohne jeden Sinn und Verstand geschieht. Wenn zwei Figuren ans Seelen-Eingemachte kommen, lärmt die dritte auf der Gitarre oder am Klavier, und Text und Musik verwandeln sich in pures Ambiente".